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WOLVES IN THE THRONE ROOM: Eine Welt hinter dem Schleier

WOLVES IN THE THRONE ROOM: Eine Welt hinter dem Schleier

Sie waren schon immer anders als andere Black Metal-Bands. Musikalisch im Underground-Black Metal des Nordwesten der USA verwurzelt, mit linken, pro-feministischen Ansichten gezeichnet und als Selbstversorger in den Wäldern lebend. WOLVES IN THE THRONE ROOM entwickeln sich dabei konsequent weiter – hin zu einem drastischen Einschnitt in das Bandleben, denn in Zukunft wollen sich die beiden Musiker Aaron und Nathan Weaver mehr um das Leben zu Hause kümmern. Celestial Lineage markiert auch einen musikalischen Wendepunkt: Neben Black Metal experimentieren WOLVES IN THE THRONE ROOM auch im Ambient mit analogen Synthesizern und sorgen für psychedelische Trancezustände, die tief unter die Haut gehen. Schlagzeuger Aaron steht uns für ein ausführliches Interview eine Stunde lang an einem heißen Augusttag zur Verfügung und hat jede Menge Faszinierendes zu berichten.

Hallo Aaron, ich hoffe, es geht dir gut.

Ja, in der Tat. Ich bin gerade nach Hause gekommen, es ist ein wunderschöner Tag und alles ist in Ordnung hier.

Habt ihr momentan viel auf eurer Farm zu tun?

Ich arbeite momentan eher daran, die Vorbereitungen für die Tour abzuschließen. Wir werden in ungefähr einer Woche aufbrechen und die Konzerte in den Staaten spielen. Daneben helfe ich aber auch meiner Frau auf der Farm.

Ist es schwierig für deine Frau zu Hause zu bleiben und die ganze Arbeit alleine zu übernehmen, während du auf Tour bist?

Glücklicherweise helfen uns einige gute Freunde in diesen Situationen. Außerdem haben wir dieses Jahr einige Angestellte, die bei uns mitarbeiten. Wir beliefern inzwischen auch Bauernmärkte, Restaurants und ungefähr dreißig Familien in der Stadt mit dem Gemüse, das auf unserer Farm wächst. Das ist inzwischen ein richtiger Betrieb geworden, wir haben drei Traktoren, die gewartet und repariert werden müssen, wir bearbeiten heuer auch doppelt so viele Äcker wie letztes Jahr. Diese Farm ist mittlerweile eine wirklich ernste Angelegenheit, da wir nun auch Essen produzieren und nicht mehr nur unsere Familie selbst versorgen.

Bei unserem letzten Interview vor zweieinhalb Jahren hattet ihr das noch nicht so groß aufgezogen.

Absolut. Im letzten Jahr sind wir sehr gewachsen. Wir haben eine neue Scheune, auf die wir in Sachen Lagerung ausweichen können. Das macht vieles für uns einfacher, wir können die Ernte lagern – momentan trocknet der Knoblauch darin. Letztes Jahr gab es einige Entwicklungen, so dass alles einfacher und nachhaltiger abläuft. Wir sind immer weniger und weniger abhängig von Einflüssen von außerhalb.

Gratuliere, das klingt großartig. Die große Krise, die auch die USA getroffen hat betrifft euch dann wohl nur sehr am Rande, nehme ich an?

Das betrifft uns weit weniger als den durchschnittlichen Bürger, der in der Mainstream-Ökonomie stärker integriert ist. Eben diese Menschen, die auf ihren Job als Einkommensgrundlage angewiesen sind, die müssen darauf hoffen, dass das System so weiter geht, wie es seit dem Ende des zweites Weltkrieges immer war. Ich war schon immer der Ansicht, dass die Idee des existenziellen Wachstums und des materiellen Komforts etwas ist, das nicht unendlich weiter gehen kann. Was momentan die Welt bestimmt, könnte der Anfang vom Ende dessen sein. Es liegt so ein Hauch von Endzeitstimmung über allem. Es könnte sein, das sich vieles ändern wird, und die Menschen werden sich ändern müssen, sowohl aus ökologischen, wie aus ökonomischen Gründen.

