WITHERFALL: Philharmoniker, die literweise Wein trinken

Wenn sich ein paar Weltklasse-Musiker zusammen tun, muss dabei nicht zwingend Weltklasse-Musik herauskommen. Im Falle WITHERFALL ist aber dies nun schon zum dritten Mal in gerade mal vier Jahren geschehen. Das kreative Duo Jake Dreyer und Joseph Michael scheint so etwas wie kreative Pausen nicht zu kennen und liefert mit “Curse Of Autumn” nun schon das dritte überragende Werk in der Schnittmenge von Progressive und Power Metal ab. Da kann man die Band ja mal zum Interview bitten. Was ursprünglich als Email-Interview geplant war, fand dann doch live, face to face über Zoom statt und wurde dadurch etwas ausschweifender… aber lest selbst!

Hey Leute!

Jake: Hey, wie geht´s dir? Wie ist die Situation bei euch?

Wir sind gerade kurz vor dem dritten Lockdown. Vor kurzem hat unsere Regierung entgegen vorheriger Entscheidungen beschlossen, bestimmte Dinge wieder zu öffnen und zack, gehen die Infektionszahlen wieder hoch, was natürlich zu erwarten war. Wir werden also wohl in Kürze wieder in den Lockdown gehen. Wie ist es bei euch?

Jake: Hier bei uns gibt es momentan fast gar keine Restriktionen, du kannst quasi machen was du willst. Joseph und ich haben kürzlich unsere erste Impfung erhalten.

Oh wow! Davon sind wir hier noch weit entfernt.

Joseph: Viele Firmen wollen, dass du eine Maske trägst aber es ist nicht mehr gesetzlich verpflichtend.

Ich schätze mal, dass es bei euch noch mehr auf den jeweiligen Bundesstaat ankommt und was die dortige Regierung entscheidet.

Jake: Ja genau, jeder Bundesstaat macht hier sein eigenes Ding, was das ganze ehrlich gesagt ziemlich verwirrend macht. Man scheint sich nicht auf eine verdammte Sache einigen zu können.

Joseph: Ich wurde von einer Dame angespuckt. Ich war aus und habe ein Glas Wein getrunken. Ich hatte ein feines Jacket an, daher dachte die Dame wohl, dass ich zum Personal gehöre, kam zu mir und sagte “Ich bin betrunken, ich hab mein Bier verschüttet” und dabei komplett über mich gespuckt ha ha ha.

Glückwunsch zu einem weiteren Meisterwerk, dem dritten in Folge. Ihr habt nun drei Alben und eine EP in etwas mehr als drei Jahren veröffentlicht. Ich könnte mir vorstellen, dass man Musik, die so komplex ist wie die von WITHERFALL, nicht zwischen zwei Dosen Bier schreibt. Schlaft ihr auch mal?

Jake: Ich wünschte, ich könnte mal schlafen. Das wäre großartig. Wir haben schon wieder angefangen, an einem neuen Album zu schreiben. Um ehrlich zu sein, wäre die Covid19-Pandemie nicht passiert, wäre das Album schon letztes Jahr erschienen. Geplant war eigentlich eine Veröffentlichung im November 2020, aber das wurde verschoben und um ehrlich zu sein, auf das Vinyl warten wir immer noch, das wird nicht vor April hier in den USA sein. Wir hätten eigentlich jedes Jahr eine Veröffentlichung gehabt, das war eigentlich unser Ziel und ist es immer noch.

Ich finde es beeindruckend, wie ihr es schafft Musik zu erschaffen, bei der man auf der einen Seite mit offenem Mund auf die spielerische Klasse der Musiker schaut, die mich auf der anderen Seite aber auch emotional sehr berührt. Es gibt nicht viele Bands, die das so gut unter einen Hut kriegen.

Jake: Das ist ein großartiges Kompliment.

