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NACHTMYSTIUM: Ein bisschen was von allem

NACHTMYSTIUM: Ein bisschen was von allem

Man muss sie einfach lieben, auch wenn die ersten sechs Jahre ihres Bestehens qualitativ sehr flach waren: NACHTMYSTIUM aus Chicago haben den US-Black Metal mit dem zweiten Teil von Black Meddle- genannt Addicts – verlassen, sind nun in einem herrlich undefinierten Bereich zwischen extremem Metal, Psychedelic Rock, New Wave und Post Punk unterwegs und haben damit vermutlich die Hitplatte des Jahres parat: Räudig, melodisch, stimmig, voller Leidenschaft. Bandchef Blake Judd über Addicts (Black Meddle Pt. 2), seinen Lifestyle, Club 27 und klare Aussagen zu nervigen Themen.


Es erscheint wie ein Konzept, traditionelle EPs wie Doomsday Derelicts stehen zwischen Alben wie Assassins (Black Meddle Pt. 1) und Addicts (Black Meddle Pt. 2). Ist das eigentlich Zufall?

Wir nehmen immer EPs zwischen den Alben auf. Ich war  zur Zeit von Doomsday Derelicts einfach in der Stimung etwas sehr Altmodisches zu schreiben. Zu dieser Zeit habe ich viele meiner alten Alben von AUTOPSY, BEHERIT und den frühen DARKTHRONE gehört und wollte eine EP als Hommage an diese Bands schreiben, da sie sehr einflussreich auf mich waren, als ich aufwuchs und sie sind immer noch sehr wichtig für mich als Fan.

Die Presse liebt Addicts, aber wie steht es mit den Fans? Die hartgesottenen Black Metal-Fans haben wohl schon mit Assassins das Interesse an euch verloren – ich gehe davon aus, dass eure Fanbasis jetzt recht offen ist.

Die Fans, mit denen ich bisher gesprochen habe, reagieren sehr positiv. Ehrlich gesagt hat mir noch niemand gesagt, dass er das Album nicht mag. Ich bin mir sicher, dass es Leute gibt, die beide Alben nicht mögen, aber das ist in Ordnung, ich kann nicht von jedem erwarten, dass er meine Musik mag. Ich bin sogar sehr überrascht, wie viele von meinen Freunden, die sehr true sind, Addicts wirklich mögen. Zum Bespiel die Leute von GOSPEL OF THE HORNS und einige von CEMETERY URN haben mir gesagt, dass sie unser neues Material lieber mögen, als das Alte, das ja noch recht direkter Black Metal war. Ich finde das großartig.

Addicts ist ein drastischer, aber logischer Schritt für NACHTMYSTIUM, eine einzigartige Mischung aus extremem Metal, Progressive und Psychedelic Rock, Wave und Post Punk. Sucht ihr für neue Wege des Ausdrucks jenseits von Black Metal, da ihr das Interesse daran verloren habt?

Das ist tatsächlich ein wenig so, vermute ich. Hauptsächlich mache ich aber die Musik, die ich mir selbst anhören würde. Wenn ich neues Material schreibe habe ich keinen speziellen Stil, den ich verfolge. Ich fange einfach an, Songs zu schreiben und es kommt einfach wie es kommt. Ich verschwende beim Schreiben keinerlei Gedanken auf Genres – ich lege einfach los.

Ihr habt mit vielen unterschiedlichen Bands getourt, wie PENTAGRAM und GENGHIS TRON. Hatte deren Musik einen Einfluss darauf, wie NACHTMYSTIUM heute klingen?

Ja, definitiv! Ich wurde schon immer von dem beeinflusst, was ich höre. Wenn man lange Zeit mit einer Band unterwegs ist, wird man mit deren Musik sehr vertraut. Die Tour mit GENGHIS TRON hatte zur Folge, dass ich mich mehr für elektronische Elemente in unserer Musik geöffnet habe, die schließlich auf Addicts zu finden sind. Das ist ein perfektes Beispiel für das, was du mit deiner Frage meinst.

Addicts beginnt mit High On Hate, dem einzigen richtig heftigen Track. Ist das die Verbindung zwischen dem Black Metal der Vergangenheit und eurer neuen Ausrichtung?

Das kann man so sagen. Ich wollte, dass dieses Album mit etwas wirklich Aggressivem beginnt. Ich denke nicht, dass die Hörer das erwarten und konnte sie hier mit etwas Brutalem überrumpeln.

 NACHTMYSTIUM
Schon das Artwork von Addicts zeigt es: NACHTMYSTIUM sind süchtig nach Sex, Drugs und Rock and Roll.

