MIRROR OF DECEPTION: Breaking Unknown Ground

MIRROR OF DECEPTION: Breaking Unknown Ground

14 Jahre nach Gründung der Band veröffentlicht das süddeutsche Doom-Bollwerk MIRROR OF DECEPTION sein zweites Album Foregone und erneut musste man sich vor der Entstehung des Werks mit Line-Up-Problemen auseinander setzen. Der Einschnitt war tief, dennoch beweist Foregone, dass die Band durch die Probleme nicht geschwächt wurde. Im Gegenteil, das neue Album zeigt MIRROR OF DECEPTION selbstbewusst, stark und voller Kreativität. Also trafen wir uns eines Abends, ein paar Tage vor der Veröffentlichung von Foregone, in der Esslinger Kneipe von THE BLUE SEASON-Sänger Oli mit Jochen Fopp, Michael Siffermann und Jochen Müller, um die Hintergründe zum neuen Album genauer zu beleuchten.

Zu Beginn des Interviews würde ich gern erst noch mal auf eure Mini-CD Conversion zu sprechen kommen, wobei ich weniger auf den Inhalt eingehen möchte, sondern mehr auf das Thema der Platte. Der Titel scheint heute ja eine noch größere Bedeutung zu haben, als je zuvor.

Jochen: Ja – also zu dem Zeitpunkt hat sich unser Sänger verabschiedet, was eine einschneidende Veränderung war und damals wussten wir gar nicht so recht, wie wir jetzt weiter machen sollen. Wir fanden es aber wichtig, dass wir mal wieder ein Lebenszeichen von uns geben und eigentlich wären auch genug Songs für ein ganzes Album vorhanden gewesen, das Budget aber nicht. Conversion war eine ziemliche Nacht- und Nebel-Aktion. Wir haben die CD in kürzester Zeit eingespielt.

Siffi: Ich denke in erster Linie war der Titel schon auf den Weggang von Baumi bezogen und dadurch dass ich dann gesungen habe, wussten wir ja auch nicht wie das bei den Leuten ankommt und ob es funktioniert. Wir hatten davor auch eine Phase, in der es nicht so recht gelaufen ist und dann haben wir uns einfach am Riemen gerissen und gesagt so, jetzt ziehen wir das durch!

Jochen: Es war einfach wichtig, sich mal wieder eine Deadline zu setzen und darauf hinzuarbeiten.

Siffi: Es war damals schon ein Neuanfang und ein Umbruch. Dass es dann so laufen würde, wie es jetzt gelaufen ist, konnten wir zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen.

Für mich stellt Conversion ein Bindeglied zwischen zwei Phasen der Band dar und von daher würde ich euch jetzt einfach mal gerne mit ein paar Textzeilen vom Song Conversion konfrontieren, bei denen mich interessieren würde, inwiefern ihr das auf die Band beziehen würdet…

Conclusion of an Era

Jochen: Ja ganz klar, Abschluss einer Phase und das war damals schon auch genau so darauf gemünzt. Der Satz ist natürlich vielschichtig interpretierbar, sicher auf die Band bezogen aber genauso auch auf das eigene Leben, auf Phasen, die irgendwann zu Ende gehen.

Reappearing Symptoms

Jochen: Man kann die Vergangenheit nie ganz ad acta legen, manche Dinge tauchen immer wieder auf, die sind Bestandteil und werden auch nicht verloren gehen.

Wenn man eure Biografie anschaut, dann seid ihr 1995 eigentlich in einer recht ähnlichen Situation gewesen, wie nun im Jahr 2003 – kein Bassist und kein Schlagzeuger und es galt neue Musiker zu finden, mit denen man weiter macht. Gibt es da Parallelen?

Siffi: Also ich würde eigentlich nicht sagen, dass die Situationen vergleichbar sind. Zu dem Zeitpunkt waren wir sicher auch noch nicht so sehr in der Szene verwurzelt, wie wir es heute sind. Natürlich hat die Band damals bereits die gleiche Bedeutung gehabt, aber der Weggang vom Baumi hat bei mir definitiv mehr reingehauen. Mit dem Baumi haben wir neun bis zehn Jahre zusammen Musik gemacht.