Joseph: Wir trennen das Songwriting und die Musik nicht, beides entsteht zur selben Zeit und es hängt alles zusammen. Es ist nicht so, dass wir einen Gitarrenpart schreiben oder einen Schlagzeugpart und dann Sachen drumherum schreiben. Alles geschieht zwischen Jake und mir im selben Raum. Eine Melodie führt zur nächsten und eine Stimmung führt dahin, wo der Pr-Chorus hin soll. Wenn wir ein großes Feuerwerk abfeuern, dann muss es Sinn machen. Die richtig abgefahrenen Sachen, also Sachen mit vielen schnellen Arpeggien oder ähnliches entstehen, wenn wir zusammensitzen und Jake dann einfach loslegt und seine kleinen Sonette schreibt, die dann in die Komposition rein kommen.

Jake: Das sind Sachen, die im Nachgang passieren. Joseph und ich haben die Vision und der Rest ist dann nachträgliches Ausarbeiten. Wir haben da erstmal eine gewisse Stimmung, die wir erschaffen wollen, der ganze technische Bullshit kommt später. Die Hauptsache ist der Song an sich. Als wir die Band gegründet haben,war unser Mantra, dass wir keine Grenzen haben, was das Songwriting angeht. Wir wollten alles machen, was wir mögen. Wir mögen super melodische Sachen, mit denen jeder was anfangen kann, aber auch Sachen mit mehr Tiefgang und gleichzeitig hören wir uns auch technisch total verrückte Musik an. Und das kommt dann natürlich dabei heraus.

Jake Dreyer und Joseph Michael – die kreativen Köpfe hinter WITHERFALL


Unterscheidet sich die Herangehensweise beim Songwriting bei grundverschiedenen Songs wie “The River” und “And They All Blew Away”?

Joseph: In verschiedenen Stimmungen ja – aber letztendlich entstehen alle Songs so, dass Jake und ich zusammensitzen und alles ausarbeiten. Die klassische Lennon/McCartney-Art, die beiden Hauptsongwriter, die zusammen in einem Raum sitzen. Natürlich gibt es Dinge, die außerhalb davon entstehen. Zum Beispiel wenn ich eine vierteilige Harmonie-Sektion schreibe oder es da einen interessanten Gitarrenpart gibt, zu dem ich einen Kontrapunkt setzen will. Sowas passiert natürlich nicht in Echtzeit. Viel geht aber direkt vom Kopf aufs Papier beziehungsweise den Laptop.

Letztendlich ist es dieselbe Herangehensweise. Wir sind keine Jam-Band. Wir rufen nicht einfach mal Marco und Anthony an und sagen “Hey, wir haben hier ein paar Riffs, lasst uns mal sehen, ob daraus was wird”. Alles gescheit in dem Kontext, dass wir zwei eher Komponisten als Mitglieder einer Rockband sind.

Jake: Es gibt da verschiedenen Szenarien: Bei “The River” hatte ich diese Idee auf der Gitarre, die ich ziemlich beschissen aufgenommen habe. Du hörst meine Katze im Hintergrund und meine Schlüssel fallen. Das habe ich dann Joseph als Idee geschickt und es hat bei ihm gezündet. Er hat mir dann was zurück geschickt und dann wussten wir, in welche Richtung der Song geht.

“Wir hatten “The Curse Of Autumn” schon vor 2020 fertig geschrieben” – WITHERFALL lassen nichts anbrennen


A Prelude To Sorrow” war ein sehr persönliches Album, auf welchem Ihr den Tod eures Schlagzeugers und Freundes Adam Sagan verarbeitet habt. War es schwierig nach einem so intensiven und persönlichen Album wieder über anderen Kram zu schreiben?

Joseph: Nein, auf dem neuen Album sind auch einige sehr persönliche Sachen drauf. Adam war einfach der sprichwörtliche Elefant im Raum, als wir angefangen haben “A Prelude To Sorrow” zu schreiben.

Jake: Joseph schreibt alle Texte aber wenn er mit einem gewissen Thema ankommt, muss die Musik das auch wiederspiegeln. “A Prelude To Sorrow” hat diese unheimliche Stimmung. Als wir das Album geschrieben hatten, hatten wir nur dieses eine Thema im Kopf.