Es gibt jede Menge Hits auf eurem neuen Album zu hören: Nightfall, Addicts, Blood Trance Fusion, Ruined Life Continuum und vor allem No Funeral, vielleicht der beste Song des Jahres. Ich habe gescherzt, dass du diese Tracks nur geschrieben hast, um Mädchen flach zu legen. Aber ernsthaft, was ist das faszinierende an Post Punk und Wave?

Naja, ich hatte keine Hintergedanken, Musik zu schreiben um Sex zu haben, ich habe mich erst kürzlich mit meiner Freundin verlobt, also werde ich künftig auf Tour keine Groupies mehr vögeln (lacht). Dass mich Post Punk und New Wave beeinflussen liegt daran, dass ich in letzter Zeit sehr auf diese Musik stehe. So einfach ist das.

Außerdem gibt es ein paar langsamere Nummer wie Then Fires, The End Is Eternal und Every Last Drop, die Addicts sehr gut erweitern und nahezu spirituell klingen, wie MINSK. Wolltest du einen breiteren Gesamteindruck erzeugen?

Das kann man so sagen. Das sind auf jeden Fall eher hymnische Songs und die Themen in den drei Nummern, die du erwähnst passen sehr zur Musik. Ich schreibe gerne solche Songs, die schon fast Ohrwurmqualitäten haben. Wir haben schon zu Assassins angefangen mit so einem Stil herum zu spielen, speziell in Seasick (Part II: Oceanborne). Der Vergleich mit MINSK ist legitim, Sanford Parker spielt in beiden Bands, da gibt es auf jeden Fall eine              Verbindung.

Überhaupt ist Addicts sehr psychedelisch und ich behaupte, dass Sanford viel damit zu tun hat, da er für die Synthesizer und die Produktion verantwortlich ist. Hat er dich beim Songwriting auch unterstützt?

Ich würde nicht behaupten, dass Sanford für die psychedelischen Aspekte unserer Musik verantwortlich ist. Ich bin der Hauptsongwriter und ich teile Sandfort mit, wie es klingen soll. Er bringt diese Ideen zum Leben. Dennoch, bei Addicts hatte er eine deutlich kreativere Rolle im Studio, als bei Assassins. Er wirkte beim Songwriting mit, arbeitete an Arrangements, hatte Ideen, wo Synthesizer plaziert werden sollten, und so weiter.

Wie lange hat Songwriting gedauert? Gibt es Überbleibsel, die ihr vielleicht später verwenden könnt?

Ich habe kurz nach den Aufnahmen von Monument To Time End von TWILIGHT mit dem Schreiben von Addicts begonnen, das war im März 2009. Die Songs zu schreiben hat neun Monate gedauert. In dieser Zeit schrieb auch Jeff Wilson das Material für das Album. Übriggebliebenes Material gab es nicht, nur ein Cover des PINK FLOYD-Songs High Hopes wurde nicht fertig. Uns ging im Studio einfach die Zeit aus, das Stück fertig zu stellen, also wird es wahrscheinlich bald fertig sein und auf der nächsten EP stehen, an der ich momentan arbeite.

Ihr hattet viele Besetzungswechsel in letzter Zeit, weshalb einige Gäste auf Addicts zu hören sind: Wrest, Will Lindsay und Sanfort Parker. Konntet ihr euch die Musiker einfach aussuchen? Gibt es eine Liste von Leuten, die dafür töten würden auf einem Album von NACHTMYSTIUM zu spielen?

Eigentlich ist das Line-Up von Addicts nicht sehr unterschiedlich von Assassins. Nur unser damaliger Bassist Zion Meagher und Schlagzeuger Tony Laureno sind nicht auf dem neuen Album zu hören. Wrest, Will und Sanford sind sozusagen Mitglieder der Studioband. Unsere Tourbesetzung verändert sich stetig. Ich heuere Sessionmusiker an, die mit uns touren, da Wrest in Oakland, Kalifornien lebt und es sehr teuer ist, ihn vor den Touren einfliegen zu lassen. Bis vor kurzem war Will sehr mit WOLVES IN THE THRONE ROOM beschäftigt, für die er schon Tourverpflichtungen hatte, bevor er bei NACHTMYSTIUM einstieg und Sanford ist mit seinem Studio viel zu beschäftigt, um mit uns permanent unterwegs zu sein, was natürlich völlig verständlich ist. Ich kann mir niemand speziellen Vorstellen, den ich töten würde, wenn er nicht auf einem Album von NACHTMYSTIUM spielen würde. (lacht) Mit unserem momentanen Studio-Line Up bin ich sehr zufrieden.

Euer Langzeit-Gitarrist Jeff Wilson hat nun auch NACHTMYSTIUM verlassen, die Tourband besteht nun aus Pat Clancy, Andrew Markuszewski und Charlie Fell. Ist das eine solide Besetzung?

