VAN CANTO: Der Wind der Kontinuität

VAN CANTO: Der Wind der Kontinuität

VAN CANTO können auf ihrem vierten Album Break The Silence locker das Niveau der Vorgängerwerke halten. Aus dem originellen Newcomer ist inzwischen eine etablierte Band geworden, die nach der Out Of The Dark-Tour im Herbst zum Jahreswechsel schon wieder durch deutsche Hallen zieht mit dem Motto No Silence To The End. Stefan Schmidt erzählt im Interview von der Bandchemie, vom Einfluss der Live-Erfahrung aufs Songwriting und vom Blick über den Audiotonträgertellerrand.

Ich habe mal ein bisschen Statistik betrieben und bin auf sechs Jahre VAN VANTO gekommen, vier Alben, zwei Schlagzeuger, 117 Konzerte, 32 eigene Lieder, zwölf offizielle Videoclips – was fehlt euch noch in der Bandkarriere? Was wollt ihr noch erreichen?

Ein Gig auf jedem Kontinent. Ansonsten ist das mit den Zahlen schon irgendwie lustig, das habe ich letztens auch mal durchgerechnet. Es kommt zwar nicht drauf an, dass man von jedem Punkt eine große Zahl abreißt, aber wenn man sich das mal am Stück vor Augen hält, ist das schon eine coole Sache.

Was ich jetzt nicht aufgezählt habe, weil man das schlechter erfassen kann, sind natürlich die Leute, die eure Musik hören. Wo kommen eure Fans her? Wie werden die Leute auf VAN VANTO aufmerksam?

Ich glaube, wir haben bei den Touren, die wir gemacht haben, das immer ganz geschickt gemacht, dass wir uns abgewechselt haben mit Vorband- und Hauptbandstatus – und als Vorband dann als Headliner Bands gehabt haben, die genau zu uns gepasst haben, wie BLIND GUARDIAN zum Beispiel. Wir haben aber auch immer mal Sachen gemacht, wo man nicht sagen würde, dass da jetzt die Melodic Metaller in Masse dabei sind, wie zum Beispiel bei LETZTE INSTANZ oder bei unserer letzten Tour mit TRISTANIA. Ich denke, es ist schon so eine Mischung. Der Hauptteil kommt schon aus dem Bereich, wo man melodischen Power Metal hört. Ein Drittel, würde ich sagen, kommt aus Bereichen, die weniger bis überhaupt nichts mit Metal zu tun haben. Es gibt auf jeder Tour Leute, die sagen, sie hören eigentlich keinen Metal oder eigentlich keinen Metal mehr. Aber da sie irgendwie auf VAN CANTO aufmerksam geworden sind und das dann interessant genug erschien, haben sie sich Musik aus dem Bereich angenähert.

Ich habe bei der Frage vorausgesetzt, dass ihr überhaupt wisst, wo eure Fans herkommen. Gibt es da Möglichkeiten, das herauszufinden? Betreibt ihr so etwas wie Marktforschung?

Bei Konzerten wie denen mit BLIND GUARDIAN sind es natürlich zu viele, um die zu fragen, aber da liegt es nun mal auf der Hand, dass das alles BLIND GUARDIAN-Fans sind. Jetzt könnte man, wenn man das wissenschaftlich betreibt, natürlich die Frage stellen, wie homogen die Fanschar von BLIND GUARDIAN ist. Die ist auch schon total weit gestreut und enthält auch Leute, die sonst keinen Metal hören. Aber bei allen anderen Konzerten ist es schon noch so dass, wenn es jetzt unter 1000 Leute sind, man mit den Besuchern reden kann. Und natürlich erzählen dir gerade die Leute ihre Geschichte, die jetzt nicht standardmäßig auf jedem Metal-Festival sind. Die sagen dann zum Beispiel, dass sie früher IRON MAIDEN und METALLICA gehört haben und durch eins unserer Cover wieder darauf aufmerksam wurden. Oder sie erzählen dir, dass sie sich schon immer für Gesang oder A Cappella interessiert haben oder in einem Chor singen – und dann erst durch VAN CANTO gemerkt haben, dass es auch härtere Musik gibt, die ausschließlich mit Sängern funktionieren kann. Bei unseren Konzerten kommt die Erhebung einfach daher, dass wir mit den Leuten sprechen.