Joseph: So hat es sich zumindest entwickelt. Wir haben angefangen zu schreiben und hatten nie den Plan eine Rockoper über Adam zu schreiben. Aber nachdem wir drei, vier Songs geschrieben hatten, wurde uns klar, was das Thema des Albums sein würde. Wir hatten damals bereits “The Other Side Of Fear” angefangen, haben dann aber aufgehört daran zu arbeiten, weil es einfach nicht zum Thema des Albums gepasst hat. Also haben wir den Song zur Seite gelegt und erst für “The Curse Of Autumn” fertig gestellt. Die Aufnahmen zu “A Prelude To Sorrow” waren verrückt. Kurz nachdem wir fertig waren, wurde das Studio komplett zerstört und der Tontechniker, der an dem Album gearbeitet hat, starb an einer Herzattacke.

Jake: Damals gab es diesen riesigen Hurricane, Hurricane Michael, der das Studio und meine Heimatstadt Panama City komplett zerstört hat. Als Joseph dann den Songtitel “And The All Blew Away” hatte, dachte ich, dass wir unbedingt einen großen, epischen Song über die Natur schreiben müssen. Das ist alles echt, wir schreiben nicht über Goblins und Elfen.

Joseph: So sehr ich RONNIE JAMES DIO auch liebe, lyrisch und thematisch haben wir keinerlei Gemeinsamkeiten.

Hatte die Covid19-Pandemie einen Einfluss auf die Texte auf “Curse Of Autumn”?

Nein. Die Platte wurde geschrieben, bevor das alles passiert ist. Wir hatten die ganze Platte eigentlich schon vor 2020 fertig geschrieben.

Vor 2020? Wow!

Joseph: Ja, die Platte sollte eigentlich im November 2020 veröffentlicht werden. Wir sollen im März ins Studio gehen und haben letztendlich im April mit den Schlagzeugaufnahmen angefangen – ohne Jon Schaffer und Jim (Morris) wegen der Probleme mit den Flügen durch Covid19. Wir haben also ein paar Monate verloren. Dann gab es, beziehungsweise gibt es immer noch, ein Problem mit dem Termin für das Vinyl. Deswegen mussten wir das Album auf 2021 verschieben. Textlich gibt es also, außer vielleicht ein paar Zeilen in “And The All Blew Away”, keinerlei Bezüge zu Covid19. Es gibt auf dem ganzen Album vielleicht fünf Zeilen die sich darauf beziehen.

Jake: “And The All Blew Away” war der letzte Song, den wir fertiggestellt haben, den richtig großen Song. Mit dem waren wir denke ich so im März 2020 fertig. Es gab da also keinen wirklichen Einfluß. Während der Aufnahmen gab es natürlich überall diese furchterregende, beklemmende Stimmung. Das war auch zu Zeiten des Todes von George Floyd und der Black Lives Matter-Proteste. Jeder war irgendwie angespannt. Ich denke, diese Stimmung kommt auf dem Album rüber.

Joseph: An jedem Tag, den wir im Studio waren, ist irgendwas passiert. Die ersten Covid-Toten… Als wir angefangen haben aufzunehmen, waren alle nervös bei dem Gedanken, wie schlimm es vielleicht wird. Als wir losgelegt haben, gab es vielleicht weniger als hundert Tote, jedenfalls nicht so viele. Und irgendwann ging es dann los, dass man Reportagen über die Situation in Krankenhäusern gesehen, hat, wie Jake schon erwähnte die ganze Polizeigewalt und so weiter. Wir wurden jeden Tag von Nachrichten überflutet sobald wir das Studio verließen.

Jake: Wir kamen um vier Uhr Nachts, nach einem Sechzehn Stunden Tag nach Hause, in die kleine Hütte im Wald in der wir zu der Zeit gewohnt haben. Joseph machte Abendessen, wir haben den Fernseher eingeschaltet und… wow… das war verdammt finster…

Das ging mir ähnlich. Da kommt man nach einem langen Tag nach Hause, schaut Nachrichten und denkt sich nur “Scheiss drauf, es wird echt nicht besser…”

Jake: Es hilft dabei, dunkle Musik zu erschaffen. Wenn man aufnimmt, braucht man eine gewisse Atmosphäre. Wenn man kreativ wird, dann hat das ganze drumherum schon einen Einfluss.

