SHRINEBUILDER: Shrinebuilder

Scott Kelly, Wino, Al Cisneros und Dale Crover und ihre rituelle Vereinigung.

Mal ehrlich, was erwartest du dir von einer Band, die aus Scott Kelly, Wino, Al Cisneros und Dale Crover besteht? Und was erwartest du, wenn du weißt, dass diese vier Haudegen ein ganzes Album in drei Tagen aufgenommen haben und am Abend vor den Aufnahmen zum ersten Mal zusammen geprobt haben? Siehst du, selbst da wird es haarig. Aber SHRINEBUILDER, so der Name dieser Vereinigung, belehren uns, wie sollte es auch anders sein, eines Besseren und liefern ein wunderbar erdiges Stück Rockmusik ab. Heavy wie die Felsen in Stonehenge und groß wie der Nanga Parbat ist das wohl am sehnsüchtigsten erwartete Debütalbum des Jahres. Und es scheint so, als vereinen die Protagonisten die vier Elemente.

Al Cisneros ist die Luft. Seine Bassläufe sind – wie von SLEEP und OM gewohnt und geliebt – sehr meditativ, die Riffs, die er schreibt, sind voller innerer Ruhe, Frieden und Harmonie, aber immer mit einem gewissen Maß an Unbequemlichkeit ausgestattet, was übrigens der Grund ist, warum ich erst spät Gefallen an seiner pilgernden Band OM fand. Sein Gesang, ebenso einzigartig wie der seiner Mitstreiter, legt sich wie wohliger Balsam über die oftmals raue Oberfläche.
Dale Crover ist die Erde. Sein Drumming ist der Fels in der Brandung, von einer Ehrlichkeit, die nicht nur die MELVINS seit über fünfundzwanzig Jahren authentisch wirken lassen. Hier kann er die von Buzz Osborne geforderte Komplexität gut gebrauchen und geleitet seine Mitmusiker selbst über die unwegsamsten Ebenen sicher.
Scott Kelly ist das Feuer. Wie von NEUROSIS gewohnt, ist seine Welt stets gefährlich und nicht selten von einem alles verschlingenden Inferno begleitet. Aber das Rifffeuer zerstört nicht nur, es wärmt auch, ist nicht selten von schönen Momenten begleitet, die Melancholie hält Einzug und aus der gebrüllten Dunkelheit entsteht harmonisches Licht.
Wino ist das Wasser. Wie auch schon das Element Feuer ist hier alles Schlechte auch gut und alles Gute schlecht. Von verzweifelten Doom-Riffs über wundervolle Leadgitarren und tonnenschwere Riffbrocken ist alles bei diesem Klangtsunami dabei. Vor allem aber sein typischer Gesang, voller Seele und voller Leidenschaft, prägt SHRINEBUILDER maßgeblich.

Aus diesen vier Elementen entstehen nun fünf, hörbar spontane Songs, voller mächtiger Riffs, außerweltlicher psychedelischer Effekte, markerschütterndem Geschrei, ruhigen Stellen zum Durchatmen, donnernden Grooves und vielem mehr. Jeder der Songs hat seine eigene Identität, auch wenn sie hier und da etwas ähnlich klingen. Solar Benediction gefällt durch einen groovigen, heavy Start, wird aber erst richtig gut, mit dem ausufernden, melancholischen Outro. Ebenso Pyramid Of The Moon, das am Ende durch den beschwörenden Gesang von Al Cisneros in andere Sphären wuchtet. Das zurückhaltende Blind For All To See, der beste Song dieses Debüts, gefällt durch seine Spannungsbögen, seine vielen Details und die tolle gesangliche Leistung von Scott Kelly. The Architect mit seiner klaren, simplen Struktur und seiner gedrosselten Leidenschaft ist der Schwachpunkt des Albums, aber Science of Anger vereint in seinen zehn Minuten nochmal alles, war zuvor tief berührt hat, und zeigt nebenbei ein spannendes Duett von Wino und Scott, sowie ein großartig gejammtes Outro und einen wie immer faszinierenden Gesangseinsatz von Al.

Alles in allem ist SHRINEBUILDER das erwartete, magische erste Werk gelungen, auch trotz nicht weg zu diskutierender Schwächen. Vor allem im Hinblick auf die Kürze der Zeit, in der das vierzigminütige Werk entstanden ist, wäre anderen Musikern zweifellos nicht etwas derart erstaunlich Ausgereiftes gelungen. Die großen Werke ihrer Hauptbands, ich denke nur unter anderem an Through Silver In Blood, Dopesmoker, Pilgrimage, Houdini und V können diese vier Musiker nicht in den Schatten stellen, aber ich bin sicher, dass es darum auch gar nicht geht. Es geht um eine neue musikalische Erfahrung, die mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Es ist primär ein Beweis ihres Könnens für die Akteure selbst, aber dass wir dieses farbenprächtige Album mit SHRINEBUILDER teilen dürfen, ist eine Freude für uns alle, die seit Januar mit angehaltenem Atem auf ein ehrliches, erfreulich unperfektes Stück Musik warten.

Veröffentlichungstermin: 9. Oktober 2009

Spielzeit: 39:11 Min.

Line-Up:
Scott Kelly – Guitar, Vocals
Wino – Guitar, Vocals
Al Cisneros – Bass, Vocals
Dale Crover – Drums

Label: Neurot Recordings
MySpace: http://www.myspace.com/shrinebuildergroup

Tracklist:
1. Solar Benediction
2. Pyramid Of The Moon
3. Blind For All To See
4. The Architect
5. Science Of Anger