SHRINEBUILDER: Die Respekt-Spirale

SHRINEBUILDER: Die Respekt-Spirale

Etwas mürrisch ist Scott Kelly als er um 6:00 Uhr morgens ans Telefon zitiert wird. Vor der Arbeit beantwortet er etwas Einsilbig, aber herzlich wie immer Fragen zu seiner neuen Band SHRINEBUILDER, deren Besetzung die Creme de la Creme der US-Doom und Stoner-Szene beinhaltet. Neben dem NEUROSIS-Frontmann sind außerdem Dale Crover von den MELVINS, SAINT VITUS-Legende WINO und Al Cisneros von den meditierenden Psychedelic-Freaks OM mit von der Partie. Dass SHRINEBUILDER mit entsprechend hohen Erwartungen zu kämpfen haben, lässt Scott nicht aus der Ruhe bringen. Bodenständigkeit ist die oberste Prämisse, auch für eine Band dieses Kalibers.

 

Hallo Scott, meinen Glückwunsch zum tollen SHRINEBUILDER-Debüt. Wie geht es zu dieser frühen Stunde?

Danke sehr, mir geht´s gut.

Wie kam es zur Formation von SHRINEBUILDER? Wer hatte die Idee an dieser Band?

Zuerst sprachen Al und WINO darüber eine neue Band zu gründen, darauf bauten die restlichen Ideen auf und wuchsen immer weiter. Es gab keinen großen Plan, eine All-Star-Band zu gründen, die beiden wollten einfach etwas Neues machen. Es kam einfach so, dass wir uns alle fanden und zusammen spielten.

Wie lange hat es von der ersten Idee, bis ihr euch zum ersten Mal im vergangenen Januar getroffen habt, gedauert?

Das waren ungefähr drei Jahre.

Der Name SHRINEBUILDER klingt so, als würdet ihr jemandem Tribut zollen, den Urvätern, BLACK SABBATH und Co. Tatsächlich ist es aber so, dass euch die Leute diesen Respekt entgegen bringen.

Al hat der Band sehr früh ihren Namen gegeben, noch bevor er mich gefragt hat, ob ich ein Teil davon sein will. Ich finde diesen Namen großartig, er zeigt einfach um was es im Leben geht. Um Respekt darzubieten. Bevor wir angefangen haben, gab es andere, und die haben uns beeinflusst. Das ganze Leben ist eine derartige Spirale.

Das Artwork zeigt aber eine andere Szenerie. Ein großer, abstrakter Tempel im Zentrum des Bildes, mit einem Feuer darin, darum versammeln sich Schlagen und abseits, im Eck ist das Skelett eines Königs mit seiner Krone. Das sieht eher nach Revolution aus.

Ja, ich weiß. Wir hatten eine vage Idee und haben diese Josh Graham mitgeteilt. WINO hatte die Idee mit den Schlangen und irgendwie kam das Bild zustande. Das sollte auch nicht zu sehr erklärt werden. Es ist einfach ein starkes Symbol und soll einfach gehalten werden. Es passt auch zum Album und visualisiert das Konzept so, wie wir es wollten.

Sogar vor den Aufnahmen hat eure Gefolgschaft mit angehaltenem Atem gewartet. Was hättet ihr getan, wenn Shrinebuilder nicht euren Ansprüchen gerecht geworden wäre?

Ich weiß es nicht. Aber wir wussten, dass es gut werden würde. Wir haben die Songs und Riffs über eine lange Zeit hinweg zusammen getragen, es war nur schwierig, alles in diesem knappen Zeitrahmen aufzunehmen. Aber wir waren gut vorbereitet und haben schon oft in kurzen Zeitspannen mit unseren anderen Bands aufgenommen. Wir sind wirklich froh darüber, dass unser Material so gut geworden ist. Unsere Arbeitsweise stimmt, wir haben schon neue Songs geschrieben und werden auch in absehbarer Zeit wieder aufnehmen.

Wurden die Arrangements schon im Vorfeld durchgeführt, oder geschah das noch im Studio?

Nein, das wurde hauptsächlich über E-Mail realisiert. Der Abend bevor wir ins Studio gingen, war der erste Abend, an dem wir vier im echten Leben zusammen gespielt haben. Wir haben da noch ein paar kleine Veränderungen vorgenommen, aber als wir am nächsten Morgen ins Studio gingen, wussten wir, was wir tun würden.

Alles andere wäre wohl schwierig geworden.

Es wäre sogar unmöglich gewesen. (lacht)

Dass in drei Tagen aufgenommen wurde, ist allein schon beachtlich. Als Tontechniker arbeitete ja Toshi Kasai an eurem Debüt.

 SHRINEBUILDER
Voller Symbolik – das Artwork zu Shrinebuilder.