WITHERFALL von links nach rechts: Marco Minnemann, Joseph Michael, Jake Dreyer, Alex Nasla, Anthony Crawford

 

Würdet Ihr WITHERFALL als eine richtige Band bezeichnen oder sind das eher ihr beide, Anthony Crawford und wer auch immer Zeit und Talent hat, das nächste Album aufzunehmen?

Joseph: Sind STEELY DAN eine Band?

Jake: Jedes unserer Alben hatte bisher einen eigenen Sound, was das Schlagzeug angeht. Wir wollten “Curse Of Autumn” eigentlich mit Gergo Borlai aufnehmen, der auch “A Prelude To Sorrow” eingespielt hat. Aber durch Covid19 hing der plötzlich in – ich glaube es war Spanien – fest. Wir mussten also in letzter Minute nach einem neuen Schlagzeuger suchen, denn konnten das Album nicht mehr verschieben. Wir wussten, dass wir es in diesem Zeitfenster fertigstellen mussten, welches wir uns gesetzt hatten. Das lag im August 2020. Wir brauchten also einen Schlagzeuger und der erste an den wir gedacht haben, war Marco Minnemann.

Wir lieben Marco, er ist fantastisch! Wir wollen mit ihm touren, es liegt an ihm. Marco ist ein sehr gefragter Schlagzeuger, er hat viele erfolgreiche Projekte. Es liegt bei ihm, die Tür ist immer offen. Das ist das Problem mit dieser Art von Musik. Einen Schlagzeuger, der das spielen kann, findest du halt nicht mal eben, wenn du einen Aushang im lokalen Musikgeschäft machst. Das würde echt keine guten Ergebnisse bringen, ha ha ha.

Joseph: Um mal mehr auf deinen Punkt einzugehen, Daniel. Ich denke, WITHERFALL sind eher eine Philharmonie. WITHERFALL sind wie meinetwegen Mozart, Beethoven, Stravinsky oder wer auch immer… Und die Musiker, die wir in der Band haben, sind dazu da die Kompositionen zu spielen. Es ist eine Rock Band, weil wir alle irre sind und weil es donnerndes Schlagzeug und Gitarren gibt. Es ist eher eine Philharmonie als… die MISFITS.

Anthony Crawford arbeitete oder arbeitet mit Künstlern wie Virgil Donati oder Justin Timberlake und spielt Fusion Jazz. Wie seid ihr an ihn geraten und wie passt er zu einem Haufen Metalheads?

Jake: Er ist ein Metalhead! Wir sind riesige Fans von Alan Holdsworth (2017 verstorbener Jazz-Gitarrist) und Alan hatte immer die absolut besten Musiker in seiner Band. Wir haben ein Video gefunden mit Anthony und Virgil im Line Up und dachten uns, wir brauchen so einen Bassisten. Wir wollten einen Bassisten, der auch ein Rockstar sein kann. Wenn du dir die Bassspuren anhörst, wirst du hören, dass Anthony nicht einfach nur Standardkram spielt.

Wir sind also auf ihn zugegangen und er war sofort dabei, er liebte die Musik. Und obwohl er nichts trinkt hängt er mit uns rum und mag den ganzen Blödsinn, den wir verzapfen. Er ist ein echtes Monster, ein totaler Profi. Und das ist das wichtigste für Joseph und mich, wenn wir mit jemandem zusammenarbeiten. Wir möchten Leute, die zuverlässig sind, die ihre Arbeit erledigen und pünktlich auftauchen.

Gospel, R&B, Jazz, Fusion, Metal… – Bass-Virtuose Anthony Crawford kennt keine Scheuklappen

Mit den beiden habt Ihr echt eine phänomenale Rhythmusabteilung, das sind beides echt Monster.

Jake: Oh ja, die Rhythmus Abteilung auf “Curse Of Autumn” aber auch auf “A Prelude To Sorrow” mit Gergo und Anthony… Anthony ist sowas wie ein Drogendealer für Musiker, speziell für Drummer. Was auch immer für Musiker du brauchst, er hat Leute für dich an der Hand. Was Metal, was diese Art von Musik angeht weiß ich echt nicht, wenn du noch finden könntest, der diesen Kram spielen kann.