Jochen: Damals war das einfach auch so, dass ich mit unserem damaligen Basser nicht mehr besonders ausgekommen bin und das ging dann einfach nicht mehr. Machtkämpfe ist übertrieben, aber es gab da schon einige Reibungen. Ja und bei dem damaligen Schlagzeuger war es so, dass er schlicht nicht mehr bei der Sache war. Zu dem Zeitpunkt hatten wir dann die erste Tour in Planung, die sich nicht realisieren ließ und so kam es dann irgendwann zur Trennung.

Decampment and Continuation

Jochen: Man muss eben einfach manchmal seine Zelte abbrechen und stellt sie dann woanders neu auf.

Breaking Unknown Ground

Jochen: Man betritt neues Land und weiß nie genau, wo man hinkommt. Man muss sich dann wieder neu zu Recht finden und das kann sowohl positiv wie auch negativ sein.

Siffi: Das war im Endeffekt jetzt eben wieder genau so. Gerade mit dem Jochen und dem Andi hatten wir zwar eine Vorstellung, aber man weiß Anfangs ja nie sicher, ob es so funktioniert, wie man sich das erhofft.

Wie nah ward ihr dran, den Titel Vanished wörtlicher zu nehmen als Conversion?

Jochen: Vanished war eigentlich nie auf die Band bezogen. Von daher ist das schwer zu beantworten, aber tatsächlich hat man sich irgendwie aus den Augen verloren und darum geht es ja in dem Text: dass man viele Leute mit der Zeit aus den Augen verliert und gar nicht mehr weiß, was die überhaupt machen und ob sie überhaupt noch leben.

Siffi: Der Text war halt definitiv nicht auf die Band bezogen. Ich weiß nicht, aus welchem Anlass ihn Jochen geschrieben hat, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es um den alten Freundeskreis ging, die Göppinger Clique.

Jochen: Ja, da gab es einfach viele Leute, die mir wichtig waren und die man aus den Augen verloren hat. Aus der Situation ist eigentlich der Text entstanden.

Musikalisch ging Conversion fast schon in eine alternative Richtung, der Name KATATONIA kommt einem das ein oder andere Mal in den Sinn, und das Album macht auf mich einen sehr in sich gekehrten Eindruck. Foregone erscheint mir kräftiger und mehr nach vorne gerichtet.

Jochen: Ich denke auch, dass die Platte mehr nach vorne raus geht, aber ob Conversion unbedingt mehr in sich gekehrt war? Ich weiß es nicht. Man darf einfach auch nicht vergessen, dass zwischen dem Ende der Aufnahmen zu Mirrorsoil und Conversion vier Jahre lagen. Die Mirrorsoil kam zwar erst 2001 raus, war aber schon 1999 fertig, 1997 haben wir mit den Aufnahmen begonnen. Wir haben in der Zeit natürlich auch andere Musik gehört und dabei auch viel KATATONIA. Das spielt momentan vielleicht nicht mehr so eine Rolle, aber dennoch vermutlich immer wieder mal. Aber so richtig als alternative würde ich die Conversion auch gar nicht bezeichnen…

Beim neuen Album hab ich auf der anderen Seite nun das Gefühl, als würde da über die ganze Platte hinweg so ein gewisser folkiger Touch mitschwingen, der jedoch gar nicht so recht greifbar ist. Jochen, von dir weiß ich, dass du schon immer ein gewisses Faible für folkige Sachen hattest, ist es denn nun so, dass du vielleicht jetzt auch die Leute in der Band hast, mit denen du das mehr ausleben kannst?

Jochen: Nö, ich glaube das war eigentlich schon immer möglich. Wir haben mal an einem Lied gearbeitet, das hatte so einen gewissen AMORPHIS-Touch, allerdings hat sich da der Baumi gewehrt, denn er meinte, dass man so was nicht machen kann, weil es das totale Ritterlied wäre (lacht). Aber im Endeffekt haben wir eigentlich schon immer das in die Musik eingebracht, was sich ergeben hat. Gut, der Andi unser neuer Basser geht etwas in die keltische Richtung und hat da schon ein gewisses Faible dafür, wobei diese erwähnten folkigen Sachen in diesem Fall eher von mir kommen. Und wir hatten eigentlich schon immer auch diese Einflüsse dabei…

Josef: Als wir unser erstes gemeinsames Lied Katharsis geschrieben haben, das auf dem Album jetzt gar nicht drauf ist, haben wir uns darüber unterhalten, dass es irgendwie in die Folk-Ecke tendiert. Das nächste, was wir gemacht haben, war dann Deception Island, was auch diese Gitarrenmelodie aufweist. Von daher mag da schon was dran sein.