Kasai kennt sich gut aus, er hat schon viel für BIG BUSINESS gemacht und auch die letzten beiden MELVINS-Alben produziert. Dale und er haben schon viel zusammen gearbeitet, haben verschiedene Alben produziert. Aufnahmen, die in drei Tagen über die Bühne gehen, sind dennoch ziemlich normal für uns. Das letzte NEUROSIS-Album wurde in ähnlich kurzer Zeit aufgenommen.

Ich vermute, ihr habt Shrinebuilder live eingespielt.

Genau. Man muss einfach nur konzentriert arbeiten. Wenn man sehr auf das Geld achten muss, lernt man schnell zu arbeiten. Jeder von uns ist schon lange aktiv und kann mit diesem Druck gut umgehen.

Mich hat überrascht, dass Steve Albini euer Debüt nicht produziert hat.

Ich hätte liebend gerne mit ihm aufgenommen, aber die Zeit hat es nicht zugelassen. Wenn alle nach Chicago reisen müssen, fallen schon wieder zwei Tage Arbeitszeit weg. Wir haben dann über Dale Toshi kennen gelernt und es hat sich herausgestellt, dass er mit ganzem Herzen bei der Sache war. Diese Aufnahmen wurden zu einer wundervollen Erfahrung.

Mir ist beim Hören von Shrinebuilder aufgefallen, dass dieses Album wie ein Zusammentreffen der Elemente klingt, und jedes Element wird durch einen Musiker symbolisiert. Dale ist die Erde, Al die Luft, WINO das Wasser und du bist das Feuer. Kannst du das nachvollziehen?

Ja, das kann ich. (lacht) Ich wäre lieber seltener das Feuer. Dennoch sind die Grenzen fließend. WINOs Performance ist auch sehr erdig und auch Dale repräsentiert nicht selten das Feuer. Wie auch immer, alle Elemente kommen auf diesem Album vor, das ist sicher.

Ich finde Dales Rolle in SHRINEBUILDER sehr interessant ist, da er der einzige ist, der mit den MELVINS in einer recht abgefahrenen Band spielt, während der Rest von euch eher in ernsten Bands aktiv ist. War auch SHRINEBUILDERs Ernsthaftigkeit Dales Motivation dort einzusteigen?

Das musst du Dale selbst fragen. Die MELVINS waren schon immer etwas verdreht, aber mindestens genauso ernsthaft. Diese Band ist so einzigartig, so kreativ und sie haben so viel für die Rockmusik geleistet. Wer weiß, wo wir wären, wenn es sie nicht gäbe. Ihr Humor ist einzigartig und ich finde etwas Verrücktheit und Humor gar nicht schlecht. In meiner Musik möchte ich das nicht ausdrücken, aber im Leben braucht man das auf jeden Fall. Dass Dale bei SHRINEBUILDER etwas anderes macht, als man es von ihm gewohnt ist, werte ich positiv, denn wir sind nicht NEUROSIS, OM, THE HIDDEN HAND oder die MELVINS. Es ist etwas ganz anderes, bei dem vier verschiedene Menschen zusammentreffen und eine Erfahrung machen wollen.

Man kann trotzdem auf jeden Fall hören, wer welche Riffs geschrieben hat. Besonders auffällig ist das bei Blind For All To See, das eindeutig von Al stammt. Es klingt wie OM, nur dunkler und wurde mit deinem Gesang angereichert.

Ja, das basierte auf einem Jam, den Al mit Dale hatte. Ich liebe diesen Song auch, es ist ein sehr ungewöhnliches Stück auf diesem Album und es ist sehr tief.

Auch The Architect ist ziemlich eindeutig. Hier hat WINO viel geschrieben.

Das war der erste wirkliche Song, den wir hatten. Die meisten Riffs stammen wirklich von WINO, der Rest von mir.

Es gibt übrigens nicht allzu viele Riffs, die ich Scott Kelly zuordnen würde. Hast du dich eher auf die Gesangslinien konzentriert, oder einfach andere Riffs ausprobiert und deinen Stil etwas verändert?

Nein, eigentlich ist in jedem der Stücke auf unserem Debüt mindestens ein Riff vorhanden. Das Wichtige an SHRINEBUILDER ist aber die Zusammenarbeit die Musiker. Das Material von Al, WINO und mir wird oft sehr verwoben.

 SHRINEBUILDER
Dass Dale bei SHRINEBUILDER etwas anderes macht, als bei den MELVINS werte ich als Kompliment. Scott Kelly sieht dies als Beweis für die Eigenständigkeit SHRINEBUILDERS.

Was war der kreative Teil von Dale? Hat er auch Riffs geschrieben, wie bei ALTAMONT?

Nein, er hat sich eher auf die Arrangements konzentriert und war in diesem Bereich sehr kreativ.

In den einzelnen Stücken baut sich große Spannung auf. Gerade in Solar Benediction klingt es so, als sei die ganze Heaviness nur dafür da, damit die melancholischen Stellen würdig gekleidet werden und gut zur Geltung kommen.

