MIRROR OF DECEPTION: wider die Klimakatastrophe

MIRROR OF DECEPTION: wider die Klimakatastrophe

Mit dem zweiten Album im aktuellen Line-Up haben MIRROR OF DECEPTION auf breiter Fläche großartige Reviews einfahren können. Nach wie vor geht es bergauf mit der Band, wenngleich man noch meilenweit davon entfernt ist, aus dem Underground-Kult-Status zu entschlüpfen. Mit dem ganz großen Erfolg rechnet die Band auch gar nicht. Dennoch scheinen alle vier Bandmitglieder glücklich und zufrieden, als sie uns erneut im gemütlichen AD ASTRA-Nebenraum zum Interview zur Verfügung stehen.

Das neue Album ist draußen und ich habe das Gefühl, als hättet ihr noch nie auf derart breiter Ebene und gleichzeitig derart durchweg positive Kritik erhalten. Könnt ihr das so bestätigen?

Jochen: Ja, können wir durchaus. Zum ersten Mal haben wir jetzt eine Promoagentur und die haben einfach mehr Kontakte als kleine Label oder wir selbst. Sie haben das Album schon sehr gut verbreitet, wobei die Reaktionen aus dem Ausland bislang noch etwas ausbleiben – da warten wir immer noch etwas drauf.

Was mich vor allem beeindruckt hat ist die Tatsache, dass es kaum negative Stimmen gibt – zumindest so weit ich das mitbekommen habe. Kann es vielleicht sogar sein, dass ihr inzwischen einen Ruf inne habt, vielleicht ja sogar auch durch das DOOM SHALL RISE bedingt, dass sich fast niemand mehr traut, wirklich etwas Schlechtes zu schreiben, weil man Angst hat, dass man ganz schnell in ein Fettnäpfchen treten kann?

Jochen: Nö, da gibt es schon auch noch einige Ausnahmen, die das nicht beeindruckt. Ich möchte aber auch das DOOM SHALL RISE gar nicht so sehr mit MIRROR OF DECEPTION verknüpft haben – das sind ganz getrennte Geschichten. Natürlich wird der Umstand von der Plattenfirma ganz gerne herbeigezogen, aber für mich sind das vollkommen unabhängige Sachen.
Josef: Ich habe eher beobachtet, dass wir sehr gute Kritiken bekommen haben, die Punktewertungen aber anders ausgefallen sind. Die Punktzahl passt mit dem Text nicht zusammen. Bei dem Springer-Magazin ist das zum Beispiel so. Wir werden also nicht verrissen, die Wertungen fallen aber auch nicht immer so toll aus.
Andi: Uns fällt einfach auch auf, und das ist völlig wertfrei gemeint, dass wenn die Kritiken schlecht ausfallen, oft sich auch die Schreiber erstens oft – ich sag nicht immer – mit der Art von Musik gar nicht beschäftigen und zweitens teilweise gar keine Ahnung haben.
Josef: Was manchmal aber auch bei guten Kritiken der Fall ist (lacht).

Was sind bei positiven Kritiken für euch Momente, bei denen ihr das Gefühl habt, dass ihr das Lob oder die Kritik für euch gar nicht so recht annehmen könnt? Also dass man das Geschriebene zu wenig auf sich beziehen kann und sich nicht wohl damit fühlt.

Josef: Wenn jemand positiv schreibt, das Geschriebene aber verdeutlicht, dass er die Dinge teilweise gar nicht recht verstanden hat oder er Sachen verwechselt. Dass zum Beispiel Lieder als langsam bezeichnet werden, obwohl sie schneller sind als die anderen.

Ich hatte beim Überfliegen der Reviews teilweise auch das Gefühl, dass inzwischen das, was ich unter Gothic-Klischees verstehe, gerne auf euch angewendet wird. Habt ihr da manchmal das Gefühl, dass ihr auf eine Art beschrieben werdet, die gar nicht zu euch passt?

Jochen: Oh ja, der Herbst (lacht). „Doom kann man nur im Herbst hören!“ Da werden wir mit der Klimakatastrophe ein echtes Problem bekommen. Wenn es nur noch Sommer und Winter gibt, wird es schwer für Doom-Bands. Es wird schon manchmal sehr tief in die Kiste gegriffen, auch wenn es um so Dinge wie „Selbstmordthematiken“ und so weiter geht. Das mit dem „Biertrinken zwischen zwei Drumschlägen“ hatten wir dieses Mal zwar nicht, aber der Herbst kommt schon sehr oft. Oder die Frage, ob wir wirklich ständig so drauf sind. Eben wie wir es beim letzten Interview schon hatten, diese typische „habt ihr Leichen im Kühlschrank“-Frage bei Death Metal-Bands.
Andi: Ich muss sagen, dass ich mit den doomtypischen Klischees sehr gut leben kann, nur bei den angesprochenen Gothic-Geschichten, da rollen sich mir die Zehennägel auf.

Was mich tatsächlich mal interessieren würde: wie groß seid ihr inzwischen tatsächlich? Wie viele Alben verkauft ihr, in welchen Auflagen werden eure Alben gepresst?

Jochen: Wir wissen es wirklich nicht. Wir kennen noch keine Verkaufszahlen und wissen auch nicht wie viele CDs gepresst wurden. Allerdings ist es so, dass unser Label wohl sehr zufrieden mit den Verkäufen ist und sie immerhin eine weitere Platte mit uns machen wollen – es kann also nicht so schlecht sein.
Josef: Und ein absolutes Novum: man hat unsere CD schon in ganz gewöhnlichen Plattenläden gefunden.

