WOBURN HOUSE: Fluoreszierende Steinformationen statt Brot

WOBURN HOUSE: Fluoreszierende Steinformationen statt Brot

Eigenwillig und eigenständig, schwerverdaulich und genre-übergreifend – alles Adjektive, die auf die junge Band WOBURN HOUSE zutreffen und in diesem Fall in düsterem, abwechslungsreichem Metal resultieren. Vom Cover bis zur Musik überrascht die Bonner Formation, in welcher unter anderem Mitglieder von KLAUBAUTAMANN und ISLAND aktiv sind. Das Debüt Message To Ourselves Outside The Dreaming Machine überzeugte, somit Zeit bei Christian und Fabian virtuell vorstellig zu werden und die Hintergründe von WOBURN HOUSE zu erkunden…

WOBURN HOUSE wurde 2005 gegründet und ist ja noch eine sehr junge Band. Ihr seid alle auch in anderen Bands aktiv (KLAUBAUTAMANN, ORBO, GRIESGRAM, ISLAND) – was war der Inspirationsfunke, der euch zur Gründung von WOBURN HOUSE bewegte?

Christian: Also eigentlich war es so, dass wir keine Drummer für unsere anderen Projekte gefunden haben, was frustrierend war, da wir einfach zocken wollten. Zu Hause Songs schreiben und aufnehmen ist schön, aber das Bandspiel ist etwas besonderes. Man lebt die Musik bei den Proben auf eine gewisse Art und Weise. Florian hat früher mal Schlagzeug gespielt, u.a. auf dem ersten KLAUBAUTAMANN-Demo. Also haben wir gejammt und hatten eine grobe Vorstellung des Sounds. Es sollten lange, epische Lieder mit cleanem Gesang werden. Ich hab dann irgendwann ein Riff zu Hause geschrieben, woraus dann Shelter entstanden ist. Das ist unser erster Song. Fabian kam später dazu. Ich habe mit ihm schon bei ORBO zusammengespielt. Er hatte eine zweijährige Bandabstinenz hinter sich und wollte wieder loslegen. Nach der ersten Probe war klar, wie wir klingen. Und diese Probe war echt ein intensiver Flash, nach dieser ganzen Bandabstinenz-Zeit.

Welche Bedeutung hat der Bandname WOBURN HOUSE und was verbindet ihr damit?

Fabian: Das ist aus dem Land der letzten Dinge von Paul Auster. Das ist so eine Endzeitvision – die Welt wie wir sie kennen ist den Bach runtergegangen, alles ist kaputt und am Ende, die Menschen leben vom Müll und auf der Straße. Das Woburn House ist so eine Art Shelter. Dort darf man für ein paar Wochen leben wie in einem Hotel, quasi aus der Gosse zu weißen Laken und dicken Fleischplatten. Aber man weiß, dass man wieder raus muss, in die unwirtliche Wirklichkeit.
Und das beschreibt ziemlich gut, wie sich das Musikmachen für uns anfühlt.

Ebenfalls ungewöhnlich ist das Cover-Artwork auf eurer Scheibe Message To Ourselves Outside The Dreaming Machine. Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Zeichner Jan Buckard zustande gekommen?

Christian: Mit Jan spiele ich zusammen bei VALBORG. Auch seine früheren Zeichnungen haben uns immer sehr beeindruckt und ein Gefühl ausgelöst. Als die Veröffentlichung der CD dann konkreter wurde, wollten wir etwas Besonderes, Komisches machen. Also lag nichts näher als den Herrn Buckard zu fragen.

Auffallend am Cover ist auch, dass darauf weder Logo noch Albumtitel zu sehen sind, sondern nur der helmlose Ritter auf seinem bizarren Ross. Was hat es mit diesem Ritter auf sich, der sein Schwert zwar zückt, aber dessen Feind nicht sichtbar ist? Habt ihr damit eine Art Don Quichote-Parallele im Sinn? Kämpft ihr manchmal gegen Windmühlen und welcher Art sind sie, wenn man die Metapher mal weglässt?

