PALE FOREST: Raus aus dem Dreck, Mann im Mond!

In Norwegen kennt man Holland vor allem wegen Zweierlei: Käse und THE GATHERING. Tulpen kommen in den Songs von PALE FOREST allerdings nicht vor, und darüber hinaus gibt es noch zig andere Themen, über die es sich lohnt zu sprechen. Bassist und Lyriker Lars Magnus Jenssen tat dies…

In Norwegen kennt man Holland vor allem wegen Zweierlei: Käse und THE GATHERING. Tulpen kommen in den Songs von PALE FOREST allerdings nicht vor, und darüber hinaus gibt es noch zig andere Themen, über die es sich lohnt zu sprechen. Dies tat ich in E-Mail-Form, und so freundlich, meine Fragen zu beantworten, war Bassist und Lyriker Lars Magnus Jenssen. Dabei stellte sich heraus, daß der junge Mann gerne Käse ißt und THE GATHERING mag. Und, wie gesagt, noch einiges mehr. Bitte schön:

Was sind eure Haupteinflüsse (musikalisch, persönlich…)?

Diese Frage kommt immer auf, natürlich, aber es wird einfach nicht leichter zu antworten. Da wir sechs Leute in der Band sind, mit ziemlich unterschiedlichen Geschmäckern, sind da natürlich viele Einflüsse. Musikalisch, denke ich, bekommt man die beste Ansicht unserer persönlichen Lieblinge, wenn man die „individual bio section“ auf der PALE FOREST-Website www.paleforest.no besucht. Natürlich gibt es da ein paar Bands, die wir alle mögen, wie PINK FLOYD, BLACK SABBATH, LED ZEPPELIN, RADIOHEAD, MOTORPSYCHO… und THE GATHERING. Darüber hinaus reichen unsere musikalischen Einflüsse von dem dunkelsten Black Metal bis hin zu dem hellsten von (intelligentem) Pop. Andere Dinge, die uns beeinflussen, sind: wirklich schlechter Humor, David Lynch Filme, Diskussionen über alle möglichen realen oder surrealen Themen bei viel zu viel Bier.

Was denkt ihr momentan über „Exit Mould“ – bitte gib eine kritische Retrospektive.

Es fühlt sich noch sehr frisch an, wenn ich es höre, und es ist ohne Zweifel das beste Stück Arbeit, das wir bisher gemacht haben. Auf unseren anderen Alben gab es viele Dinge, die wir beinahe sofort nach dem Release verändern wollten, auf diesem hier ist da fast gar nichts. Die Platte gibt ein sehr angemessenes Bild von dem, was PALE FOREST vor ungefähr sechs Monaten waren (als wir sie beendeten), und sogar obwohl wir eine Menge an neuem Material gemacht haben, an dem zu arbeiten für uns momentan wichtiger und aufregender ist, klingt „Exit Mould“ noch sehr cool für uns, und es macht wirklich Spaß, die Songs live zu spielen. Ich kann für unsere nächsten Alben versprechen, daß sie neue und vielleicht überraschende Dimensionen erschließen werden.

Exit Mould“ könnte als Gothic Metal definiert werden – aber ich denke, das trifft es nicht. Ich würde es alternative und melancholische Rockmusik nennen – fühlt ihr euch einer Szene zugehörig?

Ich denke, ich würde dir zustimmen und es ebenfalls alternative und melancholische Rockmusik nennen, ja, das ist eine ziemlich gute Beschreibung, aber es ist uns echt egal, wie es genannt wird, so lange wir ohne Grenzen für uns selbst arbeiten können. Wir fühlen uns sicherlich am meisten der alternativen Szene zugehörig, aber da gibt es einen Sumpf von Genres, weißt du. Es ist immer noch sehr schwer für uns, es weiter einzugrenzen. Glücklicherweise hören viel mehr Leute viele verschiedene Genres heutzutage.

Was für einen musikalischen Background habt ihr?

Jarle (Hagen, git), Bernhard (d) und Eyvind (Brox, synths) wurden alle an derselben Musik-Uni unterrichtet. Jarle ist der Boss einer Schule für Jugendliche, die rocken wollen, er unterrichtet da Gitarre, Studio und „alien language“. Die anderen drei von uns haben eine Menge verschiedener Sachen in den letzten Jahren gemacht, von Musicals bis hin zu Death Metal. Tommy (Jorgensen, git) und ich (Lars Jenssen, b) haben keine musikalische Ausbildung außer dem, was wir uns selbst erarbeitet haben. Kristin (Fjellseth, voc) hatte einige Gesangslehrer für verschiedene Stile und Techniken. In anderen Worten: wir haben alle seit unserer frühesten Kindheit mit Musik gearbeitet.

Wie entsteht ein Song von euch?

