tentation-bandfoto-2021-10

TENTATION: Heavy Metal, eine universelle Sprache!

Bei der diesjährigen Fußball Europameisterschaft ist die Equipe Tricolore leider hinter meinen Erwartungen und Hoffnungen zurückgeblieben. Dafür steht es um den französischen Heavy Metal umso besser, wie nach HERZEL nun TENTATION aus dem kleinen Dorf Torreilles in der Region Okzitanien beweisen. Deren Debüt “Le Berceau Des Dieux” ist ein starkes Stück klassischer Heavy Metal, der klar in den Achtzigern verwurzelt ist. Was es über die Band und das Album so zu erzählen gibt, könnt ihr in diesem Interview lesen, welches per Mail mit Bassist Guillaume “Guix” Pastor sowie Sänger Patrice Rôhée geführt wurde.

Hey Leute! Wie geht es euch? Ich hoffe ihr seid bisher alle sicher und gesund durch die Pandemie gekommen?

Guix: Hi Daniel! Uns geht es gut, danke! Eine gute Sache an der Pandemie war, dass wir uns auf das Songwriting stürzen konnten.

Wie ist die Situation in eurer Gegend momentan? 

Guix: Da wir in einer sehr touristischen Gegend leben, hatten wir einen eher komplizierten Sommer mit Restriktionen und Verboten, aber das ist die Vergangenheit! Ende August waren wir in der Lage, nahezu zur Normalität zurückzukehren. 

Vielen Dank für “Le Berceau Des Dieux”, ein exzellentes, klassisches Heavy Metal-Album. Ich habe es sehr genossen!

Guix : Nein, wir haben zu danken! Wir sind sehr glücklich das zu hören und freuen uns, dass es dir gefällt. 

Ich höre eine Menge IRON MAIDEN in den Songs, aber auch JUDAS PRIEST was die Gitarren angeht. Welche weiteren Bands würdet ihr als Haupteinflüsse für TENTATION bezeichnen und was hört Ihr sonst so?

Guix: Da liegst du richtig, IRON MAIDEN und vor allem JUDAS PRIEST zählen zu unseren Einflüssen. Dazu kommen weitere Bands der NWOBHM sowie französische 80er-Bands wie SORTILEGE, BLASPHEME oder ADX. Wir lieben unsere alten Bands ha ha ha. Natürlich hören wir auch noch mehr Kram. Ich zum Beispiel lebe Punk! Patrice und Laurent mögen Thrash und Death Metal und Guillaume liebt Rock´n´Roll. Verschiedene Stile aber dieselbe musikalische Richtung. 

TENTATION sind eine Passion, die wir jeden Tag ausleben

Ihr habt die Band 2012 gegründet, aber euer Debüt erst dieses Jahr veröffentlicht. Vorher gab es 2015 eine EP, 2018 eine Single und im selben Jahr die Split mit IRON SLAUGHT. Warum hat es beinahe ein Jahrzehnt gebraucht, bis ihr ein volles Album veröffentlicht? 

Guix: Ganz ehrlich, wir sind nicht die Art von Leuten, die etwas schnell veröffentlicht. Für uns sind TENTATION nur eine Passion, die wir jeden Tag ausleben, ohne Stress. Wir alle haben Familie und eine Beruf und das steht an erster Stelle. Wir nehmen uns Zeit zum komponieren und wollen sicher sein, dass die Songs gut sind. Wenn uns ein Song nicht gefällt legen wir ihn zur Seite und kommen später auf ihn zurück, um ihn zu verbessern oder wir vergessen ihn komplett. 

Die beiden Guillaumes sind ein wenig jünger als Patrice und Laurent, richtig? Erzählt uns ein wenig von der Band, wie ihr euch getroffen habt und wie es zu der Idee kam, TENTATION zu gründen. 