Christian: Vielleicht ist auch das Ross der wahre Ritter und oben drauf sitzt seine Waffe? Wer das sagen hat, soll man selbst herausfinden. Wer kämpft nicht gegen Windmühlen? Und das sind ganz alltägliche Dinge. Mal so, mal so und so weiter. Die einen machen sich mehr Gedanken, die anderen weniger. WOBURN HOUSE ist auch ein Rückzugsort für uns und hoffentlich auch für manche andere. Das war ein Hintergedanke bei der Namenswahl. Diese Flucht ist eine schöne Sache und deswegen eine Bereicherung im Alltag.

Auf dem Backcover ist eine Art glatziger Priester mit einem Mann, der seinen Kopf in einer Glasglocke hat. Hattet ihr hier eine bestimmte reale Person im Sinn, die so eingeschlossen ist oder was hat es mit diesem Motiv auf sich?

Christian: Jan hat uns folgendes dazu erzählt. Dieser glatzige Priester ist ein Wesen, welches aus alten Lumpen besteht. Es ist mit Luft gefüllt. Wenn man dieses Wesen versuchen würde zu packen, dann würde man nur den Stoff zusammendrücken. Was es da genau mit diesem kleinen Mann – vielleicht ist es auch eine Puppe – macht, weiß man nicht. Man kann es sich nur ausmalen. Aber das Wesen macht definitiv was. Vielleicht etwas sehr Unheimliches…

Woburn
Ungewöhnliche Coverartworks, ungewöhnliche Promofotos, ungewöhnliche Musik – WOBURN HOUSE

Ähnlich ungewöhnlich wie die graphischen Motive auf dem Cover ist auch eure Musik. Da kein Booklet mit Lyrics und weiteren Infos vorhanden ist, liegt die Vermutung nahe, dass die Motive sich direkt mit euren Songs verknüpfen lassen. Ist das so? Und falls ja, inwiefern besteht ein Draht zwischen dem Artwork und eurer Musik?

Christian: Es war nichts geplant und es gibt keine großen Konzepte. Jan hörte die Musik und malte dabei. Eine Kette von unbewussten Aktionenen und Reaktionen. Unserer Erlebnisse beeinflussen das Jammen und Komponieren. Die daraus entstandene Musik inspirierte Jan dann zum malen, und so weiter.

Der Titel eures Werkes – Message To Ourselves Outside The Dreaming Machine – wirft ebenfalls einige Fragen auf, auch da er ungewohnt lange ist und einen Gegensatz darstellt zu den Einwort-Titeln eurer Songs. Was hat es mit diesem Titel auf sich und was ist eine Traummaschine?

Fabian: Die Traummaschine ist jetzt und hier. Wir versuchen sozusagen Nachrichten an unsere unsterblichen Lichtkörper zu senden, damit die nicht vergessen, warum sie unsere Seelen am Leben erhalten sollen.
Außerdem glauben wir alle an Wiedergeburt und möchten uns Spuren für zukünftige Leben legen. So wie Hänsel und Gretel… bloß nehmen wir statt Brot halt floureszierende Steinformationen, damit wir nicht bei der Hexe landen, sondern wieder zuhause. Wir hoffen, dass wir im nächsten Leben relativ früh auf unsere alten Platten stoßen und die Entwicklung von dort wieder aufnehmen können.

Ein interessanter Gedankengang…
Euer musikalischer Reigen wird von einem Filmzitat aus Richard Linklaters Waking Life eröffnet. Warum gerade ein Film von Richard Linklater, warum gerade dieses Zitat? Und um gleich bei Linklater zu bleiben – gibt es noch Slacker in der heutigen Zeit oder sind sie mit den 90er Jahren ausgestorben?

