NECROPHOBIC, RAISE HELL, ORIGIN BLOOD: Live-Factory, Adelsheim, 14.10.2006

Die feine schwedische Art, extreme Musik zu zelebrieren…

An diesem Abend stellten sich zwei Konzertalternativen. Entweder ein undergroundiges Black Metal-Konzert in der Schweiz oder aber der Besuch des NECROPHOBIC-Gigs im 300 Kilometer entfernten Adelsheim. Durch die Hrimthursum-Sucht war der Entschluss schnell gefasst und der Weg ins nördliche Baden-Württemberg angepeilt. Mit viel Enthusiasmus und mangelnder Ortskenntnis fand ich zuerst jedoch nicht die Location, sondern den Hockenheim-Ring und danach auch noch die Herkunftsorte der Finanzunternehmen Wüstenrot und Schwäbisch-Hall. Erweiterung des Geographiewissens hin oder her, der lokale Supportact LEGACY und die schwedischen Metal-Teenager EVERMOORE waren somit verpasst. Allerdings schienen neben mir noch einige andere noch nicht den Weg in die Live-Factory gefunden zu haben, da sich der Saal relativ leer präsentierte.

Origin
Emotional und technisch versiert – Fronter Rob von ORIGIN BLOOD

Als nächste enterten die Schweden von ORIGIN BLOOD die Bühne. Mangels Publikum entschloss sich die NECROPHOBIC-Posse spontan dazu, die erste Reihe zu besetzen und sich als leidenschaftliche Rezipienten zu benehmen. Das Quartett um Fronter Rob dankte es mit einer professionellen Vorstellung ihres aktuellen Albums Mr. Jakker Daw. Die Darbietung der Songs Godsize, Within, To have and to hold, Enlightenment, Headache, The End und Sorrow wurde mit viel Elan vorangetrieben. Rob unterstützte seine Vocals- und Gitarrenperformance mit pantomimischen Gesten und Basstier Simon spielte locker alle anwesenden Tieftönerartisten an die Wand – für Abwechslung war also auch visuell gesorgt. Musikalisch sträuben sich ORIGIN BLOOD gegen allzu strikte Schubladen, denn der melodiöse Death Metal schwedischer Prägung wird mit reichlich cleanen Gesangspassagen (gewohnt souverän: das Duo Robin und Rob) angereichert und gebärdet sich auch sonst unangepasst und abwechslungsreich. ORIGIN BLOOD mussten sich allerdings inmitten eines ihrer Songs mit einem Stromausfall herumschlagen, welcher jedoch rasch behoben wurde – die Steckerleiste wurde dennoch rituell auf der Bühne geschändet. Gegen Schluss schienen auch die zahlreichen Motivationshilfen von Fronter Rob endlich etwas Erfolg zu zeigen und das Publikum erwachte aus seiner Lethargie.

Raise
Eine rare Verschnaufspause für Basser Niklas von RAISE HELL

Nach einer kurzen Umbaupause betrat dann das Quintett RAISE HELL die Bretter der Live-Factory. Die eingängige Mixtur aus Death und Thrash Metal entfaltete ihre Wirkung rasch. Zwar berücksichtigten die Schweden ihr Debüt Holy Target nicht in der Songauswahl, doch dafür war Not Dead Yet mit dem Titeltrack, dem morbiden Devilyn und Dance with the Devil vertreten. Das 2002er Werk Wicked is my Game kam lediglich mit The Haunted House und Deathrace zum Zug, da der Schwerpunkt mit Songs wie Devil`s Station, City of the Damned, To the Gallows, Ghost I Carry und Reaper`s Calling eher auf dem aktuellen Album City of the Damned lag. RAISE HELL rockten die Bühne, ließen hier und da Coolness in ihrem Stage-Acting aufflammen und Sänger Jimmy tat das Übrige, um das Publikum zu mehr Bewegung anzustacheln. Am Ende des Auftritts war die Stimmung deutlich angeheizter und mittlerweile hatten etwas mehr Metaller den Weg in die Live-Factory gefunden.

Zu den Klängen vom Hrimthursum-Intro betraten alsbald die Headliner NECROPHOBIC den Schauplatz und schritten zur Vollstreckung der Live-Präsentation ihres aktuellen Werkes. So wurde nicht nur der Hammersong I Strike with Wrath, sondern unter anderem auch Eternal Winter und The Crossing zum Besten gegeben. Auffallend bei der Auswahl der neueren Songs war insbesondere, dass die Schweden darauf verzichteten, die auf dem Album vorhandenen symphonischen Chorelemente vom Band abzuspielen, um die Performance zu ergänzen.

Necrophobic
Schwedische Flitzefingerakrobatik für Fortgeschrittene – Sebastian von NECROPHOBIC

Obwohl dies einen Verzicht darstellt, tut es der Energie der Songs keinen Abbruch, im Gegenteil: Es kann ungebunden gegroovt werden, was die schwedischen Death Metaller souverän beherrschen. Soundmäßig war der Auftritt ebenfalls gelungen, wenngleich kurz kleinere Gitarrenprobleme auftraten, welche jedoch geübt überspielt wurden. Das Publikum schien nun endgültig erwacht, Headbanging war angesagt und erreichte bei Klassikern wie The Awakening oder dem abschließenden The Nocturnal Silence beinahe jeden der Anwesenden. Johan Bergebäck und Sebastian Ramstedt übten sich in Gitarrenduellen mit reichlich Körpereinsatz, während Fronter Tobias Sidegård sich wahlweise als bizarrer Captain Jack Sparrow des Death Metals, als unheimlicher Beschwörer und charismatischer Satansjünger gab. Ansagen wie This is about a sexual fantasy of ours, about sodomizing Jesus Christ für den Song Act of Rebellion passten somit perfekt in dieses Bild. Dennoch ist es gerade diese ungewöhnliche Mischung aus verschiedenen Charakteren, welche die antichristlichen Äußerungen nicht zum peinlichen Spießrutenlauf macht, sondern in das Gesamtbild der Band passt. Höhepunkt dieser Zelebrierung war denn auch der zweitletzte Song, Nailing the Holy One vom 1997er Album Darkside. Während Tobias zwecks Basssolo mit Wireless-Technik und klassischem 75er-Rickenbacker-Bass im Publikum herumschlenderte, übernahm Gitarrist Sebastian die Rolle des Dirigenten für den Sprechchor Fuck you Christ, welcher begeistert von den Fans mitgebrüllt wurde. Und irgendwie machte genau dieses kleine Chörlein im Kontext der gesamten Performance einfach extrem Spaß, anders kann man sich den Reiz davon kaum erklären.

Insgesamt also ein gelungener Konzertabend, für den sich die weite Anfahrt definitiv gelohnt hat. Angesichts der gebotenen Qualität der Musik und der Performance der einzelnen Bands fragt man sich allerdings, weswegen die Live-Factory an diesem Abend nicht besser gefüllt war. Man kann nur hoffen, dass Live-Konzerte nicht bald der Vergangenheit angehören, weil sich die Masse lieber schrottige Kurzfilmchen von Konzertauftritten auf YouTube anschaut.