Joseph: Da ist dieser andere Kerl, der für uns gespielt hat, Timbali (Anmerkung des Verfassers: James “Timbali” Cornwell). Er spielt Percussion. Der kam auch auf Empfehlung von Anthony und hat mit Leuten wie JANET JACKSON, MICHAEL JACKSON oder EARTH WIND AND FIRE gearbeitet.

Jake: Wir haben schon einige verdammt abgefahrene Einflüsse. Anthony hat einen Gospel- und R&B-Background. Das ist, womit er aufgewachsen ist und womit er sich vermutlich am wohlsten fühlt. Aber er liebt auch Metal und den ganzen Fusion Kram und das alles schmeißt er zusammen. Nur weil Joseph und ich die Kompositionen schreiben werden wir Leuten wie Marco MInnemann oder Anthony sicher nicht erklären, was für Fills sie zu spielen habe. Das ist der Grund, weshalb wir mit ihnen arbeiten. Ihre Einflüsse kommen also auch zum Tragen. Ich denke, daher ist der WITHERFALL-Sound ein Schmelztiegel aus vielen verschiedenen Stilen.

“Wir sind keine Band, die einfach ihr Label auf irgendeinen Scheiss klatscht”: Wenn WITHERFALL etwas tun, dann machen sie es richtig


Als Band einen eigenen Wein zu haben ist nichts neues, tatsächlich ist es sogar zu einem Trend geworden, den ich ziemlich irritierend finde. Aber ihr habt immerhin diese andauernde Verbindung zum Thema Wein. Da gab es diese “In Vino Veritas”-Edition eures ersten Albums oder der Videoclip zu “Vintage”. Ihr habt also eine gewisse Verbindung zu Wein. Wart ihr in den Produktionsprozess des Weins eingebunden?

Joseph: Wer, abgesehen von SATYRICON, hat seinen eigenen Wein?

QUEENSRYCHE, MOTÖRHEAD, SLAYER

Joseph: Die haben doch keinen… SLAYER haben ihren eigenen Wein???

Ich meine, nicht in der Form, dass Sie selber an der Produktion beteiligt gewesen wären. Einen Wein, auf dem SLAYER draufsteht halt.

Jospeh: Lenny (Rutledge, SANCTUARY) hat mir mal erzählt, das die Bands in WACKEN Wein mit dem Bandlogo bekommen haben. NEVERMORE und SANCUARY haben so einen Wein bekommen. Ich meine, das ist nicht dasselbe, jeder kann ein Logo auf irgendwas drucken.

Jake: Wir hatten immer schon Wein in unserer Bildsprache, seit den Anfängen. Wir sind keine Band, die ein Bier herausbringt, wir sind keine Bier trinkende Band, das würde nicht passen. Daher bleiben wir beim Wein. Wir haben beim Label mitgearbeitet und tatsächlich eine Menge Zeit in die Erstellung des Labels investiert. Das war nicht billig aber wir sind keine Band, die einfach ihr Label auf irgendwelchen Scheiss drauf klatscht.

Jospeh: Ich habe sogar dabei geholfen, das verdammte Zeug abzufüllen. Das ganze ist also mehr als nur eine nachträgliche Idee, so nachdem Motto “Wäre es nicht niedlich, wenn wir einen eigenen Wein hätten”. Wir lieben diesen Wein wirklich. Jake hat mindestens eine Zehntel der gesamten Produktion getrunken.

Jake: Es gab eine Menge Verkostungen ha ha ha…

Joseph: Bei den Aufnahmen zum aktuellen Album haben wir einiges davon getrunken. Und lustig, dass du Geoff Tate erwähnst, denn ich habe ihm gerad eine Flasche geschickt und hoffe, dass er sie mag.

Jake: Es ist ein guter Wein, wirklich!