Zu eurem aktuellen Album Break The Silence: Du bist ja immer noch Hauptsongwriter. Was ist für dich der schwierigste Part beim Liederschreiben? Was bereitet dir am meisten Kummer, Ärger, Zeitaufwand?

Also Kummer habe ich beim Songwriting eigentlich nie. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich irgendeinen ganz tollen Teil geschrieben habe, und mir fällt einfach kein Lied drumherum ein, macht das vielleicht kurz mal ein bisschen Kummer, aber dann leg ich den Teil zur Seite und dann wird er meistens später doch noch irgendwo verwendet. Das Anstrengendste oder das, wo eben am wenigsten Fortschritt zu merken ist, das ist das Handwerkliche, wenn man die Grundidee des Songs fertig hat, aber noch nicht mit den eigentlichen Aufnahmen anfangen kann und nur dabei ist, die Stimmen auszurarrangieren. Soll die dritte Stimme von unten beim zweiten Akkordwechsel doch nach oben gehen? Das ist einfach das Handwerkliche, wo viel Zeit drauf geht, ohne dass Außenstehende oder jemand anderes in der Band ernsthaft merken würde, dass es weiter geht. Das sind dann die Phasen, wo man das Kreative umsetzt in etwas, das man auch wirklich aufnehmen kann.

Wie ist es dann beim Aufnehmen? Mal umgekehrt gefragt: Was lässt sich am einfachsten aufnehmen? Oder vielleicht auch: Wer lässt sich am einfachsten aufnehmen?

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Stefan Schmidt über Bass-Sänger Ingo Ike Sterzinger: Er fühlt sich wirklich wie ein Bassist, und er singt auch so. Da gibt es gar keine großen Diskussionen mehr, auch für ihn selbst nicht.

Da ist schon eine Entwicklung zu sehen, das muss man schon sagen. Die größte Entwicklung liegt bei Ike, wo wir am Anfang mit am meisten Zeit reingesteckt haben, wobei er in seinen vorherigen Bands auch nicht als Sänger aktiv war. Das ist bei den aktuellen Sachen eigentlich der einfachste Part. Ike ist derjenige, der bei seinem Instrument am meisten denkt und fühlt. Er fühlt sich wirklich wie ein Bassist, und er singt auch so. Da gibt es gar keine großen Diskussionen mehr, auch für ihn selbst nicht, weil er das einfach so macht, wie ein Basser das spielen würde.

Generell ist es bei Break The Silence so, dass wir die Platte geschrieben haben, während wir viele Live-Konzerte gespielt haben. Deswegen ist sie automatisch so geworden, dass die Arrangement viel einfacher zu singen sind. Das war nicht so geplant. Die Live-Umsetzbarkeit war da scheinbar die ganze Zeit im Hinterkopf, weil man die ganze Zeit Konzerte gespielt hat. Deswegen war bei diesen Aufnahmen eigentlich auch keiner, wo man jetzt richtig hätte kämpfen müssen. Das Einzige, was uns ein bisschen zu schaffen gemacht hat, waren acht Wochen, in denen hier rund ums Studio die Pollen geflogen sind und der Sly deswegen immer eine dicke Nase hatte.

Da müsst ihr mal zu HELLOWEEN auf die Kanarischen Inseln fliegen.

Genau, auf Teneriffa. Das sagt Charlie Bauerfeind auch immer – dass es da immer so unglaublich viel besser sei für die Sänger. Nur ist das halt auch immer so eine Sache. Eine Band wie wir könnte es sich leisten, da eine Woche hinzufliegen – dann müssten wir in der Woche aber auch alles singen. Dann glaube ich, ist es gesünder, die Aufnahmen über drei Monate zu strecken und dafür auch mal zwischendurch zwei, drei Tage Pause zu haben. Lieber so, als da jetzt mit fünf Sängern runter zu hetzen und jeder muss ran, weil die Studiozeit dahin rinnt. Ob dass dann am Ende wirklich gesünder klingt, wage ich zu bezweifeln.

Denkst du dann auch, dass es für die Musik besser ist, dass man nicht mehr wie früher zwei Wochen Studio fix hat, sondern das meiste bei sich zu Hause über Wochen und Monate hinweg aufnehmen kann? Den Großteil des Albums habt ihr ja bei dir im Heimstudio produziert.