Wie fühlt es sich an?

Siffi: ich glaub das erst, wenn ich es selbst sehe. Vertriebe hatten wir bei den letzten Platten ja auch schon und da hieß es auch, dass die Alben in die Läden kommen, aber das war dann doch nie der Fall.

Wenn man jetzt mal schaut, wie das bei der SACRED STEEL-Releaseparty letzten Donnerstag ausgesehen hat, dann kann man schon knallhart sagen, dass sich die wenigsten der Leute für euch interessiert haben. Ich hatte das Gefühl, dass ihr das schon auch mit einem Augenzwinkern betrachtet und euch sagt: „Was soll’s, der Masse gehen wir nun mal sonst wo vorbei.“

Siffi: Was soll ich sagen. Ich denke das ist einfach so. Bei der SACRED STEEL-Releaseparty habe ich ehrlich gesagt auch gar nichts anderes erwartet. Es haben größtenteils Power-Metal-Bands gespielt und die Wenigsten waren wegen uns da. Einige haben es sich aber immerhin angehört und angeschaut und ich fand die Resonanz von daher ganz gut. Die Leute haben artig Applaus gegeben – nicht überschwänglich aber immerhin.
Josef: Es kamen keine Sprüche wie „das mosht nicht“ oder „das ist kein Metal“, was wir ja auch schon hatten.
Andi: Ich finde es auch nicht so schlimm, wenn man mit Power Metal-Bands zusammen spielt, weil die Überschneidung größer ist als mit vielen anderen. Ich komme gerne darauf zurück: Diesen Doom/Gothic-Link finde ich immer furchtbar, weil ich den überhaupt nicht erkenne. Doom sehe ich in der klassischen Heavy Metal-Tradition und das sieht man ja auch immer bei solchen Sachen wie dem KEEP IT TRUE, wo Doom-Bands ja auch immer ganz gut ankommen. Ich sehe das in einer Tradition und da erwarte ich auch keine Probleme. Ich fand das bei der SACRED STEEL-Releaseparty ganz okay, für so ein Metal-Happening war das doch eine sehr homogene Mischung. Es war nix dabei, was ich furchtbar gefunden hätte.

Gibt es Momente, in denen ihr euch richtig unwohl auf der Bühne fühlt, in denen ihr am liebsten runter wollt?

Mirror of Deception Interview 2006 - xxx auf dem Doom Shall Rise 2005
„´Doom kann man nur im Herbst hören!´ Da werden wir mit der Klimakatastrophe ein echtes Problem bekommen. Wenn es nur noch Sommer und Winter gibt, wird es schwer für Doom-Bands.“ – Jochen Fopp hat die Klischees um die Band mit Humor.

Andi: Ja, letzten Donnerstag. es war mein erstes Konzert, bei dem ich nicht betrunken war – das mach ich nie wieder, das fühlt sich furchtbar an.

Apropos Klischees…

Andi: Nee, das ist wirklich so. Bei einem Konzert sollte man das Hirn ausschalten (lacht).
Jochen: Ich denke mittlerweile sind wir auch so routiniert, dass wir einfach unser Ding spielen. Ob es die Leute interessiert oder nicht – wir sind da und machen das Beste daraus. Egal, ob jetzt großartig Resonanz kommt oder nicht, da stehen wir drüber. Es ist natürlich toll, wenn was kommt, wenn nicht dann ist das so und man hat trotzdem Spaß.

…wenn man zum Beispiel weiß, dass man eine Erkältung hat und trotzdem sein Bestes gibt…

Siffi: Klar, das war eben so. Am Tag davor stand es ja noch gar nicht fest, ob wir überhaupt spielen, weil wir gesundheitlich alle angeschlagen waren. Ich hab mir auch den ganzen Abend überlegt, ob ich darauf hinweisen soll, dass ich erkältet bin, aber ich dachte: „Leckt mich am Arsch, ich sings halt durch.“ Das hat man sicherlich auch gehört und es war gesanglich sicher nicht unser bestes Konzert.

Beim Coverartwork zum neuen Album habt ihr auf Caroline Traitler zurückgegriffen. Ich denke, bei ihr handelt es sich um jemanden, die im Fotografiebereich sehr engagiert und motiviert unterwegs ist, im Zusammenhang mit Coverartworks ist sie aber so weit ich weiß noch nie in Erscheinung getreten. Was ist die Geschichte dahinter?

Jochen: Ich habe Caro schon länger gekannt und sie ist in erster Linie eine sehr gute Live-Fotografin, die auch für größere Magazine fotografiert. Nachdem unser bisheriger Grafiker nicht zu Potte kam und uns die Zeit davon lief, habe ich bei ihr nachgefragt, ob sie irgendwelche Kontakte hat. Sie meinte dann, sie würde das sehr gerne selbst machen und so kam es auch.

Meines Erachtens ist das Coverartwork wieder sehr typisch für euch ausgefallen. Es ist nichts Gewöhnliches, aber dennoch ein Spiel mit Klischees und Symboliken. Warum fällt es eurer Meinung anderen Bands so schwer, auch mal andere Wege zu gehen oder warum euch so leicht?