Joseph: Er hat keine Zusatzstoffe. Das hast du ziemlich oft in Amerika, die kippen alles mögliche in den Wein ohne es auf dem Label zu deklarieren. Es ist also schon was besonderes, wenn du hier eine Firma findest, die sich um ihr Produkt kümmert und nicht einen Haufen Unsinn rein kippt. Ich will nicht schlecht über diese ganzen anderen Weine reden aber ich Wette, da sind Sachen wie Mega Purple (Anmerkung des Verfassers: Traubensaftkonzentrat, welches als Zusatzstoff speziell in eher niedrigpreisige Weine gemischt wird um ein einheitliches Farb und Geschmacksprofil zu erzeugen) und andere Zusatzstoffe drin, speziell bei Massenproduktionen.

Jake: Wir haben allerdings Probleme damit, den Wein nach Europa zu bekommen. Wir überlegen, nach einem Winzer zu suchen, der uns eine Abfüllung in Europa macht.

Wer von euch kann mehr trinken bevor er abstürzt?

Jospeph: Ich würde sagen, das hängt von deiner Definition von abstürzen ab. Jake kann definitiv mehr trinken aber ich würde sagen, die Hälfte von dem, was er trinkt ist nachdem er abgestürzt ist.

Jake: Und das, was in meinem Shirt landet. Ich bin gerade dabei umzuziehen und habe ein paar Weingläser gekauft. Fünf davon sind schon zerbrochen… It´s rock´n´roll man! Deine Alkoholtoleranz steigt deutlich, wenn du auf Tour bist.

Jospeh: Wir haben auch verdammt viel mit Jon (Schaffer, ICED EARTH, hat “Curse Of Autumn” produziert) getrunken während wir das Album aufgenommen haben.

Jake: Unsere gesamte Ernährung bestand mehr oder weniger aus Kaffee und Wein. Meine Gitarrensaiten sind gerissen, wegen des Säuregehalts ha ha ha. Wir haben beispielsweise zwölf Stunden Gitarren aufgenommen und dann kam Joseph um den Gesang aufzunehmen. Das war der Zeitpunkt für den ersten Drink. Da haben wir dann entspannt… oder, vielleicht nicht entspannt, wir sind aber kreativ geworden während der Gesangsaufnahmen. Marco (Minnemann) trinkt auch gerne. Nachdem er mit einer Aufnahmesession fertig war, haben wir drei Flaschen Wein in fünfzehn Minuten leer gemacht.

Jospeh: Ja, Marco hat seine eigenen Geschichten zu erzählen. Vielleicht bekommst du ihn ja auch mal an die Strippe, er ist echt verdammt lustig.

Ihr produziert eine Menge Videoclips, vor allem für das aktuelle und das letzte Album. Warum ist dieser visuelle Aspekt so wichtig für WITHERFALL?

Joseph: Es macht Spaß. Und es gibt ja sonst nichts, was wir tun können. Wir werden nicht nach Arizona fahren und Liveshows für zwanzig Leute spielen.

Jake: Wir werden auch keine Streaming-Konzerte spielen. Das ist nicht unser Ding. Und es ist auch nicht machbar, bei WITHERFALL ist jede gespielte Note teuer. Also sind die Videos der beste Weg unseren Namen zu verbreiten. Wir haben einen für jeden Song. Wir haben noch ein paar coole Überraschungen in petto. Aber ein wirklich großer Teil des visuellen Aspekts betrifft die Albumcover und so. Die Videos sind alle irgendwie unterschiedlich, man kann nicht sagen, dass sie alle einen gewissen Stil hätten. Die Albumcover, Kristians Artwork und das Logo, das sind aber die Sachen, die uns wichtiger sind. Die Videos sind einfach spaßig, wir wollen etwas unterhaltsames machen. Ich habe keinen Bock auf ein Video von uns in einem Lagerhaus.

Der Klassiker..

Jake: Yeah, das mag ich ungefähr so sehr wie du Bands mit eigenem Wein ha ha ha.