Wenn man die Möglichkeit hat, im eigenen Studio aufzunehmen, muss man aufpassen, dass man sich nicht verzettelt. Wir sind jetzt nicht das Paradebeispiel dafür, dass man ewig lang braucht für eine Produktion, aber ich finde es schon wichtig, dass man auch so Phasen hat, wo man merkt: Da hat man jetzt einen Block und da arbeiten wir auch was weg. Gerade beim Schlagzeug finde ich das unheimlich wichtig. Deswegen machen wir die Schlagzeugaufnahmen auch immer am Stück. Danach machen wir dann immer blockweise weiter. Wenn natürlich der Ross aus Paderborn mal runterkommt ins Studio, dann singt er nicht nur einen Teil oder ein Lied, sondern dann machen wir schon zwei oder zweieinhalb Lieder, so dass man trotzdem immer das Gefühl hat, dass der Fokus jetzt auf einem Sänger liegt und dass man sich darum auch kümmert, nur halt so, dass wir die Blöcke, die wir aufnehmen, ein bisschen mehr durchmischen können, damit nicht einer eine Woche am Stück brüllen muss.

Von daher insgesamt finde ich für uns auf jeden Fall super. Aber mir würden auch sofort spontan aus meinem Bekannten- und Freundeskreis ganz viele Bands einfallen, für die das eigentlich der Tod ist, dass sie die Möglichkeit haben, zu Hause aufzunehmen. Das ist der Grund, weshalb sie, obwohl das alles Supermusiker sind, immer noch keine Platte aufgenommen haben: weil sie die Möglichkeit haben, immer wieder alles von vorne zu machen.

Weißt du, ob dass auch der Grund ist, warum dieses ominöse Orchesteralbum von BLIND GUARDIAN immer noch nicht erschienen ist?

Also da würde ich mich natürlich nie aus dem Fenster lehnen wollen, dafür jetzt ernsthaft einen Grund zu suchen. Aber ich glaub schon, dass das ein bisschen so ist. Ich hab da auch schon mit Hansi Kürsch drüber geredet, dass natürlich mein Lieblingsalbum von BLIND GUARDIAN, die Imaginations…, keine kleine Produktion war, obwohl sie damals schon keine kleine Band mehr waren, wo man ganz schnell fertig werden musste. Die waren immerhin bei Virgin. Trotzdem war das natürlich eine andere Arbeitsweise als jetzt. Sie waren damals in einem anderen Land im Studio und haben das weggerockt. Jetzt ist es natürlich auch eine ganz andere Art und Weise, um an die Musik heranzugehen. Das ist eher Komponistenarbeit, die sie jetzt haben, gerade bei so einem klassischen Stück, und dann wird das eben am Ende in einer Bandumsetzung veröffentlicht. Aber ich finde, die arbeiten dann eher so wie Filmmusiker und deswegen ist das für die bestimmt super so. Die wollen das auch so. Das ist Teil des Konzepts, weil die Kompositionen auch anspruchsvoller werden. Einer Band wie BLIND GUARDIAN muss man ja auch zu Gute halten, dass sie sich eigentlich immer von anderen Bands abgesetzt haben, indem sie irgendetwas Besonderes gemacht haben. Jetzt fahren sie eben besonders opulente Produktionen auf, und so heben sie sich immer ein bisschen von der Masse ab, und das schon seit Jahren. Das muss man schon den Hut vor ziehen, meiner Meinung nach.

Ja, auf jeden Fall. Zurück zu eurer eigenen Musik: Wie schwierig war es für euch, die Reihenfolge der Lieder auf der neuen CD festzulegen?

Wir waren uns relativ schnell einig. Dadurch, dass wir ein eindeutiges Verhältnis zwischen Covern und eigenen Songs hatten – immer auf zwei eigenen Songs kam ein Cover – war schon mal klar, dass wir die Cover verteilen wollten, dass es nicht irgendwo eine Stelle auf der Platte gibt, wo drei Cover nacheinander kommen. Dass If I Die In Battle ein Intro-Song ist, ist eigentlich auch ziemlich klar, weil er auch wirklich so komponiert wurde mit dem langsamen Gesangspart am Anfang, der prädestiniert dazu ist, in das Thema einzuleiten. Wenn man so ein paar Sachen fest hat – also wenn der erste Song feststeht, und dass Master Of The Wind der letzte sein soll – und man dann noch die Cover verteilen will, dann werden die Varianten doch schnell weniger. Da waren wir uns ziemlich schnell einig.

