SACRED STEEL: Wenn es eine Hölle gibt, dann ist es diese Erde und wir haben es dabei relativ gut erwischt

Wer SACRED STEEL auch im Jahr 2004 noch in eine Ecke dumpfer Ewiggestriger stecken möchte hat es eindeutig immer noch nicht geschnallt. Die Band bietet weit mehr als das und gehört ganz offensichtlich zu den Bands, die den Metal weiterhin am Leben halten. Auf dem aktuellen Album "Iron Blessings" geht man härter und kompromissloser zu Werke als je zuvor und auch lyrisch gibt es ein paar Veränderungen. Nachdem wir in unserem Bericht zur Listeningsession bereits die musikalischen Rahmenbedingungen abgesteckt haben, wollten wir nun ausführlich auf den Hintergrund der teilweise stark durch persönliche Erfahrungen mit dem Thema "Religion" geprägten Texte zu sprechen kommen.

Wer SACRED STEEL auch im Jahr 2004 noch in eine Ecke dumpfer Ewiggestriger stecken möchte hat es eindeutig immer noch nicht geschnallt. Die Band bietet weit mehr als das und gehört ganz offensichtlich zu den Bands, die den Metal weiterhin am Leben halten. Auf dem aktuellen Album Iron Blessings geht man härter und kompromissloser zu Werke als je zuvor und auch lyrisch gibt es ein paar Veränderungen. Nachdem wir in unserem Bericht zur Listeningsession bereits die musikalischen Rahmenbedingungen abgesteckt haben, wollten wir nun ausführlich auf den Hintergrund der teilweise stark durch persönliche Erfahrungen mit dem Thema Religion geprägten Texte zu sprechen kommen.

 

Wir wollen heute über Religion reden und ich denke da ist es zu Beginn interessant, wie euer Hintergrund in diesem Bezug aussieht. Wie seid ihr erzogen, was sind rückblickend eure Erfahrungen, was waren Beweggründe, einen anderen Weg einzuschlagen?

Gerrit: Bei mir war das so, dass man – wie wahrscheinlich jeder in seiner Kindheit – ein recht diffuses Weltbild mit dem Weihnachtsmann, dem Osterhasen, Gott und Jesus vermittelt bekommen hat und keiner sagt einem wirklich, was von dem Ganzen Verarsche ist und was nicht. Irgendwann mit von mir aus sieben Jahren entwickelt sich aus diesen ganzen Hurras und es ist Feiertag, ich bekomm was geschenkt ein Religionsunterricht, in dem einem dann irgendwelche Leute sagen jaja, den lieben Weihnachtsmann gibt es leider nicht und den Osterhasen auch nicht, aber den Jesus, den gibt es, und deshalb lesen wir jetzt in diesem uralten Buch und markieren uns ein paar Stellen. Und das fand ich zu dem Zeitpunkt eigentlich schon irgendwie kurios. Als Kind nimmt man natürlich alles auf. Wenn einem einer sagt der grüne Ball dahinten ist heilig, dann ist er für einen eben heilig. Man akzeptiert es einfach und so saß ich also in diesem Religionsunterricht.

Kurze Zwischenfrage: warst du katholisch oder evangelisch?

Katholisch. Meine Mutter war katholisch und mein Vater evangelisch. Wobei meine Mutter tatsächlich gläubige Katholikin war und mein Vater eher Atheist ist, so nach dem Motto und wenn ich dann aber den Arsch zukneif, dann bet ich vielleicht wieder! (lacht). Ich bin nicht wirklich megachristlich erzogen, es gab aber sicher eine christliche Schlagseite. Wie gesagt fand ich die ganze Sache ziemlich obskur und das eigentlich auch schon mit Sieben, denn irgendwie hat das alles nicht zu den anderen Unterrichtsstoffen gepasst. Wenn du irgendetwas über Dinosaurier hörst, dann passt das nicht so recht zu Adam und Eva. Man fragt sich immer wann kommt jetzt eigentlich mal einer und sagt dir, dass das alles ein Witz ist, denn das mit dem Weihnachtsmann hat ja auch schon nicht gestimmt. Ich fand es seltsam, dass dieser eine Witz nie aufgehört hat. Es war immer so, dass obwohl wir in einer aufgeklärten Zeit leben, das immer doch irgendwie stimmen sollte. Gut, man war skeptisch, aber als ich so zwischen Sieben und Neun war hab ich abends auch immer mein Nachtgebet gesprochen, wobei ich auch das immer als komisch empfunden habe, denn da war ja niemand. Meine Beterei war auch nie überzeugend. Mit neun, als meine Großeltern gestorben sind, war meine Mutter total am Boden, zu dem Zeitpunkt habe ich das aber als ziemlich normal empfunden. Menschen sterben eben. Es war nicht so, dass ich bewusst gesagt hätte, es wäre quatsch, dass sie jetzt im Himmel seien, aber das hat mich einfach alles nicht dermaßen berührt. Es war eben der Kreislauf, den ich als normal empfand. Als ich dann älter wurde ist dieses Göttliche immer mehr weggedriftet und in dem Alter schaut man dann halt eher auf Titten oder was weiß ich was. Musik hat mich ab zehn Jahren extremst interessiert und da habe ich mich mit Religion eigentlich nicht mehr beschäftig. Im Religionsunterricht habe ich Texte geschrieben, gemalt oder eben den Frauen auf die Titten geschaut, wie das in dem Alter vermutlich jeder macht (schmunzelt). Ab und zu hab ich meinen Lehrern sicher gesagt, dass ich das und jenes nicht verstehe oder für Schwachsinn halte, aber meistens habe ich nicht mal diskutiert. Ein wirklich einschneidendes Erlebnis war dann für mich mitten in der Pubertät, als sich meine Mutter erhängt hat. In der Pubertät bemerkt man ja eigentlich gar nix, man versucht mit sich selbst klar zu kommen, ist in seiner eigenen Welt, alles ändert sich. Musik hat mich wie gesagt total infiziert, ich war voll auf dieser Schiene, und plötzlich war meine Mutter tot. Dann habe ich mal darüber nachgedacht, was in der letzten Zeit eigentlich komisch war an ihr und da ist mir aufgefallen, dass sie die Zeit davor wieder vermehrt mit der Bibel rumgelaufen und christlicher geworden ist, was mich natürlich noch mehr in die Opposition getrieben hat. Wenn sie an Weihnachten mit der Bibel ankam, haben alle abgewunken. Als ich nach ihrem Tod so langsam realisiert habe, was da eigentlich passiert ist, bin ich durch die Straße gelaufen, hab nach oben geschaut und gesagt wenn da wirklich einer ist, dann kann er mich aber allerspätestens jetzt aber so was von am Arsch lecken! Egal wer, das ist mir aber so was von scheißegal! Denn diese Frau war so geil, sie war meine Bezugsperson, kam mit dem Leben nicht klar und ich habs nicht geschnallt. Und dieser fucking Glauben hat ihr überhaupt keine Unterstützung gegeben. Dann kam dieser bescheuerte Pfarrer, hat uns hingesetzt und zugetextet und ich hab überhaupt nicht zugehört. Ich dachte nur was soll denn jetzt diese Scheiße, was will denn der? Zu dem Zeitpunkt war ich ja quasi schon ungläubig und das war dann so der letzte Ausschlag. Ab da hab ich die MERCYFUL FATE-Texte noch intensiver studiert, wobei mich da eher die Obskurität fasziniert hat, das andere Denken, das abseits von diesem vorgegebenen Weg ist. Dieser offensichtliche Schwachsinn, von dem ich vorhin geredet habe, bei dem keiner sagt nee, das ist ein Witz – mir ging es um die Opposition, genau dagegen. Es ist ein blöder Vergleich, aber es ist wie z.B. mit den Fernsehgebühren, die ich bezahle, obwohl ich nicht fern schaue. Im Grunde wird man das ganze Leben lang zu etwas gezwungen, was einfach Usus ist. Da wo wir jetzt wohnen, also auf dem Land, hängen eben überall die Jesuskreuze herum, und das ärgert mich. Da wird eine offensichtlich nicht belegte These als Wahrheit hingestellt und du wirst blöd angeschaut, wenn du nur mal sagst den gab es nicht, den gibt es nicht oder mir ist wurst, ob es ihn gab, nehmt den bitte mal ab, ich find das Scheiße wenn da einer hängt, der Nägel in der Hand hat. Wenn ich mir eine Skulptur nehm, die böse zurecht gestalte und auf den Balkon stelle, kommt auch gleich jeder daher und sagt nimm den da mal weg, das ist ja ekelhaft! Aber ich muss meinen kleinen Sohn an so einem Gekreuzigten vorbei führen, der dann auch irgendwann mal fragt Papa, was ist das? Und dann muss ich sagen tja, das ist der Jesus und ehrlich gesagt: ich weiß auch nicht, was das soll! Ich find das ne Frechheit, einen Glauben als Wahrheit hinzustellen und in manchen Parteien, die alles andere als christlich sind, im Namen zu führen und dabei die christlichen Grundwerte hochzuhalten. Ich meine: Wer braucht christliche Grundwerte? Es gibt humanistische Grundwerte und die haben alle vernünftig denkenden Menschen. Da brauch ich keinen Jesus dazu. Das sind Sachen, die kotzen mich einfach an und dementsprechend hab ich mich immer mehr in Richtung Musik bewegt, die auch textlich gegen diese Verdummung und offensichtliche Verarschung von Menschen gerichtet ist und bei einer eigentlich unpolitischen Band wie SACRED STEEL sind wir da nun auch gelandet, also zu sagen immer den Metal zu glorifizieren und die gleichen Texte zu schreiben, das will ich auch nicht. Und was liegt näher, wenn die Musik immer härter und gemeiner wird,auch diese antireligiösen Themen aufzugreifen.