Guix: Ja, wir haben zwei alte Männer in der Band (Bitte schlag mich nicht ha ha ha). Die Idee kam uns nach einem Konzert, welches wir mit unserem Verein Pyrenean Metal veranstaltet haben. Ich habe zusammen mit Patrice angefangen Heavy Metal zu hören als ich 13 war und habe dann Guillaume dazu gebracht, auch Metal zu hören. Wir haben die Band 2012 gegründet und unser Ziel war es eine 7” zu veröffentlichen, ein Konzert zu spielen und eine Split zu veröffentlichen, wie viele Bands in den Achtzigern. Wir haben einige interne Line Up-Umstellungen gemacht – ich bin vom Gesang an den Bass gewechselt, Patrice vom Schlagzeug an den Gesang, und das war der Punkt, an dem Lauren dazu gestoßen ist und uns nochmal einen zusätzlichen Schub gegeben hat. 

Foto: Lauren Coranti-Herten

 

Wer ist für was verantwortlich bei euch? Schreibt ihr die Songs zusammen im Team oder jeder für sich? 

Guix: Wir fangen damit an, uns ein paar Riffs anzuhören, die Guillaume komponiert. Wir schauen dann, was man wie zusammenbringen kann und arbeiten dann an der Struktur. Wenn der Song dann musikalisch soweit fertig ist, versucht Patrice eine Gesangsmelodie dazu zu finden und sobald das erledigt ist schreibt er den Text. 

Der Titel heißt übersetzt “Die Wiege der Götter”. Was genau ist die Wiege der Götter?

Patrice: Die Erde, wo Frauen die Rückkehr der alten Götter vorbereiten. 

Die meisten Texte beschäftigen sich mit Mythologien aus aller Welt, vom alten Ägypten über Griechenland bis zu den Wikingern. Und eure epische Power Ballade zollt Balder, einem Sohn Odins Tribut. Seid ihr alle an Mythologie interessiert? Woher nehmt ihr eure Inspiration? Aus Büchern oder auch aus Filmen oder Serien?

Guix: Patrice mag die alten Götter, als es bei Religion noch nicht nur noch um Macht und Gier ging. Er mag auch Horror, erotische Filme, Videospiele und “Magic The Gathering”. Er schreibt die Texte nach seiner Stimmung, seinen Leidenschaften, verschiedenen Ereignissen… 

Meine dreijährige Tochter mag den Song “Conquérants” sehr, wobei die dachte, ihr würdet “Pokemon” singen. Wenn Ihr einen Song über einen Pokemon schreiben müsstet, welchen würdet ihr wählen? 

Guix: Ha ha ha, catch them all! Ich denke Patrice würde eher songs über “Magic The Gathering”-Karten oder alte Rollenspiele schreiben. Wenn ich einen Pokemon wählen müsste, dann wäre es Charizard (Deutsch: Glurak). Ein sehr starker Pokemon mit gnadenlosen Feuerattacken und vor allem einem beschissenen Charakter. 

Wovon handelt der Song “Le Couvent” und wo spielt die Handlung? 

Patrice : Der Song handelt von einem religiösen Kloster, welches sich einem Dämonen hingibt, um seine Freiheit wiederzuerlangen. Es endet damit, dass sie alle abgeschlachtet werden und den Ort bis in alle Ewigkeiten heimsuchen. Wenn du den Film “Dark Waters” von Mariano Baino noch nicht kennst, solltest du das nachholen!

Wer spielt die Orgel in dem Song? 

Guix: Das ist der geheimnisvolle Mann hinter der Maske, mit seinem langen Mantel und… Ha ha ha, nein, das ist nur Laurent mit seinem MIDI Keyboard.

“L’enfant de Gosthal” ist ein kurzes Instrumental vor dem letzten Song des Albums. Wer sind denn Gosthal und sein Kind? Ich habe lediglich den Songtitel “Isthar Vandemm et Gosthal” der obskuren,  französischen Band PONCE PILATE gefunden, von denen ihr auf der Split mit IRON SLAUGHT einen Song gecovered habt. 