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VAN CANTO verzichten bei Banddiskussionen lieber auf E-Mails: Die wirklich kreativen Entscheidungen werden getroffen, wenn wir zusammensitzen. (Stefan Schmidt)

Wie wichtig für die Band-Chemie und die Band-Struktur ist E-Mail-Kommunikation?

Eigentlich nur für Sachen, die das Management betreffen, also wenn es wirklich darum geht: Wir haben jetzt am Wochenende ein Festival – fährst du mit dem Zug direkt da hin oder fährst du mit dem Zug hier hin und wir fahren dann gemeinsam mit im Bus? Sowas läuft natürlich über E-Mail und das ist auch wichtig. Das würde aber auch über E-Mail laufen, wenn wir im selben Ort wohnen würden. Denn das sind so Sachen, da kann man nicht ein Bandtreffen haben oder hoffen, dass alle am Mittwoch um 5 Zeit haben. Die wirklich kreativen Entscheidungen werden schon getroffen, wenn wir zusammensitzen. Gerade wenn wir uns lange nicht gesehen haben und dann so ein Tourblock kommt, dann sind die ersten beiden Tag für alle eigentlich immer auch um den Auftritt herum ziemlich stressig, weil es viel zu besprechen gibt, weil wir das lieber zu sechst machen, wenn wir uns gegenüber sitzen, als in ellenlangen E-Mails. Das habe ich, glaub ich, auch gelernt aus meiner alten Band. Da haben wir das teilweise sehr exzessiv gemacht – und das war nicht immer schön. Man weiß nie, in welcher Stimmung man jemanden trifft, und wenn da jemand in der E-Mail was schreibt, wo er gerade nicht gut drauf ist, das ist auf Dauer nicht gut, weil du dir die E-Mail immer wieder durchlesen kannst und immer eine Scheibe draufhaust und jedes Mal denkst du, mein Gott, wie ist denn der drauf? Wenn so was mal in einem Gespräch fällt, wenn einer nicht gut drauf ist, dann ist das viel normaler als per E-Mail. Wenn ein blöder Satz in einer E-Mail steht, dann ist er einfach in Stein gemeißelt. Du kriegst ihn nie wieder weg. In einem persönlichen Gespräch merkst du ja sofort, wenn dein Gegenüber irgendwie zusammenzuckt, dann denkst du: Oh, ich hab vielleicht gerade die falschen Worte gewählt. Dann schiebst du noch einen Satz hinterher, und schon ist alles wieder gut. Bei einer Band gibt es unglaublich viele emotionale Vorgänge. Da sind auch Egos betroffen, wenn verschiedene Leute anfangen, für die Band zu komponieren, gibt es natürlich auch verschiedene Meinungen, verschiedene Rückmeldungen – und da muss man einfach ein bisschen behutsam mit dem anderen umgehen. Gerade wenn man halt wie wir Wert darauf legt, dass man ein stabiles Line-Up hat und man auch Lust hat, sich wieder zu treffen, und nicht schon nach einem Tag Tour denkt: Mein Gott, was sind das eigentlich für Typen, mit denen ich meine Zeit verbringe? Obwohl ich viel mit Computern mache und das auch alles wichtig finde, bin ich schon ein bisschen davon abgekommen, das zu viel zu nutzen. Wir hängen auch nicht auf Facebook rum, um uns irgendwie abzusprechen. Das machen wir dann doch lieber von Auge zu Auge.

Auf der letzten Tour wart ihr auch viel in anderen Ländern unterwegs, wo ihr größtenteils vorher noch nie aufgetreten seid. Wie war es für dich, mal über den Tellerrand hinauszuschauen?

Total geil, zumal wir überall wirklich positiv überrascht wurden. Die Tour war extra so aufgebaut, dass Bands dabei waren, die in den jeweiligen Ländern auch schon mal waren. Wir dann natürlich vor allem in Deutschland, so dass wir da den anderen Bands ein bisschen Zuspruch verschaffen. TRISTANIA waren natürlich auch schon mehrmals in ganz Europa unterwegs. Ganz am Anfang waren auch noch REVAMP auf dem Billing, was dann leider nicht geklappt hat. Das wäre dann eigentlich für BeNeLux und England der Magnet gewesen. Für uns war es dann echt schön zu sehen, dass bei jedem Konzert auch wirklich eine Menge – VAN CANTO-Fans kann man vielleicht gar nicht sagen – aber zumindest VAN CANTO-Interessierte da waren. Das ist natürlich ein gutes Gefühl. Allein hätten wir die Tour nicht machen können, da hätten wir nur nach Tschechien und vielleicht nach Holland fahren können. In den anderen Ländern hat es sich wirklich gelohnt, in einem Package unterwegs zu sein. Da waren dann halt auch 300-500 Leute da, und das hat sich dann ein bisschen auf die Bands verteilt. Und jede Band hat auch die Chance, da ein paar Leute zu überzeugen, die noch nie etwas vom eigenen Bandnamen gehört haben.