Jochen: Ich denke, die Geschmäcker sind einfach verschieden. Manche wollen eben diese Airbrush-Drachen und sind damit zufrieden, aber das ist bei uns nicht der Fall. Ich denke, dass eine Fotografie, die auch einen gewissen Realismus ausdrückt, einfach besser zu uns passt. Ich hab ja auch schon in früheren Interviews gesagt, dass wir nicht unbedingt auf Sachen zurückgreifen, die für einen ganz anderen Zweck erschaffen wurden und daher vielleicht auch ganz woanders auftauchen können. Wir machen uns selbst Gedanken dazu und versuchen Leute zu finden, die das umsetzen können.
Josef: Man kann auch nicht sagen, dass es uns nicht schwer fiel. Das war eine ziemlich schwere Geburt, uns fiel nämlich auch nicht so viel zum Thema „Scherben“ ein und der Bezug zum Titel sollte schon da sein. In dem Fall war der Titel da und Caroline hat das auf diese Weise umgesetzt.

Ihr habt bei diesem Album relativ früh eine Rundmail verschickt, in der ihr die Texte zu jedem einzelnen Titel erklärt. Für mich könnte das zwei Gründe haben: entweder hattet ihr dieses Mal gar keine große Lust, über die Texte zu sprechen, oder ihr wolltet, dass die Leute wissen, um was es auf dem Album geht, damit die Fragen vielleicht auch etwas einfallsreicher ausfallen.

Jochen: Das kam eigentlich vom Label. Sie haben den Wunsch geäußert, dass wir zu jedem Titel was schreiben und wir haben das etwas falsch verstanden und zu jedem Text etwas geschrieben. Gut, das war dann sehr präsent und vielleicht hat es auch das Interesse von ein paar Leuten mehr geweckt. Es war nicht unsere Idee, sie kam vom Label und das war doch sehr okay.

Bei „Haunted“ sind die Texte von Lovecraft inspiriert. Es bezieht sich nicht auf eine spezielle Geschichte von Lovecraft. Da der Text von dir, Jochen, ist, war ich etwas überrascht, da ich ja weiß, dass du Lovecraft-Geschichten auch mit einem gewissen Augenzwinkern betrachtest.

Jochen: Ja, das stimmt schon. Ich lese das recht gerne und finde es auch sehr unterhaltsam, aber er hat halt gewisse Grundmuster, die immer wieder auftauchen. Der Text war eigentlich eine Notgeburt. Wir hatten den Song schon recht lange stehen, aber keinen Gesang, weil der Text noch nicht da war. Zirka eine halbe Stunde vor einer Probe habe ich den Text zusammengeschrieben, wobei der natürlich dann auch noch ein Stück überarbeitet wurde. Das wars dann aber auch schon. Es hat gepasst, es passt zum Song und man kann doch grob erkennen, um was es geht: die Angst vor dem Unbekannten, Verfolgungswahn vor einer dunklen Macht oder was auch immer. Ein Weglaufen.

Die Jack London-Geschichte berührt mich relativ wenig, zumal ich mit diesem Autor auch nie wirklich warm geworden bin. Überzeugt mich.

Mirror of Deception Interview 2006 - Andi auf dem Doom Shall Rise 2005
„Das ganze Leben ist voll von plakativen Plattitüden und man sollte die Dinge auch mal etwas interessanter gestalten.“ – Andi hat ein Faible für die kryptisch formulierten Texte der Band.

Andi: Da gibt es nicht viel dazu zu sagen. Ich finde es eine tolle Geschichte und das ist eines meiner Lieblingsbücher. Ich finde die Geschichte klasse und es wurde ja auch schon in vielen Interviews erwähnt, dass ich die Verfilmung vom Seewolf mit Raimund Harmstorf für super gelungen halte. Es musste einfach ein Text dazu her und da ich ja anscheinend der Spezialist für maritime Themen bin… (lacht)

Wie viele Texte hast du auf diesem Album überhaupt beigetragen?

Also diesen, „Frozen Fortune“ und „Tired“.

Du scheinst ja doch eher der Zurückhaltende in der Band zu sein, der versucht, im Hintergrund zu bleiben – ich hab ja vorhin bereits gehört, dass du dich so gut es geht von Interviews fern hältst.

Andi: Und deshalb fragst du mich das jetzt? (lacht) Ja, mein Gott. Wenn man Informationen über sich herausgibt, begibt man sich immer in die Gefahr, missverstanden zu werden, deshalb lasse ich das eigentlich ganz gern so für sich stehen. Die meisten Leute, die sich für die Texte interessieren, interpretieren ihre Sichtweise rein und das ist auch in Ordnung für mich. Da muss man nicht drüber reden. Ich schätze es auch an anderen Bands. Bevor ich bei MIRROR OF DECEPTION eingestiegen bin, empfand ich die Texte immer als eine sehr kryptische Angelegenheit, aber das fand ich auch gar nicht schlecht. Nicht, dass ich das nachahmen würde, aber es ist ein Ansatz, der mir gut gefällt. Das ganze Leben ist voll von plakativen Plattitüden und man sollte die Dinge auch mal etwas interessanter gestalten.

„Swamped“ ist der Song, den ich als Hit auf dem Album empfinde, wobei ich inzwischen mitbekommen habe, dass der fast gar nicht auf dem Album gelandet wäre. Woran lag das?