Bis auf weiteres ja. Alle drei leben in Chicago und haben ihr Leben der Musik gewidmet. Das heißt, sie haben keine normalen Jobs, die sie davon abhalten, für lange Zeiträume weg zu sein. Ich kann mir nichts vorstellen, wodurch diese Besetzung in naher Zukunft gefährdet werden könnte.

 NACHTMYSTIUM
Blake Judd live auf dem Roadburn-Festival: Eines von über 120 NACHTMYSTIUM-Konzerten 2010.


Woher rühren die ganzen Besetzungswechsel? Liegt das an den langen Touren, oder bist du so ein Tyrann, mit dem andere Musiker nur schwer zurecht kommen?

Die meisten Wechsel im Line-Up kommen durch die vielen Touren. Es ist sehr schwer Leute zu finden, die so viel reisen können, wie ich es mit der Band gerne möchte. Dieses Jahr haben wir beispielsweise seit dem 1. Februar zweiundneunzig Konzerte gespielt, und heute ist der 12. Juli. NACHTMYSTIUM sind also quasi pausenlos unterwegs. Manche Leute kommen mit dem Leben im Tourbus nicht zurecht oder haben Jobs und Bindungen zu einer Familie, ein eigenes Heim und so weiter, so dass sie oft zu Hause sein müssen. Daher haben wir ein konstant rotierendes Line Up. Ich glaube, dass die gegenwärtige Tourbesetzung, die bisher stärkste ist und hoffentlich können wir so weiter arbeiten und touren.

Ihr habt erneut einen Gastauftritt von Bruce Lamont, aber dieses Mal spielt er nicht Saxophon, sondern singt nur. Gab es kein Stück, zu dem Saxophon gepasst hätte?

Nein, das gab es nicht. Nur weil Bruce einmal ein Saxophon beigesteuert hat, heißt das nicht, dass er es auf jedem Album spielt. Bruce Lamont ist ein Mann mit vielen musikalischen Talenten, Singen ist dabei eine seiner größten Stärken. Ich wollte unbedingt, dass er irgendwie an diesem Album Anteil hat, also fanden wir ein paar Lücken auf Addicts, die förmlich nach seinem Gesang gerufen hatten. Er kam ins Studio und hat es einfach so eingeschmettert. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Die Produktion ist sehr erdig und rau, klingt dabei sehr nach den Achtzigern, gerade im Bereich der Drums. Dennoch ist sie recht warm und hat viele Schichten, es hört sich nicht wie etwas an, das Sanford schon einmal gemacht hat. Heutzutage würden sich nicht viele Bands trauen, so einen Sound zu haben. Ich liebe das Resultat – du auch?

Ich bin mit der Soundqualität von Addicts sehr zufrieden. Meiner Meinung nach klang Assassins viel zu glatt, also sagte ich das Sanford vor den Aufnahmen und das Endergebnis wurde genau zu dem, was ich wollte.

Ich habe zwar die Lyrics nicht vorliegen, aber was ich raushöre passt zum Titel Addicts. Was ist deine Sucht? Ich denke, du bist ein böser Junge, also tippe ich auf Sex, Drugs und Rock and Roll. Pass auf, dass du nicht in den Club 27 rutschst!

Du triffst den Nagel auf den Kopf. Dieses Album handelt komplett von dem Lifestyle der Sex, Drugs und Rock and Roll einschließt. Ich bin nicht wirklich süchtig nach einem dieser drei Dinge, sondern nach dem Lebensstil als solchem. Momentan bin ich noch siebenundzwanzig, im November werde ich achtundzwanzig. Seien wir gespannt, ob ich es überleben werde, hehe.

Auf dem ROADBURN FESTIVAL stand bei eurem Merchandise-Stand, dass die Leute mit Geld und Drogen bezahlen können. Welche Drogen sollen sie euch geben?

Ja, wir haben dieses Schild auf unserem Merch-Tisch stehen. Das ist teilweise ein Witz, aber wir haben Merchandise schon mit diversen Substanzen gehandelt. Ich werde mich hier nicht mit irgendwelchen Details selbst belasten, aber soviel sei gesagt: Wir mögen ein bisschen was von allem.

 NACHTMYSTIUM
Verwendet Shirtdesigns als Statement gegen Nazivorwürfe: Blake Judd (rechts)


Ihr habt auf dem ROADBURN FESTIVAL nicht nur Shirts verkauft, sondern auch eine coole Show geboten. Leider war es durch Eyjafjallajökull und Bruce Lamonts Abwesenheit nicht die spezielle Psychedelic-Show, die ihr angekündigt hattet. Was haben wir verpasst?