Mit welcher Band würdest du gerne mal nach Australien gehen?

Mit BLIND GUARDIAN. Ich würde am liebsten überall mit BLIND GUARDIAN hingehen, weil ich bisher von den Auftritten, die wir bis jetzt hatten, das Gefühl habe, dass da die beste Mischung war mit Leuten, die uns noch nicht kennen, aber wenn sie uns dann hören, dann auch richtig gut finden. Dasselbe würde wahrscheinlich mit SABATON funktionieren. Gut, es gibt viele Bands, mit denen ich gerne mal spielen würde, aber die sind wahrscheinlich alle nicht groß genug, um in Australien zu touren. Also ich sage mal eine Package-Tour mit BLIND GUARDIAN und SABATON würde mir sehr gut gefallen.

Ihr wart auch in London und habt dort auch das Lied Neuer Wind gespielt. Wie kommt ihr dazu, wo ihr doch genügend Englisch-sprachige Lieder im Repertoire habt?

Ja, aber das haben wir bislang generell noch nicht gemacht, dass wir anfangen, irgendwas zu verschweigen. Wir haben ja auch mal auf einem Metal-Festival in Dessau gespielt im Black-Metal-Zelt – hinter uns waren MARDUK und da haben wir auch nicht gesagt, wir können jetzt nicht The Mission oder I Stand Alone spielen, weil die sonst denken, wir wären Pop-Schwuchteln. Das kannst du ja nicht machen. Wenn wir auf der ganzen Tour Neuer Wind spielen, weil es ein Song der neuen Platte ist, dann wollten wir den da auch nicht wegnehmen. Es war aber tatsächlich wirklich zu merken, dass die Leute irritiert waren. Hätte ich jetzt ehrlich gesagt gar nicht gedacht, weil mir noch nie aufgefallen ist, dass ich, wenn ich auf einem Konzert bin, da wirklich auf den Text des Sängers achte. Ich achte da mehr so auf das Gesamtbild und ich könnte mir auch vorstellen, dass man bei englischen Songs von uns als gebürtiger Engländer auch mal den Text nicht versteht, weil die Aussprache nicht 100%-ig ist oder so. Aber das war wirklich deutlich bei Neuer Wind, da sind alle so einen Schritt zurück. Man hat richtig gemerkt, die haben gerade verstanden, dass wir die Gitarren weglassen, und jetzt singen die noch deutsch – das war ihnen echt zuviel. Die haben jetzt nicht gepfiffen oder so, aber es war schon gut, dass wir danach englisch weitermachen konnten.

Du warst ja in Karlsruhe auf dem Konzert, habe ich gelesen. Das war eine sehr gute Zusammenfassung, ein sehr guter Durchschnittswert von allen Live-Berichten, die wir bekommen haben, weil so ziemlich jeder gesagt hat, es war eigentlich zu lang. Die Band, wegen der man gekommen ist – seien es jetzt wir oder eine der anderen – hat eigentlich zu kurz gespielt. Das war doch so eine Rückmeldung, die man da mitgenommen hat. Wenn wir das nochmals machen würden, dann wahrscheinlich mit einer Band weniger. Wobei wir uns mit allen super verstanden habenden. Und es gab auch in jeder Stadt eine, die besser funktioniert hat als eine andere. Da hätte ich jetzt nie gewusst, wen man nicht hätte mitnehmen sollen. Für die Zuschauer wäre eine Band weniger schon nett gewesen, glaube ich.

Wie geht es Dennis Strillinger?

Gut! Er spielt jetzt bei JODA GUITAR, ein – ja wie nennt man das? Also er sagt zwar immer, das sei Punk, aber ich finde, es ist eigentlich viel mehr so Thrash Metal und Speed Metal. Aber ansonsten ist er halt aus der ganz ambitionierten Musikersache raus. Das war aber eigentlich schon zu dem Zeitpunkt klar, als er mit VAN CANTO angefangen hat. Dafür, dass es ja eigentlich als Projekt geplant war, und wir am Anfang nicht wussten, ob wir jemals ein Konzert spielen, war die Art und Weise, wie wir dann den Drummerwechsel hingekriegt haben, ja eigentlich echt supercool – ohne Stress und ohne Streit und ohne dass die Leute es zu sehr gemerkt hätten.

