PRIMORDIAL: Terroristen und Tragödien

PRIMORDIAL: Terroristen und Tragödien

Ebenso fordernd und charakterstark wie die Musik seiner Band, ist auch Sänger Alan A. Nemtheanga. Der charismatische Ire legte in dem halbstündigen Gespräch einige unbequeme Ansichten an den Tag und beeindruckte mich nachhaltig. Das Gespräch über die sich verändernde Welt, Politik, irische Tragödien und das neue Album „The Gathering Wilderness“ konnte durch den Zeitmangel leider nur stellenweise vertieft werden, doch es beweist eindeutig, dass hinter PRIMORDIAL viel mehr steckt als nur Musik.

Hallo Alan, meinen Glückwunsch zu „The Gathering Wilderness„. Ich habe länger als bei den Vorgängern gebraucht, bis ich gefallen daran fand, aber mittlerweile finde ich es sogar um Längen besser als „Storm Before Calm„.

Mir haben einige Leute berichtet, dass sie anfangs Schwierigkeiten mit „The Gathering Wilderness“ hatten, aber ich finde das nicht schlimm, im Gegenteil. Es ist gut, wenn man herausgefordert wird. Die Alben, die man sich am meisten erkämpfen muss, zählen irgendwann zu den All-Time-Favorites, man kommt immer wieder auf sie zurück.

Der Titelsong „The Gathering Wilderness“ klingt wie deine Abrechnung mit der modernen Welt. Du schreibst: ‚Das alte Europa verändert sich‘, was auch ohne Vorbehalte stimmt.

Manches wurde besser, manches definitiv schlechter. Aber das Konzept ist universell, bezieht sich nicht allein auf Europa oder Irland. Die ganze Welt befindet sich im Umbruch, Wut und Verzweiflung steigt in allen Ländern der Erde auf. Politische Wunden werden wieder geöffnet, überall herrscht Aufruhr, sei es im mittleren Osten, in Afghanistan, im Irak, in den USA oder in Irland. Die Erde ist gefangen in einem Teufelskreis, es geht permanent bergab. Das ist es, was „The Gathering Wilderness“ ausdrückt.

Ich finde das ist ein sehr interessanter Punkt, denn PRIMORDIAL sah ich bisher eher in dem Licht einer Band, die mit der Vergangenheit verwurzelt ist.

Das ist so nicht richtig, wir sind keine Romantiker. Wenn ich über etwas singe, das mit der Vergangenheit zu tun hat, so reichen die Folgen auch bis in die Moderne. Das ist sogar so, wenn ich über keltische Mythologie singe. Das kommt übrigens nicht so oft vor, wie die meisten denken. Wer die Texte richtig liest erkennt, dass wir mit beiden Beinen auf der Erde stehen.

Aber das kommt meiner Meinung nach erst auf diesem Album zum Vorschein.

Meinst du? Ich weiß nicht so recht, meiner Meinung nach ist das bei allen Alben ähnlich, aber eventuell braucht es eine außenstehende Person, um das zu beurteilen.

Denkst du, dass die meisten Menschen heutzutage ihre Wurzeln vergessen haben?

Ja, in mancher Hinsicht bestimmt. Um zu verstehen wer oder was du bist, musst du wissen woher du kommst. Das ist auch worüber ich singe, es sind wie gesagt universelle Konzepte. Diese Gefühle der Wut, Verbitterung, Entfremdung und so weiter kommen in jedem Menschen vor, egal ob die Person aus Irland, Deutschland, Chile oder Mexiko stammt.

Bist du ein Patriot?

Ich denke, als solchen könnte man mich bezeichnen.

Terror ist in dieser Zeit ein sehr sensibles Thema und gerade in Irland gibt es viele Terroristen, die auch sogenannte Patrioten sind.

„Weißt du, der Politiker des einen ist der Terrorist des anderen.“ Alan hält nichts von ‚Schwarz-Weiß‘-Denken.

Weißt du, der Politiker des einen ist der Terrorist des anderen. Nimm zum Beispiel mal Südafrika, ist Nelson Mandela ein Held oder ein Terrorist? Ist es im Falle der IRA anders? Sicherlich, es sterben Menschen, aber so ist es nun mal im Falle eines Konfliktes. Ich glorifiziere weder die eine, noch die andere Seite.

Gleichermaßen patriotisch wie tragisch ist der Song „The Coffin Ships“, der meiner Meinung nach intensivste Song der Scheibe.