Josef: Deshalb habe ich ja auch einen Text dazu geschrieben (lacht). Genau zu diesem Zeitpunkt bin ich über einen Artikel gestoßen, den ich total interessant fand, und dann wusste ich, dass es nur dieses eine Lied dafür gab. Eigentlich sollte es tatsächlich nicht auf das Album. Ich hab dann aber den Text dazu gemacht, etwas dazu gesungen und abgewartet, was die anderen dazu sagen. Zum Text: schwierig. Ich versuche mich beim Texteschreiben auf eine konkrete Sache zu beziehen, diese aber dann allgemeingültig zu halten. Es geht grob gesagt um Menschen, die es gut mit anderen Leuten meinen, die Defizite haben. Und es gerade falsch machen. Sie überinterpretieren die Dinge oder überbehüten die Menschen. Das nervt diese Leute mit Defiziten, denn sie wollen nur ihre Ruhe haben.

Ich hatte vor einiger Zeit ein Interview mit einer Band namens BABYLON MYSTERY ORCHESTRA – ein Ein-Mann-Projekt mit sehr fundamentalistisch christlichem Hintergrund. Sidney Allan Johnson sagt zum Beispiel ganz klar, dass sich Homosexualität mit Christentum nicht vereinbaren lässt. Interessanterweise meinte er dazu, dass Homosexuelle besser daran täten, wenn sie ihre Neigung nicht als natürlich gegeben, sondern als freie Entscheidung betrachten würden, da, sobald Homosexualität als Defizit angesehen werde, andere Menschen kämen und einem helfen wollten. Geht das in eine ähnliche Richtung?

Josef: Nein. Es geht mehr darum, dass jeder das Recht hat, in Ruhe gelassen zu werden, solange er anderen nicht schadet. Homosexuelle gehören dazu natürlich auch – sie haben das Recht, nicht therapiert werden zu müssen. Oder dass man ihnen in ihre Weltanschauung reinredet. Eigentlich ist das Kant-Philosophie.

Ist Kant ein Thema, mit dem du dich beschäftigst?

Früher. Das war nicht der Gedanke hinter dem Text, aber es passt da rein. Dieses einfache Prinzip ist eine Lebensauffassung und wenn jeder sich daran halten würde, würde die Welt funktionieren. Es ist aber nicht so.

Dieser Song macht für mich relativ deutlich, wie die Texte im Gesamten dieses Mal rüber kommen. Ich habe das Gefühl, dass ihr wesentlich mehr Abstand zu den Inhalten genommen habt. Die Geschichte wird aus der Sicht einer dritten Person betrachtet, aber doch kann man sich in die Gefühle, die dahinter stehen, recht gut einfühlen.

Josef: Im Vergleich zur „Foregone“ kann man das sicher sagen.
Siffi: Das kann ich auch bestätigen. Ich habe für dieses Album nur einen Text beigetragen und der ist überhaupt nicht persönlich. Die Texte früher waren bei mir anders.
Jochen: Uns geht es zu gut (lacht).

Mirror of Deception Interview 2006 - Josef auf dem Doom Shall Rise 2006
„Es geht mehr darum, dass jeder das Recht hat, in Ruhe gelassen zu werden, solange er anderen nicht schadet. […] Dieses einfache Prinzip ist eine Lebensauffassung und wenn jeder sich daran halten würde, würde die Welt funktionieren. Es ist aber nicht so.“ Josef über seinen Text zu „Swamped“.

Oder macht es das Alter, dass man sich nicht mehr so sehr mitteilen muss?

Jochen: Also bei mir gibt es Texte, da haben schon bestimmte Situationen die Inspiration geliefert. Ich habe sie allerdings weitergesponnen, als wie es dann tatsächlich geschehen ist. Von daher ist der Text schon wieder aus einer dritten Person-Sicht geschrieben. Ich hab ess bisher noch nicht so betrachtet, aber da ist was dran.
Josef: Es gibt ja auch Bands, bei denen geht es in den Texten immer um die eigene Sichtweise oder die eigenen Gefühle. Da nimmt man sich aber vielleicht einfach auch ein Stück zu wichtig, so dass man allen Leuten mitteilen muss, wie schlecht es einem doch geht – das ist meiner Ansicht nach sehr oft der Fall. Wenn man wirklich in so einer Phase im Leben steckt, dann tut es schon sehr gut, wenn man darüber schreiben kann. Es ist aber auch interessant, über allgemein gültige Themen zu schreiben und für die Zuhörer vermutlich interessanter.

„The Capital New“ habe ich in meinem Review als stark BLACK SABBATH-lastig beschrieben und auch insgesamt habe ich den Eindruck, dass die 70er-Wurzeln des Doom verstärkt in den Vordergrund treten.

Jochen: Ich empfinde das nicht so stark. Ein Großteil des Songs ist von mir und es sind eigentlich zwei Bands, die da einen Einfluss geübt haben. Zum einen ist das SLOUGH FEG beim Intro, die ja wiederum von MAIDEN beeinflusst sind, was auch ein paar Leute als Vergleich heran ziehen. Jemand anderer hat geschrieben der Anfang wäre original von „Supernaut“ von BLACK SABBATH, was mir an der Stelle aber überhaupt nicht in den Sinn kam. Alles keine schlechte Referenzen, aber beim Strophenteil haben wir eher in Richtung TERRA FIRMA gedacht, die ja auch diese 70er-Vibes hatten, aber als Band auch einen eigenen Stil. Wir wollten einfach auch mal so etwas ausprobieren.

