PRO-PAIN, EKTOMORF, DISBELIEF, MORDA – Ludwigsburg/Rockfabrik – 14.03.2004

Wo trifft man um alles in der Welt einen Joschka Fischer-Klon mit Psychoklatsche, sympathische Hessen, einen geschrumpften Max Cavalera mit Känguru-Attacken und fannahe Boxchampions, allerdings glücklicherweise keine legasthenischen Verwandten? Auf einem geilen PRO-PAIN-Konzert, wo sonst, hehe!?

Wo trifft man um alles in der Welt einen Joschka Fischer-Klon mit Psychoklatsche, sympathische Hessen, einen geschrumpften Max Cavalera mit Känguru-Attacken und fannahe Boxchampions, allerdings glücklicherweise keine legasthenischen Verwandten? Auf einem geilen PRO-PAIN Konzert, wo sonst, hehe!?

Pünktlicher als MORDA fängt wohl nicht mal die Tagesschau an. Die fünf Belgier waren kurzfristig für PX PAIN auf´s Billing gerutscht und gaben nun an diesem Abend den Startschuss für den Deutschlandabstecher der PRO-PAIN-Tour. Wer jedoch Furioses erwartet hatte, wurde enttäuscht. Zu bieder und zu ideenlos waren die Kompositionen der Hardcoremetaller. Am ehesten konnten noch die getrageneren, melodischeren Parts überzeugen, hier offenbarte sich gelegentliche Inspiration, ansonsten schien man lediglich mal durch´s Taschenhandbuch für den angehenden Hardcoresongwriter geblättert zu haben – in Verbindung mit unsicherem Bühnenacting keine gute Voraussetzung. Trotzdem ließen sich die ersten Zuschauer zum Haareschütteln und verhaltenen Pogen animieren. Dies war sicherlich dem einzigen engagierten Bandmitglied, dem Sänger, zu verdanken. Auch wenn er aussah wie Joschka Fischer in Jugendjahren, verbreitete er enorme Energie, da er wie aufgedreht ständig kreuz und quer über die Bühne tigerte und sich die Seele aus dem Leib brüllte. Hätte man ihm kein Mikro mit Kabel gegeben, wäre der kleine Giftzwerg vermutlich noch durch die Parkhäuser, Fernsehstudios und Werbeagenturen in der Nachbarschaft der Rockfabrik gestreift. Allerdings hatte er schon wieder was Unheimliches an sich, da er den Blickkontakt mit dem Publikum mied. Dadurch schien sein Acting eher aus einer ernsthaften Zwangsneurose oder kaltem Entzug zu resultieren als aus der Energie der Musik.

DISBELIEF
Schräg und psychotisch sind bei DISBELIEF hingegen einzig die markanten Harmonien, die sie über den soliden Metalbulldozer zu legen pflegen. Die Band selbst gibt sich natürlich und fannah, geht bei ihren Stücken voll aus sich raus und lässt darüber hinaus ihre Musik für sich sprechen. Dank dem ordentlichen Sound gelang dies auch blendend. Es ist die einzigartige Verquickung von Härte und finsterer (Dis-)Harmonie, die DISBELIEF so besonders macht. Man kann gleichzeitig abbangen und die dunkle Atmosphäre auf sich wirken lassen. Dies taten die Zuschauer in der inzwischen ganz ordentlich gefüllten Rockfabrik auch ausgiebig – egal, ob neue Stücke von Spreading the Rage oder älteres Material: Die vordere Hälfte des Publikums ließ die Haarpracht kreisen und feierte die Band regelrecht ab. Sänger Jagger zeigte sich beeindruckt über einen so furiosen Tourstart für seine Band, der von – leider vergeblichen – Zugaberufen gekrönt wurde. Fehlte eigentlich nur noch der Überhammer No Control zum Glücklichsein… und eine Antwort auf die Frage, warum eine so routinierte und engagierte Liveband, die zudem mit eigenständigen, vollauf livetauglichen Songs aufwarten kann, schon so früh am Abend auf die Bretter musste, während eine als SEPULTURA-Coverband abzuhakende Nachwuchscombo wie EKTOMORF sich derweil noch Backstage die Eier schaukeln durfte – soweit zumindest mein Vorurteil…