Jörg: Bei mir war das eigentlich ähnlich, meine Mutter war katholisch, mein Vater evangelisch und der Pfarrer hat damals ein riesiges Theater gemacht, als die beiden heiraten wollten.

Gerrit: Obwohl beide Angehörige der gleichen Religion sind!

Jörg: Der erste Pfarrer meinte damals, dass er diese Eheschließung einfach nicht vollzieht. Meine Eltern haben mir das erzählt als ich ein Kind war und auch da dachte ich mir das ist ja irgendwie eine ganz komische Religion. Meine Eltern sind nie groß in die Kirche gerannt, die sahen das eher locker. Ich bin nicht streng christlich erzogen worden, war aber ab dem neunten Lebensjahr einmal im Jahr bei der CVJM-Jungschar, weil meine Eltern nie Zeit hatten, in den Urlaub zu fahren. Ich war aber auch da schon sehr kritisch und habe meine Religionslehrerin mit Fragen in den Wahnsinn getrieben. Die ganze Bibel widerspricht sich ja ständig, Adam und Eva sind die ersten Menschen, Kain und Abel die Kinder, Kain erschlägt Abel und geht dann in ein anderes Land und nimmt sich eine Frau. Da fängt es doch schon mal an (lacht).

Gerrit: Jetzt kommt ja jeder Christ und sagt ja, aber das sind ja nur Parabeln und Metaphern und dann kommst du und sagst ja aber die Bibel wurde ja von mehreren hundert Leuten über mehrere hundert Jahre geschrieben, usw.

Jörg: Ich habe also immer viel mit Lehrern diskutiert und war da auch sehr rebellisch, meine Grundschullehrerin meinte damals aber das verstehst du noch nicht! Tatsächlich hab ich es bis heute nicht verstanden (lacht).

Gerrit: Zum Thema das kannst du nicht verstehen kann ich auch noch was sagen. Meine Schwester ist eine Die-Hard-Christin und hat das traumatische Erlebnis des Todes unserer Mutter auf eine ganz andere Weise verarbeitet als ich. Sie ist eine supernette Frau, sie hat aber den Glauben irgendwann als Anker gebraucht, ist nach Bayern gezogen und hat einen Mega-Christen geheiratet. Dadurch wurde ich natürlich immer wieder mit dem Thema konfrontiert, ich mein logisch, wenn ich mit einem IMMOLATION-Shirt auftauche, auf dem hinten drauf steht first in hell. Ich konfrontier die damit ja genauso und die müssen damit auch irgendwie umgehen. Wir diskutieren allerdings eigentlich nie über Glauben, weil es einfach sinnlos ist. In bierseliger Laune habe ich ihren Mann aber gefragt, wo denn, wann und wie Jesus und Gott in sein Leben getreten sind. Ich wollte ihn einfach mal festnageln und mehr wissen. Ich fragte wieso kommt er nicht zu mir oder wie erkenne ich ihn? Als Antwort kam eigentlich gar nichts, er meinte nur, dass ihm das zu persönlich wäre um darüber zu sprechen, es aber ein super Erlebnis gewesen wäre. Ich dachte nur das kann es doch nicht sein! Ich meine, ich könnte dir jetzt einen Monolog darüber halten, was mir MANOWARs Hail to England seit der Veröffentlichung bis heute bedeutet, in allen Lebenslagen, durch die mich die Platte begleitet hat und welches damals für mich die wichtigen Schlüsselsätze waren. Und ein Die-Hard-Christ, der sein ganzes Leben diesem Glauben widmet, kann mir diese Schlüsselsequenz nicht erklären, weil es zu privat oder nicht erklärbar ist. Also Entschuldigung, da sind wir eben wieder genau bei diesem das verstehst du nicht! Entweder du akzeptierst das Ganze oder du wirst wie ein Außenstehender behandelt, der einfach zu blöd ist.

Jörg: Im Teenie-Alter habe ich mich mehr mit dem Thema beschäftigt, weil mich prinzipiell Religion interessiert hat. Ich hab öfter mit Lehrern diskutiert und einmal klingelte ein Zeuge Jehova bei mir, mit dem ich eine Stunde diskutiert habe, bis er meinte, er müsse jetzt gehen (lacht). Mir konnte seit damals nie wirklich jemand Antworten auf meine Fragen geben. Die Situation, als die Sache für mich endgültig und für ewig gegessen war, war dann aber auch, als meine Eltern gestorben sind. Das war ein einschneidendes Erlebnis, wonach ich mir gesagt habe, dass selbst wenn ich noch Zweifel gehabt hätte, dass es da etwas geben könnte, dann ist jetzt alles sonnenklar.

Gerrit: Der Oli Schramm, der erste DAWN OF WINTER-Schlagzeuger, war auch immer ein ganz netter Kerl und der hat mit seiner Mutter zusammen CANNIBAL CORPSE aufgelegt und sie sind gemeinsam durch die Wohnung gebangt. Seine Mutter hat sich quasi genau zu dem Zeitpunkt zu Tode gesoffen. Als er mittags nach Hause gekommen ist lag sie da und für ihn war der wichtigste Mensch, den er hatte, tot. Er ging dann zum Pfarrer, denn in unserer Gesellschaft ist ja sonst niemand da, der einem in so einer Situation helfen kann. Das ist ja genau das Blöde, dass diese seelsorgerischen Sachen genau den Leuten überlassen werden, die dann gleich mit so einer Sache kommen – es ist leider so. Am nächsten Tag fragte ich ihn, wie das war und als ich in seine Wohnung schaute hing das Kreuz, das normalerweise immer richtig rum dahing, verkehrt herum und darunter hatte er Nail him geschrieben – ein DEICIDE-Zitat. Er meinte nur dieser Pfarrer war ja ein dermaßen Arschloch, das gibt es gar nicht! (lacht). Das ist mir gerade eben zu dem Thema eingefallen, denn in solchen Situationen wird man mit genau diesen Pfeifen konfrontiert, die vom Leben wirklich null Plan haben – woher sollen sie denn auch? Sie wurden in irgendwelche ideologische Richtungen erzogen und sollen den Leuten helfen. Ich kann auch niemand helfen, der in einer solchen Situation zu mir kommt, warum soll es ein Pfarrer können?

 

Gerrit
Gerrit Mutz: Ich denke ich bin kein Nihilist, denn ich glaube an gewisse Grundwerte.

Mein Lieblingssatz auf eurer neuen Platte ist You don´t need a heaven, you don´t need a Purgatory, bei dem sicher auch ein gewisses Augenzwinkern eine Rolle spielt…

Gerrit: …why waste your life on false guilt? We all may be sinners – if sinners we are, with joy and with lust we will sin. Klar, der ganze Song ist augenzwinkernd gemeint.

Dennoch steckt gerade hinter diesem Satz meiner Meinung nach eine starke Aussage und verbunden mit Zeilen wie The return of reason will mark the end of slavery lässt das Ganze ja auf ein sehr atheistisches Weltbild schließen.

Gerrit: Ja, was bleibt einem denn als Nicht-Gläubiger. Ich weiß nicht, was ich bin. Ich denke ich bin kein Nihilist, denn ich glaube an gewisse Grundwerte und wahrscheinlich kann man mich am ehesten als Humanist bezeichnen. Ich will mit jedem gut klar kommen, jeder soll leben wie er will. Mein Standardsatz ist von mir aus kann jemand auch seinen Turnschuh anbeten! Das ist mir vollkommen egal, es soll nur keiner daher kommen und mir sagen ich hab die Wahrheit gepachtet! Die ganze Menschheitsgeschichte ist durchzogen von irgendwelchen Glaubenskriegen und wenn du dir Irland anschaust, dann ist das doch das Paradoxeste was es gibt. Man fragt sich, wo denn der Sinn dahinter steckt. Wieso können sie nicht einfach alle aufhören? Wenn sie sich wenigstens um etwas wie Öl schlagen wie im Irak, dann sag ich mir aha, das ist ja irgendwie nachvollziehbar. Das ist zwar auch schwachsinnig, aber es gibt einen Grund. Ich kann es in Glaubensfragen nicht nachvollziehen. Ich hätte in meinem Leben nie einen Poser umgelegt, wieso auch? Über solche Typen reg ich mich vielleicht kurz auf, aber warum soll ich jemanden umlegen, nur weil er für mich ein Idiot ist?

Sätze wie Nail the Crown into his head, burn him at the cross to make sure he is dead kommen dennoch sehr aggressiv…

Gerrit: …das ist aber aus der Sicht Luzifers geschrieben und dass der natürlich angepisst ist, wegen einer kleinen Rebellion….das musst du dir einfach so vorstellen: Luzifer ist für mich schon immer das Sinnbild für Leute wie den Jörg, der im Religionsunterricht fragt aber wenn das nicht so ist? oder wie ich, wenn ich beim Kameradschaftsabend bei der Bundeswehr sitze und denke heute saufen wir schön einen und dann kommt dieser Pfarrer, der einen Diaabend hält. Vor erwachsenen Leuten, alle über zwanzig! Du sitzt da und der wirft Dias an die Wand und fängt mit Adam und Eva an. Ich hab mir das zehn Minuten angeschaut, zwei Zwischenfragen gestellt und bin dann rausgegangen. Und das, obwohl ich eigentlich ein obrigkeitshöriger Typ bin, solange ich mit der Obrigkeit konform gehe. Beim Bund habe ich mich schön wohl gefühlt, da war alles geordnet und man war ein Rad im Getriebe, wo ich mich gut einordnen konnte. Aber als die dann ankamen und einem sagten, dass man sich so einen Scheiß antun soll – antwortete ich Tschuldigung, aber heute muss ich wirklich gehen, hab meine Frau angerufen und mit der ne Stunde telefoniert. Danach kam mein Chef und erklärte mir, dass es so nicht gehe, ich könne mich nicht einfach verpissen, wenn da eine befohlene Veranstaltung ist. Ich sagte nur sorry, aber das ist unter meinem Niveau. Mein Niveau ist nicht hoch anzusiedeln, aber ich lass mich doch nicht verarschen. Der Typ hat zwei legale Fragen gar nicht beantwortet, er hat sie einfach ignoriert und da hab ich mich gefühlt wie mit Sieben, so nach dem Motto hey Moment, hier wird nicht gegengefragt. Ich zieh mein Programm durch und damit gut! Zurück zu der Sicht Luzifers: es ist doch genau diese Sichtweise, man rebelliert ein bisschen und sagt hey, so geht es nicht! Luzifer hat sich gefragt, warum er es genau so machen soll, wie es ihm Gott sagt. Vielleicht kann ich es besser? Vielleicht probier ich es einfach mal! Und für so ein kleines Aufbegehren – sag ich mal – wird er für alle Ewigkeit verdammt. Die Christen kennen da ja keine halbe Sachen und er wird für immer in die Hölle geschmissen, muss da brennen und die schlimmsten Folterungen ertragen. Und ansonsten hängen sie ihm auch alles an den Arsch, so nach dem Motto egal was die Christen kaputt machen, DER ist immer Schuld! (lacht). Und genau aus dieser extremen Angepisstheit entspringen diese Sätze, dass er – obwohl er wahrscheinlich gegen Jesus gar nichts hat, aber der ist eben die Symbolfigur für das Christentum – sagt jetzt geb dem Arsch endlich mal eine in die Fresse, denn es kann doch wohl nicht sein, dass immer ich für alles herhalten muss!