Daran sieht man einfach, wie wichtig Dynamik in emotionaler Musik ist. Es baut sich auf, fällt auseinander, der Kontext des Songs wird stets verändert.

Lustigerweise klingt die Leadgitarre in der zweiten Hälfte von Pyramid Of The Moon ziemlich nach Creeping Death von METALLICA. Und du hast kürzlich in deinem Blog darüber diskutiert, welches METALLICA-Album das Beste ist. Bist du immer noch Fan mit Leib und Seele?

Von den ersten vier Alben natürlich. Ich habe aber keines ihrer Alben in letzter Zeit gehört. Pyramid Of The Moon ist aber ein gutes Beispiel für Dynamik und emotionalen Aufbau. Und es zeigt, dass mich etwas immer noch inspiriert, auch wenn ich diese Band schon lange nicht mehr gehört habe.

Mit der wichtigste Teil an SHRINEBUILDER ist der Gesang, denn jeder von euch dreien hat eine sehr charakteristische Stimme. Habt ihr so lange gebastelt, bis ihr herausgefunden habt, welche Stimme zu welcher Stelle passt?

Ja, so in etwa war das.

Ich finde es schade, dass Al recht wenige Gesangseinsätze hat. Hat es seiner Meinung nach nicht zu den heftigen Stellen gepasst?

Ich finde das auch sehr schade. Er war eine Zeit lang nicht besonders inspiriert, an dem Gesang zu arbeiten. Wir haben ihm dann zugeredet und ihn ermutigt, auch mehr beizusteuern. Er hat aber auf Science Of Anger einen etwas größeren Auftritt. Es wäre allerdings falsch gewesen, ihn zu mehr Gesang zu zwingen, wenn er sich nicht danach fühlt.

Mich überrascht es nicht, dass du den Großteil des Gesangs übernimmst. Du hast die größte Bandbreite, von euch dreien, beherrschst sowohl ruhigen, tiefen Gesang, als auch extreme Stimmfärbungen.

Ach, ich weiß nicht, ob es daran liegt.

 SHRINEBUILDER
Ich wäre lieber seltener das Feuer. Scott Kelly (links) über seine Rolle in der Band.

Die Texte liegen mir leider nicht vor, aber ich schätze, diese wurden in ähnlicher Zusammenarbeit geschrieben, wie die Musik.

Ja, genau so ist es.

Du sagtest, ihr habt schon mehr Song geschrieben.

Ja, ein paar neue Stücke sind bereits fertig, aufnehmen werden wir aber noch nicht sofort. Zunächst spielen wir unsere ersten Konzerte, dort werden aber auch die neuen Songs gespielt. Danach steht wieder ein Studioaufenthalt an.

Mein Eindruck ist, dass ihr auf eurem Debüt noch eure Grenzen ausgelotet habt, und dass SHRINEBUILDER mit dem Zweitwerk erst wirklich in die Vollen gehen und ihren Stil finden.

Auch ich hoffe, dass es so kommen wird.

Die ersten Konzerte sind im November. Seid ihr aufgeregt? 

Ja, sehr sogar.

Irgendwelche Erwartungen?

Absolut gar keine.

Visuals werdet ihr aber nicht verweden, oder? Das würde auch nicht zu SHRINEBUILDER passen.

Nein, vorerst werden wir keine Projektionen verwenden. Es wird einfach eine direkte Rockshow werden. Wie wir in Zukunft verfahren werden, ist noch nicht sicher, das ist noch nicht ausgeredet.

Euer erster Auftritt in Europa ist auch schon bestätigt, völlig überraschend werdet ihr auf dem ROADBURN FESTIVAL spielen. Wird es dazu noch eine Tour geben?

Ja, dass wir auf ROADBURN spielen überrascht sicherlich niemanden. Da werden wohl auch noch weitere Konzerte folgen.

Bei den ganzen Planungen scheint es fast so, als hätte SHRINEBUILDER Priorität gegenüber euren anderen Bands gewonnen.

Nein, das ist definitiv nicht so. Wir fokussieren uns nur momentan auf SHRINEBUILDER, da soeben das Album veröffentlicht wurde und wir nun anfangen live zu spielen.

Dabei fällt mir ein, die Veröffentlichung von Shrinebuilder hat sich ein wenig hingezogen. Im Januar wurde das Album bereits aufgenommen, Anfang Oktober ist es endlich erschienen.

So lange war das doch gar nicht. Es dauert meistens ein halbes Jahr, bis ein Album veröffentlicht wird, nachdem es aufgenommen wurde. Wir haben es erst im März gemischt, danach arbeiteten wir an den ganzen anderen Sachen, wie dem Artwork.

Ein abschließender Statusreport zu NEUROSIS, bitte. Ihr schreibt bekanntlich an neuem Material, ist schon etwas Handfestes in Aussicht?

Ich habe keine Ahnung, wie lange wir noch mit dem Songschreiben beschäftigt sein werden. Aber es wird noch seine Zeit dauern.

Bilder: (c) Neurot Recordings