NECROPHOBIC, HEAVY DEMONS, ABGRUND, BEANSIDHE: CH-Lugano, Metro Club, 12.05.2007

Wenn eine lokale Underground-Formation ein eigenes Konzert auf die Bühne stellt und extra NECROPHOBIC aus Stockholm einfliegen lässt…

Meistens kriegt man größere Bands nur an zwei Arten von Konzerten zu sehen: Entweder pilgert man zum Gig in der Nähe im Rahmen der Tour oder man schafft es an ein Festival, wo man sich nicht selten zwischen zwei interessanten Truppen entscheiden muss, weil beide gleichzeitig auf zwei verschiedenen Bühnen auftreten. Eher ungewöhnlich daher, wenn eine lokale Underground-Formation ein eigenes Konzert auf die Bühne stellt und statt anderer Bands aus der Region oder des Landes extra NECROPHOBIC aus Stockholm einfliegen lässt. Somit ist die Neugier auf die organisationsfreudigen HEAVY DEMONS geweckt. Wenn man noch dazu gepflegten schwedischen Death Metal mit einem Wochenendausflug in die Schweizer Sonnenstube inklusive Palmen und Bergen kombinieren darf, kann es ja auch keine schlechte Idee sein, diesen Trip unter die Reifen zu nehmen.

Anders als in der französischsprachigen Westschweiz geben die Ortsansässigen hier gerne auf Schweizerdeutsch Auskunft und helfen bei der Wegfindungssuche, so dass es keine Katastrophe ist, wenn man in der Schule keinen Italienisch-Unterricht genießen durfte. Schnell ist der Luganer Metro Club gefunden, vor dem sich bereits eine beachtliche Anzahl Leute tummelt und die lauwarme, sommerliche Abendluft genießt, in welcher sich Rauchschwaden mit italienischen Gesprächsfetzen verbinden. Da das Tessin als einer der ersten Kantone ein strenges Rauchverbot eingeführt hat, erinnert das Bild so – abgesehen vom Wetter und der gesprochenen Sprache – an die Konzertbedingungen in Norwegen, wo in den Pausen auch eifrig die draußen stattfindende Rauchsession stattfindet. Nach dem Passieren der professionellen Security-Checks entpuppt sich der Metro Club als dunkel gehaltene, relativ hohe Halle mit einer Art Balkon, wo sich Bar und Ausblickspunkt auf die Bühne befinden. Ein Blick auf den Merch-Stand zeigt außerdem, dass trotz internationalem Headliner die Teuerungskurve nicht ungebremst nach oben gehen muss. So sind NECROPHOBIC-Shirts schon ab etwa 13 Euro zu haben trotz der sogenannte Schweizer Hochpreisinsel…

BEANSIDHE,
Die Schweizer BEANSIDHE bieten eine moderne Mischung aus Death und Thrash Metal.

BEANSIDHE
Den Opener dieses Abends geben BEANSIDHE aus dem Tessiner Riazzino. Mit beschottenrocktem Sänger bieten die Schweizer eine moderne Mischung aus Death und Thrash Metal-Elementen, bei der insbesondere gegen Ende des Sets auch mal die eine oder andere Parallele zu DISSECTION aufflammt. Dies lenkt die Aufmerksamkeit inbesondere auf den Gitarristen Piter, der sich mit virtuosem Spiel hervortut und so interessante Akzente setzt. Diese bilden einen guten Kontrast zum aggressiven Shout-Gesang von Phil. Mit kurzen italienischen Ansagen und Songs wie World`s Everlasting Cry, Chainsaw mon Amour, Drops of Hate, Escape oder Broken Receptors hält man die etwa fünf Reihen Publikum bei Laune, die sich allerdings noch etwas verhalten aufführen und noch nicht so richtig aufgetaut scheinen. Alles in allem liefern BEANSIDHE jedoch einen guten Gig ab und zeigen in Sachen Gitarrenarbeit schon mal, dass die Flitzefinger geölt sein sollten.

ABGRUND
In der Umbaupause leert sich der Club rasch, zum einen lockt die laue Sommerluft, zum anderen die Rauchpause und der Wunsch, sich zu unterhalten, was bei der eher lauten Musikbeschallung in der Umbaupause ein mühseliges Unterfangen darstellt. Schnell wird das kurze Luftschnappen zu einem längeren Gespräch und der Fledermaus-Beobachtung genutzt, worauf glatt der Auftritt der Solothurner ABGRUND verpasst wird, welche bei ihrer Death / Black Metal-Mischung auf ein Keyboard statt eine zweite Gitarre setzen. Auch ein nicht unerheblicher Teil des Publikums scheint den Reizen der Club-Außenwelt erlegen zu sein, sodass sich grob geschätzt wohl nicht mehr Leute in der Halle befinden als noch bei BEANSIDHE.

HEAVY
Ein solider Auftritt von HEAVY DEMONS ohne wahrnehmbare Ermüdungserscheinungen von der Doppelaufgabe des eigenen Auftritts plus Konzertorganisation.

HEAVY DEMONS
Als dritte Band des Abends enterten die Gastgeber HEAVY DEMONS die Bühne. Nach einem etwas gar lieblichen Keyboard-Intro, das mit entsprechendem Posen des Quartetts gewürzt und mit Willkommensapplaus seitens des Publikums goutiert wurde, legten die Tessiner los. Obwohl es das Intro anders hätte erwarten lassen, zeigen sich die HEAVY DEMONS ganz und gar nicht lieblich, sondern bieten modernen Death / Thrash Metal, der ordentlich nach vorne los geht. Dabei wird nicht auf melodiösere Parts verzichtet, so lässt sich auch mal ein Fingerzeig in Richtung IRON MAIDEN ausmachen. Fronter Jack Demon lässt seine Matte zeitweise tüchtig kreisen, hält das nunmehr zahlreichere Publikum mit kurzen italienischen Ansagen bei der Stange und lotet seine Stimme in aggressivem Shouten und Kreischen abwechslungsreich aus. Songs wie Welcome to my resurrection, Word of God, Closer to Die oder The Night of the Living Dead halten vor allem die vorderen Reihen auf Trab, die nun endlich aufgewacht scheinen und in Bewegung geraten sind. Dennoch wirken die Tessiner manchmal noch etwas steif, insbesondere Gitarrist Ste kann sich noch nicht so auf der Bühne gehen lassen, wie etwa sein Bass-spielender Kollege Paride. Außerdem könnten die HEAVY DEMONS sicherlich mehr aus ihren Songs rausholen mit einer zweiten Gitarre, was insbesondere im direkten Vergleich mit BEANSIDHE offensichtlich wird. Alles in allem jedoch ein solider Auftritt ohne wahrnehmbare Ermüdungserscheinungen von der Doppelaufgabe eigener Auftritt plus Konzertorganisation.

NECROPHOBIC,
Bei Sitra Ahra teilen sich Sebastian (Bild) und Tobias den beschwörenden Refrain auf.

NECROPHOBIC
Zu den Klängen des Hrimthursum-Intros The Slaughter of Baby Jesus entern schließlich mit etwas Verspätung NECROPHOBIC die Bühne. Während Fronter Tobias Sideård die beschwörend gesprochenen Worte mit ergänzender Gestik untermalt, betreten auch die Gitarristen Johan Bergebäck und Sebastian Ramstedt die Bühne. Letzter trägt offenbar noch immer die Nieten an den Stiefeln vom letzten NIFELHEIM-Auftritt, ansonsten verzichten die Schweden auf visuelle Effekthascherei und schreiten mit Blinded by light, enlightened by darkness lieber musikalisch zur Tat. Dieser Klangangriff lockt denn auch den Großteil des Publikums in die Halle zurück, die zwar besser gefüllt ist als zu Beginn des Abends, aber beileibe nicht ausverkauft. Flott vollführen die Schweden daraufhin mit Spawned by Evil einen Sprung ins Jahr 1996, rücken mit dem geilen Into Armageddon vor Richtung 1999er Werk The Third Antichrist und lösen mit dem starken I Strike with Wrath eine weitgreifende Bangeuphorie aus beim Publikum. Damit ist denn auch bei The Crossing nicht Schluss, welches der charismatisch-bizarre Fronter Tobias mit den gewohnten Gestikeinlagen ergänzt.

NECROPHOBIC,
NECROPHOBIC ziehen eine Show im Sinne des Rock `n Roll-Spirits einer steifen Vortragsübung vor.

Soundtechnisch ist ebenfalls alles im grünen Bereich: Die Gitarrenleads hört man gut heraus und die Basslines grooven ordentlich mit dem nicht getriggerten Drumsound. Hier und da schleichen sich zwar kleine Unsauberkeiten ein, aber NECROPHOBIC überspielen diese gekonnt und ziehen eine Show im Sinne des Rock `n Roll-Spirits einer steifen Vortragsübung vor. Der Funke dieser mitreißenden Metal-Vorstellung springt denn auch aufs komplett erwachte Publikum über, das nach Mourningsoul und Darkside mit NECROPHOBIC-Sprechchören nach mehr verlangt. Dies bekommt es auch mit Sitra Ahra vom aktuellen Album, wobei sich Sebastian und Tobias den beschwörenden Refrain Chaos, Magic Fire Death – We call upon thy mighty forces aufteilen und so den Effekt des Ganzen vergrößern. Die Meute nimmt diese Einlagen dankend an, schreit mit und lässt die Matten kreisen. Dass Italien und das Tessin in der letztjährigen Hrimthursum-Tour nicht berücksichtigt wurden, schmälert die positive Resonanz beim Publikum keineswegs.

Zur Störung des Auftritts wird hingegen ein anderer Faktor: Durch gewisse Verspätungen in den Umbaupausen rückt die Sperrstunde um ein Uhr unerbittlich näher, weswegen das Set um zwei Songs gekürzt wird und die Schweden direkt zu ihrem Evergreen The Nocturnal Silence übergehen. Eigentlich hätte danach das Set beendet sein sollen, doch der Meute könnte es nicht egaler sein, und sie verlangt noch immer nach mehr. Also deklariert Sebastian nach kurzem Quietschen seinen Gitarrensound noch immer als Okay, it`s true enough, und NECROPHOBIC ergeben sich dem Wunsch ihrer Fans mit Nailing the holy one. Auch in Lugano macht das Publikum beim Fuck you Christ-Chorspiel eifrig mit, nach den ersten zwei Wiederholungen ergänzt Sebastian das Spielchen um zwei der Lokalsprache angepassten Cazzo di Christo, was das Publikum erst erstaunt und dann begeistert aufnimmt und mitschreit – dass die italienische Version von der Bedeutung her eher auf derbe Art auf Christus` Geschlechtsteil hinweist, ist in den letzten Zügen dieses fetten Auftritts denn auch völlig egal…

Fotos: Arlette Huguenin D.