Ich bin ja auch immer gerne für etwas gewagtere Thesen zu haben und bisher habe ich jedes eurer Alben in gewisser Weise versucht zu charakterisieren. „Mirrorsoil“ war eben das Herbstalbum, „Conversion“ mehr das in sich gekehrte, „Foregone“ das folkloristisch angehauchte und „Shards“ empfinde ich jetzt fast schon als euer rock’n’rolliges Album.

Jochen: Das passt schon durchaus.
Siffi: Da war aber keine Absicht dahinter. Bei uns entstehen die Songs immer so wie es kommt – wir sind noch nie mit einer bestimmten Maßgabe an ein Album rangegangen. Ich denke, das Album ist metallischer, weil es ein bisschen mehr knallt als die bisherigen. Ich würd es schon eher als metallisch und weniger als rockig bezeichnen.
Andi: Ich seh das auch so. Metallisch, und das find ich gut.
Siffi: Ich würde sogar sagen, es ist eher 80er- als 70er-Jahre inspiriert.

An was würdest du das festmachen?

Siffi: Schwierig. Man nimmt ja ein Album auf und vergleicht das dann mit den bisherigen Veröffentlichungen. Mir kam genau dieser Eindruck in den Sinn. Es sind diese typischen Doom-Sachen kombiniert mit unserem Background, und wir sind eben 80er-Childs.

Wenn man ständig Reviews schreibt, dann hat man ja eh die Tendenz, mehr in die Musik reinzuinterpretieren, als es vielleicht zu interpretieren gibt – Doom „boomt“ nach wie vor, so weit man das denn überhaupt sagen kann, und genau zu so einem Zeitpunkt bietet es sich ja quasi an, dass man vielleicht auch ein Stück flotter wird als man das vom Doom gewohnt ist..

Jochen: Als wir die Songs im Nachhinein gehört haben und den Gesamtüberblick hatten, kam mir schon auch der Gedanke. Viele Doombands haben die Tendenz immer langsamer zu werden. Wir sind da variabler und das find ich nicht schlecht. Wir hatten da schon immer unsere eigene Identität, die von uns nicht erzwungen wurde, aber die sich so ergeben hat. Wir wollen keine Tribute-Band von etwas sein, was es schon gab. Die Wurzeln sind da, aber wir versuchen dennoch etwas Eigenes daraus zu machen.
Siffi: Ich fand bei MIRROR OF DECEPTION schon immer die Abwechslung wichtig. Wir wollten nicht immer nur dieses „Langsam-Klischee“ bedienen. Da krieg ich auch die Krise. Das darf schon mal sein, aber dann muss auch irgendwann was anderes kommen. Ich finde es auch absolut okay, wenn man im Doom-Business auch mal was schnelleres spielt.
Andi: Ich seh das so: welches gute Doom-Album hat nicht genau diese Abwechslung drin? Es gibt ganz ganz wenige, die sich das erlauben können und stringent dieses Konzept durchziehen. Das funktioniert bei den allerwenigsten. Die klassischen Doom-Alben, die stets als Referenz herangezogen werden, leben von ihrem Abwechslungsreichtum. Es ist kein furchtbar neuer oder revolutionärer Ansatz sondern es ist, wie es immer war. Wenn man schon so lange dabei ist, dann ist die Tradition immer erkennbar, aber es schließt nicht aus, dass man eine eigene Identität entwickelt. Nur so kann ein derart vielschichtiges Subgenre überhaupt entstehen.

Ich persönlich habe bei manchen Lieder das Gefühl, dass es speziell im Schlagzeugbereich so richtige Ausbrüche gibt, wo es dann einfach nach vorne gehen muss.

Josef: Ja, es gibt auf diesem Album tatsächlich zwei Doublebass-Passagen. Das kann man jetzt hoch aufhängen, weil das für viele Metal-Fans einfach dazugehört, aber bei MIRROR OF DECEPTION hat das bislang eigentlich immer ohne funktioniert. Ich wollte das eigentlich beibehalten, schon allein wegen der Schlepperei. Dann hat es sich aber so angeboten, dass ich es songdienlich einbauen konnte, auch wenn ich eigentlich kein großer Fan davon bin. Aber ja, ich für meinen Teil achte schon darauf, dass das Schlagzeugspiel recht abwechslungsreich ist, weil das Schlagzeug an sich eigentlich das am wenigsten abwechslungsreiche Instrument ist. Wenn man einen 4/4-Takt hat, dann ist es eben so, dass man auf 2 und 4 die Backbeats spielt und das ist zu 90 Prozent so und dazwischen muss man sich Nischen suchen, damit man sich auch etwas ausleben kann.

Du gehörst auch eher zu den Schlagzeugern, die gar nicht zu viel Material um sich rum stehen haben wollen, oder?

Josef: Ja, das war auch beim SACRED STEEL-Konzert sehr seltsam für mich, weil ich das gar nicht gewohnt bin, so einen großen Turm um mich stehen zu haben. Bei unserer Coverband habe ich das eine Zeit lang gemacht, habe mich aber damit nicht wohlgefühlt, weil ich die Sachen, die wichtig sind, gerne nah bei mir haben möchte. Das hat auch mit Bewegungsabläufen und vielleicht auch mit Ästhetik zu tun. Ich sehe auch die Notwendigkeit nicht, so viele Becken um Trommeln zu haben. Das Konzept von einem Schlagzeug baut immer auf vier verschiedenen Elementen auf: Bass-Drum, Snare, eine hohe Tom und eine tiefe Tom. Du kannst dir noch mal vier Toms aufbauen, aber das Instrument ist immer dasselbe. Ich seh bei unserer Musik die Notwendigkeit nicht.