Da können sich DREAM THEATER eine Scheibe abschneiden.

Ja gut, äh, ich weiß nicht. Wenn man so groß ist, kann man halt gar nichts mehr machen, ohne dass es die ganze Welt mitbekommt. Die Band hat sich für mich eigentlich nach der A Change Of Seasons erledigt. Weil – da kann er nichts dafür – der Sänger eine Stimmbandkrankheit hatte, ist das für mich einfach nicht mehr erträglich. Ein Lied kann ich mir geben und danach denke ich immer: Gönnt dem Mann doch mal eine Pause.

Wie kommt ihr dazu, Klick-lose Lieder von Bands wie METALLICA, IRON MAIDEN, DEEP PURPLE usw. mit einem doch recht starren Rhythmusgerüst aufzunehmen und live zu spielen?

Ja, das stimmt. Im Nachhinein muss ich auch sagen, dass das wohl ein bisschen mangelnde Erfahrung war. Wenn man jetzt guckt, wie wir unsere neuen, eigenen Songs gestalten, da sind durchaus Tempowechsel drin, die man vielleicht nicht merkt, weil sie teilweise auch über mehrere Takte schneller bzw. langsamer werden, einfach um so ein bisschen den Drive aufrecht zu erhalten. Das hätte gerade Fear Of The Dark  sicherlich gut getan. Vor allem die Half-Time-Teile hätten ein bisschen langsamer sein können, und die Abgeh-Teile dann mehr abgehen sollen. Den Song von DEEP PURPLE haben wir eh noch nicht live gespielt, und bei Master Of Puppets fand ich das dem Song eher zuträglich, weil das noch mal ein bisschen mehr ballert.

Ihr habt auf dem neuen Album als letztes Lied das erste Kapitel von einer multimedialen Crossover-Geschichte oder so ähnlich.

Transmedia-Projekt nennt man das dann wohl.

Das ist ja eine Art Konzeptstory. Weißt du, ob die Geschichte abgeschlossen ist bzw. weißt du schon, wie sie ausgeht? Oder ist das noch dynamisch im Entstehen?

Wie es ausgeht, kann man deswegen nicht sagen, weil dieser Kosmos, in dem wir uns da bewegen, auf verschiedenen Medien stattfinden wird. Und je nachdem, auf welchem Medium er erzählt wird, auch ein Ende hat oder eben nicht. Um es mal kurz zu machen: was wir zuerst planen, ist so eine multimediale Geschichte z.B. für Smartphones oder direkt für Computer, wo die Musik zwar die elementare Rolle spielt, also dass man der Musik zuhören kann, und gleichzeitig aber auch eine Bildebene hat, mit der man auch interaktiv so ein bisschen wie bei einem Spiel auch die Welt bildlich erkunden kann, in der das Ganze spielt. Diese multimediale Geschichte ist mehr so episodenhaftig angelegt. Da wird es einzelne Folgen geben, die vielleicht aufeinander aufbauen, vielleicht auch mal nicht, es wird vielleicht auch mal Folgen geben, die man quasi getrennt betrachten kann, wo man aber, wenn man die anderen Folgen kennt, man das halt besser einordnen kann. Jetzt haben wir bei so einer Ausschreibung des Thalia-Theaters teilgenommen, das ist in Hamburg, die Vorschläge annehmen für den Spielplan 2012/2013. Da probieren wir jetzt mal, so ein Metal-A-Cappella-Stück auch mal auf die Bühne zu bringen, also als Theater mit Musik. Ob man das dann Musical nennt oder ob das eher ein normales Theaterstück wird, wo dann halt einige Musikstücke drin vorkommen, das wird man dann sehen müssen. Da wäre es dann natürlich so, dass die Story abgeschlossen ist. Da gibt es dann wirklich zwei Akte mit verschiedenen Szenen, und am Ende soll schon was rauskommen. Dann planen wir zusammen mit der Zeichnerin, die auch das Poster für das Album gemacht hat, das auch schon so ein bisschen Szenen aus dieser Welt zeigt: eine Graphic Novel, also einen etwas aufwendigeren Band, der aus der Sicht einer der Charaktere erzählt wird. Das werden auch abgeschlossene Geschichten sein. Es ist vielleicht so wie bei einem normalen Comic. Wenn man Superman oder so sieht, da gibt es ja auch tausend Folgen und jede erzählt etwas für sich – und trotzdem gab es einen Film dazu, der dann einen Anfang und ein Ende hatte.