Fabian: Nun, die Platte fängt ja nicht nur mit einem Waking Life-Zitat an, sie hört ja auch mit einem auf. Das ist auf meinem Mist gewachsen. Für mich sind das die wichtigsten Stellen in dem Film, weil sie so gegensätzlich und doch beide so wahr sind. Wir träumen von Entwicklung, höheren Bewusstseinsstufen und dergleichen. Aber Angst, Misstrauen und der tägliche Kampf, überhaupt aus dem Bett zu steigen, werfen uns immer wieder zurück. Man fühlt sich oft eher wie in einer Déjà-vu- als in einer Traummaschine.
Zu Linklater: Also Slacker habe ich noch nicht gesehen. Der ganze Begriff ist wohl für viele Menschen eher eine Entschuldigung gewesen, nichts auf die Reihe zu kriegen oder wenigstens mal zu überlegen was sie eigentlich wollen. Da gibt es auch ein schönes Zitat von Douglas Coupland [Autor von Generation X – Anmerkung AHD] dazu:
So mit 25 kann man dann ja vielleicht doch das Embryostadium hinter sich lassen. Aber schreib das so nicht! Vielleicht eher: Du bist 30 und fährst noch Skateboard? Wow!
Aber das alles ist eigentlich nichts, womit man andere Menschen bewertet oder einordnet. Wenn mein Opa skaten will – wunderbar für ihn. Entweder man sucht im Leben nach was, irgendwas, oder eben nicht. Und das ist eigentlich das, das jeder selber wissen muss (eine schwer überstrapazierte Redewendung). Ob ich jetzt mein Motorrad lackiere oder meine Zehennägel oder eben eine Platte aufnehme…der Welt ist das herzlich wurscht.
Letzter Satz zu Linklater: Unbedingt A Scanner Darkly ansehen!

Bei den Songtiteln gebt ihr euch eher minimalistisch – was steht von den Lyrics her hinter River, Motor, Shelter und Cord? Gibt es ein gemeinsames Konzept, das die vier Songs miteinander verbindet?

Christian: Die Lyrics handeln von der Flucht, vor dem Schutz, dass vieles nicht so toll läuft, aber es gibt Hoffnung, aber erstmal keine Erlösung. WOBURN HOUSE ist unsere Traum-Maschine und die Songs sind unsere Nachricht.

Eure Songs fallen ja deutlich aus dem typischen Refrain-Strophe-08/15-Muster heraus und spielen sich auch jenseits der 6-Minuten-Grenze ab. Seid ihr von Anfang an so ans Songwriting herangegangen, dass ihr bewusst so lange, verschachtelte Songs schreiben wolltet? Oder hat sich das während des Songwritingprozesses einfach so ergeben?

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Außerdem glauben wir alle an Wiedergeburt und möchten uns Spuren für zukünftige Leben legen. So wie Hänsel und Gretel… bloß nehmen wir statt Brot halt floureszierende Steinformationen, damit wir nicht bei der Hexe landen, sondern wieder zuhause. Wir hoffen, dass wir im nächsten Leben relativ früh auf unsere alten Platten stoßen und die Entwicklung von dort wieder aufnehmen können.

Christian: Wir haben einfach Lust solche Lieder zu machen. Das macht Spaß und schmeckt uns. Und das war auch schon von Anfang an klar. Die Arrangements haben sich halt auch irgendwie so ergeben. Wir gehen da relativ frei ran. Diese Song-Strukturen sind doch nicht die Wahrheit, das sind nur Formeln. Wir stehen auch auf gewöhnliche Songstrukturen, aber in unserem Fall wollten wir das erstmal nicht, schließen es aber auch nicht völlig aus. Auch, dass die Lieder so lang sind. Das war nicht eine konkrete Absicht. Wenn wir die Songs im Proberaum oder live spielen, kommt es uns selbst immer kürzer vor. Also verändern wir damit unser Zeitempfinden, was auch eine schöne Sache ist. Die Uhr hat keinen Einfluss in unseren Liedern, nur das eigene Gefühl.

Fabian: Die Vorgabe war, wir machen einfach alles, worauf wir Bock haben. Keine Genres, keine Schubladen, kein Popsongschema, etc. Es ist auch kein Gebot, dass die Songs lang werden, aber wir mögen es episch und lassen der Musik gerne soviel Platz wie sie halt braucht.

Gibt es einen typischen Songwritingprozess bei WOBURN HOUSE? Oder entstanden alle Songs auf verschiedene Arten? Benutzt ihr zum Komponieren auch Computer oder seid ihr eher Anhänger der guten alten Jamsession im Übungsraum?

Christian: Auf jeden Fall Anhänger der guten alten Jamsession im Übungsraum. Das ist immer noch das beste. Es ist eine Mischung aus Parts, die in Jams entstehen und Parts, die wir zu Hause komponieren, im Proberaum vorstellen und anschließend darüber jammen. Nach und nach fangen wir dann an die Sachen zu strukturieren.