Würdest du dich selbst als guter Schlagzeuger einstufen?

Mirror of Deception Interview 2006 - Siffi auf dem Doom Shall Rise 2005
„Das Gitarrenspiel war für mich schon immer Mittel zum Zweck und ich war noch nie der typische Gitarrist, der daheim sitzt und jeden Tag eine halbe Stunde bis Stunde spielt. Ich wollte einfach seit meinem Jungendalter eine eigene Band. Das war mir wichtig, nur deswegen habe ich angefangen, Gitarre zu spielen.“ – Siffi ist in allen Belangen auf dem Boden geblieben.

Josef: Nein.
Siffi: Ist er aber definitiv.
Josef: Es gibt unter Schlagzeugern die Faustregeln, dass man immer nur das spielen sollte, was man am besten kann. Manchmal befolge ich das auch nicht und dann geht es zum Teil in die Hose und zum Teil auch nicht.

Was macht für dich einen guten Doom-Schlagzeuger aus?

Josef: Wenn man das Klischee der Langsamkeit betrachtet, vor allem im Studio, dann ist es viel schwieriger als man zunächst denkt, langsam zu spielen und richtig zu treffen. Es gibt gerade im Metal-Bereich ganz viele, die ganz schnell völlig wilde Sachen spielen. Wenn man zu denen sagt, sie sollen das mal langsam spielen, dann klappt das hinten und vorne nicht.
Jochen: Ich hab mal vom Schlagzeuger von MORBID ANGEL gehört, dass der ein echtes Problem damit haben soll, langsam zu spielen.
Josef: Es ist nicht einfach im Timing zu sein und live ohne Klick das Timing zu halten. Das ist bei langsamen Sachen meiner Meinung nach schwieriger als bei schnellen. Wichtig ist meiner Ansicht nach, die Schläge dynamisch zu spielen, also nicht immer voll auf die Zwölf, sondern bei einem Lied gibt es ja auch Steigerungen und das gilt es umzusetzen. Am Anfang dachte ich, es wäre gut, so wenig wie möglich zu spielen, inzwischen denke ich aber, dass es auch im Doom-Metal möglich ist, mehr zu machen. Und dann ist eben auch das Fundament mit der Bassgitarre sehr wichtig, was ja ganz klassisch aus der Rockmusik kommt.

Wie findet live zwischen euch die Kommunikation statt?

Andi: Das geht eigentlich blind. Ich schau schon ab und zu zu ihm rüber, aber…
Josef: Wir trainieren das auch nicht, wie es bei anderen Bands der Fall ist, die ganze Lieder komplett alleine mit Bass und Schlagzeug spielen. Ich schau sehr oft auf seine Finger, weil der Bass im Gesamtsound oft untergeht und er auf meine Bass-Drum.

Andi, würdest du dich als einen technisch guten Bassisten bezeichnen?

Andi: Nee. Ich hab eh erst mit dem Bass angefangen, als ich bei MIRROR OF DECEPTION eingestiegen bin. Von daher würde mir das schon allein auf Grund meiner kurzen Bassisten-Laufbahn nicht einfallen. Und auch sonst nicht. Der Punkt ist, dass es für mich weniger um technische Perfektion geht, sondern eher um songdienliches und abwechslungsreiches Spielen. Ich finde es total langweilig, wenn ein Bass immer nur die Gitarrenriffs mitspielt, denn dann macht er vielleicht den Gesamtsound etwas besser, tritt aber überhaupt nicht in Erscheinung. Man muss einfach eine gute Balance schaffen zwischen dem Zusammenspiel mit dem Schlagzeug und einer Art Gegenmelodie zum Rest. Bass ist so ein Zwischending, was zwischen Melodie und Rhythmus steht. Das versuche ich nach Kräften.

Wie schwer war es für dich, auf dem Album ein Bass-Intro durchzusetzen?

Andi: 10 Sekunden? Es gab bei MIRROR OF DECEPTION ja schon mehr Bass-Intros, von daher also kein Problem.

Du kennst das typische Bassisten-Problem bei MIRROR OF DECEPTION also nicht?

Andi: Nö.
Jochen: Er schreibt sich die Songs mit Bass-Intro einfach immer schon selbst (lacht).
Andi: Genau, dann können die sich nicht mehr wehren.

Bei dir, Siffi, redet man inzwischen fast nur noch über den Gesang, man vergisst aber gerne, dass du ja in erster Linie auch Gitarrist in der Band bist. Bist du ein guter Gitarrist?

Siffi: Noch nie gewesen. Ganz ehrlich: das Gitarrenspiel war für mich schon immer Mittel zum Zweck und ich war noch nie der typische Gitarrist, der daheim sitzt und jeden Tag eine halbe Stunde bis Stunde spielt. Ich wollte einfach seit meinem Jungendalter eine eigene Band. Das war mir wichtig, nur deswegen habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Es ging mir nicht darum, gut auf der Gitarre zu sein. Ich bin besser als ich gedacht habe, aber technisch gut bin ich bestimmt nicht. Ich denke mein Gitarrenspiel macht eher aus, dass ich solide bin.