Eigentlich haben wir schon das psychedelische Set gespielt, das wir geplant hatten. Nur Bruce fehlte, der Background Vocals hätte machen sollen und ein großes Noise-Intro mit Gesang, Saxophon und so weiter. Wir hatten Teun von ASTROSONIQ an den Synthesizern dabei, die wir normalerweise gar nicht live verwenden, da Sanford mit uns nicht regelmäßig auf Tour ist. Außerdem unterstützte uns Ron van Herpen von THE DEVIL´S BLOOD, der ein phänomenaler Leadgitarrist ist, und dem es möglich war, sich perfekt zu integrieren und uns stellenweise sogar zu verbessern, da er die Shred-Gitarren besser als im Studio hinbekommen hat. Wir waren sehr nahe an unserer Vision, von dem was wir auf dem ROADBURN FESTIVAL bieten wollten.

Ihr spielt mit vielen Musikern auf der Chicago-Szene zusammen. Es gibt bei euch viele verschiedene Bands wie MINSK, LAIR OF THE MINOTAUR, PELICAN, YAKUZA und natürlich NACHTMYSTIUM, die alle etwas gemeinsam haben, eine gewisse Attitüde. Für mich ist das wirklich schwer zu beschreiben.

Ich finde, Chigaco hat die interessanteste Community in Sachen Metal in den ganzen USA. Keine andere Stadt bietet so viele aktive Metal und Hard Rock-Bands, die ihre Genres wirklich verändern und weiter bringen. Ich bin sehr stolz aus dieser Stadt zu kommen und Teil dieser Metal-Renaissance, die von dort kommt, zu sein. Ich weiß nicht, ob es an unserem Wasser liegt, oder was auch immer es ist (lacht), aber Chicago ist definitiv ein fruchtbarer Boden für Kreativität, wenn es um Metal geht.

Wie steht es mit den Touren in Europa? Habt ihr noch immer Probleme mit der Antifa, auch wenn ihr oft genug in aller Deutlichkeit gesagt habt, dass ihr keine Nazis seid?

Nein, wir waren erst kürzlich in Europa und hatten glücklicherweise keine Probleme mit den Leuten der Antifa. Ich denke, dass diese Themen durch unsere ehemaligen Bookingagentur entstanden sind. Jetzt haben wir eine neue Agentur, die uns eine komplette Tour über zweiunddreißig Konzerte gebucht hat. Wir hatten in keiner einzigen Stadt Probleme, Deutschland mit inbegriffen. Hoffentlich ist dieser kleine dunkle Teil der Vergangenheit dieser Band endlich vorbei und wird niemals mehr ein Thema werden. Wir sind offensichtlich nicht politisch motiviert und unterstützen keine rassistischen Bands oder Labels und biedern uns diesen auch nicht an.

Das White Powder Not White Power-Shirt ist ein guter Weg eure Meinung auszudrücken. Das sieht wie Frustration aus, die sich in Galgenhumor gewandelt hat. Jedenfalls ist dies das authentischste Statement, dass je eine Band zu diesem Thema gemacht hat.

Ja, das ist sehr wohl ein Statement. Wenn es eine Sache gibt, die in der White Power-Gemeinschaft nicht akzeptiert wird, dann Drogenmissbrauch. Und wir nehmen gerne Drogen zur Entspannung. Also war dies die perfekte Möglichkeit, dieses Thema von einem humorvollen Blickwinkel aus zu betrachten, und gleichzeitig darzustellen, dass wir nichts mit so einem Unsinn zu tun haben.

Blake, danke für deine Antworten. Lass uns abschließend noch einen Ausblick auf die Zukunft wagen: Werden weitere Europatouren in diesem Jahr folgen, und wird Black Meddle Pt. 3 auf uns zukommen?

Wir werden noch einmal nach Europa reisen, aber nur für das Oya Festival in Oslo am 12. August. Danach folgt eine Headliner-Tour durch die USA und Kanada mit ZOROASTER, THE ATLAS MOTH und DARK CASTLE. Wenn das alles hinter uns liegt, werden wir dieses Jahr 120 Konzerte gespielt haben und wenn uns kein unglaublich gutes Angebot vorliegt, zu dem wir nicht nein sagen können, haben wir den Tourzyklus für 2010 abgeschlossen und werden Anfang 2011 wieder auf die Bühnen zurück kehren. Ich plane eine neue NACHTMYSTIUM-EP, die entweder im Herbst oder im Frühjahr aufgenommen werden wird. Meine Priorität liegt aber auf dem dritten Album von TWILIGHT, welches wir im Dezember dieses Jahr aufnehmen werden. Danke für das Interview!


Bilder: (c) NACHTMYSTIUM, Live-Foto: (c) Florian Schneider