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Stefan Schmidt über die Fernsehkarriere von Lead-Sänger Dennis Sly Schunke: Er hat sogar mal bei so ganz schlechten Nachmittagsshows mitgespielt und ist dann bei irgendeiner Gerichtsshow der gewalttätige Duisburger gewesen, der gerade irgendwen verkloppt hat.

Ihr habt jetzt schon ziemlich viele Videos gedreht. Hast du von euch einen Lieblingsvideoclip?

Es gibt mehrere. Das ist genau wie bei den eigenen Songs auch, das wechselt. Ich finde der, der am besten gelungen ist von dem, was VAN CANTO so ausmacht, ist Speed Of Light, weil der auch am besten zeigt, das wir uns zwar so Fantasy-kompatibel bewegen von den Melodien und der Musik, die wir machen, dass das aber trotzdem irgendwie modern arrangiert wird. Speed Of Light spielt in beiden Welten und war damals auch eins der aufwändigeren Videos, weil wir es nicht selbst bezahlen mussten. Wenn ich eins auswählen müsste, würde ich das nehmen, und direkt danach Kings Of Metal, weil Feuer und Pyro dabei war. Das hat viel Spaß gemacht.

Das Lied The Mission war damals euer erster Videoclip – habt ihr das Lied bislang eigentlich bei jedem Konzert gespielt?

Ja. Der Song war bei unserem allerersten Auftritt dabei und hat seither noch nie gefehlt. Das wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben. Es dürfte sogar einige Auftritte gegeben haben, wo wir nur diesen Song gespielt haben, zum Beispiel auf unserer Promo-Tour in Brasilien. Da war das oft so, dass man ein Fernseh- oder Radiointerview hatte, und dann konnte man noch ein oder zwei Stücke spielen. Da war The Mission eigentlich auch immer dabei.

Wie würdest du reagieren, wenn jemand aus der Band zu dir kommt und um Erlaubnis fragt, bei einer Castingshow im Fernsehen mitzumachen?

Also streng genommen müsste er mich dazu überhaupt nicht fragen. Von daher würde ich sagen, er soll es machen, wenn er darauf Lust hat. Kann ich mir zwar jetzt nicht vorstellen, wer da auf mich zukommen sollte, aber ich weiß zum Beispiel, dass der Sly ganz früher, ich glaub sogar noch vor SYNASTHASIA-Zeiten, sogar mal bei so ganz schlechten Nachmittagsshows mitgespielt hat. Da musste er auch immer in so Castings. Da wird man dann als Schauspieler ausgebildet, und bei irgendeiner Gerichtsshow ist er dann der gewalttätige Duisburger gewesen, der gerade irgendwen verkloppt hat. Das konnte er sehr gut. Für Castingshows sind wir außerdem eh zu alt. Da gibt es, glaube ich, immer Höchstalter. Wir sind ja schon alle über 30, da darf man wahrscheinlich gar nicht mehr.

Werdet ihr manchmal von Leuten erkannt, mit denen ihr in euren normalen, nicht-Band-Berufen zu tun habt?

Dem Ross passiert es generell am häufigsten, dass er erkannt wird, weil er das auffälligste Äußere hat. Mir ist es auch schon passiert, dass ich bei der Arbeit jemand getroffen hat, der mir vom VAN CANTO-Konzert erzählt hat und mich nicht bildlich erkannt hat – ich stehe ja auch nicht immer ganz vorne – und dem musste ich erst einmal ein paar Beweise liefern, dass ich das wirklich bin. Sehr lustig.

Rein hypothetische Abschlussfrage: Welches Bandmitglied würdet ihr ins Rennen schicken, wenn ihr ein Wetttrinken gegen TANKARD bestreiten müsstet?

Bis vor zwei Jahren hätten wir da den Sly reingeschickt und der hätte auch gegen die komplette Band gewonnen; da bin ich mir sicher. Ein ausgeschlafener Ross hätte auch gute Chancen, lange mitzuhalten. Ja, ich glaube, wir würden den Ross vorschicken.

Jutze
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