Alles fängt an mit einer Menge Texten. Dann beginnt Jarle zu lesen, und wenn ein Text ihn zu einer guten Idee verleitet, komponiert er das Skelett eines Songs und macht ein einfaches Demo in dem Studio, in dem er arbeitet. Viele Songs schaffen es nur so weit, bis sie verworfen werden. Die, die es da durch schaffen, kommen dann zur Probe. Dort hören wir alle sie uns an und spinnen Ideen, die sie aufkommen lassen; wir werden keinen Song nehmen, der uns nichts gibt und mit dessen Arrangement wir nicht wirklich glücklich sind. Manchmal macht ein anderes Mitglied der Band einen Song, aber das passiert für gewöhnlich genauso. Ich glaube, „Stigmata“ von dem neuen Album ist der einzige Song, bei dem die Lyrics nach der Melode geschrieben wurden. Wir sind sehr glücklich, daß wir so arbeiten könne, PALE FOREST sind eine sehr demokratische Band, und jedermanns Meinung zählt gleich viel. Alle Mitglieder sind immer voller neuer Ideen, und es ist sehr stimulierend, in dieser „Pale-Family“ zu sein.

Eure Musik klingt sehr intim, persönlich und irgendwie zerbrechlich. Könntest du beschreiben, was für Gefühle eure Haupteinflüsse sind?

Erneut muß ich sagen, daß wir wirklich wie eine Familie funktionieren. Wir sind alle im Großen und Ganzen an den selben Dingen interessiert, und alles funktioniert sehr gut im sozialen Bereich. Dies hat eine große Wirkung auf die Themen und Stimmungen, die wir als Band erschaffen. Wir mögen es, unsere Bilder in Farben zu malen, die nicht zu hell und nicht zu dunkel sind. Ich denke, „Reflexion“ ist ein Schlüsselbegriff; wir wollen Musik machen, die deine Gedanken hinfort fliegen lassen, in einen visuellen Traum. Wir versuchen dies, indem wir uns immer auf Themen konzentrieren, die eine starke Bedeutung für uns haben, wir geben wirklich einige unserer innersten Gefühle und Erfahrungen weg. Ich denke, viele Leute haben einen Bezug dazu, ob der Song jetzt über etwas romantisches oder über etwas schmerzvolles ist (oder auch beides). Natürlich macht das unsere Musik auch ein bißchen zerbrechlich, wir stellen da eine Menge ziemlich intimen Stoff aus. Persönlich, denke ich, ist es viel einfacher, gute Lyrics zu schreiben, wenn ich durch bittere und schwere Zeiten in meinem Leben gehe.

Würdet ihr euch als Träumer sehen?

Ja, wir sind definitiv Träumer, aber unsere Füße sind auch sehr stark auf dem Boden, denke ich. Die meisten der Dinge, über die wir Songs schreiben, sind pure Realität, basierend auf realen Erfahrungen. Ich denke, vielleicht träumen wir mehr im echten Leben und leben mehr in der Musik… Wow, wir sind wirklich Träumer, schätze ich. Was für eine schwierige Frage!

Es kommt mir so vor, als ob ich hinweg drifte beim Hören eurer Musik. Haltet ihr die Musik für eine Möglichkeit, der kalten Realität zu entfliehen? Wenn ja – wohin?

Ich halte sie nicht für eine Möglichkeit, der kalten Realität zu entfliehen, aber vielleicht gibt sie dir die Möglichkeit, irgendwohin zu treiben, wo die Dinge mehr in die deine Perspektive geraten. Die Songs handeln oft von der kalten Realität, und der Hörer kann immer einen Hinweis auf die unterschwellige Frustration und den Schmerz fühlen, aber ich denke, diese träumerische Qualität unserer Musik macht es ein bißchen weniger gefährlich und schwer, sich gehen zu lassen und im eigenen Kopf abzudriften. Es gibt keinen gefährlicheren Platz auf der Erde als der eigene Kopf, weißt du… und Musik ist eine gute Möglichkeit, ihn zu meistern.

Die Songs „Pale Suit“ und „Mistaken Identity“ haben das Thema eines einsamen Individuums, das in einer Welt lebt, in der es nicht leben kann – es lebt nur dadurch, daß es seine Träume am Leben erhält. Obwohl es vermutlich persönlich gemeint ist – denkst du, dies ist ein Hauptproblem in der heutigen Welt?

Ja, auf jeden Fall. Obwohl die Songs persönlich sind, sind sie auch über diesen Trend in der Welt. Ich schätze, man könnte sogar sagen, daß dies oft das Hauptthema ist, wenn ich Texte schreibe. Das ist eins der Dinge, über die ich sehr viel und lange nachdenke.

„Exit Mould“ (etwa: „den Boden verlassen“) – den Boden zu verlassen ist sehr wichtig, um nicht in ihm zu versinken. Ist dies die Bedeutung der Textstelle „Why do you remain silent…“ („Warum bleibst du still?“)? Könntest du das erklären?

Ich denke, daß “Exit Mould“ auch über das Leben in einer Welt, in der von dir erwartet wird, ein Individuum zu sein und nicht zuviel Krach zu machen, handelt. Was in der Art von „Behalte deine Träume bei dir und nerv uns nicht mit deinen Träumen“. Deshalb solltet alle ihr Brüder und Schwestern des bleichen Waldes („Pale Forest“) nicht still bleiben, sondern euren Verstand sprechen lassen. Wir alle brauchen eure Träume, um diesen Platz lebenswert zu machen.