Denkst du, dass dein Gitarrenspiel irgendwas Typisches an sich hat, was dich von anderen unterscheidet?

Mirror of Deception Interview 2006 - das Coverartwork zu Shards
„Manche wollen eben diese Airbrush-Drachen und sind damit zufrieden, aber das ist bei uns nicht der Fall. Ich denke, dass eine Fotografie, die auch einen gewissen Realismus ausdrückt, einfach besser zu uns passt.“

Siffi: Nein, würd ich wirklich nicht sagen.
Jochen: Ich kann auf jeden Fall sagen, dass die Riffs, die er anbringt, meistens sehr verschachtelt sind. Auf jeden Fall mehr als meine oder die von Andi.
Andi: Ach komm, über meine Riffs hast du dich doch auch beschwert! (lacht)
Siffi: Nein, also ich denke meine Stärke ist eher das Timing, aber keine technischen Finessen. Ich hab auch noch nie besonderen Wert auf Soli gelegt, wobei ich es geil fand, dass der Andi bei „Frozen Fortune“ ein geiles Solo angebracht hat. Ich selbst für mich wollte sie aber nie spielen und ich habe auch nie versucht mir das anzueignen.

Zum Gesanglichen: wer war denn eigentlich für den „Sprechteil“ in „Pyre“ verantwortlich?

Josef: Sprechteil? Du meinst den wahnsinnigen Part. Den hab ich gemacht.

Aber speziell diese Sachen kommen schon von dir, diese etwas abgefahrenen Dinge?

Josef: Diese eher freakigen, experimentellen Sachen? Also bei dem Song hat es einfach gepasst. Da war alles schon fertig, bevor der Text stand. Es war dann schon schwierig, was man dazu singen könnte. Der Teil ist ungewöhnlich und die Meinungen darüber gehen sehr stark auseinander. Ich finde es live extrem schwierig umzusetzen. Du hast vorhin gefragt, wann wir uns auf der Bühne nicht so wohl fühlen. Bei mir ist es so, dass das immer mit dem Gesang zu tun hat. Dann, wenn ich mich selbst nicht richtig höre oder bei dem Teil, bei dem sonst nur Schlagzeug und Bass zu hören ist. Das wirkt einfach ganz anders.

Und wie ist es dann für einen Filigranmusiker, mit lauter solchen Amateuren zu arbeiten, Jochen?

Jochen: MIRROR OF DECEPTIOn funktioniert eigentlich nur so gut, weil alle irgendwann auf einem ähnlichen Niveau stehen geblieben sind. Wir sind gut aufeinander eingespielt und ich bin eher der Typ, der sich mehr um Harmonien und Melodien kümmert. Wenn ich daheim etwas mache, dann ist die Grundlage meist eine sehr simple Rhythmusgitarre, worüber sich Siffi immer beschwert. Dazu mach ich dann eine melodiöse Linie und das ist eben mein Stil.

„Eruption“ kann man vielleicht als Titelsong des Albums bezeichnen. Der Titel des Albums ist „Shards“ und ich selbst empfinde den Titel als für eure Verhältnisse sehr negativ belegt: es geht um etwas, das unwiderruflich zerstört ist und das meist durch Gewalteinwirkung in welcher Form auch immer. Seht ihr den Titel ähnlich negativ?

Siffi: Ich persönlich nicht wirklich. „Shards“ muss nicht unbedingt im Zusammenhang mit etwas Zerstörtem stehen, sondern kann auch „zerbrechlich“ bedeuten. Natürlich ist die Übersetzung „Scherben“ sehr eindeutig, aber für mich steht da mehr die Zerbrechlichkeit im Vordergrund. Ich finde den Titel für MIRROR OF DECEPTION sogar sehr typisch.
Josef: Meine Assoziation damit ist, dass jede Schüssel, jeder Teller, jeder Topf, irgendwann in Scherben endet. Es ist immer so, irgendwann ist der Punkt erreicht. Aufs menschliche Leben übertragen ist es dasselbe: man kann lange und glücklich leben, aber es endet immer gleich. Auf unserem Shirt ist auch ein Teil des Textes gedruckt: „Doom is lurking underneath, the death of all things a fact“.
Jochen: die Überlegung ist auch, dass zum Beispiel bei Ausgrabungen Scherben sehr viele Geschichten erzählen. Das einzige, was von einer Existenz oft übrig bleibt, sind diese Scherben – das regt ebenfalls die Gedanken an. Es gibt ja auch die Zeile „who´ll bring those shards back to light.“ Also die Frage „was bleibt von mir als Person übrig, was gräbt man von mir in Hundert Jahren mal aus?“

Eigentlich wollte ich es in diesem Interview vermeiden, euch allgemeine Doom-Fragen zu stellen, aber es gab da doch zwei Ereignisse, zu denen ich gerne eure Sichtweise hören möchte, weil ich weiß, dass ihr da auch einen näheren Bezug dazu habt. Das eine ist der Split von COUNT RAVEN.