Mirror
Sänger und Gitarrist Michael Siffermann mag noch keine ruhige Kugel schieben – ´Das können wir dann schon mal machen, wenn wir 50 sind, aber momentan hab ich einfach noch Lust darauf viele Konzerte zu spielen´

Es wäre aber sicher auch falsch zu sagen, dass Forgone nun euer Folk-Album darstellt…

Jochen: Also ich finde der Song Mirrorsoil, der offiziell ja nie erschienen ist und nach wie vor irgendwo in Archiven schlummert, ging ja auch schon in diese Richtung. Ich denke der Einfluss war immer schon mehr oder weniger unterschwellig da – nicht auf die Weise, dass wir irgendwie Folk-Instrumente einsetzen würden, das haben wir auch gar nicht vor, aber sicher von der Melodieführung her.

Josef: Zumal das sicher auch nie geplant war. Wir haben die Songs in relativ kurzer Zeit geschrieben und die sind eben so geworden, wie sie geworden sind. Vielleicht wäre das ganze anders ausgefallen, wenn das Album wie bei der Conversion eher über einen längeren Zeitraum entstanden wäre.

Da ihr nun ja Mirrorsoil angesprochen habt – es ist ja nicht der einzige Song, der irgendwie da ist, aber noch so ein bisschen im leeren Raum schwebt. Die Fans kennen die Stücke, offiziell sind sie aber nie erschienen. Was macht ihr denn mit diesen Songs?

Jochen: (schmunzelt)Ja, also da haben wir lang drüber diskutiert….. letztendlich haben wir uns entschlossen nur neues Material zu verwenden. Bei der LP haben wir quasi als Hidden Track einen der Songs verwendet. Bei den anderen: mal schauen, ob die noch irgendwann raus kommen. Mirrorsoil sollte ja eigentlich auf dem zweiten At the Mountans of Madness-Sampler veröffentlicht werden, falls der mal noch irgendwann nach Jahren rauskommt. Aber anfürsich wollten wir eigentlich schon einen Neustart machen mit neuem Material.

Siffi: Wenn wir nicht genug Lieder gehabt hätten, hätte es schon sein können, dass wir einen von den alten Songs verwendet hätten. Wir haben uns ja auch eine Deadline gesetzt, wann wir ins Studio gehen wollen, aber das hat dann ja alles auch ohne geklappt.

Josef: Wobei es schon auch so war, dass wir zwei Neuen gesagt haben, dass wir eine Platte machen wollen, bei der wir von vorne bis hinten beteiligt sind. Meine Bedenken waren darüber hinaus aber auch, dass die alten Songs zu den neuen nicht wirklich passen. Ich denke wir haben es geschafft, dass das Album ein ganzes Stück ergibt. Ja, roter Faden ist vielleicht zu viel gesagt, aber es passt einfach von vorne bis hinten. Vielleicht wäre das mit den anderen Liedern auch der Fall gewesen, aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt einfach nicht. Uns ist es so jetzt aber auf jeden Fall lieber (lacht).

Auch wenn ihr das Thema vielleicht schon Leid seid, würde ich gerne dennoch kurz auf euren Split zu sprechen kommen. Wie ihr wisst hat mir die Trennung von Gunnar und Klaus wirklich leid getan, zumal für mich trotz vielleicht einer gewissen erkennbaren Spannung, immer so ein Gefühl einer zusammengewachsenen Einheit da war. Für Außenstehende ist es sicher schwer, so eine Situation richtig zu beurteilen. Habt ihr die Situation mit den beiden anderen inzwischen geklärt und wisst ihr, ob sie was eigenes musikalisches auf die Beine gestellt haben?