Hinter den Reglern bei den Aufnahmen zu eurem Debüt saß ja Armin Rave. Meiner Meinung nach habt ihr einen richtig geilen Gitarrensound erwischt und auch in den anderen Soundabteilungen ist euer Werk angenehm authentisch ausgefallen. Wie seid ihr mit ihm in Kontakt gekommen und wie war die Arbeit im Studio? Habt ihr Sachen auch selber aufgenommen und seid erst zum Mischen zu ihm oder habt ihr euch für die ganzen Aufnahmen bei ihm im Studio verschanzt?

Fabian: Wir haben die ganze Platte selbst im Proberaum aufgenommen. Flo und Christian kannten Armin von anderen Projekten (ISLAND und KLAUBAUTAMANN) und er hatte auch Bock drauf, das zu machen. Dann sind wir mit den Spuren zu ihm ins Studio gefahren und er hat auch alles rausgeholt, was da zu machen war. Insgesamt war die Zusammenarbeit mit Armin sehr angenehm und entspannt. Wir hoffen, dass wir bei der nächsten Platte wieder mit ihm zusammenarbeiten können.

Eure Musik ist ja sehr vielschichtig und abwechslungsreich, da überrascht es wenig, dass eure Einflüsse von KHOLD via MESHUGGAH bis BOHREN UND DER CLUB OF GORE reichen (gemäß eurem Myspace-Profil). Welche anderen Bands beeinflussen euch sonst noch und warum? Oder ist es eher so, dass dies zwar Lieblingsbands von euch sind, aber ihr Einfluss eure Musik nicht berührt?

Christian: Alles inspiriert einen irgendwie. Wir haben da ein paar Lieblingsbands reingeschrieben. Aber wir spielen jetzt nicht ernsthaft sowas wie MESHUGGAH, aber trotzdem würde ich sagen, dass sie mich irgendwie beeinflussen. Dafür habe ich sie zu oft gehört und das gilt für die ein oder andere Band auch, die da drin steht.

Fabian: Eigentlich denken wir da nicht viel darüber nach. Ins Myspace-Profil muss man ja irgendwas reinschreiben und Vergleiche sind aussagekräftiger als lange Wortketten. Mir sagt Motorpsycho auf Valium halt mehr als Psychodelic Doom Rock.

Von dieser vielschichtigen Auswahl abgesehen: Welche Band hat euch ursprünglich zum Metal gebracht?

Christian: Als ich im Kindergarten war, hat mich Skandal im Sperrbezirk von der SPIDER MURPHY GANG ziemlich gekickt. Ich empfand das damals irgendwie als abgehend, hart oder fett… konnte es natürlich nicht beschreiben. Aber das Gefühl war so.

Fabian: SLAYER. Meine Eltern sind große SLAYER-Fans, haben sich auch auf einem SLAYER-Gig im Urlaub in der Schweiz kennengelernt. Ein Familienausflug bei uns zuhause war des öfteren mal SLAYER im E-Werk.

Ihr seid ja alle auch noch in anderen Bands aktiv, wie steht es da mit den Live-Aktivitäten von WOBURN HOUSE? Kommen sich eure einzelnen Projekte nicht in die Quere?

Christian: Bisher hatten wir da keine Probleme. Wir versuchen das alles Gelassen anzugehen.

Habt ihr noch andere Songs als die vier auf eurem aktuellen Album im Programm?

Christian: Ja, wir haben haben vier fertige Songs und an zwei arbeiten wir gerade.

Kommen wir zur letzten Frage: Wie sieht die Zukunft von WOBURN HOUSE aus? Sind weitere Alben und Live-Aktivitäten geplant?

Christian: Ein weiteres Album ist auf jeden Fall geplant. Momentan organisieren wir ein paar Konzerte, Angebote sind natürlich herzlichst willkommen. Bitte schreibt doch eine Mail über unser Kontaktformular.

Woburn
Wir träumen von Entwicklung, höheren Bewusstseinsstufen und dergleichen. Aber Angst, Misstrauen und der tägliche Kampf, überhaupt aus dem Bett zu steigen, werfen uns immer wieder zurück. Man fühlt sich oft eher wie in einer Déjà-vu- als in einer Traummaschine.

Bilder: Band

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.