Jochen: Es ist sehr schade. Wilbur und Renfield waren für mich integrale Bestandteile der Band, auch wenn sie keine Musik geschrieben haben. Als wir letzte Woche mit SEMLAH in Belgien gespielt haben, war Renfield als Tourmanager mit dabei. Das war super, weil es einfach klasse Jungs sind. Sehr schade, aber man muss mal abwarten.
Siffi: Mir geht es ähnlich. Die zwei Jungs sind eher der kommunikative Part in der Band gewesen. Ich komme mit Dan sehr gut aus, aber er ist eher der zurückhaltende Typ. Als wir in Finnland waren, hatten wir mit den beiden einfach mehr zu tun und deshalb finde ich es auch sehr schade. Ich bin gespannt ob Dan das mit der neuen Besetzung so hinkriegt. Ich wage es zu bezweifeln. Er ist ein guter Musiker und ein guter Sänger, aber ob das denselben Spirit hat?

Mir geht es eigentlich so, dass mich die Sachen, die jetzt von COUNT RAVEN kommen werden, derzeit gar nicht groß interessieren, weil es nicht mehr dieselbe Band ist. Ich will sie nicht live sehen und ich will auch die neuen Songs nicht hören – nicht unter diesem Namen.

Andi: Dito. Stimm ich dir zu.
Jochen: Das hab ich von vielen Leuten gehört, die die Band jetzt auch live gesehen haben. Klar ist Dan der Kopf der Band, der die Songs schreibt, der singt, usw. Aber die zwei sind solche Charakterköpfe… Was mich bei COUNT RAVEN am meisten fasziniert hat war einfach, als ich sie 1990 zum ersten Mal live gesehen habe, wie verdammt cool Renfield auf die Bühne gelatscht kam. Als ich den Typen gesehen habe dachte ich mir: „Geile Band!“
Siffi: Bei unserem ersten Konzert mit ihnen war es auch so, dass sich Dan zurückgezogen hat und die anderen beiden haben mit uns Party gemacht – ne Flasche Jägermeister geleert und so manche Sachen geraucht. Das war cool. Das waren für mich COUNT RAVEN.

Die zweite Sache, die ich ansprechen möchte, ist ziemlich heftig: die Geschichte um THEE PLAGUE OF GENTLEMEN. Ihr wart mit den Jungs auf Tour – so unangenehm das Thema vielleicht sein mag, mich würde interessieren, wie die Nachricht um die Verhaftung von Steve bei euch aufgenommen wurde.

Jochen: Uns war tagelang schlecht. Wir hatten mit der Band ein paar Einzelkonzerte und ich persönlich hatte mit Steve, der ja einige Taten zugegeben hat, keinen engen Draht. Wir hatten etwas Smalltalk. Ich weiß aber von anderen Bands wie GATES OF SLUMBER, die lange mit THEE PLAGUE OF GENTLEMEN auf Tour waren, dass sie nach der Nachricht völlig zerstört waren, weil sie ihn für einen super Typ hielten. Die sind immer noch nicht drüber hinweg. Eine sehr üble Geschichte – das hätte keiner gedacht.

Was mich fast am meisten beeindruckt hat – in welchem Sinne auch immer -, wie heftig die Band selbst darauf reagiert hat. Sie haben sich ja sofort absolut distanziert und meine Erwartungshaltung wäre eigentlich gewesen, dass wenn man so lange mit einem Mensch in einer Band spielt und vielleicht befreundet ist, dass dann nicht sofort ein derart harter Schnitt erfolgt.

Jochen: Wenn so etwas passiert, dann fragt man sich ja unwillkürlich, ob das genau der Typ ist, den man bislang gekannt hat. Viele Leute haben gesagt: „Der Steve, den wir gekannt haben, der ist tot, den gibt es nicht mehr.“ Kindesmissbrauch ist einfach nicht zu entschuldigen. Die restlichen Jungs haben eine neue Band, sie heißen SERPENTCULT, und sie werden auf dem DOOM SHALL RISE spielen, obwohl ich noch keinen Ton gehört habe. Ich finde es einfach wichtig, dass sie sich der Öffentlichkeit präsentieren können und ich bin auch sicher, dass es musikalisch super werden wird. Ich finde es wichtig ein Zeichen zu setzen, dass diese Jungs einfach gar nichts damit zu tun haben und dass sie auf eine gewisse Weise ebenso Opfer sind. Die ganze Vergangenheit ist mit einem Mal zu Staub zerfallen und man fragt sich, was davon überhaupt noch übrig ist. Um den Jungs einen Start zu ermöglichen, haben wir sie aufs Billing genommen. Sie haben jetzt eine Sängerin und ich bin sehr gespannt.
Siffi: Ich denke auch, dass man in so einer Situation gar nicht anders reagieren kann. Die Band war sehr nah betroffen – wir sind alle nur sehr entfernt betroffen. Ich kann es mir nur vorstellen, aber ich denke ich persönlich würde mir heftige Selbstvorwürfe machen, wie ich so etwas nicht sehen konnte.
Jochen: Das hat eben niemand auf die Stirn tätowiert.

Es zeigt einfach, dass diese Thema sehr schwierig ist. Klischees greifen nicht, man kann nicht behaupten, dass es immer dieselben Typen sind, denen man es eh irgendwie zutrauen würde.

Jochen: Es kann dein Nachbar sein, dein bester Kumpel…man weiß es nicht.

Zum Schluss die Frage: was kommt als Nächstes?

Josef: Die Erfahrung lehrt uns, dass viele Dinge, die wir geplant haben, nie passiert sind, wie z.B. die TEFRA-Splitsingle. Ich ärgere die anderen auch immer damit, weil ich eher ein Skeptiker bin. Wir haben etwas vor, ich denke dass es klappt, aber man wird sehen….

Fierce
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