Dennoch, die Wortwahl ist sehr aggressiv. Würdet ihr diese aggressive Grundhaltung auch auf euch selbst übertragen oder ist das eher eine Art künstlerisches Mittel um gewisse Dinge zum Ausdruck zu bringen?

Gerrit: Naja, gegenüber von uns wohnt eine Frau, die unter anderem für unseren Kleinen den Krabbelkurs macht, und diese Leute sind auch total christlich eingestellt. Ich geh da nicht rüber und schrei die grundlos an! (lacht).

Jörg: Ich werde nur aggressiv, wenn jemand versucht mich zu bekehren, wenn mich jemand von seinem Glauben überzeugen will. Ansonsten soll jeder glauben was er will, solange er mich in Ruhe lässt.

Gerrit: Außerdem ist es ja logisch, dass bei einer Heavy Metal-Platte die Texte mit der Musik konform laufen sollen und da versucht man nicht, eine Sache weniger aggressiv auszudrücken. Man wählt Worte, die zum Heavy Metal passen sollen und Heavy Metal ist eine Art von Rebellion. Da wären wir aber auch schon wieder bei meinem nächsten Lieblingsthema – denn was heutzutage als Powermetal verkauft wird das ist so plüschweich, dass die meiner Meinung nach gleich Popmusik machen könnten. Metal muss weh tun, muss aggressiv sein und muss rebellisch sein. Und wenn es das nicht ist, dann kann man es echt vergessen.

Jörg: Ich geh sogar fast so weit, dass ich sage, es gibt heutzutage gar keinen Powermetal mehr. Mir fällt spontan keine Band ein, die ich so bezeichnen würde.

Gerrit: NASTY SAVAGE sind es definitiv, obwohl die ja fast schon wieder unter Thrash laufen.

Jörg: Bei denen muss man aber auch befürchten, dass sie sich gleich wieder auflösen.

Gerrit: Es gibt für mich eigentlich wirklich keine Band, die dieses Powermetal-Ding, wie wir es wahrscheinlich gemeinsam sehen, noch am Leben erhält. Wir versuchen es einigermaßen mit SACRED STEEL und hoffen, dass wir eine aggressive Variante vom herkömmlichen Metal liefern, die irgendwo auch nicht zu old-school ist, aber ansonst fällt mir echt nix ein. Was mir gerade gefällt sind z.B. MERCENARY, die jetzt bei Century Media rausgekommen sind, die diese powermetallischen Sachen mit Death Metal mischen. Aber das hat mit Powermetal im ursprünglichen Sinne auch nicht wirklich etwas zu tun. Welche Black Metal Band z.B. hat nicht auch schon irgendwann einmal um sich wichtig zu machen gesagt: Black Metal ist tot! Beim Doom-Metal wurde das schon gesagt, beim Hardrock,… Und jetzt komm natürlich auch noch ich und sag der richtige Power Metal ist tot! (lacht). Aber wir haben schon das Gefühl, dass der Powermetal, der Ausrufezeichen setzt und auch eine Lebensberechtigung hat und nicht schon hundertmal besser gemachte Sachen wiederholt, momentan tot ist.

Wo suchst du dann momentan dein Glück?

Gerrit: Ich mach es wie schon vor zwanzig Jahren und hör alles, was mir über den Weg läuft. Ich konzentrier mich mal mehr auf das eine, dann wieder auf das andere. Mal habe ich mehr WATCHTOWER gehört, dann mal wieder mehr Death Metal, in einer gewissen Phase habe ich mich komplett auf den Doom Metal versteift, dann wieder den Powermetal entdeckt. Gestern habe ich an einem Tag THRUST gehört, die neue ELEND, INCANTATION, RUSH und alte MAIDEN. Ich habe neben meinem Schreibtisch im Geschäft 300 CDs quer durch die Bank von AC/DC bis BLASPHEMY. Es kann durchaus der Fall sein, dass ich BLASPHEMY einlege und danach DEAD CAN DANCE und ich weiß nicht wo da das Problem liegen soll. Wenn mich jetzt jemand auf Grund von den ersten zwei Platten von SACRED STEEL auf Ewig auf die Powemetal-Nische festhaut, dann soll er es, aber es ist mir ehrlich gesagt egal. Es ist mein Leben und mit etwas Glück hab ich noch 30, 40 oder 50 Jahre und die füll ich verdammt noch mal mit der Musik, auf die ich Bock hab. Und das ist eben zu 99 Prozent Heavy Metal.

Jörg: Ich sehs genauso und hör je älter ich werd eigentlich immer noch extremere Musik. Von den neuen Powermetalbands hör ich fast überhaupt nichts, weil ich da kaum was entdecke, was mir etwas geben könnte. Wenn ich Bock auf Powermetal hab, dann hör ich eben OMEN oder HELSTAR – das alte Zeug. Auf der anderen Seite dann eben viel Death oder krasse, abgefahrene Sachen wie LAIBACH und natürlich viel Doom. Es wird aber immer weniger traditioneller Metal, wenn, dann die alten Bands.

Gerrit: Selbst Bands wie SLOUGH FEG, die ja absolut begnadet sind und im Untergrund herumdümpeln, gibt es doch bereits seit zehn Jahren und die kommen auch nicht weiter! Ich find die Jungs persönlich geil, ich find die Musik der Hammer, die sind vollkommen eigenständig und der Mike ist ein Unikat. Aus denen könnte man schon was machen, wenn man es richtig aufziehen würde. Aber so ist das und in den 80ern war es ja letztendlich nicht anders. Viele begnadete Bands sind über das Demo-, EP-, erste LP- oder von mir aus auch noch zweite LP-Stadium gar nicht hinaus gekommen. Oder wie viele Bands, die wirklich geil waren, haben bereits mit der zweiten oder dritten Platte nachgelassen oder ihren Stil komplett umgekrempelt? Ich sag auch nicht, dass die 80er besser waren, ich denke in den 80ern war es noch leichter, etwas Originelleres zu machen. Es gab halt nur die 70er-Krautrock- und Hardrock-Schiene und darauf konnte man viel aufbauen. Wo soll es heutzutage noch hin? Letztendlich kann man nur das, was es schon gibt, interessant mischen. Was anderes bleibt einem nicht, ohne das Terrain zu arg zu verlassen.

 

Sacred
Gerrit Mutz: Manchmal ist mir nach etwas Blasphemie, einfach um zu schauen, ob ich vielleicht doch vom Blitz erschlagen werde.

 

Zurück zum Thema. Deine Aussage war, wir machen Metal, also müssen auch die Texte aggressiv sein. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich habe Menschen in meinem Freundeskreis, die mir sehr wichtig sind, die sehr stark im christlichen Glauben verwurzelt sind. Bei den Leuten fällt es mir manchmal schwer, ihnen meine Meinung klar ins Gesicht zu sagen, einfach aus einem Gefühl heraus, dass ich sie auf einen Weg bringen könnte, der ihnen vielleicht gar nicht entspricht.

Jörg: So Leute gibt es sicher auch in meinem Bekanntenkreis und auch viele, die ich schon lange kenne. Denen sage ich aber knallhart ins Gesicht, was ich denke. Da gab es auch schon heftigste Diskussionen. Aber gerade unter Freunden sollte man ja solche Diskussionen führen, auch wenn es vielleicht mal tiefer geht oder härter wird. Aber auch sie konnten mich bislang nicht überzeugen oder Antworten auf meine Fragen geben. Ich diskutier da gerne.