Jospeh: In den Neunzigern war das noch cool, da war es etwas neues. Aber heute ist das eher so “Wir haben keine Idee… Ach, lass uns einfach in dieses Lagerhaus gehen und ein paar Leuchten aufstellen”

Jake: Es ist nicht so, dass es eine schlechte Idee wäre, es macht einfach nur jede Band. Klar, es ist billig zu produzieren. Du musst nur die Beleuchtung ändern und du kannst fünf Songs an einem Tag aufnehmen oder wie viele Farboptionen deine Lichtanlage auch immer hat. Wir wollen aber einfach etwas mehr. Wir mögen die Videos der Achtziger oder der frühen Neunziger, zum Beispiel von GUNS´N´ROSES, wo es noch so etwas wie eine Story dazu gab. METALLICA haben das mit der Lagerhalle am besten gemacht mit dem Clip zu “One”. Wobei das glaube ich noch nicht mal in einem Lagerhaus war, sondern in einem Heim oder so. Das Video, das ja auch Szenen aus “Johnny Got His Gun” verwendet verpasst einem beim ansehen echt unbehagliche Gefühle. Das ist cool, so sollte es sein.

Ihr habt diese Dame auf all euren Albumcovern. Sie ist sowas wie euer Maskottchen, euer Eddie oder Snaggletooth sozusagen. Was ist ihre Geschichte?

Joseph: Ich glaube, den besten Kommentar dazu habe ich auf Twitter gelesen. Das war so in etwas “Was auch immer mit der Frau auf den WITHERFALL-Covern los ist, jemand muss sich um sie kümmern. Sie sieht aus, als würde sie Hilfe brauchen”.

Jake: Wer immer sie ist, sie hat es echt nicht leicht. Sie ist irgendwie immer traumatisiert. Sie ist der verdammte Fluch des Herbstes (= “Curse Of Autumn”). Bei jedem Album schnappt sie sich irgendjemanden aus unserem Produktionsteam, irgendjemand stirbt oder ihm widerfahren furchtbare Dinge. Ich werde keine Namen nennen…

Jospeh: Ihr Name ist ab sofort “Autumn”. Ihr Fluch verfolgt uns seit den Anfängen. Ich erinnere mich noch, als wir WITHERFALL gründeten, waren wir zu dritt. Kristian (Wahlin, Maler aller bisherigen WITHERFALL-Cover) schickte uns eine Skizze vom Cover und dort waren drei Grabmäler zu sehen, eines davon war irgendwie versperrt. Dann wurde Adam (Sagan, Drummer auf dem WITHERFALL-Debüt “Nocturnes And Requiems”) krank und starb und wir dachten uns “Wow, das ist echt verdammt kranke Scheisse… und wer ist diese Geisterfrau?”. Dieser Zusammenfluss aller möglichen Situationen um uns herum ist echt merkwürdig. Die Frau auf dem Cover ist ein wiederkehrendes Thema…

Jake: Sie war nie als Maskottchen gedacht. Ich würde Sie auch nicht so bezeichnen, sie ist einfach immer da. Sie ist sowas wie die Katze, die immer auf deiner Veranda auftaucht.

Eine vermutlich eher unerfreuliche Frage bezüglich Jon Schaffer. Er hat “Curse Of Autumn” ja produziert und du, Jake, warst mehrere Jahre ein Teil von ICED EARTH, ihr habt euch also vermutlich recht gut gekannt. Seine politischen Überzeugungen, die über die Jahre immer mehr in Richtung Verschwörungstheorien abdrifteten waren ja kein Geheimnis, wurden aber von vielen, auch mir selbst, wohl als wirres Gerede abgetan. Es hat mich als langjährigen ICED EARTH-Fan also doch ziemlich überrascht, dass er am Sturm auf das Kapitol teilgenommen hat und damit vermutlich seine Karriere als Musiker, womöglich sogar sein Leben als freier Mann beendet hat. Was waren deine ersten Gedanken und was ist deine Meinung zu dieser Sache?

Es klingt total verrückt aber wir haben eigentlich nie über Politik geredet. Es war also auch für uns ein Schock, als wir dieses Foto gesehen haben, welches alle anderen auch gesehen haben. Wir haben uns natürlich gefragt, was jetzt passiert… Es ist echt scheisse, Jon war ein super netter Typ. Ich habe gerne für ihn gearbeitet und auch gerne mit ihm gearbeitet, es hat immer Spaß gemacht. Die Aufnahmen zu “Curse Of Autumn” waren die entspanntesten Aufnahmen zu einem WITHERFALL-Album, die wir bisher hatten. Schaffer hat sich selbst in eine Grube gegraben, aus der man ihm momentan nicht wirklich raushelfen kann. Wir waren schockiert und es ist scheisse, denn er war ein Freund.