So etwas ähnliches hat Mike Hill von TOMBS kürzlich auch gesagt.

 WOLVES
Das ist nicht bloße Fantasie, es gibt schwarze Hütten hier in den Wäldern. Wirklich dunkle und bizarre Orte, welche die schönen und ekstatischen Gefühle und Orte hier unterströmen. Unheimlich und schön zugleich: Die mythische Heimat von WOLVES IN THE THRONE ROOM (im Bild: Nathan Weaver).

Naja, TOMBS leben in New York City und da gibt es viel mehr Menschen auf engem Raum, sie leben nicht in so einer ländlichen Gegend wie wir. Und ehrlich gesagt, haben wir über dieses Thema auch noch nicht mit vielen Menschen gesprochen, wir haben nicht wirklich Kontakt mit Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft, und das mag ich ehrlich gesagt auch genau so. Ich bin wohl der schlechteste Gesprächspartner der Welt, wenn es um dieses Thema geht.

Alles klar, wir sollten sowieso langsam auf Celestial Lineage zu sprechen kommen. Das Album wächst seit dem ersten Durchlauf stetig und wirkt auf mich so, als hätte es alle Zeit der Welt, wenn du verstehst, was ich meine.

Das verstehe ich sehr gut. Es dauert, bis es sich völlig entfaltet. Es ist sehr dicht, während Black Cascade und auf seine Weise auch Two Hunters direkter nach vorne losgingen. Auf Celestial Lineage gibt es viele verschiedene Parts, melodische Themen und recht hohe Komplexität.

Lief das Songwriting genauso ab? Das Album klingt so, als hättet ihr gar keinen Zeitdruck verspürt und ihm die nötige Zeit zur Entwicklung gegeben.

Ganz genau. Wir haben doppelt soviel Zeit für das Album aufgewendet, wie in der Vergangenheit. Einfach weil wir die Möglichkeit hatten, das zu tun. Wir haben auf unserer Anlage ein Studio gebaut, wo wir viel Zeit zum Songwriting und zum Aufnehmen hatten. Das öffnete uns viele neue Türen: Wir konnten neue Ideen ausprobieren und komplett ausarbeiten. Im Studio verstreicht die Zeit so schnell, dass man sich keine Zeit lassen kann und einige Ideen werden daher nicht zu Ende gedacht. Das ist natürlich einerseits gut, da man seine Grenzen kennen lernt. Für Celestial Lineage war es aber gut, Zeit zu haben, denn wir schrieben eigentlich Material für zwei Alben und sortierten vieles aus. Wir behielten nur diese Ideen zurück, die uns persönlich wirklich gefielen.

Im Vorfeld der Veröffentlichung sprachst du im Bezug auf den Schaffensprozess des Albums von einem klösterlichem Leben, das ihr geführt habt: Vormittags auf der Farm arbeiten, Abends neues Material schreiben. Ist da eine Verbindung zur Variablität des Materials vorhanden? Habt ihr tagsüber während der Arbeit über die musikalischen Ergebnisse des Vorabends nachgedacht und diese bei der nächsten Probe weiter gesponnen?

Exakt so war es. Wir schrieben das Album in Winter, als die Tage kurz, verregnet und kalt waren. Ich konnte also nicht länger als sechs Stunden pro Tag draußen arbeiten, habe mich hauptsächlich um Feuerholz und ein paar kleinere Bauten gekümmert. Abends trafen wir uns dann zum Musik machen. Einige Teile des Albums haben wir täglich bearbeitet, vor allem dann, wenn es draußen zu dunkel und kalt zum Arbeiten war. Wir haben einen Kachelofen im Studio, daher war es eine recht schöne Arbeitsatmosphäre.

Celestial Lineage ist das erste Album von WOLVES IN THE THRONE ROOM, dass nur von dir und deinem Bruder Nathan verwirklicht wurde. War es auch eine sehr familiäre Angelegenheit das Album zu schreiben?

Ja, es gefällt mir sehr so zu arbeiten. Nathan und ich waren auch früher für den Großteil der Musik zuständig und da war es schwer die Ideen und Visionen Dritter einfließen zu lassen. Der Input der anderen Gitarristen war immer relativ dienstbar im Bezug auf die Musik. Außerdem arbeiten Nathan und ich seit fast neun Jahren an dieser Band, da ist es schwierig, wenn immer andere Charaktere hinzustoßen.

Ich nehme an, du hast eine sehr enge Bindung mit deinem Bruder.

Ich denke schon. Wir arbeiten sehr gut zusammen, aber andererseits sind wir recht unterschiedliche Menschen. Jeder hat seine eigenen Interessen und Perspektiven. Und um dir die Wahrheit zu sagen, freue ich mich auf eine Phase, in der wir nicht mehr so viel Zeit zusammen verbringen müssen. Das letzte Jahr war in Sachen WOLVES IN THE THRONE ROOM sehr intensiv. Entweder arbeiteten wir an Celestial Lineage oder an der Tourplanung. Ich kann mich an keinen Tag seit dem letzten Herbst erinnern, an dem wir uns nicht gesehen hätten.

 WOLVES
Musik erfüllt einfach etwas Profundes in mir. Ich könnte aber dasselbe Gefühl empfinden, wenn ich im Garten arbeite, Holz hacke oder ein Haus baue. Nathan Weaver macht Musik aus anderen Gründen als viele andere Metalbands – und hat keine Angst vor einem Leben ohne einer Mission.

Der größte Unterschied zwischen eurem neuen Album und seinem Vorgänger ist meiner Meinung nach, dass Black Cascade eher hypnotisch war und Celestial Lineage einen recht zeremoniellen Charakter besitzt.

Ich bin sehr froh, dass du das so siehst, denn das war unsere Absicht. Two Hunters und Black Cascade waren recht primitive und teils sogar spontane Alben. Eine wilde und ungezähmte Erfahrung, wie besessen von einer Art Geist, die man hier draußen in den Wäldern finden kann. Celestial Lineage sollte ein eher menschliches Feeling haben. Wir wollten wie Religion, Tradition, Kathedralen und Klosterleben klingen. Das alles sollte die primären spirituellen Erfahrungen enthalten.

Ist das auch der Grund, warum Celestial Lineage weniger dunkel und schon fast positiv klingt?

Nein, das Album ist überhaupt nicht dunkel, aber positiv ist auch nicht das richtige Wort dafür. Ich würde es als ekstatisch bezeichnen. Wir haben mit Celestial Lineage einen Schritt aus der Dunkelheit heraus gewagt, vielleicht ist das auch das Resultat daraus, dass wir etwas älter geworden sind.

Würdest Du Celestial Lineage überhaupt noch als Black Metal-Album bezeichnen?

Darüber habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht nach gedacht. Ich habe WOLVES IN THE THRONE ROOM immer als Black Metal-Band gesehen, weil dies unsere Abstammung ist. Wir haben auch mit Black Metal mehr zu tun, als mit jeder anderen Musikrichtung. Aber offensichtlich ist unser neues Album deutlich anders, als die meisten anderen Black Metal-Alben. Es versammelt nicht die absolute Finsternis und den Hass in sich, was normal für Black Metal sein sollte. Ich überlasse es lieber dem Hörer zu entscheiden, in welches Genre er uns stecken mag, ich bin dafür nicht der richtige Ansprechpartner.

Fakt ist jedoch, dass die grimmigen Gitarren und schnellen Blast Beats eher im Hintergrund stehen. Viel mehr werden Black Metal und Ambient auf eurem neuen Album verwoben.

Das ist richtig, man kann eigentlich zwei Alben hören, die übereinander gelagert wurden. Die Metalseite könnte für sich alleine stehen, darüber wurde die Ambientschicht gelagert. Wir haben beides einfach vermischt. Wir haben auch geplant, eine andere Version von Celestial Lineage zu mischen, wo nur die verträumte, psychedelische, trancige Ambientseite zu hören sein wird – darauf freue ich mich schon besonders. Ich hoffe, das wird kommenden Winter passieren. Nathan und ich werden wie üblich dazu Randall Dunn aufsuchen, der nun ein neues Studio in Seattle hat. Es wird den gleichen Geist haben, aber viel komplexer, ausdrucksstärker und vorwärts gerichteter ausfallen.

Also die gleichen Songs in einem neuen Kleid, oder auch gänzlich neues Material?

Es werden dieselben Lieder sein, aber auf neue Art und Weise interpretiert. Wie ein verzerrtes Spiegelbild im Wasser.

Das klingt so, als wärt ihr müde vom Black Metal.

Das würde ich nicht unbedingt sagen, ich freue mich einfach für eine Weile etwas Anderes zu machen. Celestial Lineage wird vermutlich unser letztes wirkliches Metalalbum sein, was die heftigen Gitarren und den Gesang betrifft. Celestial Lineage ist für uns auch das letzte Album in einer Trilogie, die mit Two Hunters begann. Das Ende einer Ära in unserem Leben und das Ende von WOLVES IN THE THRONE ROOM als Metalband. Wir möchten uns wirklich in eine neue Richtung begeben, nicht so wie ULVER mit Techno und Trip Hop, aber das Ganze einfach konsequent weiterentwickeln.

Werdet ihr auch aufhören, live aufzutreten?

Das könnte ein Teil davon sein. Zumindest möchte ich nicht mehr so viel touren. Die letzten drei Jahre war ich viel auf Tour, was auch wirklich eine lohnenswerte Zeit war, da ich hunderte neuer Freunde kennenlernte. Aber ich bin einfach müde davon, so viel Zeit jedes Jahr von zu Hause weg zu sein. Mein Leben auf der Farm kann ich nicht hinter mir lassen. Ich möchte einen Jahresrhythmus entwickeln und die nötigen Fähigkeiten für dieses Leben perfektionieren. Darin werde ich in Zukunft meine Energie stecken. Wir werden sicherlich noch Konzerte geben und Musik spielen, aber meine Perspektive wird sich wieder mehr auf zu Hause richten.

Ich war sowieso überrascht, dass ihr so viel getourt seid, nachdem ich damals im Presseinfo von Two Hunters las, dass ihr nur sporadische Touren fahren wolltet.

Wir wussten damals schon, dass die Zeit als touraktive Band nur temporär sein würde. Wir wollten niemals eine dieser professionellen Metalbands werden, die auf WACKEN Headliner wird und von der Musik leben kann. In den letzten Jahren verdienten wir auf Tour dennoch genügend Geld, um kein anderes Einkommen zu brauchen, wovon wir das Studio bauen konnten, um zu Hause an unserer Musik zu arbeiten. Hätten wir nicht drei Jahre lang durchgehend getourt, hätten wir also kein Album wie Celestial Lineage schreiben können, in dem so viel Arbeit und Energie steckt.

Jeder anderer Musiker würde dafür sterben, so einen Status zu haben wie ihr. Ich behaupte, ihr seid auf dem Zenith eurer Karriere – andere Bands würden das noch einige Jahre weiter ausreizen. Ich glaube, diese Menschen haben zu Hause keine Mission zu erfüllen.

 WOLVES
Fängt die unheimliche Schönheit des Nordwestens der USA beeindruckend ein: Alison Scarpullas Artwork für Celestial Lineage.

Einer der Momente, an denen ich auf Tour sehr niedergeschlagen war, resultierte daraus, dass wir mit einer anderen größeren amerikanischen Black Metal-Band tourten. Eines Tages saßen wir im Backstage-Bereich, tranken und rauchten, und sie sprachen darüber, dass die Musik alles sei, was sie hatten. Ich empfand das genaue Gegenteil. Mir fallen eine Menge Dinge ein, die ich abseits der Musik machen kann. Ich mache außerdem Musik, weil ich es will, und nicht weil ich es muss. Es erfüllt einfach etwas Profundes in mir. Ich könnte aber dasselbe Gefühl empfinden, wenn ich im Garten arbeite, Holz hacke oder ein Haus baue. Zu dieser Zeit fühlte ich mich sehr befremdet von der Metalszene. Ich erkannte, dass wir Musik aus ganz anderen Gründen machen, im Gegensatz zu den meisten anderen Bands der Szene.

Lass uns nochmal über die Songs sprechen. Ich finde es sehr schön, wie viele unterschiedliche Passagen auf dem Album enthalten sind. Wie das alles in den fünfzig Minuten gemischt wurde, erschafft ein Album, dass dauerhafter wirkt als Black Cascade.

Ich stimme zu. Celestial Lineage ist meiner Meinung nach unser bestes Album, vom Geschick im Songwriting bis zur Sorgfalt bei der Produktion. Es ist das einzige Werk, mit dem ich komplett zufrieden bin. Nach dem Mix gab es tausend Sachen, die ich anders haben wollte, aber nachdem sich alles gesetzt  hat, bin ich mit dem Resultat sehr zufrieden. Eben weil wir einen sehr großen, orchestrierten Sound geschaffen haben, der uns in der Vergangenheit nicht möglich war, weil wir weder Zeit noch Ressourcen hatten.

Großen Anteil an der Qualität des Albums hat auch Jessika Kenney, die den weiblichen Gesang schrieb und beisteuerte. Kam sie schon in eurem Studio dazu, oder erst bei der endgültigen Produktion im Studio von Randall Dunn?

Wir haben an ihrem Gesang in unserem Studio in Olympia gearbeitet, ungefähr einen Monat vor den Aufnahmen bei Randall. Es ist ein sehr schöner Ort bei uns zu arbeiten, da wir uns am Rand des Waldes befinden. Wenn es nicht mehr weiter geht, können wir eine Pause machen, spazieren gehen, bis zu einem Fluss, um den Kopf frei zu kriegen. Es ist ein sehr friedlicher Ort, um an Musik zu arbeiten. Jessika war die perfekte Person, um Celestial Lineage auszuarbeiten. Sie hat eine sehr interessante Vergangenheit. Als sie jünger war, war sie in der Hardcore-Metal-Crustcore-Punkrock-Szene, völlig verrückt, mit einem zerrissenem REPULSION-Shirt. Sie lebte in einer schmutzigen Baracke in Seattle, sang und spielte Violine auf der Straße. In den letzten zehn Jahren wurde sie aber zu einer Expertin für klassische, persische Musik. Sie hat außerdem großes Wissen über westliche, religiöse Musiktraditionen. In dieser einen Person stecken also zwei Seiten: Die wilde, freiheitsliebende, anarchistische Seite und sowie eine Seite die tief in Musik getränkt ist, die orthodox und traditionsgebunden ist. Auf wunderschöne Art und Weise bringt sie diese beiden Seiten in Übereinstimmung und macht daraus keinen Widerspruch. Und genau das ist auch der Geist von Celestial Lineage, weil Nathan und ich uns einerseits nach Traditionen sehnen und etwas, das größer und tiefer ist, als wir. Andererseits hassen wir die Kirche und die unterdrückende Mainstreamkultur. Wir möchten kein Teil der Tradition sein, die uns angeboten wird. Also suchen wir eine versteckte Tradition, eine Abstammung, die nicht in Verbindung mit der mit der beklemmenden Tradition steht, die eine kleine Stadt, ein Prediger oder ein Politiker auf uns ausübt.

Ein weiterer Gastmusiker auf Celestial Lineage ist Aaron Turner (ex-ISIS, Anm. d. Verf.), der bei den beiden Interludes Permanent Changes In Consciouness und Rainbow Illness mitwirkte. Er hat ein paar Synthesizer beigesteuert, richtig?

Nein, das war nur Gesang. Aber diese Zusammenarbeit ist recht interessant, denn ISIS habe ich niemals gehört, nur vor zehn Jahren habe ich sie einmal in einem Club gesehen. Aber Randall ist mit ihm gut befreundet, seit er in den Nordwesten, in eine kleine Stadt etwas außerhalb von Seattle zog. Dass Aaron auf dem Album mitwirken würde, war Randalls Vorschlag. Ich bin aber sehr zufrieden mit dieser Zusammenarbeit – die Musik, seine Stimme und Energie haben gut zusammen gepasst.

Ist da etwas verzerrt? So richtig nach Gesang klingt das nicht.

Nein, es sind viel mehr Spuren, die wir stark übereinander legten. Wir wollten einen Chor mit nur einer Person erzeugen. Ich wünschte, wir könnten einen ganzen Chor einsetzen, wie auf dem letzten SUNN o)))-Album, aber dazu haben wir nicht die Mittel.

Attila (Csihar, MAYHEM-Sänger – Anm. d. Verf.) hat auch so ein Soloprojekt, wo er mit einem Loop einen eigenen Chor erschafft.

Er ist ein hervorragender Sänger. Er und Jessika sind beide extrem interessante Charaktere, und beide arbeiteten zusammen auf Monoliths & Dimensions von SUNN o))). Sie haben ganz unterschiedliche Perspektiven: Attila hat einen offensichtlichen Black Metal-Hintergrund und interessiert sich sehr für die Verdorbenheit und Blasphemie. Jessika hingegen respektiert religiöse Traditionen sehr. Dass beide zusammen arbeiten können, liegt daran, dass sie sich gegenseitig respektieren und den jeweils anderen Blickwinkel verstehen. Viele Menschen, die Black Metal hören und selbst nicht Musiker sind verstehen nicht, dass die Musiker viel komplexere Sichtweisen auf die Dinge haben. Wenn sie ihre Musik spielen, ist das nur ein Aspekt des Ganzen. Generell verstehen Musiker und Künstler, die gänzlich anderer Meinung sind, einander gut, einfach auf einem künstlerischen Level und respektieren sich. Und das verstehen die Menschen, die sich Foren und Chatrooms aufhalten nicht. Sie sehen nur die Fassade und ein Abbild dessen, was die Musiker projizieren. Das repräsentiert natürlich nicht die Realität, wie Musik und Kunst gemacht wird. Wenn du nach Norwegen reist und die Black Metal-Musiker kennen lernst, sind deren Freundinnen auch oft Hippies oder aus der Techno-Szene.

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Was momentan die Welt bestimmt, könnte der Anfang vom Ende des materiellen Komforts sein. WOLVES IN THE THRONE ROOM erwarten dramatische Einschnitte für die Normalbürger dieser Welt.

Eine spannende Kollaboration ist auch auf optischer Seite entstanden. Bisher habe ich leider nur das Cover von Celestial Lineage gesehen, aber das gefällt sehr gut. Es stammt von einer Künstlerin namens Alison Scarpulla.

Weißt du, alles an diesem Album floss einfach so dahin. Nathan suchte im Internet nach Bildern, um Ideen zu sammeln und welche Techniken man anwenden könnte. Er fand Alisons Bilder und schrieb ihr einfach so eine E-Mail. Wir wussten nichts über sie, aber es stellte sich heraus, dass sie Fan von WOLVES IN THE THRONE ROOM ist, und wir auf ihrer Liste von Bands, mit denen sie gerne zusammen arbeiten wollte, ganz oben standen. Also kauften wir ihr ein Flugticket und sie besuchte uns. Wir arbeiteten ungefähr eine Woche zusammen und fotografierten in unserer Umgebung in Olympia und dann auch in den Bergen von Olympia, was ungefähr eine Stunde von unserem Haus entfernt ist. Ich liebe ihre Bilder wirklich. Sie repräsentieren diese himmlische, spirituelle, außerweltliche Realität, die hinter einem Schleier verborgen ist. Alison ist auch selbst ein wenig in dieser Welt gefangen. Sie ist eine wirklich sehr interessante Frau und noch sehr jung; ich glaube sie wurde erst kürzlich einundzwanzig. Ihre Ästhetik ist irgendwo zwischen Gothic und Metal, aber sie kommt eben aus einer anderen Generation. Sie glaubt sehr stark an fremde Intelligenzen, sieht UFOs und ist überzeugt, dass es einen profunden Wechsel des menschlichen Bewusstseins in den nächsten Jahren geben wird. Sie hat sich auf ernsthafte Art und Weise sehr geöffnet. Mir gefällt ihre Perspektive der Dinge. Sie ist offen für Black Metal und harsche, dunkle Musik, hat aber diese elfenhafte Ästhetik. Ich bin extrem beeindruckt, welche technischen Fähigkeiten sie beherrscht. Sie hat Talent darin, analoge Techniken anzuwenden, sie ist sehr entschlossen und hat gute Ideen, war dabei nicht zu schüchtern, älteren Leuten Vorschläge zu machen. Sie hat wirklich großartige Arbeit geleistet. (Anm. d. Verf. – Surftipp: Alison Scarpullas atemberaubende Bilder gibt es hier zu sehen: http://shuttermade.com/alisonscarpulla)

Was noch außerweltlich an Celestial Lineage ist, sind die Songtitel, beispielsweise Rainbow Illness. Wolltet ihr die Atmosphäre des Stücks in Worte packen?

(lacht) Ein wenig, ja. Dieses Stück ist ein Interlude, das dazu da ist, Celestial Lineage thematisch nach vorne zu bringen. Dieser Song wurde inspiriert von unseren Erfahrungen des Outdoor-Festivals AUTONOMOUS MUTANT FESTIVAL, das im Nordwesten stattfindet. Ich weiß nicht, ob es noch stattfindet, aber viele Jahre lang war dies das Epizentrum der nordwestlichen, psychedelischen Black Metal-Szene. Dort spielten FAUNA, WOLVES IN THE THRONE ROOM, SACRIFICIAL TOTEM und andere Underground-Bands der kaskadischen Wälder. Das war eine Art Rave und ich bin mir sicher, dass viele psychedelische Drogen im Umlauf waren. Das war aber kein kitschiger Liebestrip, sondern tief in der Metal- und Industrialkultur verwurzelt. Dort herrscht eine ganz spezielle Stimmung. Viele Menschen sind draußen in den Wäldern, die schwere magische und kultische Ideen haben. Es herrscht eine perverse Dunkelheit, die diese Veranstaltungen heimsucht.

Ein weiterer bizarrer Titel ist Thuja Magus Imperium.

Wie ich schon sagte sind Two Hunters, Black Cascade und Celestial Lineage eine Trilogie, die alle in einer bestimmten Welt spielen. Die drei Alben referieren zu den jeweils anderen, es gibt gewisse musikalische Themen, die auf allen Alben vorhanden sind. Dieser Titel fasst den Geist dieser Welt zusammen, wo unsere Musik passiert. Das ist eine Art Königreich der Magie. Eine sehr spezifische Kultenergie im Nordwesten, die hier existiert, aber versteckt ist. Sie kann nur zu bestimmten Zeiten enthüllt werden, aber es gibt sie die ganze Zeit. Und diese Welt betreten wir, wenn wir Musik schreiben.

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Wir wollten wie Religion, Tradition, Kathedralen und Klosterleben klingen. Die Suche nach einer neuen Spiritualität – WOLVES IN THE THRONE ROOM ersetzen Trance durch Zeremonien.

Das klingt ein wenig nach der schwarzen Hütte aus Twin Peaks.

Absolut. Twin Peaks war zwar eine TV-Serie im Mainstream, aber sie fasst den Geist und die Atmosphäre des Nordwesten zusammen. David Lynch wuchs hier auf, er zeigt definitiv eine Wahrheit auf. Das ist nicht bloße Fantasie, es gibt schwarze Hütten hier in den Wäldern. Wirklich dunkle und bizarre Orte, welche die schönen und ekstatischen Gefühle und Orte hier unterströmen. Ein ähnliches Gefühl existiert auch in Skandinavien. Ich glaube natürlich nicht an Trolle, aber diese ganze Mythologie ist eine Metapher für diesen düsteren, manchmal sogar bösen Geist, den die Natur haben kann. Die Natur besteht eben nicht nur aus diesen Hippie-Regenbogen-Fantasien. Es gibt etwas Böses da, Dunkelheit und Geister, die uns Schlechtes wünschen könnten.