Guix: Das Stück wurde von Yann Parpeix von PONCE PILATE komponiert. Seit der Split wollten wir unbedingt mit ihm arbeiten, weil wir alle das Album “Les enfants du cimetière” sehr mögen. Wir haben den Titel als Anspielung auf den ursprünglichen Song von PONCE PILATE gewählt, so als wäre dieses Stück die logische Fortsetzung. 

Die Band existierte nur von 1979 bis 1985 und hat ein einziges Album veröffentlicht. Sie scheinen damit aber durchaus Eindruck bei euch hinterlassen zu haben. 

Guix: Wie ich weiter oben schon gesagt habe bedeutet uns das Album sehr viel. Es ist vielleicht das obskurste Album, welches in Frankreich veröffentlicht wurde. Es hat etwas mysteriöses und mystisches. Nein, das Album ist nicht sehr bekannt. Du wirst es beim ersten Hören vielleicht merkwürdig finden, aber wenn du dich hinsetzt und wirklich zuhörst wirst du feststellen, dass das Album voller Metaphern und psychedelischer Sounds steckt.  

“Blanche” erzählt die Geschichte von Blanche Monnier, die von ihren Eltern für 25 Jahre eingesperrt wurde. Wenn das jemand mit dir tun würde, dir aber erlauben würde, fünf Alben mit in deine Zelle zu nehmen, welche würdest du wählen? Ja, du hast eine HiFi-Anlage in deiner Zelle. 

Guix : Sehr schwere Wahl! 

1. PONCE PILATE  “Les Enfants du Cimetière”
Ein Album, welches mir persönlich viel bedeutet und wichtig für meine musikalische Entwicklung war. 

2. JUDAS PRIEST “Sad Wings Of Destiny”
Das erste Heavy Metal-Album, welches ich gehört habe!

3. FATES WARNINGAwaken The Guardian
Genau wie bei PONCE PILATE bedeutet mir dieses Album sehr viel.

4. WARLORD – “Deliver US”
Für mich das vielleicht beste Metal-Album aller Zeiten. Da stimmt einfach alles!

5. KOMINTERN SECT  “Les Uns Sans Les Autres”
Ich musste noch ein französisches Punk-Album wählen. Auf diesem Album gibt es einen Song über Freundschaft. Der repräsentiert den Spirit in unserer Band perfekt. 

Bei “Heavy Metal” gibt es Gastauftritte der Sänger von TITAN, IRON SLAUGHT und HEXECUTOR – Wie ist eure Beziehung zu diesen Bands? 

Guix: Wir wollten einen Song von Freunden für Freunde erschaffen, also luden wir Patrice, Jey und Jeremy ein, ihren Gesang beizusteuern. Sie sind gute Freunde, mit denen wir die Bühne geteilt haben. Aufgrund der aktuellen Lage sehen wir uns momentan selten, aber es ist jedes Mal eine Freude sie zu treffen.  

Der Song sticht hervor, da er der einzige ist, bei dem es um Metal an sich geht. Ich mag den Song wirklich sehr, ein rohes, direktes Stück. Ist das ein Song über euch, wie ihr durch die Straßen von Torreilles zieht und auf die Kacke haut? 

Guix: Ha ha ha, natürlich nicht! Torreilles ist ein sehr kleines Dorf und wir lieben es. Der Song handelt von einer Gruppe “Hardos” (Französischer Spitzname für Metaller aus den Achtzigern), die sich jedes Wochenende treffen um Zeit miteinander zu verbringen, Musik zu hören, zu feiern und sich zu zanken. Wie in den Achtzigern, auch wenn ich das selber nicht erlebt habe. 

Du bist auch beim PYRENEAN WARRIORS Festival involviert. Dieses Jahr habt ihr ein Festival ausschließlich mit französischen Bands veranstaltet, ich nehme mal an pandemiebedingt. Wie war es denn, auf dem eigenen Festival zu spielen und wie lief es generell? 