Gerrit: Ich denke vor allem auch, dass die Leute, die so einen halbchristlichen Glauben haben, oder sich auf diese Weise ein Hintertürchen offen halten wollen, eigentlich gar nicht diskutieren wollen. Es ist mir schon oft auch bei guten Freunden passiert, dass wenn ich mal wieder etwas fieses Antichristliches gesagt habe – einfach nur zur Provokation, nach der mir manchmal ist, etwas Blasphemie um auch mal zu schauen, ob ich vielleicht doch mal vom Blitz erschlagen werde (lacht) – da ist es manchmal, als würde man jemanden zu einem Kampf heraus fordern. Da kommt erst einer und sagt da geh ich mit dir vor die Tür! Und draußen passiert dann nichts. So ähnlich ist das manchmal. Man fängt an und bereitet sich innerlich auf diese Diskussion vor, so nach dem Motto ha, dem schenk ich’s jetzt ein, dann kommt aber nichts. Vielleicht zuerst ein bisschen was im Stile von ja, aber da ist doch auch was Gutes dran und wir brauchen doch diese Werte und was ist denn so schlecht an den 10 Geboten, Jesus war doch ein netter Mensch,… Man kommt dann mit zwei drei härteren Kalibern und dann erfolgt der Rückzug oder ein ah, wir sind halt unterschiedlicher Meinung. Es wird sofort dicht gemacht und ich denke das ist das Problem, dass man über Glauben redet und nicht über bewiesenes Wissen. Als Einzelner kann man nur sagen ich akzeptier es oder ich akzeptier es nicht. Für mich ist diese Entscheidung leicht gefallen, weil ich das ganze Leben nicht das Problem hatte, mich wirklich entscheiden zu müssen. Ich war nie auf der Pro-Seite. Es war einfach zu sagen ich bleib definitiv da wo ich bin! Wenn wir wieder auf die Texte zurückkommen wollen, da stehen ja einige Sachen wie On the left hand path I walk. Ich sehe das gerne aus der Sicht von Christen, wie sie mich sehen. Wenn ich in unserem Ort mit einem KING DIAMOND-Shirt rumlaufe, auf dem hinten ein umgedrehtes Kreuz ist, dann ärgert das die Leute ganz klar. Sie denken um Himmels Willen, der schlägt sein Kind oder ähnliches. Aber ich denk mir dann auch: soll ich das Shirt wirklich nicht anziehen, nur damit die Leute zufrieden sind? Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass wenn vor mir ein Auto fährt mit einem Fisch hinten drauf, denk ich mir auch immer du Arsch! (lacht). Ich habs mir mehrfach überlegt, ob ich hinten drauf einen Fisch mache, der durchgestrichen ist, aber ich habs doch gelassen. Ich denk mir auf dieses Niveau begeb ich mich nicht. Das ist genauso wie wenn ich hinten draufschreibe Realschulabschluss 86. Oder beim Bund, wenn sie rumrennen und schreien Ausscheider. Das ist mir doch scheißegal, ob der nächste Woche nicht mehr beim Bund ist! Ich hab mich immer gefragt, warum die Leute so ein Mitteilungsbedürfnis haben. Was soll dieser Fisch hinten drauf? Soll das jedem zeigen, aber ich komm in den Himmel! (lacht).

Die Bibel als Philosophiebuch – wäre das etwas, was ihr für euch akzeptieren könntet?

Jörg: Nö, warum als Philosophiebuch? Für mich sind das einfach Geschichten, ich hab da keinen Ansatz, über was man philosophieren könnte. Als Geschichtenbuch okay.

Gerrit: Da muss ich dazu sagen, dass ich die Bibel nie in Gänze gelesen habe, weil ich das wie gesagt schon als Kind nicht verstanden habe warum man in der Schule ein Buch heraus nimmt, sich eine Passage raussucht und dann sagt so, wir lesen jetzt diese eine Passage in einem ganz alten Deutsch, das eh keiner damals verstanden hat und am Schluss diskutiert man darüber. Wobei ich sagen muss, dass ich mit diesen Geschichten, aus denen eine Moral abgeleitet wurde, gerade noch was anfangen konnte. Logischerweise sind das nicht nur hanebüchene Sachen, aber…

Jörg: …genauso könntest du auch aus Grimms Märchen Sachen herausziehen, die genauso eine Moral vermitteln…

…oder aus SACRED STEEL-Texten…

Gerrit: …genau, da kannst du genauso die erste SACRED STEEL nehmen. Ein gutes Beispiel sind da doch auch die THE DOORS. Jim Morrison hat definitiv einen an der Klatsche gehabt und war permanent im Drogenrausch. Ich war früher großer THE DOORS-Fan, hab seine Texte gelesen und auch Bücher über ihn. Aber was später posthum in dessen Texte interpretiert wurde ist einfach unter aller Sau. Ich hab Textbücher von ihm, in dem sie sogar die Yeah, yeah, yeahs oder Yeah, babys übersetzt haben. Ich mein der hat nix anderes geschrieben außer poppen, poppen, poppen und noch ne Ladung Drogen reinpfeifen. Was anderes hat er nicht gemacht, außer vielleicht etwas Prosa für Geistesgestörte. Wer da kommt und was reininterpretiert, der hat einfach nur Bock drauf, aus dem Mysterium mehr zu machen.

Jörg: Ich denke auch, dass man grundsätzlich aus jedem Buch etwas Moralisches oder Philosophisches herausziehen kann, aber bei der Bibel fehlt mir der richtige Ansatz dazu.

Gerrit: Wir haben im Deutschunterricht Sachen gelesen, bei denen ich genauso davor stand wie bei der Bibel. Ich bin in Deutsch nie von einer drei runter gekommen, obwohl ich eigentlich gut war, nur weil mein Lehrer nie mit meiner Meinung klar gekommen ist. Ich hab da wirklich gute Gedichtsinterpretationen geschrieben, aber oft war es so, dass mein Lehrer einfach sagte nein, das geht vom vorgeschriebenen Weg ab und da frag ich mich Moment, ich hab das so interpretiert! Wieso muss ich etwas so interpretieren wie andere, nur weil irgendeiner sagt, dass es auf diese Weise interpretiert werden muss? Haben wir ein abstraktes Gedicht, oder nicht? Wenn ich einen schlüssigen Weg gefunden habe das Gedicht zu interpretieren und das über mehrere Seiten hinweg darstelle, dann kann der doch nicht einfach drunter schreiben Thema verfehlt. Und genau das ist es. Irgendwelche Leute stellen sich hin und sagen die Bibel sagt das und das aus! Und die Katholiken sagen dann noch was anderes als die Protestanten. Es ist nun mal ein Buch, das über einen langen Zeitraum von verschiedenen Leuten geschrieben wurde und verschiedenartig übersetzt, teilweise so, wie es die jeweiligen Herrscher wollten.

Jörg: So wie die junge Frau plötzlich zur Jungfrau wurde.

Gerrit: Und dann fragst du Moment, wie kann eine Jungfrau ein Kind kriegen und dann haben sie dich zu Tode gefoltert! (lacht)

Jörg: (lacht) Genau, Blasphemie!

Gerrit: Wir können ja froh sein, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der man so etwas sagen kann. Aber ich habe riesigen Schiss, denn ich halte die christliche Kirche auch für eine faschistische Organisation. Das läuft immer nach dem Motto solange sie nicht die Macht haben sind sie lieb und helfen den Leuten und organisieren sich in karitativen Einrichtungen. Aber wenn du denen die Macht gibst… Es gibt immer wieder Zeiten, in denen die Leute in eine bestimmte Richtung rennen, die einen zu den Extremen, die anderen in die Kirche,… Sobald sich dann wieder die Macht hochschaukelt geht es auch recht schnell los, dass den Worten Taten folgen. Und das ist saugefährlich, das sieht man an allen Fanatikern in der Welt – das endet immer mit Blut. Weil man mit denen eben nicht argumentieren kann – mit einem Typ, der mit Dynamit in einen Schulbus steigt, braucht man nicht diskutieren wollen. Und da sag ich jetzt auch was faschistoides: ich würde jeden religiösen Fanatiker auf dieser Welt einfach umlegen. Für mich ist das nichts anderes als eine verschärfte Form von einer Geisteskrankheit und zwar eine gefährliche Geisteskrankheit. Denn jeder, der sich in seinem stillen Kämmerchen hinsetzt und überlegt was bin ich, was mach ich hier, kommt am Ende zu dem Ergebnis ich hab keine Ahnung. Und dann schaust du dich um, wer dir Antworten geben könnte und stellst fest, dass das auch nur Menschen sind, von denen jeder vielleicht eine kurze Zeitspanne von 80 Jahren zur Verfügung hat. Der eine ist vielleicht intelligenter als der andere aber es ist wohl noch keiner vom Tod zurückgekommen, der irgend etwas hätte erzählen können. Außer irgendwelche Nachtoderfahrungen, die auch nur irgendwelche Reaktionen im Hirn sind. Es gibt keinen Menschen auf dieser Erde, der irgend einen Beweis für etwas Göttliches liefern konnte. Damit meine ich jetzt nicht irgendwelche Stigmata-Erfahrungen oder Wunderheilungen. Das menschliche Hirn ist derart unerforscht, wahrscheinlich könnten wir fliegen, wenn wir nur mal richtig Gas geben würden (lacht). Die Leute sollten einfach, anstatt sich selbst ständig verrückt zu machen mit ihrem Glauben… obwohl es auch so verrückt macht, man weiß nichts, man erfährt nichts und wenn man geht juckt es auch keine Sau, außer vielleicht ein paar Verwandte die man hat. Aber im Endeffekt ist es scheißegal. Du bist nichts auf diesem Planeten. Du wirst ein Nichts bleiben und selbst wenn du Hunderte von geilen Büchern schreibst. Spätestens in 100.000 Jahren bist du vergessen. Selbst einen Shakespeare wird in hunderttausend Jahren vermutlich kein Mensch mehr kennen. Das ist halt einfach so. Es ist ein hartes Brot und damit muss man irgendwie klar kommen. Aber der falscheste Weg ist irgendetwas Fanatisches zu machen und andere damit in den Tod zu reißen.

Interessant finde ich diesen Ansatz die Bibel ist eine Übersetzung von einer Übersetzung von einer Übersetzung von dem, was irgendjemand mal erzählt hat, was er von einem anderen gehört hat,… Nix anderes ist ja die Bibel und du hast zudem noch in Anointed by Bloodshed geschrieben a doctrine all built on the slaughter of millions

 

Jörg M. Knittel: Jesus war einfach der Erste. Es gab sicher auch andere, aber er war charismatisch genug und konnte seine Message richtig verkaufen.

Gerrit: Ja genau und so ist es doch. Vielleicht würden wir heute wirklich alle den großen grünen Turnschuh anbeten, wenn damals jemand gesagt hätte so, dieser Schuh ist jetzt heilig und wir bringen alle um, die das nicht glauben.