Kann ich nachvollziehen. Selbst wenn man selbst ein sehr politischer Mensch ist redet man vielleicht nicht mit jedem über Politik. Und ich schätze, man kann auch ein total netter Kerl sein und auf der anderen Seite ein Spinner.

Jake: Wir mögen Schaffer als das, was er ist, als Musiker und Produzent. Deswegen haben wir ihn angeheuert. Es ist in diesem Business nicht einfach jemanden zu finden, mit dem du persönlich gut klarkommst und der professionell arbeitet. Du kannst dir nicht aussuchen, was diese Leute glauben oder tun. Schaffer ist wer er ist. Er ist jetzt 53 und hat seine eigenen Ansichten, das heißt aber nicht, dass einer von uns diese Ansichten teilt. Man kann es sich manchmal nicht aussuchen. Du kannst dir deine Familie nicht aussuchen und es gibt für eine Band wie uns nicht allzu viele Optionen für Leute, mit denen wir zusammenarbeiten können.

Um die Stimmung mal wieder etwas aufzuhellen: Was ist euer Lieblingsdinosaurier?

Joseph: Was?? Ha ha ha…

Jake: Mein Spitzname ist T-Rex, das wäre also meine Wahl.

Joseph: Ich nehme den Pterodactylus.

Wenn die Pandemie bis dahin unter Kontrolle ist, werdet ihr im Herbst mit EVERGREY auf Tour nach Europa kommen, Was können wir von den Konzerten erwarten?

Joseph: Drei Songs! Wir werden drei Song spielen.

Jake: Ja, genau. “And They All Blew Away”. Zwei mal! Dann “Vintage” und Feierabend.

Joseph: Ich habe mit dem Booking Agent gesprochen, der uns für diese Tour gebucht hat und er hat heute nochmal gesagt, dass die Tour definitiv stattfinden wird. Er ist zu 99% sicher, es sei denn, das politische Klima ändert sich in letzter Minute. Ich meine, die Tour ist im Oktober. Wenn die Impfkampagne läuft, sehe ich keinen Grund, warum es nicht klappen sollte. Hier ist es eine totale Katastrophe aber in Nevada werden momentan um die 7.000 -10.000 Leute täglich geimpft. Ich habe natürlich keine Ahnung, wie es bei euch drüben läuft.

Wir verkacken die Impfkampagne momentan ziemlich aber ich vermute mal, dass wir irgendwann noch in die Spur finden. Ich glaube auch, dass die Chancen im Herbst recht gut stehen.

Jake: Es ist ja nicht nur Deutschland. Wir werden in Frankreich spielen, in Spanien und einigen anderen Ländern. Und wenn ein Land plötzlich ausfällt, was dann? Fünf freie Tage auf so einer Tour machen keinen Sinn. Es müssen also alle Länder ihren Scheiss auf die Reihe kriegen. Aber wenn das ganze stattfindet, wir es auf jeden Fall verdammt cool werden. Ich denke, EVERGREY sind eine tolle Band für eine Tour mit uns. Wir klingen zwar stilistisch völlig anders, haben aber eine ähnliche düstere Stimmung. Das aktuelle EVERGREY-Album “Escape Of The Phoenix”  ist echt cool. Ich wünschte, wir wären jetzt auf Tour. Das war der eigentliche Plan, weil wir beide gerade starke Platten veröffentlicht haben aber was willst du machen…

Das war es, ihr habt es geschafft. Vielen Dank für eure Zeit und eure Antworten und vor allem für die wundervolle Musik. Die letzten Worte gehören euch!

Jake: Wir wollen uns bei unseren deutschen Fans bedanken. Dankeschön (auf Deutsch), dass ihr uns auf Platz zwanzig der Charts gebracht habt. Eure Unterstützung ist unglaublich! Hoffentlich können wir im Herbst rüber kommen und für euch alle spielen, das wäre großartig!