Es geht darin um die Jahre 1845 bis 1849. 3,5 Millionen Iren starben bei dem Versuch auf Schiffen in Richtung Amerika zu emigrieren. Das war eine massive Tragödie in der Geschichte Irlands und die „Coffin Ships“ waren die Schiffe auf denen viele versuchten ein neues Leben zu beginnen. Dieser Song ist dazu da, um den Opfern und Angehörigen dieser schrecklichen Ereignisse Tribut zu zollen. Ich versuchte lang einen Text über irische Schicksale zu schreiben, aber ich fand nie die richtigen Worte, es klang immer nach einem Geschichtsaufsatz. Ich fand eines Tages diesen großartigen Gedenkstein in der Nähe eines Massengrabes in Cork, auf dem ein wundervolles Gedicht stand, das ich im Text verwendete. (Bitte diese lange Passage selbst im Booklet nachschlagen – Anm. d. Verf.)

In musikalischer Hinsicht habt ihr die Black Metal-Einflüsse auf ein Minimum reduziert.

Dafür gab es keine konkreten Gründe. Das nächste Album könnte wieder sehr brutal ausfallen. Wir haben sogar ein Stück vor den Aufnahmen nicht ganz fertig komponiert, das sehr viele Black Metal-Charakteristika und viel Schreigesang beinhaltet. Wir analysieren unsere Musik nicht, wir lassen sie einfach fließen.

Auf jeden Fall passen meiner Meinung nach die Texte und die Musik besser zusammen als zuvor.

Wenn du es so siehst freut mich das. Aus dem Blickwinkel der Band ist so etwas schwer zu beurteilen. Doch jedes Mal wenn wir einen Song geschrieben haben, ist er besser gelungen als der vorherige. Das ist konstantes Verbessern und Lernen.

Die Musik scheint auf „The Gathering Wilderness“ jedenfalls mehr die Texte zu unterstreichen und könnte ohne diese gar nicht bestehen.

Wir haben die Arrangements einfach lockerer gestaltet, somit bietet die Musik viel mehr Raum für die Texte. Am Sound haben wir viel geändert, es klingt mehr „live“, vor allem die Drums. Aber du hast Recht, dadurch wächst und passt alles besser zusammen.

Auch wenn die Musik sehr gleichförmig gestaltet ist und im Midtempobereich liegt, so gibt es sehr viel Abwechslung.

Dynamik ist im Songwriting so ungeheuer wichtig. Auch für uns, obwohl wir keine normalen Strophen, Refrains oder Gitarrensoli verwenden. Es ist eher wie eine Reise, auf die wir den Hörer mitnehmen, da muss einiges an Drama eingesetzt werden.

Dadurch, dass sie sehr lang sind, wachsen die Songs langsam an, steigern sich aber auch von Minute zu Minute.

Um ehrlich zu sein, denke ich, dass unsere Lieder schon immer recht lang waren. Aber wie gesagt, wir versuchen den Hörer mit auf eine Reise zu nehmen und viele verschiedene Facetten zu addieren, da ist es sicherlich von Vorteil lange Stücke zu schreiben. Es darf einfach nicht langweilig werden.

Auf jeden Fall muss man sich für „The Gathering Wilderness“ viel Zeit nehmen. Es ist ein sehr forderndes Album, dass einfach nicht wirkt, wenn man sich nicht darauf konzentriert.

Absolut, du kannst die Scheibe nicht einfach beim Joggen oder Autofahren hören. Sicherlich gibt es solche Hörer, die sich nicht tiefer damit befassen, aber dennoch damit etwas anzufangen wissen. Der Großteil der Konsumenten will die Texte verstehen, jede Note hören und fühlen. Sie wollen sich auch mit der Ideologie identifizieren. Das ist eben kein Pop-Metal. Für manche sind wir eine herausfordernde und schwierige Band, aber das ist gut so.

Apropos Herausforderung: Kannst du dir ein Leben ohne PRIMORDIAL vorstellen?

Ja, das kann ich. Auch wenn ich hoffe, dass wir noch lange weitermachen. Aber Musik muss immer da sein, ich kann mir kein Leben vorstellen, in dem ich nicht Musik machen würde. PRIMORDIAL ist ein wichtiges und großes Kapitel in meinem Leben und im Leben der anderen. Wir machen Musik nicht weil wir es wollen, sondern weil wir es müssen. Das liegt einfach in unserem Blut und in unserer Tradition. Vielleicht werde ich später in einer traditionellen Band spielen.