Bald lasst ihr diese Orte hinter euch und begebt euch auf große US-Tour, werdet dabei aber hauptsächlich an besonderen Orten spielen.

Ja, darum war es auch so schwierig und anstrengend diese Tour zu buchen. In der Vergangenheit spielten wir in typischen Rockclubs, aber das sind nicht die richtigen Orte für uns. Deshalb bringen wir unsere eigene PA-Anlage und eine recht große Crew mit. Wir werden in einem großen Fahrzeug reisen, wo wir alle schlafen können und wo eine Küche vorhanden ist. Wir können überall spielen, wo ausreichend Energie für die Anlage und die Lichter vorhanden ist. Es war viel Arbeit all das zu buchen, aber es war absolut überwältigend, diese DIY-Orte zu finden. Wir haben nun das Beste aus zwei Welten: Das kraftvolle Soundsystem von einer Clubshow, aber auch die Freiheit und Umgebung dieser Orte, der verlassenen Hallen und so weiter. Ich denke, das könnte erfolgreich werden, die Fans freuen sich jedenfalls sehr darauf. Gerade in den USA wollen die Leute Konzerte nicht in traditionellen Clubs oder Bars sehen, vor allem bei einer Band wie WOLVES IN THE THRONE ROOM. Es kann natürlich auch zu einem totalen Desaster werden, aber immerhin wird es ein spektakuläres Desaster.

Wer wird dabei sein?

Die Hälfte der Tour sind THOU dabei, deren Sänger seit vielen, vielen Jahren ein Freund von uns ist. Die andere Hälfte der Tour spielt eine Doom-Band namens MEGATRON LEVIATHAN mit. Einer deren Musiker ist einer der besten Freunde von Nathan und mir, wir sind praktisch verbrüdert. Wir freuen uns sehr darauf, die Zeit mit ihnen zu verbringen, auf dieser Reise wird eine sehr familiäre Atmosphäre herrschen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr nur zu zweit auf der Bühne stehen werdet.

Ja, wir treten momentan als Trio auf. Ich habe einen Synthesizer hinter dem Drumkit, den ich während dem Spielen bedienen kann. Nathan und unser anderer Gitarrist haben beide zwei Amps und viele Effekte, um den gänzlich orchestrierten Sound der Alben live umzusetzen. Der andere Gitarrist ist Kody Keyworth, der schon seit langer Zeit Teil der nordwestlichen Black Metal-Szene ist, er spielt auch bei L´ACEPHALE und bei OAKHELM, die aus FALL OF THE BASTARDS hervor gingen. In der Vergangenheit hatten wir Gitarristen, die eine gänzlich andere spirituelle und ästhetische Agenda als Nathan und ich hatten, aber Kody ist zu hundert Prozent auf gleicher Wellenlänge wie wir beide. Ich bin sehr froh, dass er dabei ist. Wir sind sehr zufrieden, wie wir heutzutage als Liveband klingen.

Da freue ich mich umso mehr auf die Europa-Tour.

Ja, die ist fast fertig gebucht, auch weil sie direkt im Anschluss an die US-Tour stattfinden wird.

Diese Konzerte werden aber nicht die Shows übertreffen, die ich 2010 und 2009 von euch gesehen habe, als ihr in den Alpen spieltet.

Ja, schade, dass wir heuer dort nicht auftreten können. Am Tag des zweiten Auftrittes war es extrem verregnet und kalt. Diese Nacht war eine meiner liebsten Tourerfahrungen überhaupt. Die Typen, die das veranstalteten, waren wirklich verrückt, zuerst gaben sie mir ein gigantisches Trinkhorn mit allen möglichen alkoholhaltigen Getränken, dann bekam ich einige psychedelische Pilze, die am Hang des Berges wachsen und schließlich trug ich ein Kostüm aus Ziegenhaut und trug eine Ziegenmaske. Das war wirklich sehr interessant.

In der Tat! Aaron, vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg für die kommenden Touren!

Fotos: (c) Alison Scarpulla, außer Portait Nathan Weaver (c) Chris Beug