In „Urban Walls“ gibt es diesen Vers: „nothing’s really broken, friend”. (“Nichts ist wirklich kaputt, Freund“.) Meiner Meinung nach zeigt dies perfekt die Atmosphäre eurer Musik… irgendwie zerbrechlich, aber immer mit einem sehr tröstenden und warmen Touch. Aber wenn nichts wirklich kaputt ist – ist es dann trotzdem kaputt, irgendwie unwirklich?

Das ist eine sehr interessante Frage, die wahrscheinlich gut wäre für eine Diskussion bei einigen Bieren. Ich denke, ich als Person möchte glauben, daß ich, selbst wenn ich von jemandem verletzt worden bin, ihm immer noch vergeben kann und sagen kann, daß nichts wirklich zerstört ist. Trotzdem, besonders in der Situation, durch die ich gerade jetzt in meinem Leben gehe, fragt man sich leicht, ob Dinge, die begonnen haben zu zerbrechen, immer mehr und mehr zerbrechen werden. Hmm..

In „Mr Trenchcoat“ sprecht ihr direkt zu dem Mann im Trenchcoat – Tod. In dieser lustigen Personifikation des Todes liegt ein sehr ironischer Unterton, denke ich. Könnte es vielleicht als eine Message für die Gothic-Szene verstanden werden, die immer sooo depressiv und soooo traurig ist?

Es ist keine Message für die Gothic-Szene, ich meine, sie tun, was sie wollen, und soweit ich das beurteilen kann, ist es das, was zählt. Aber ich verstehe absolut, daß der Song so verstanden werden kann, denn er ist mein persönlicher Showdown mit dem Tod und all den dunklen, depressiven Dingen, die mich krank und ängstlich gemacht haben für zu viel zu viele Jahre. Ich möchte andern Musikern nicht zu nahe treten, Goth oder nicht, aber du liegst richtig, denn es gab da eine Zeit, in der ich nur die dunkelste Musik gehört habe und die dunkelsten Stimmungen gesucht habe, was mein Leben nicht wirklich zu einer supertollen Zeit gemacht hat, also habe ich PERSÖNLICH dieses Zeug mit einem gehörigen Schuß Ironie zu betrachten. Ich muß zugeben, daß ich mich immer noch manchmal kopfüber in den Schlamm stürze und den Blick für das Licht verliere, aber wenn ich heutzutage depressiv drauf bin, passiert das leicht zu den Klängen von RADIOHEAD, TOOL oder was auch immer schmerzt. ANATHEMAs „Alternative 4“ würde wahrscheinlich am meisten schmerzen.

In den Texten gibt es manchmal einen kleinen psychedelischen Touch. In „…according to X“ singt ihr z.B. über den “Mann im Mond”. Irgendwelche Inspirationen dafür?

He, he. Es ist manchmal merkwürdig da draußen, Kinder… Paßt bloß auf.

Werdet ihr live in Europa spielen?

Ja, absolut, mindestens eine Tour dieses Jahr. Ich erwarte die Dates für die sehr nahe Zukunft.

Was sind eure Pläne für die Zukunft? Alternativer, mehr Pop oder sonst was…? Habt ihr kommerzielle Ambitionen?

Um das letzte zuerst zu nennen; ich denke nicht, daß wir extrem hohe kommerzielle Ambitionen haben, aber wir wollen von unserer Musik leben können, mindestens für ein paar Jahre. Das ist unser Traum, und es sieht auch gar nicht so schlecht aus. Wie ich bereits sagte, unser neues Material hat einen etwas stärkeren Zugang zur Öffentlichkeit als das, was wir früher gemacht haben, aber ob es mehr Pop wird? … Ich denke nicht!

Was waren die letzten drei Alben, die du dir gekauft hast?

RADIOHEAD: Live, SUZANNE VEGA: Songs In Red And Grey, SYSTEM OF A DOWN: Toxicity

Magst du Webzines? Denkst du, sie werden zukünftig wichtiger sein als Print-Magazine?

Ich mag Webzines sehr… Hey, Leute wie wir hängen von dem, was Leute wie ihr macht, ab. (Oh nein, er öffnet dem Größenwahn Tür und Tor… – Anm. d. bereits befallenen Verfassers) Das Internet ist ein tolles Werkzeug für diese Industrie. Ich denke, Webzines werden langsam übernehmen, aber ich werde sicherlich die alten Papier-Magazine vermissen (wieso? – Anm. d. immer größenwahnsinniger werdenden Verfassers). Ich muß zugeben, daß hier eine Menge sentimentaler Charme drinsteckt.

Ich danke dir sehr für die Beantwortung meiner Fragen. Nun noch eine letzte Frage… „Would YOU like to be on the moon with a spoon“? (betrifft ein Zitat aus einem PALE FOREST-Song, Bedeutung: Wärst du gerne auf dem Mond mit einem Löffel?)

Ich bin mir sicher, es wäre eine aufregende Erfahrung. Dürfte ich so viel Käse essen, wie ich wollte?

Bilder: PALE FOREST-Homepage.
Bildbearbeitung: boxhamster