Zurück zu eurem neuen Album. Deine Black Metal-Schreie sind fast ganz gewichen, nur an einigen Stellen setzt du sie noch ein. Willst du damit besondere Passagen herauspicken?

Schwer zu sagen. Wie gesagt, ich analysiere das nicht zu sehr, ich habe die Schreie einfach eingestreut wenn sie sich an der jeweiligen Stelle gut angefühlt haben. Heute kann ich besser singen als noch vor zehn Jahren, deshalb bin ich viel variabler.

Alan über seine Band: „Das ist eben kein Pop-Metal!“

Mit deiner Performance hievst du die Songs in Sachen Intensität auf ein ganz anderes Level. Du bringst die Texte so unendlich tragisch rüber ohne auf zuviel Pathos zurückzugreifen, es klingt einfach pur.

Wir machen ganz einfach ehrliche Musik. Und wir versuchen so ehrlich wie möglich zu sein.
Ich bin zu einhundert Prozent ehrlich und meine das was ich singe so, und nicht anders. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich so klinge. Ich singe nicht über schnelle Autos oder anderen Bullshit, ich singe über etwas für das ich stehe.

Das Material wurde für dieses Album nicht wieder im Alleingang von Ciaran MacUliam (Gitarrist – Anm. d. Verf.), sondern auch wieder vermehrt von eurem Bassisten Pol MacAmlaigh geschrieben. Hält Emanzipation Einzug in euer Gefüge?

Pol hat für PRIMORDIAL bereits Songs wie „Gods to the Godless“ auf „Spirit the Earth Aflame“ geschrieben, aber zu „Storm Before Calm“ hat er keinen Song beigetragen. Warum kann ich nicht sagen, es war seine Entscheidung, aber an der Entstehung der Songs sind immer alle beteiligt. Von Ciaran kommt tatsächlich etwa 70% des Materials, aber zusammengesetzt wird es von allen gemeinsam.

The Gathering Wilderness„wurde von Billy Anderson (u.a. NEUROSIS, HIGH ON FIRE, BRUTAL TRUTH – Anm. d. Verf.) produziert, der einen etwas anderen Background hat als ihr.

Das war eine Herausforderung für uns. Wir wollten einen erdigeren Sound, der mehr „live“ klingt. Billy ist der verdammte Prinz des Schmutzes. Bei ihm weiß man was man kriegt und genau das wollten wir. Wir kennen uns schon einige Zeit und als wir ihn kontaktierten sagte er gleich zu. Das hat aber nichts mit der Arbeit von Mags zu tun, er ist ein fähiger und netter Kerl, aber dieses Mal brauchten wir etwas anderes.

Gab es eine Panne beim Mastering? Mir kommt das Album sehr leise vor.

Wirklich? Mir ist dahingehend nichts aufgefallen, für mich klingt die CD völlig okay. Gut, vielleicht ist sie nicht so laut wie eine deiner MANOWAR-Scheiben… (lacht) (Die habe ich alle längst bei Ebay verkauft, ehrlich! – Anm. d. Verf.)

Habt ihr noch einige ausstehende Tourpläne?

Bis auf ein paar Sommerfestivals ist noch nichts Konkretes geplant, wir wissen nicht mit wem und wann wir kommen. Wir wissen nur, dass wir bald unterwegs sein werden.

Auf dem Summer Breeze-Festival habt ihr mich jedenfalls sehr beeindruckt. Hut ab, wie du die Massen angetrieben hast.

Das war eine schwierige Show. Vor uns standen Leute, die drei Tage lang angeregnet wurden. Die Atmosphäre war dementsprechend dunkel und aggressiv und das war für uns sehr fordernd. Es war ein guter Gig, sicherlich nicht der beste, aber wir waren zufrieden.

Werden mit Metal Blade, als neuer Plattenfirma im Rücken, einige Probleme der Vergangenheit angehören?

Vielleicht, wer weiß. Ich spiele seit 14 Jahren in dieser Band und „The Gathering Wilderness“ ist unser fünftes Album und wir haben niemals aufgegeben oder uns von dem Business-Dreck auffressen lassen. In einer stärkeren Position waren wir jedoch nie, hoffen wir, dass die Zukunft mit uns gnädig sein möge.

Alan, ich danke dir für das Interview, weiterhin viel Erfolg mit PRIMORDIAL. Hast du noch letzte Worte?

Seht euch selbst als Individuen und seht euch selbst in PRIMORDIAL. Wir sehen uns!

Layout: Uwe

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle