FIDDLER’S GREEN, THE MOORINGS, Backstage Werk, München, 4.5.2019

Der Frühling lässt noch etwas auf sich warten, als wir an diesem Samstagabend am Münchner Hirschgarten aus der S-Bahn steigen. Unangenehmer Nieselregen und ein eisiger Wind begleiten uns auf dem Weg zum Backstage-Werk, wo sich gegen Viertel nach sieben eine Menschenschlange bereits um das Gelände windet. Kein Wunder, sind FIDDLER’S GREEN doch alte Bekannte in der bayerischen Landeshauptstadt, die sich über fast drei Dekaden den Ruf einer exzellenten Live-Band erspielt haben. Während wir also mit schlotternden Knien und klappernden Zähnen dem Einlass entgegenfiebern, ahnen wir noch nicht, wie sehr wir nicht einmal zwei Stunden später die kalte Frühlingsluft vermissen werden. Es sollte ein Abend der Extreme werden.

THE MOORINGS bringen rotzigen Folk Punk nach München

In der gut gefüllten Halle ist von den fröstelnden Temperaturen nichts zu spüren, als um kurz nach acht die Lichter ausgehen. Der rotzige Folk Punk, den die Vorband THE MOORINGS mitgebracht hat, passt perfekt in den heutigen Rahmen und doch verläuft der erste Kontakt zwischen Publikum und Band etwas zögerlich. Ob es am anfangs überwiegend gemäßigten Material liegt oder ob die Münchner ihre Kräfte aufsparen wollen, ist schwer zu sagen und letztlich sowieso einerlei.

Denn spätestens als die Franzosen das PENNYWISE-Cover „Bro Hymn“ auspacken, bricht das Eis und schmilzt binnen Sekunden. Ab diesem Punkt erreicht die Stimmung im Werk von Minute zu Minute einen neuen Höhepunkt: Das unbeschwerte Trinklied „Friendship“ animiert zum Tanzen, bevor die punkige „Sea Shepherd“-Hymne „Captain Watson’s Gang“ zum ersten Pogo lädt. Die Chemie scheint jetzt zu stimmen. Als Sänger und Gitarrist DPhil Jelly im französischsprachigen „Amsterdam“ – im Original von Jacques Brel – den Showman raushängen lässt, kleben ihm die Zuhörer an den Lippen.

Bevor sich THE MOORINGS nach einer Dreiviertelstunde verabschieden, kündigt der Frontmann noch eine Überraschung an. Schließlich sei jetzt die ideale Gelegenheit, sein Deutsch zu verbessern. Dass dies schlussendlich in Form des Gassenhauers „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ geschieht, ist eine herrlich passende Pointe dieses kurzweiligen Auftritts, an dessen Ende sich THE MOORINGS mit den Münchnern einig sind: Hier hat man heute neue Freunde gewonnen.

FIDDLER’S GREEN fühlen sich wie zu Hause

Bereits bestens bekannt ist man in München mit FIDDLER’S GREEN, schließlich waren die Franken innerhalb ihres 29-jährigen Bestehens unzählige Male zu Gast in der bayerischen Landeshauptstadt. Dass dem Ruf zur „Heyday“-Tour rund 1000 Münchner gefolgt sind, ist folglich Ehrensache.

Sowohl im Arenabereich als auch auf den Rängen des Werks ist es mittlerweile merklich enger geworden, als die gut gelaunten Erlanger die ersten Töne des „Heyday“-Openers „The Freak of Enniskillen“ anstimmen. Frontmann Ralf ‚Albi‘ Albers fegt unermüdlich über die Bühne, als würde er jeden einzelnen Besucher persönlich zum Mitsingen animieren. Nicht dass dies nötig wäre, denn als Albi zum folgenden „Sláinte“ mittels einer täuschend echten Guinness-Attrappe das Glas erhebt, schallt der gälische Trinkspruch aus einer Hundertschaft von Kehlen. FIDDLER’S GREEN stehen noch nicht einmal zehn Minuten auf der Bühne und die Temperatur in der Halle scheint bereits um gute fünf Grad Celsius gestiegen zu sein.

Die grenzenlose Spielfreude ist ansteckend

Einen guten Anteil daran dürfen die sechs Musiker selbst haben, die unentwegt unterwegs sind. Akkordeon-Spieler Stefan tauscht im Minutentakt die Plätze mit Bassist Rainer Schulz und Geiger Tobi, der – stets mit breitem Grinsen im Gesicht – seinem Instrument die aberwitzigsten Melodiebögen entlockt. Zusammen mit Drummer Frank Joos, der für „Kick the Bucket Tunes“ sogar sein Schlagzeug gegen eine simple Trommel eintauscht, brilliert dieser insbesondere bei den tanzbaren Instrumentalstücken. Ein solches, „Bretonix“, widmet Sänger Albi sogleich den extra aus Italien angereisten Gästen im Publikum.

Die grenzenlose Spielfreude FIDDLER’S GREENs ist freilich ungeheuer ansteckend, weshalb es nicht lange dauert, bis wir es zum Schunkler „Raise Your Arms“ dem Songtitel gleichtun oder später das Shanty „John Kanaka“ lautstark mitsingen. Es sind diese mit Umsicht platzierten Momente im Set, die es uns erlauben, Kraft zu tanken. Dass dies der Stimmung an jenem Abend keinen Abbruch tut, beweist die Kreativität der andächtig lauschenden Zuhörerschaft. So erstrahlt während der nostalgischen Ballade „Together As One“ kein Lichtermeer aus Feuerzeugen, sondern das irische Pendant: Dank der Handylampe als Untersetzer erleuchten zwei gut gefüllte Bierbecher die dunklen Ränge. Großartig!

München zelebriert den kontrollierten Wahnsinn

Für solcherlei Späße ist sonst wenig Zeit, denn FIDDLER’S GREEN verlangen von ihrem Publikum die Ausdauer eines Triathleten. Über zwei Stunden hinweg gibt es das volle Programm: Frenetischer Pogo zum Klassiker „The Night Pat Murphy Died“ und der neuen Live-Granate „One Fine Day“ ist nur die erste Disziplin. Wenig später sehen wir den kompletten Arenabereich zu „Yindy“ auf- und abspringen, bevor in „Old Dun Cow“ der prägende Ausruf „MacIntyre!“ aus tausend Hälsen in einer Lautstärke erschallt, die Frontmann Albi erst einmal ungläubig schlucken lässt.

Gitarrist Pat wittert da etwas in der Luft und stimmt im Anschluss direkt die ersten Töne von „South of Heaven“ an. „Ich dachte, die Leute wollen SLAYER hören“, muss er seinen verdutzten Kollegen erklären. Wir hätten nichts dagegen, sind mit dem beschwingten „Cheer Up“ aber nicht minder zufrieden. Als zu dessen Klängen die Band die Bühne verlässt, singen die Münchner die fröhliche Melodie einfach weiter – und zwar so lange, bis FIDDLER’S GREEN wieder zurückkehren.

FIDDLER’S GREEN sind ihre Rituale heilig

Mit doppeltem Erfolg, denn die Musiker bringen zwei Kollegen der Vorband THE MOORINGS mit, um gemeinsam mit „Leaving of Liverpool“ einzuheizen. Dass nach dem folgenden „Folk’s Not Dead“ nicht Schluss sein kann, verbietet eine Tradition. An einem dieser Rituale, die FIDDLER’S GREEN seit Jahrzenten pflegen, haben wir früher an diesem Abend bei „Rocky Road To Dublin“ bereits teilnehmen dürfen: Die „Wall of Folk“, bei der sich analog zur „Wall of Death“ beide Seiten des Publikums auf Kommando Richtung Mitte bewegen (hier: tanzen), interpretieren die Erlanger aus aktuellem Anlass jedoch neu. In München soll die große Schlacht der „Langen Nacht“ aus „Game of Thrones“ nachgestellt werden. Das Ergebnis ist nicht minder spektakulär; wir können diesmal sogar etwas erkennen.

Mit dem anderen Ritual beschließen FIDDLER’S GREEN ihre Shows seit wir denken können: Zum fröhlichen „Blarney Roses“ bittet die Formation ihre weiblichen Fans als Backgroundchor auf die Bühne. Gemeinsam singen sich die Anwesenden ein letztes Mal in das grüne Irland an einem Sommertag, bevor der kalte Münchner Nachtwind alsbald die Schweißperlen auf tausend zufriedenen Gesichtern trocknet.

FIDDLER’S GREEN Setlist

1. The Freak Of Enniskillen
2. Sláinte
3. A Night In Dublin
4. Bretonix
5. Bottoms Up
6. Limerick Style
7. No Anthem
8. Born To Be A Rover
9. The Congress Reel
10. The Night Pat Murphy Died
11. Raise Your Arms
12. Dublin Streets / Irish Washerwoman
13. Together As One
14. John Kanaka
15. Take Me Back
16. One Fine Day
17. Down
18. Kick The Bucket Tunes
19. Rocky Road To Dublin
20. Yindy
21. Victor And His Demons
22. Old Dun Cow
23. Cheer Up
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24. Leaving Of Liverpool
25. Folk’s Not Dead
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26. Blarney Roses

Fotos: Tatjana Braun

Bilder: FIDDLER’S GREEN, THE MOORINGS – Heyday-Tour – München, Backstage, 04.05.2019

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.