Jochen: Also Fakt war, dass wir vor der Trennung keinen Streit hatten und es war auch nicht so, dass die beiden uns musikalisch nicht mehr gut genug gewesen wären. Tatsächlich war es einfach immer schwieriger etwas zu planen oder produktiv zu sein. In erster Linie lag das an Verpflichtungen – beruflicher und familiärer Natur. Immer wenn eine Tour anstand gab es da dann bei vampster wieder eine Newsmeldung, dass wir irgendwelche Session-Musiker suchen. Das steigerte sich immer mehr und der Gunnar hat nun mal einen Job, bei dem er manchmal recht kurzfristig für mehrere Monate ins Ausland muss. Irgendwann war einfach kein kontinuierliches Arbeiten mehr möglich und wir konnten auch nichts mehr planen.

Siffi: In dem letzten halben Jahr vor der Trennung haben wir vielleicht drei oder vier Proben als Band absolviert, da hat mal der eine gefehlt, dann der andere… Irgendwann haben wir uns einfach gesagt, dass wir die Sache richtig durchziehen und nicht jedes halbe Jahr mal ein bisschen proben wollen. Das können wir dann schon mal machen, wenn wir 50 sind oder so, aber momentan hab ich einfach noch Lust darauf viele Konzerte zu spielen, usw. Das alles war halt einfach nicht mehr gegeben. Ich mein, den Klaus zum Beispiel kenne ich seit ich zehn Jahre alt bin und er ist ein ganz alter Freund von mir. Da ist es nicht leicht gefallen, diese Entscheidung zu treffen.

Jochen: Irgendwann ging es schlicht nicht mehr, weil der Frustfaktor zu hoch war. Wir haben dann auch versucht uns mal zu treffen um uns auszusprechen, aber auch das hat sich nicht ergeben.

Siffi: Was halt im Nachhinein sehr schade ist, ist dass wir uns jetzt dann schon sehr aus den Augen verloren haben. Der Klaus hat mal kurz im Studio vorbeigeschaut, Gunnar war zur der Zeit wieder im Ausland. Auf der anderen Seite denke ich, dass das auch irgendwo der Gang des Lebens ist – vanished…

Also wisst ihr jetzt auch gar nicht, ob die beiden noch was machen?

Jochen: Also der Klaus ist viel mit Fußball- und Handballtraining beschäftigt und der Gunnar ist wirklich ständig am Arbeiten.

Siffi: Ich glaube der Klaus hat auch wirklich gar nicht mehr die Zeit dazu, etwas in Richtung Musik zu machen.

Schon etwas länger verdaut ist ja der Weggang von Baumi und als er die Band damals verlassen hat, hätte man ja meinen können, dass ihr im Gesangsbereich jetzt einen Gang zurück schalten müsst. Stattdessen geht ihr auf dem neuen Album nun aber lebendiger denn je zu Werke.

Jochen: Da trägt sicher der Jochen (Müller – der Verfasser) einen großen Teil dazu bei, schon alleine weil er aus einer ganz anderen Ecke kommt und ganz andere Ideen rein bringt.

Siffi: Und dass das mit ihm gut funktioniert, das wussten wir eigentlich schon vorher, da er ja zusammen mit mir bei GRAND FINAL STAND spielt und wir seine Stimme kannten. Und wie der Jochen schon gesagt hat, brachte er einen ganz neuen Einfluss und andere Ideen mit rein.

Josef: Allerdings komm ich nicht aus der Hardcore-Ecke, wie man aufgrund der Schreie jetzt vielleicht vermuten könnte (lacht).

Was ist denn deine Ecke?

Josef: Das ist ganz schwierig. Früher war ich wirklich so richtig Heavy-Metal-mäßig unterwegs mit Bands wie PRIEST, MAIDEN, METALLICA, usw. Dann habe ich das eine Zeit lang nicht mehr so gehört und die Sache war für mich in den Neunzigern eigentlich vorbei – muss ich ganz ehrlich sagen. War es ja eigentlich auch und jetzt ist das Ganze ja wieder größer als je zuvor, was ich auch ne schöne Sache finde. Gerade mit diesem Cover-Ding, das wir bereits seit sechs Jahren am Start haben, haben wir uns auch darauf zurückbesonnen. Ich hab nie Berührungsängste mit anderen Musikstilen gehabt. Es gibt ja viele im Metal, die nur Metal hören – wobei oft ist es ja gar nicht so, die machen nur den Eindruck. Das war bei mir genau so.