Guix: Wir haben immer gesagt, dass wir dort nicht spielen würden, weil wir beides nicht vermischen wollten. Ein Festival mit mehr als tausend Zuschauern zu organisieren und dort zu spielen ist ziemlich kompliziert, auch wenn wir ein fantastisches Team von Freiwilligen haben. Diese Jahr war es aufgrund der Pandemie in der Tat speziell aber absolut perfekt. Ein hundert Prozent französisches Line Up, etwa Vierhundert Leute, Freunde von überall – die perfekte Kombination. Es war eine sehr bereichernde Erfahrung. Es ist immer ein Vergnügen zu Hause zu spielen. Natürlich war die Doppelbelastung spürbar, aber das hat unsere Freude darüber, wieder auf die Bühne zu gehen nicht eingeschränkt. 

Das Line Up für nächstes Jahr sieht großartig aus! Wenn es nicht 1.200 Kilometer entfernt wäre, würde ich gerne dort hin. 

Guix : Du bist herzlich willkommen! Wir haben alles: Meer, Berge, Sonne, gutes Essen und vor allem gutes Bier! 

Was ist dein LIeblings-Dinoaurier? 

Guix: Der Erliansaurus, weil er genauso hässlich ist wie Patrice!

Heavy Metal, eine universelle Sprache!

Wie ist die Szene in der Gegend um Torreilles? Gibt es weitere Bands aus eurer Gegend, die du empfehlen kannst? 

Patrice: Aus der Gegend gab es damals Bands wie BLUE WOLF, EXHAUST, KANCER und HÖLY GHÖST. Sie haben für eine gewisse Dynamik in der Szene in den Achtzigern und Neunzigern gesorgt. Heutzutage hätten wir BLIND WISDOM. Und wenn wir etwas weiter in die Region gehen, kannst du echte Juwelen wie ZÖLDIER NOIZ, MÜTIILATION für extremen Metal und CRAZY HAMMER und IRON SLAUGHT für klassischen Heavy Metal finden. 

Auf eurer Bandcamp-Seite sind alle physischen Tonträger eurer Debüt-EP ausverkauft. Gibt es Pläne für eine Nachpressung? 

Guix: Wir haben vage darüber gesprochen, denn die Preise, die man im Internet dafür sieht machen einen echt wütend. Da geht es um Spekulation und das widerspricht dem Ethos der Band. Aber durch die Veröffentlichung des Albums steht das aktuell nicht auf der Agenda. Vielleicht eines Tages. 

In einer Rezension, die ihr auf Facebook geteilt habt, hat der Versager geschrieben, dass französisch keine gute Sprache für Heavy Metal sei, was ja offensichtlich bullshit ist. Gibt es da etwas, das ihr erwidern würdet?

Guix: Jeder kann sagen, was er denkt. Manche Leute lieben es, andere hassen es. Das ist das Spiel von Musik und freiem Willen. Wir respektieren das – Letztendlich ist Heavy Metal eine universelle Sprache!

Nichtsdestotrotz war die französische Szene nie so groß wie die Szene in Ländern wie Deutschland, Schweden oder auch Italien beziehungsweise hat nie die gleiche Aufmerksamkeit bekommen. Was meinst du, woran das liegt? 

Die Franzosen haben immer eine schlechte Meinung von Musik aus Frankreich gehabt. Viele mögen Musik von anderswo lieber. Die Magazine scheinen das auch so zu sehen, das war schon in den Achtzigern so. Die Bands aus den Achtzigern haben also nie die Unterstützung bekommen, die sie verdient hätten. Unserem Album wurden zum Beispiel mit Ausnahme einiger Underground-Medien auch nur ein paar wenige Zeilen gewidmet, während es in Spanien oder speziell Deutschland ganze Seiten waren. 

Das war es – Du hast es durch das Interview geschafft. Vielen Dank für deine Zeit und ein großartiges Stück französischen Stahl! Ich hoffe, ich kann euch irgendwann mal live sehen. Irgendwelche letzten Worte?

Guix: Danke für die Gelegenheit, ein wenig von uns zu erzählen. Wir sind froh, dass dir das Album gefällt. Hoffentlich sehen wir uns irgendwann mal und trinken ein paar Bier!