EKTOMORF
An einer Antwort auf diese ketzerische Frage versuchten sich EKTOMORF höchstselbst, und zwar auf denkbar geeignete Weise, nämlich mittels eines kraftstrotzenden Livesets. Dass sie nicht mehr – wie noch auf dem letztjährigen Rock-X-Plosion-Festival – die jungen Hüpfer (im wahrsten Sinne des Wortes, hehe) sind, sondern mittlerweile eine ernstzunehmende Liveband geworden sind, bewiesen sie von Beginn an. Zwar ging es auf der Bühne immer noch zu wie im Känguru-Gehege, aber die Musiker haben an Präsenz gewonnen. Die Ansagen bewegen sich nach wie vor mit Vorliebe in den tieferen Regionen der Gossensprache, und man wundert sich immer noch gelegentlich, warum Max Cavalera plötzlich so klein und jung ist, hehe, aber die Band hat einen direkten Draht zum Publikum, das entsprechend ausrastete, bis hin zu schmerzhaften Gesichtsverletzungen und nicht enden wollenden Zugaberufen. Somit war die Positionierung im Billing mehr als gerechtfertigt, auch wenn so manch einer sich gewundert hat, dass Bio-Tech is Godzilla oder Roots, Bloody Roots plötzlich anders weitergingen, hehe. Dennoch sollte man angesichts eines solchen Publikumerfolgs (auch bestätigte) Vorurteile und persönliches Nicht-Gefallen überwinden, sich von den Ungarn einfach unterhalten lassen und sich mit ihnen über einen krachenden und packenden Liveauftritt freuen.

PRO-PAIN
sind zu routiniert und entspannt, um sich von dem großen Erfolg ihrer Vorbands verunsichern zu lassen. Wozu auch, denn wenngleich ein Gary Meskil gerade mal einen Bruchteil an Bewegungsradius im Vergleich zum EKTOMORF-Shouter auf der Bühne hat, so macht er das mehr als wett mit seiner Ausstrahlung und einer tonnenschweren Lieferung an erstklassigen Hardcoremetal-Krachern. Um gleich zu Beginn klar zu machen, wer hier Chef im Rockfabrik-Ring ist, knallten PRO-PAIN als erstes drei nahtlos ineinander übergehende Hochgeschwindigkeitsgranaten unter´s Volk, bevor sie gezielt dem Publikum einen Midtempogroove-Schlag nach dem anderen verpassten. Was ist das Geheimrezept der New Yorker, das ihre so schlichten Kompositionen zu solchen Volltreffern macht? So geheim dürfte es gar nicht sein, es wird sich schlicht um harte Arbeit im Proberaum, eine Menge Energie, die ungefiltert in die Songs gepumpt wird, und unprätentiöses, sympathisches und doch angepisstes Stageacting handeln. PRO-PAIN besitzen alle Qualitäten eines Spitzenboxers im Ring: Jeder Schlag sitzt mit beängstigender Präzision, unnötiges Tänzeln wird vermieden, und in all der Brutalität der Musik wird dennoch eine gewisse Anmut spürbar. Es spielte keine Rolle, ob neue Songs wie Godspeed (live zum Glück ohne die Unterstützung legasthenischer Verwandter mit bösem Märtyrerkomplex…) oder alte Klassiker wie Make War Not Love gespielt wurden, PRO-PAIN rissen die Meute mit. Dazu benötigten sie nicht einmal ausufernde, ´Fuck´-geschwängerte Tiraden als Ansagen, Gary Meskil genügte der nonchalante, vor Understatement triefende Refrain von Fuck It, um ein wenig mit Augenzwinkern rumzuprollen, ansonsten zeigte sich das Urgestein fast schon gerührt angesichts der ungebrochenen Begeisterung und verzichtete mit Ausnahme einer Danksagung an die Fans und einer Anspielung auf eine vermeintliche Geschlechtsumwandlung von Gitarrist Eric Klinger auf langes Labern. Killersong reihte sich an Killersong, bis der Zugabenblock mit Foul Taste of Freedom eröffnet wurde und mit der DISCHARGE-Coverversion Never again ebenso begeisternd weiterging. Außerdem wurde das coole Johnny Black vom Debütalbum ausgegraben, so dass keine Wünsche offen blieben. Nette Randnotiz zum Thema Fannähe bei PRO-PAIN: Als ein offensichtlich von der deutschen Gründlichkeit des Dosenpfands inspirierter Roadie einem Pärchen in der ersten Reihe während des Konzerts das halbgefüllte Glas wegnahm, weil nach seiner Ansicht die Bühne kein Abstellplatz für die (übrigens aus Plastik bestehenden…) Rockfabrikgläser war, schritt Leadgitarrist Tom Klimchuck ein und sorgte dafür, dass dem Pärchen ein, zwei Entschädigungsbierchen zukamen – wohlgemerkt ohne dabei einen wuchtigen Akkord auszulassen oder auch nur weniger energisch als zuvor in die Saiten zu hauen. Die ausgepowerte Menge war sich jedenfalls einig auf dem Nachhauseweg: Was für ein geiles Konzert!