SPIRITBOX – Ampere, München – 7.6.2022

Es ist ein ungewöhnliches Bündnis im Rahmen der Festival-Saison: Die Modern Metal / Metalcore-Durchstarter SPIRITBOX eröffnen im Rahmen einer Club-Show für die Progressive Sludge Metal-Vorreiter BARONESS. Die Fans haben die Kanadier dennoch auf ihrer Seite.

Außergewöhnliche Situationen erfordern manchmal pragmatische Lösungen. Die Festivalsaison 2022 bringt nach mehrjähriger Durststrecke endlich ein Stück Normalität zurück, birgt aber besonders für Bands aus Übersee eine ganz besondere Herausforderung: Die Zeit zwischen den großen Events will irgendwie überbrückt werden, weshalb die Suche nach ein paar ausgewählten Club-Shows für einige unerwartete Bündnisse abseits der Open-Air-Bühnen sorgt. So würden wir normalerweise kaum die Progressive Sludge Metal-Vorreiter BARONESS und die Modern Metal / Metalcore-Durchstarter SPIRITBOX auf demselben Billing erwarten.

Es klingt auf dem Papier nach einer Zweckgemeinschaft – und vielleicht ist es das auch, wenn wir uns die geduldig wartende Schlange vor den Toren des Münchner Ampere ansehen: Die Zuschauerschaft ist an diesem Abend bunt gemischt. Obwohl wir uns selbst zur kleinen Schnittmenge zählen, die für beide Acts angereist sind, machen zahlreiche Shirts beider Bands kein Geheimnis daraus, dass an diesem grauen Juni-Abend zwei recht unterschiedliche Fangruppen aufeinandertreffen würden.

In der Halle selbst ist es um kurz nach sieben noch relativ übersichtlich: Die früh angereisten Besucher genießen die entspannte Atmosphäre der Location mit ihrem stilvollen Holzgebälk und natürlich die gemütliche Lounge-Ecke der geöffneten Galerie. Keine Frage, das Ampere ist ein schöner und stilvoller Club mit durchweg freundlichem Personal, der sich das Ambiente aber auch etwas kosten lässt: Über die Getränkepreise hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens.

SPIRITBOX

Die Gelegenheit, ausführlich darüber zu sinnieren, haben wir ohnehin nicht, da sich die mittlerweile recht ordentlich gefüllte Halle um Punkt acht Uhr verdunkelt und die vier Musiker:innen von SPIRITBOX ohne großes Brimborium die kleine Bühne entern. Allzu viel Platz mag dort nicht sein, zumal die Backline des Headliners die hinteren Regionen der Bretter in Beschlag nimmt, für die Kanadier ist das aber lange kein Grund, nicht jeden verbliebenen Zentimeter für sich zu nutzen.

Tatsächlich scheint es so, als wüssten SPIRITBOX die Intimität des kuscheligen Ampere nach den großen Festivalbühnen von ROCK AM RING und ROCK IM PARK zu schätzen, indem das Quartett von den ersten Takten an Vollgas gibt. Mit der Hit-Single „Circle With Me“ des Debüts „Eternal Blue“ (2021) holt die Band das Publikum jedenfalls unmittelbar ab, bevor das sanfte „Blessed Be“ Stimmung sowie Spannungskurve weiter nach oben schraubt. In beiden Songs entlädt sich die angestaute Energie in mitreißenden Breakdowns, die dank des gut abgemischten Sounds mit ordentlich Nachdruck ankommen.

Heute Abend lassen SPIRITBOX vorwiegend ihre Musik sprechen

Ein paar Momente braucht die Münchner Zuschauerschaft derweil schon, um sich zu akklimatisieren, bevor in „Hurt“ die ersten Fans munter im Takt springen und sich alsbald der erste kleine Moshpit bildet. Sängerin Courtney LaPlante trägt durch ihr charismatisches Auftreten einen nicht unwesentlichen Anteil zum Geschehen bei, wenn sie erst mit kraftvollen Screams die Meute wachrüttelt und dann ihre sanfte Singstimme durch die Halle schweben lässt.

Überhaupt lassen SPIRITBOX vorwiegend ihre Musik sprechen: Das treibende „Yellowjacket“ sorgt für ordentlich Treiben im Pit, während Tour-Bassist Josh Gilbert (ex-AS I LAY DYING) im Refrain selbst den Lead-Gesang übernimmt. Dass der mitreißende Auftritt nach dem brachialen Gassenhauer „Holy Roller“ mit „Eternal Blue“ einen scheinbar verträumten Abschluss finden soll, ist derweil etwas trügerisch, endet das Stück doch mit einem massiven Breakdown, bei dem die leidenschaftlichen Fans noch einmal alles geben.

Den lautstarken Wunsch nach einer Zugabe dürfen SPIRITBOX leider nicht erfüllen

Kurioserweise ist hier nach viel zu kurzen 30 Minuten bereits Schluss, obwohl an diesem Abend gerade Mal zwei Künstler auf dem Programm stehen. Das ist natürlich doppelt bitter für die eigens angereisten SPIRITBOX-Anhänger:innen, die im Anschluss eine gute Minute lang lautstark um eine Zugabe bitten. Dass dieser Wunsch nicht erfüllt werden kann, ist mehr als schade, schließlich haben nicht nur wir im Voraus mit einem etwas längeren Set gerechnet.

Gerade Club-Shows seien doch das eigentliche A und O im Gegensatz zu Festival-Gigs, wo man gerademal eine halbe Stunde spielen würde und dann wieder weiterziehen müsse, wird uns BARONESS-Frontmann John Dyer Baizley später gegen Ende ihres gewohnt starken und fast zweistündigen Sets wissen lassen. Umso bedauerlicher also, dass man dem eigenen Support nicht das gleiche Schicksal ersparen möchte. Aber das ist dann vielleicht schlicht die Kehrseite dieser pragmatischen Lösung: Am Ende des Tages ist eine solch ungewöhnliche Kombination wie BARONESS und SPIRITBOX eben doch kaum mehr als eine Zweckgemeinschaft.

SPIRITBOX Setlist

1. Circle With Me
2. Blessed Be
3. Hurt You
4. Yellowjacket
5. Holy Roller
6. Eternal Blue

Fotogalerie: SPIRITBOX

Alle Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/) für vampster.com