Jörg: Das hab ich auch schon gesagt: Jesus war einfach der Erste. Es gab sicher auch andere, aber er war charismatisch genug und konnte seine Message richtig verkaufen.

Gerrit: METALLICA ist auch nicht die beste Metalband und ist trotzdem die Größte geworden, das ist halt einfach so (lacht).

Jörg: Er hat eben noch viele Jünger gefunden, die sich um ihn geschart und die seinen Glauben verbreitet haben. Und wenn es damals Bhagwan gewesen wäre, dann würden wir jetzt alle rumlaufen und Bhagwan anbeten. Er war halt einfach früh genug zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Nochmal auf diesen Satz A doctrine all built on the slaughter of millions zurück: wenn man Christen heutzutage mit diesen Gräueltaten, die im Namen des Christentums geschehen sind, konfrontiert, dann hört man meistens, dass das damals ja eine sehr dunkle Zeit gewesen wäre, die mit dem Glauben wie er heute gelebt wird nichts zu tun hat. Umso erstaunlicher ist es für mich festzustellen, wie stark man doch auch heute noch an dieser Übersetzung der Bibel festhält. Man nimmt das, was darin steht wortwörtlich, obwohl der Fehler doch offensichtlich ist, dass dies nicht das widerspiegeln kann, was vor vielen Jahrhunderten einmal niedergeschrieben wurde, geschweige denn geschehen ist.

Gerrit: Dieses Verhalten erinnert mich immer ganz stark daran, wie man mit dem Thema Zweiter Weltkrieg umgeht. Wenn das mit den Nazis im Osten so weiter geht, dann wird man in zweihundert Jahren sicher genauso reden. Dann heißt es auch wieder ja weißt du, das ist ja zweihundert Jahre her und damals war alles anders.

Jörg: Viele Leute wollen ja auch gar nicht kritisch sein, sie wollen ihren Glauben gar nicht in Frage stellen. Sie sind froh, dass sie ihren Glauben haben. Du gehst einfach den Weg weiter…

Gerrit: Es ist doch bequem. Du kannst den Weg wählen und am Ende sagen so, jetzt geh ich zu Gott. Ich mein, wer weiß was ich auf dem Totenbett einmal sagen werde? Ich hoffe, es wird Metal sein (lacht)!

Jörg: MANOWAR! (lacht) Oder wie, schon vorbei?

Gerrit: Aber ich denk auf diese Weise ist es einfach am bequemsten, es wird dir leicht gemacht. Du kannst immer auf dieses Boot springen und die Leute sagen dir alles super! Wenn du jetzt Bhagwan-Anhänger bist, dann hast du es bei uns im Dorf sicher nicht so leicht.

Jörg: Die Leute wollen sich die Fragen nicht stellen, es ist der Weg des geringsten Widerstandes, warum was ändern?

Genauso unglaublich ist es doch, welch große Rolle das Thema Macht bei der Kirche immer noch spielt. Und das fängt schon im Kleinen an. Ich habe es zum Beispiel bei mir wo ich aufgewachsen bin erlebt, dass der Pfarrer seine Machtposition ganz klar missbraucht hat. Der hat sich Sachen rausgenommen, das dürfte niemals sein. Und das ist keine dreißig Jahre her. Es ist doch eigentlich total krank, dass die Leute so was akzeptieren.

Gerrit: Also wenn wir schon bei dem Thema sind: es gibt Pfarrer, die über Jahre hinweg kleine Kinder missbraucht haben, die dann einfach versetzt werden. Das geht eben nur in solch einem faschistischen, in sich geschlossenen, patriarchalischen System. Da gibt es einen starken Führer, nämlich den eingesetzten Papst, die haben ihr Propagandaministerium, ihren eigenen Staat (den ich sofort einäschern und an die Armen verteilen würde, wenn ich könnte) das ist streng hierarchisch von oben nach unten strukturiert, keinen Widerspruch duldend. Sobald ein Pfarrer mal ein bisschen aufmuckt, wird er ja sofort rausgeschmissen. Da gibt es Vertuschung und alles drum und dran. Wie ich in meinem Text schreibe: abolish your rules and your state! Das ist für mich, als ob die Nazis noch irgendwo einen Staat hätten und jeder würde sagen ach Gott, die tun ja heut nichts mehr. Das sehe ich nicht so. Der Vatikan hat immer noch seinen Geheimdienst, einen der fiesesten der Welt, der steht dem israelischen in überhaupt nichts nach, wahrscheinlich haben die sogar noch von ihm gelernt, und so geht es grad weiter. Da wird es einem als Nicht-Christ eigentlich schon Angst und Bange, wenn man sich überlegt, was für ein krasser Staat und Machtapparat dahinter steckt. Nach vorne machen die einen auf karitativ und sonst noch was, aber ich sag ja, wenn die Zeiten wieder härter werden, dann rufen die Leute wieder mehr nach Sicherheit, dann rufen sie wieder mehr nach Gott und dann sind die, die offensichtlich nicht dazu passen wieder gefährdet. Und auf solche Zeiten habe ich ehrlich gesagt keinen Bock. Wie gesagt bin ich ein friedliebender Mensch, aber wenn jemand kommt und mir oder meinem Kind etwas tun will, dann gibt es Ärger!

Gleichzeitig hat die Kirche eine der stärksten Waffen, die man sich nur vorstellen kann und das ist die ewige Bedrohung durch ein furchtbares Übel, das dir nach dem Tod blühen kann. Du hast das auch einige Male in deinen Texten angesprochen…

Gerrit: Ja, wie gemein ist denn das? Das ist wie wenn man ständig einem Kind mit dem Schwarzen Mann droht. Das ist das Spielen mit Urängsten. Dazu nutzen die immer die aktuellsten Errungenschaften wie heute das Internet um trotzdem ihre uralten Ängste auszugraben und die Leute zu manipulieren. Das ist unter aller Sau, das hat mit vernünftigen Argumenten nichts mehr zu tun.

Dazu passt der Abschlusssatz von Annointed by Bloodshed, also die Aufforderung come let us sin!

 

Jörg
Haben keinen Gefallen an der medialen Zurschaustellung realer Greueltaten – Jörg M. Knittel und Gerrit P. Mutz

 

 

Gerrit: Augenzwinkernd gemeint. Denn was ist Sünde? Ich hab kein Problem damit wenn Leute meinen, sie müssten sich in Babykleidung einen runter holen oder sich auspeitschen lassen. Das ist mir vollkommen scheißegal, soll doch jeder machen, was er will und da sind wir doch wieder: wenn einer zu dem anderen sagt hey, ich ess jetzt deinen Schwanz wie bei diesem Kannibalenfall, dann sag ich von mir aus! Wenn beide Bock drauf haben, dann sollen sie es halt machen. Ich will aber nichts davon wissen und ich wills nicht in der Zeitung lesen, denn ich fand das einfach eklig.

Jörg: Ich will auch keinen Film drüber sehen.

Gerrit: Ich will keinen Film drüber sehen und ich will auch nicht, dass RAMMSTEIN drüber singen. Wenn es wie bei CANNIBAL CORPSE in diese Splatter- und Fantasy-Ecke geht, dann hab ich nichts dagegen aber für solche Realkannibalismus-Geschichten bin ich ehrlich gesagt zu zart besaitet. Aber wie gesagt hab ich nichts dagegen, es ist etwas anderes, wenn Leute kleine Babys vergewaltigen oder verkaufen.

Jörg: (schmunzelnd)Es wär doch geil, wenn sich alle Terroristen gegenseitig auffressen, dann wäre das Problem doch gelöst.

Gerrit: Die Welt ist groß, es gibt verdammt viele Menschen auf diesem Planeten und es gibt jede noch so fiese Abartigkeit, genauso wie es alles erdenklich Schöne gibt. Man muss halt nur hoffen, dass einem im Leben mehr das Schöne passiert und man durch den Quark einigermaßen kommt, denn wenn es eine Hölle gibt, dann ist es die Erde und wir haben es dabei relativ gut erwischt (lacht).

Damit kommen wir aber gleich wieder in die nächste Diskussion. Gerrit, du bringst sehr oft deinen Sohn als Beispiel und es ist doch eigentlich das wichtigste für dich, deinen Sohn vor dem schlechten in der Welt zu schützen. Das Argument von der Kirche oder auch vom Staat ist doch, dass sie versuchen, die labilen Menschen zu schützen und ihnen aufzuzeigen, was für sie nicht gut ist. Das Argument ist wir helfen euch und wir führen euch auf den rechten Weg.

Gerrit: Ja aber kann man nicht helfen, ohne irgendeinen Gott zu bemühen? Kann man nicht einfach zu seinem Kind sagen wenn du stirbst gehst du genau dahin, wo du vorher warst. Und wenn das Kind dann sagt ja aber ich weiß nicht wo ich war, dann muss man eben sagen wenn du es nicht weißt, ich weiß es auch nicht!

Ich denke das Argument ist einfach stärker. Wenn du das deinem Kind auf diese Weise erklärst, sagt es vielleicht ja dann ist es ja eh egal, was ich mache. Wenn dir aber jemand sagt wenn du das nicht so machst, dann wirst du für ewig in der Hölle brennen, dann steckt da doch viel mehr dahinter.

Jörg: Aber das ist ja keine Lösung, Kinder unter Druck zu erziehen. Das ist doch Schwachsinn, wenn die Leute ständig in Angst leben und vielleicht gute Menschen sind oder moralisch leben, nur weil sie Angst vor dem Danach haben. Ich denke da muss doch jeder für sich so gefestigt sein um sein Leben möglichst selbst zu gestalten.

Gerrit: Ich habe eine christliche Maxime als Grundmaxime meines Lebens: tue keinem etwas an, was du nicht willst, was dir angetan werden soll. Ich probier mit jedem so umzugehen, wie er mit mir umgehen soll. Gut, okay, ich bin ein recht zynischer Arsch, keine Frage, und manchmal auch unfair. Aber das macht das Leben aus einem. Denn wie gesagt, wenn du von nichts ne Ahnung hast und je älter du wirst, du noch planloser wirst, weil du die Antworten auf deine Fragen einfach nicht findest, dann macht das einen einfach extrem zynisch. Aber ich will niemandem etwas Böses tun und so hoffe ich, dass mir da auch keiner was antun wird. Weil ich einfach auch weiß, dass wenn mir jemand etwas Böses tut, ich da gerne übertreibe. Wenn mir jemand gegen das Schienbein tritt, dann bin ich derjenige, der dann gleich in beide Schienbeine zurück tritt und hoffe, dass die Beine nie wieder zusammen wachsen. Ich bin ultranachtragend und das weiß ich und ich möchte es vermeiden, weil ich im Nachhinein selbst nicht damit klar komme.

Jörg: Außerdem: wer von diesen Ultra-Christen lebt denn wirklich nach den zehn Geboten und ist moralisch derart gefestigt. Das ist doch so eine verschwindende Minderheit. Die meisten sind doch Arschlöcher wie jeder andere auch, machen Seitensprünge, betrügen,…

Man muss sich ja auch gar nicht unbedingt an die Gebote halten, denn schließlich gibt es ja immer noch die Beichte.

Jörg: Ja, und das leben ja viele auch. Die gehen dann einmal im Monat zum Beichten und dann ist ja wieder alles okay. Man betet seine fünfzig Ave-Maria und kann dann grad so weitermachen.

Gerrit
Gerrit Mutz: Vielleicht kommt Gott ja irgendwann einmal angedüst und entschuldigt sich dafür, dass er die letzten paar tausend Jahre unterwegs war.

Gerrit: Es ist ein sehr bequemer Glaube, es gibt für alles eine Lösung und einen Ausweg und man muss nur diesen Schwachsinn mitmachen. Du musst einfach sagen ja, ich glaube! Aber ich kann nicht glauben. Weil ich es nicht weiß und es nicht sehe. Ich glaub an gar nichts. Gibt es da ein anderes Wort? Ich akzeptiere das, was ich sehe und was ich fühle und da gibt es auch einen schönen Song von IMMOLATION, der heißt

I feel nothing. Tut mir leid, genau so geht es mir auch. Ich habe in meinem Ganzen Leben noch keine göttliche Präsenz gespürt, außer bei Sachen, die halt einfach geil sind. Wenn ich geilen Metal höre krieg ich ne Gänsehaut oder bei gewissen Schäferstündchen mit meiner Frau. Das sind Sachen, die einem etwas geben, aber ich spür da keine göttliche Nähe. Wenn mir jemand sagt ja jetzt schau die Natur und alles um uns herum und wenn ich dann oben im Flugzeug sitz – ich mag Fliegen nicht – und auf die Wolken schau, denk ich mir hier isser auch nicht! (Schmunzelt) Oder die waren auf dem Mond und da war er auch nicht. Und je weiter du ins Universum kommst: da ist er auch nirgends. Weiß nicht, vielleicht kommt er ja mal angedüst und sagt okay Leute, ich war die letzten paar tausend Jahre unterwegs, sorry.

Was ja jetzt ziemlich deutlich rüber kommt: sobald man einmal die Position und Sichtweise gewechselt hat, bekommt einem dieser eigentlich so gute christliche Glaube eine sehr negative Schlagseite. Man erkennt, wie viel Böses darin steckt. Man betrachtet beispielsweise diese Rituale: da gibt es Opferungen , da gibt es das System der Hölle, usw. Würde man einem Christen von irgend einem Kult irgendwo in einem unzivilisierten Teil der Welt erzählen, bei dem genau derartige Dinge praktiziert werden, jeder würde dir doch sagen das ist ja unglaublich, und so was gibt es heutzutage in unserer Welt? Das hast du meiner Meinung nach recht gut im Song Conqueror dargestellt, ich hoffe, ich habe ihn nicht falsch interpretiert.

Gerrit: Ich habe 1991 auf einem DAWN OF WINTER-Demo mal einen Song namens A solide peace gehabt und darin geht es darum, dass ich es einfach lustig finde, dass bei diesem Gebetsaufkommen pro Tag das da in die Hemisphäre schwirrt, der Großteil doch ziemlich für den Eimer ist. Es passiert ja nichts. Ich denke die Zahl der umsonst gen Himmel geschickten Gebete ist prozentual gesehen doch extrem hoch. Nehmen wir nur mal die Gefallenen im ersten Weltkrieg. Das sind doch eine ganze Menge und ich will nicht wissen wie viele von denen ein Scheiße, oh mein Gott oder sonst etwas auf den Lippen hatten. Das ist doch ein ganz schönes Aufkommen und das mal hochgerechnet auf alle Kriege und alle Gläubige: da kommt doch ganz schön was zusammen. Und dann hab ich mir schon damals gedacht was wäre, wenn die Gebete gehört werden von einem Gott, der dermaßen die Schnauze voll hat von diesem ewigen Gejammer und er sagt okay, ihr habt gewollt, dass ich zu euch komme aber ich bin vielleicht nicht ganz so, wie ihr euch das vorgestellt habt. Und dann offenbart er sich als simples, rachsüchtiges, gemeines und fieses Arschloch, das genau so ist, wie ihn sich die Menschen nicht vorgestellt haben.

Jörg: Aber da ändert sich ja auch nichts, denn wen es einen gibt, dann ist er ja genau so (lacht).

Gerrit: Jaja genau, aber der zeigt es denen dann eben auch. Es ist eine lustig gemeinte Hypothese über einen Gott, der ein echtes Arschloch ist und sich der Menschheit offenbart. Dieses Thema habe ich in I am the Conqueror“ wieder aufgegriffen, ganz nach dem Motto Jetzt geht ihr mir auf den Sack und hier bin ich! Aber ich bin nicht das Final Judgement, wie ihr es darstellt, also dass ich die Guten von den Bösen trenne, sondern ich mach euch einfach alle platt oder die, auf die ich gerade Bock hab. Und ihr werdet schauen, wer da alles dabei ist! Ich fand das einfach ne schöne Geschichte und hab die hier noch mal aufgegriffen.

Was sich nun sehr widersprüchlich anhören mag: ich für mich persönlich muss trotz all der Abneigung, die ich gegenüber der Kirche entwickelt habe, sagen, dass ich meine katholische Erziehung gar nicht unbedingt missen wollte, und zwar aus vielen Aspekten: zum einen, weil es ein Teil meiner Persönlichkeitsentwicklung war, zum anderen, weil ich nach wie vor auch sehr tief in diesen Bildern verhaftet bin. Für mich ist es eine schräge Art der Faszination. Und auch bei euch merkt man doch letztendlich in den Texten, welche Bildgewalt davon ausgeht, ihr nutzt die Bilder, um sehr viel Emotion freizusetzen und den Aussagen Nachdruck zu verleihen.

 

Jörg
Jörg M. Knittel: Ich wäre lieber im buddhistischen Glauben erzogen worden als im christlichen.

Gerrit: Ja, die muss man ja quasi benutzen, weil die Bilder für jeden klar sind. Ich kann nicht in völlig anderen Bildern reden, die kein Mensch versteht. Wenn ich die Hölle meine, muss ich auch von der Hölle reden. Aber ich muss für mich sagen, dass ich mich immer noch, und ich bin jetzt 35, von diesen Bildern belästigt fühle.

Jörg: Also ich bin da überhaupt nicht dankbar, ich finde das nervend. Ich bin ja wie gesagt nie wirklich streng christlich erzogen worden, aber ich bin kein bisschen froh, dass ich das, wenn auch nur im Ansatz erfahren habe. Ich wäre z.B. lieber im buddhistischen Glauben erzogen worden als im christlichen. Das ist für mich der einzig ansatzweise nachvollziehbare Glaube, der mir eventuell auch etwas geben könnte. Aber den christlichen Glauben empfinde ich einfach nur als schwachsinnig.

Gerrit, du hast vorhin bereits mal erwähnt, wie du die ständige Konfrontation mit den christlichen Bildern in unserer Gesellschaft empfindest. Ich selbst bin, glaub ich, noch ein ganzes Stück davon entfernt, Kinder zu haben und dennoch denke ich manchmal darüber nach, wie ich wohl ein Kind in meiner Umgebung erziehen könnte. Ich stell mir vor, es ist vielleicht fünf und durchstöbert dann einfach mal meine CD-Sammlung, schaut sich die Cover an, usw. Die Frage, die sich mir stellt ist wie erkläre ich meinem Kind in diesem Alter, dass diese Bilder etwas anderes zum Ausdruck bringen sollen, als wie sie sich zunächst darstellen. Gleichzeitig stell ich dann aber fest, dass ich eigentlich nur in eine Kirche gehen muss um noch viel grausamere Darstellungen zu sehen und mit diesen Darstellungen bin ich ebenfalls aufgewachsen.

Gerrit: Also ich mag Kirchen als Gebäude eigentlich von außen gerne, aber ich mag es nicht, hinein zu gehen. Das mag sicher auch damit zusammen hängen, dass ich da immer dieses Gefühl habe, dass ich dort nicht willkommen bin. Ich glaube nicht daran; ich denke, die Leute merken, dass ich das alles ablehne und deshalb hab ich immer ein ungutes Gefühl. Und dazu kommen diese Darstellungen. Ich hasse Puppen, ich mag keine lebensechten Menschendarstellungen und da sind natürlich massig von diesen Figuren, die da rumstehen und die dann meistens auch noch bluten oder sonst etwas. Ich finde, das eine ganz ungute Atmosphäre und mich erinnert das immer an ein Horrorkabinett. Ich hab früher Horrorfilme vergöttert, inzwischen mag ich das gar nicht mehr, weil das Leben meist schockierend genug ist. Mit guten Horrortexten hab ich kein Problem, wenn sie so abstrakt sind, dass man das alles auf eine gewisse Ebene schieben kann. In einer Kirche bist du aber damit konfrontiert, dass diese Darstellungen den Gläubigen da drin auch eine Realität vorgaukeln und da krieg ich dann Angst. Ich mag keine Kirchen. Was die Kindererziehung angeht: wir hatten da zuhause schon zig Diskussionen und ich hatte ja mal alles zugepflastert mit IMMOLATION-Postern und was weiß ich was. Vor einem Jahr, als der Kleine ein halbes Jahr alt war, hab ich mir gedacht, so langsam könnte er es ja schnallen und habe die fiesesten Sachen abgehängt. Sogar Plastic Greenhead von TROUBLE, auf dem so ein schreiender Kopf drauf ist. Wahrscheinlich war das teilweise auch überpenibel, weil die Jeanette ja die ganze Wand voller BATHORY-Poster hat.

Jörg: Also ich denke auch, dass das der richtige Weg ist. Solange es der Kleine noch nicht verstehen kann, würde ich die Sachen abhängen. Aber sobald er die Reife hat würde ich versuchen ihm das alles ganz sachlich zu erklären.

Gerrit: Im Endeffekt ist alles, was wir haben Metal und Metal spielt immer irgendwo mit. Er spielt z.B. seit einem Jahr mit einem Jack in the Box oder wie das heißt, aus dem ein Eddie rauskommt, wenn er auf den Knopf drückt. Und Eddie ist ein Leichnam. Wer weiß, ob mich das als Anderthalbjähriger nicht schockiert hätte? Mein Kleiner der lacht, der lacht auch über ALICE COOPER.

Jörg: Klar, wenn er mit solchen Dingen aufwächst, dann gewöhnt er sich auch dran.

Wobei sicher irgendwann das Alter kommen wird, bei dem du ihm erklären musst, dass das nichts schlimmes ist und es immer noch eine Trennung zur Realität gibt.

Gerrit: Ich lauf jeden Tag mit Metal-Shirts rum, die Jeanette läuft jeden Tag mit Metal-Shirts rum. Das ist ja die Frage, wo ist die Grenze? Ist ein Totenschädel schon zu hart? Aber dann kann ich nur noch in Unterhose rumlaufen, ich hab nur Metal-Sachen an, wir haben nur Metal-Sachen an der Wand… Ich sag ja, die aus meinem Empfinden heraus ganz krassen Sachen habe ich abgehängt, aber da gibt es trotzdem noch die ein oder andere Sache, vor allem Picture-Discs. Ich hoffe einfach, dass es so ist, wie der Jörg sagt. Der Kleine wächst vom ersten Atemzug mit uns auf und wir sehen nun mal nicht wie andere aus. Sicher wird er irgendwann in eine Trotzphase kommen und sagen ich versteh das oder das nicht. Und ich hab jetzt schon zu Jeanette gesagt, dass wenn er irgendwann vor meinem ST. VITUS-Poster steht, auf dem nun mal ein großer Totenkopf zu sehen ist, und er sagt Papa, Angst!, dann mach ich das sofort runter. Keine Frage, ich häng an nichts von dem Zeug mehr, als ich an meinem Kleinen hänge. Mein ST. VITUS-Poster ist mir heilig, aber wenn er Angst davor hat, dann kommt es weg. Letztendlich müsste ich aber meine Sammlung auflösen, einen weißen Raum einrichten und hoffen, dass der Kleine damit klar kommt. Aber wir sind so extrem Metal und unsere Wohnung ist ein einziger Platten- und Shirtladen, das kann man nicht alles vor ihm verschließen. Aber wir gehen ja sehr gut mit ihm um, wir lieben ihn, hätscheln ihn und tätscheln ihn… Er wird ja liebevoll erzogen und ich denke, er wird es dadurch als integralen Bestandteil akzeptieren. das Problem seh ich eher, wenn dann Freunde kommen. Aber was will man da machen? Wenn sie sagen, sie gehen nicht zum Tore, weil sie Angst haben, dann muss der Tore eben zu ihnen gehen.

Ich könnt mir aber auch vorstellen, dass so was gar nicht unbedingt von den Kindern kommt, sondern mehr von den Eltern…

Gerrit: Ja, die Jeanette spürt das ja schon in irgendwelchen Krabbel-Kursen. Wenn da ein Stuhl neben ihr frei ist, setzt sich da sicher niemand hin. Das ist halt so, wir hatten da auch vor kurzem eine Diskussion und was willst du denn machen? Wenn wir uns jetzt verkleiden und irgendwelche normalen Sachen anziehen, dann merkt man das doch trotzdem. Ich bin ja kein Schauspieler. Wenn Jeanette mit einem Abendkleid hingegangen wäre, dann hätte sich vermutlich auch niemand neben sie gesetzt. Man hat eine andere Aura. Die graue Masse merkt, wenn du nicht Teil der grauen Masse bist. Jeder hat Angst vor Dingen, die er nicht kennt und nicht einschätzen kann.

Nochmal zu einem Thema von vorhin: man merkt es euch meiner Meinung nach doch deutlich an, dass ihr den christlichen Glauben zunächst grundsätzlich ablehnt. Wir hatten vorhin schon einmal das Beispiel mit deiner Schwester – es gibt einfach Menschen, für die ist der Glaube ein Ankerpunkt in ihrem Leben, vor allem in schwierigen Situationen. Ist das für euch akzeptabel?

Jörg: Ja natürlich, solange derjenige uns nicht bekehren möchte, ist das vollkommen in Ordnung.

Gerrit: Sicherlich. Vor einigen Jahren, als wir darüber noch diskutiert haben, hat sich meine Schwester einmal neben mich gesetzt, und sie ist ja wirklich ein Engel…

Jörg: …und sieht sogar besser aus (lacht)…

Gerrit: …deutlich! Sie hat mir mit einem Engelslächeln ins Gesicht geschaut und gesagt wenn du so weiter machst, dann wirst du in der Hölle brennen. Das war dann auch ein weiterer ausschlaggebender Punkt, bei dem ich gesagt habe das kann nicht wahr sein. Die Frau sagt mir im selben Atemzug, dass sie mich liebt und es keinen wichtigeren Menschen gibt, aber dass wenn ich so weiter mache, ich in der Hölle brenne. Denn es gibt mehrere Momente, in denen Jesus in dein Leben tritt und wenn du das ignorierst, dann ist es vorbei. Da denk ich schon, dass das krank ist, aber auf der anderen Seite habe ich akzeptiert, dass sie den Glauben als Anker braucht und sie ist sogar in eine erzkatholische Gegend in Bayern gezogen, damit dieses Bild auch aufrecht erhalten bleibt. Und das ist ja wunderbar. Inzwischen ist sie aber weniger extrem und eine ganz normale Hausfrau, weil sie eben dieses Fundament hat, das dort nicht erschüttert wird. Und wenn wir zu ihr zu Besuch kommen, ist das ebenfalls der Fall, weil ich sie nicht darauf anspreche. Außer wenn sie irgendwelche hanebüchenen Sachen von Satanisten erzählt. Was werden die in diesem Dorf wohl von Satanisten wissen? Da haben sie wahrscheinlich wieder irgendwelche Gruselbücher von irgendwelchen christlichen Buchvereinen gelesen – so was gibt es ja – wo dann von irgendwelchen Kinderschänderringen erzählt wird, die Kinder zerstückeln und auffressen. Solche perversen Dinge mag es irgendwo auf dem Planeten sicher geben, und das dies antichristlich und satanisch motiviert ist, mag auch vorkommen, aber es gibt einfach kranke Leute, die derartiges tun. Sowas wird aber dann immer gleich als allgemeingültig gesehen.

Jörg: Ich denke schon auch, dass wenn jemand den Glauben braucht und ihm dies hilft, dann ist das ja vollkommen in Ordnung. Ich brauch ihn nicht. Andere Leute machen Yoga oder gehen joggen. Alles in Ordnung.

Gerrit: Die können sich doch ruhig auch zusammenrotten und abends Tee trinken, letztendlich machen das Metaller ja auch und bangen zusammen ab – aber wieso muss da immer dieses Missionarische reinspielen? Ich kenne keinen Metal-Club, der auszieht und versucht, jeden in seinen Metal-Club aufzunehmen. Dieses Missionarische geht mir total gegen den Strich, weil es mich in meiner Persönlichkeit beschneidet. Da klingelt jemand an der Tür und will mit mir reden, mit dem ich nicht reden will.

Mein atheistisches Weltbild sieht eigentlich so aus, dass das Gute auch immer das Böse bedingt, das eine gibt es ohne das andere nicht. Das ist keine Philosophie, sondern mein persönlicher Schluss aus der Betrachtung der Welt. Auf der einen Seite tut man mit einer Handlung etwas Gutes, auf der anderen wirkt sich das für jemand anderen vielleicht als was Schlechtes aus. Das heißt für mich aber auch, dass man das Christentum nicht derartig einseitig sehen darf. Nicht alles am Christentum ist schlecht….

Jörg: Das sagen wir ja auch nicht!

Gerrit: Das ist in den Texten überspitzt dargestellt. Es ist doch ganz logisch, dass da auch mal übertriebene Schlagworte dabei sind. Das Schlimme beim Metal ist ja, das alles wörtlich genommen wird. Wenn ich ein Komiker wäre oder irgendwas, dann könnte ich mit Metaphern, Parabeln und was weiß ich was arbeiten. Beim Metal heißt es immer der hat das gesagt, und so ist es. Du kannst es leider nicht jedem Recht machen, es ist wie bei einem Gedicht, es ist für jede Interpretation offen und es ist mir ehrlich gesagt schwanzegal, ob jemand meine Texte versteht oder nicht. Ich hab auf der neuen Platte probiert Texte zu schreiben, die mir persönliche etwas geben, die ich so interpretieren kann, dass ich sage okay, das macht mir Spaß. Ich will nicht irgendeine hohle Scheiße von mir geben. Das kann auch Spaß machen, aber irgendwann will man auch mal Sachen mit Sinn erzählen und da hab ich das Vertretbare in die Texte reingepackt. Aber auch nicht philosophisch überfrachtet, denn wir wollen ja nicht übertreiben.

Worauf ich eigentlich raus wollte sind diese Argumente die Kirche tut doch auch Gutes, die betreibt karitative Einrichtungen usw.

Gerrit: (lacht) Die Nazis haben doch auch Autobahnen gebaut! Du kannst doch in jedem Dreck irgend etwas Gutes finden, wie du so schön sagst, alles hat gute und schlechte Seiten, aber letztendlich kommt es doch auf die Auswirkungen an. Ganz Deutschland fand die Nazis damals ganz toll, als man plötzlich das Haus vom Nachbarn hatte, weil der zufällig ins Konzentrationslager musste. Das ist für den Juden ganz schlecht, aber für denjenigen, der das Haus hatte, war das toll. Weißt du, das fiese ist, dass das Ausgrenzen von Leuten immer schon im Kopf anfängt.

Nun könnte man aber auch sagen, dass vielleicht Leute wie wir einfach etwas merkwürdig sind und es grundsätzlich ein menschliches Bedürfnis im Sinne einer Sinnsuche gibt. Letztendlich gibt es auf jedem Teil dieser Welt unabhängig voneinander Religionen…

Jörg: Sicher hat sich jeder schon mal die Frage gestellt, ob es einen Gott gibt, worin der Sinn des Ganzen liegt, usw. Aber wie gesagt habe ich im Laufe meines Lebens erkannt, dass es keinen Gott gibt, dass ich den nicht brauche und auch ganz gut ohne ihn zurecht und ohne irgendwelche Krücken durchs Leben komme.

Gerrit: Sowas fragt man sich doch jeden Tag. Als ich vorhin hier her gefahren bin, hab ich im einen Moment drüber nachgedacht, dass gestern schlechtes Wetter war und der nächste Gedanke war, während ich die neue KING DIAMOND angehört habe, dass wenn ich jetzt auf den Laster vor mir auffahre, sicher nicht der erste Gedanke wäre oh Gott, jetzt komm ich in den Himmel! Mein erster Gedanke war scheiße, darauf hab ich ja gar keinen Bock – die Schmerzen müssen ja unfassbar sein! Das ist meiner Meinung nach normal! Es muss doch nicht dieses Jenseitige sein. Wir sind Menschen und unvollkommen. Du musst als Mensch mit Schmerzen, Verlust, Leid und allem klar kommen. Und dass dann sofort bei jedem der Wunsch nach einem Sinn, etwas Übergeordnetem oder nach jemand, der verantwortlich ist da ist, ist doch normal. Ich glaube nicht, dass jemand da ist. Wenn morgen mein Kind aus irgend einem Grund stirbt, dann ist doch niemand dafür verantwortlich. Außer es hat jemand überfahren. Aber wenn es irgend eine Krankheit ist, gegen die niemand etwas tun kann, dann nehm ich mir vielleicht einen Strick oder was weiß ich was. Keine Ahnung. Es ist nun mal niemand da.

Vielleicht gibt es einen Sinn, der komplett naturwissenschaftlich erklärbar ist.

Gerrit: Ja, was weiß ich. Die Kirche macht es halt verdammt einfach. Man kann sagen okay, ich konzentrier mich auf was anderes. Ich such nicht mehr, ich frag nicht mehr, ich schau mich nicht mehr nach den anderen Religionen um. Ich akzeptiere das, was bei mir eben das Nächstliegende ist.

Jörg: Genau deshalb funktionieren diese ganzen Weltreligionen doch, weil es diese Ursehnsucht im Menschen nach einem Gott oder Beschützer gibt.

Gerrit: Wie eben ein Kind nach seinen Eltern schaut. Sobald du merkst dass du bist erwachsen bist und keiner auf dich aufpasst, brauchst du etwas, das dir Sicherheit gibt. Als ich 18 war und gemerkt hab, dass sich keiner mehr um dich kümmert und du schauen kannst, wo du bleibst, du dir einen Job angeln und Entscheidungen selbst treffen musst und da du nur Kumpels hast, denen es genauso geht, bist du eben ganz schnell allein. Und das bist du oft im Leben. Dann schaust du mal und die meisten Leute suchen dann jemand, der ihnen seelischen Beistand geben kann. Ich hab da dann eine TROUBLE-Platte aufgelegt.

Genau das wäre jetzt für mich die Frage: was war für dich dann der seelische Beistand?

Gerrit: Ich habe ja Metal bereits vor dem Tod meiner Mutter entdeckt. Und mein Halt in schweren Zeiten war immer der Heavy Metal. Die Platten haben quasi nach mir gerufen. Ich habe mich auch persönlich bei TROUBLE bedankt, als ich sie getroffen hab. Ich hab ihnen mein Tattoo gezeigt und gesagt ich bin kein Christ, aber eure Texte haben mir wahnsinnig geholfen. Denn sie strahlen sehr viel Suche aus und die Art wie das alles dargestellt ist, hat mir sehr viel gegeben – auch wenn ich nicht mit der Grundaussage übereinstimme.

Jetzt sind wir aber wieder an dem Punkt, auf den ich vorhin hinaus wollte: die Bibel als Philosophiebuch. Genau das, was du gerade beschreibst, ist doch etwas, das einem die Bibel auch direkt geben könnte, oder nicht?

Gerrit: Alles kann einem irgend etwas geben, egal ob man den Trost in Bildern findet oder in Filmen. Bei mir waren es eben Platten. Ich hab mir das nicht ausgesucht, aber ich hab immer das Gefühl gehabt, dass der Metal irgendwo zu mir kommt.

Und somit hat es eine ganz andere Bedeutung wenn du singst Metal is my Religion.

Gerrit: Es ist so! Und da haben wir es doch: jeder sucht nach einem Sinn. Jetzt weiß ich aber selbst, dass Metal eigentlich nur Musik ist – ich persönlich habe es aber zu etwas erhöht, weil ich merke, dass es da etwas gibt, was mir viel gibt. Was mich am meisten am Tod erschreckt ist wirklich der Gedanke oh Gott, ist da noch Metal? Das ist kein Witz. Es ist so, das ist mir vor kurzem erst wieder klar geworden. Für mich ist Metal mein Rückgrat und meine Lebensgrundlage und für jede Situation in der ich mich befinde, gibt es auch die passende Metal-Platte. Und wenn die Situation kommt, in der es nicht passt, dann gibt es die DEAD CAN DANCE oder Kate Bush.

Letzte Frage: was, wenn die Bibel doch Recht hat?

 

Jörg
Jörg M. Knittel: Ich für mich persönlich weiß, dass die Bibel nicht Recht hat. Lass dich überraschen! Denk an mich, wenn du stirbst!

Jörg: Hat sie nicht.

Gerrit: Das ist genau das, was ich vorhin erwähnt habe. Wissen tu ichs nicht. Ich bin nichts anderes als ein Kind, das auf die Welt geschmissen wird und von nichts eine Ahnung hat.

Jörg: Ich für mich persönlich weiß, dass die Bibel nicht Recht hat. Ich für mich.

Gerrit: Das kannst du nicht wissen!

Jörg: Ich weiß es! Lass dich überraschen! Denk an mich, wenn du stirbst! (lacht)

Gerrit: Der letzte Grundzweifel gibt es bei allem. Eine Hölle schließe ich für mich eigentlich aus, aber meine Hauptangst ist es, wiedergeboren zu werden. Ich habe keine Lust diesen Scheiß immer und immer wieder durchzumachen. Das schlimme ist aber, dass mir Wiedergeburt am Einleuchtendsten erscheint. Und da sind wir wieder: das schließen die Christen auch aus, obwohl es in der Urbibel drin war.

Jörg: Ich denke auch, dass die Wiedergeburt am sinnvollsten erscheint , wobei ich das als nichts Religiöses ansehe, sondern dass es mehr mit einem Kreislauf von Energie zu tun hat. Das wäre etwas, was ich mir vorstellen könnte, aber niemals so etwas wie Himmel, Hölle und der ganze Schnickschnack.

Gerrit: Ich sehs ganz genauso. Schaut man sich um, Staub, Erde,… alles ist ein riesen Kreislauf. Wasser – wir bestehen zum Großteil aus Wasser. Aber das macht mir am allermeisten Angst und das hab ich auch in zig Texten verarbeitet, in denen ich schreibe bitte lass dies das einzige Leben sein. Auch wenn das Leben viele schöne Seiten hat überwiegen für mich die schlechten.

Jörg: Wobei wir ja mit unserem Leben zufrieden sein können.

Gerrit: Sicher. Aber wie gesagt, das ist meine Urangst: dass ich den Arsch grad zumache und als schreiendes Baby wieder aufwache. Und wo? Vielleicht in Simbabwe, wo ich zwei Tag leb und dann wieder woanders aufwache (lacht)? Davor hab ich Angst, weil ich weiß, dass es uns eigentlich doch so verdammt gut geht. Und da wäre ich froh, wenn mir jemand sagen könnte die Christen haben Recht und mir jemand auf diese Weise die Angst nehmen würde. Wenn ich sagen könnte alles klar, euch kann ich es ja erzählen, Jesus war gestern Nacht bei mir. Er stand einfach da, was zwar peinlich war, weil…egal….aber ja, jetzt bin ich gläubig. Oder nein: jetzt bin ich Wissender! Alles ist super, ich werde nicht wiedergeboren, meine Blasphemien fand er auch gar nicht so schlimm und er findet auch die Platten nicht so schlecht (lacht).