Mirthless ist schon komplett von dir gesungen, oder?

Josef: Gesungen, ja.

Bei dem Song geht bei mir ja echt ein bisschen die Fantasie durch. Ich stell mir bei Mirthless irgendwie immer so ein altes Pub vor, in dem sich die Leute treffen und immer dann, wenn eine bestimmte Stimmung da ist, wird dieser Song angestimmt. Er kommt rüber wie eine alte Weise.

Josef: Also wenn du den Kneipenvergleich bringst, dann fällt mir witzigerweise die Kneipe in der Nähe von unserem Studio ein. Der Song ist ja sehr trübe und traurig und passt eigentlich nicht in eine Kneipe. In die würde er aber rein passen. Da waren so ein paar Existenzen drin, die den Song tatsächlich gesungen haben könnten.

Mirror
Bewegender Moment im Studio: Ex-Sänger Markus Baumhauer singt ´Bleak´ ein

Zurück zu Baumi – er hat auf dem Album ja ebenfalls einen Gesangsteil, der richtig ergreifend rüber kommt. Könnte das eventuell eine kleine Tradition werden, dass er auf euren weiteren Alben immer mal wieder was beiträgt oder soll das eher eine einmalige Sache sein?

Jochen: (lacht) Also wenn wir mal wieder in Stuttgart aufnehmen und das Studio zufällig auf seinem Arbeitsweg liegt, dann könnt das schon noch mal vorkommen. Warum auch nicht.

Josef: Das war echt ein ergreifender Moment. Ich weiß noch, wir waren zu dem Zeitpunkt alle im Studio und als wir im Regieraum standen und er den Teil einsang waren wir echt nah am Heulen.

Siffi: Einer der schönsten Momente im Studio.

Könnte er vielleicht als Texter in Frage kommen – eventuell in Sachen deutsche Lyrics, was ja auf dem Album komplett fehlt?

Jochen: Also wir haben schon zu ihm gesagt, dass er ruhig mal was schreiben kann, wenn er mag. Er meinte mal, dass er noch einige Sachen zu Hause liegen hat. Der deutsche Song fehlt einfach, weil es sich nicht ergeben hat. Wir sehen das nicht als Zwang an oder haben das Gefühl, dass wir als Trademark auf jedem Album einen deutschen Song haben müssen. Es hat sich einfach kein Text auf Deutsch besser angehört als auf Englisch.

Siffi: Es wäre natürlich schön gewesen, denn sie waren schon immer was Besonderes. Aber einen guten deutschen Text schreibst du einfach schwerer als einen englischen – er muss sich gut singen lassen, gut anhören und auch einen Sinn ergeben. Die meisten deutschen Texte sind einfach Kacke. Es hat sich wie gesagt einfach nicht ergeben. Ein Fan hat uns auch schon darauf angesprochen und zu dem hab ich auch gesagt, dass ich nicht einfach einen belanglosen Text schreiben will, nur damit man einen deutschen Song hat.

Jochen: Es kann schon sein, dass es auf dem nächsten Album wieder so etwas gibt oder auch auf dem übernächsten. Aber wir planen das nicht bewusst.

Mehr als auf den deutschen Text warte ich eigentlich auf den schwäbischen…

Siffi: (lacht) Also wenn wir noch mehr in die folkige Richtung gehen, kommt bestimmt der schwäbische Text.

Momentan scheint die Idee aber recht weit weg zu sein, oder?

Jochen: Ja, jetzt haben wir erst Mal die aktuelle Platte hinter uns gebracht und die nächste ist noch in weiter Ferne.

Warum hat der Huber (END OF GREEN) nicht auf dem Album gesungen?

Siffi: (lacht) Du fragst, weil er im Studio war? Also gewitzelt haben wir ja noch darüber, dass der Huber ja auch gleich noch singen könnte. Aber der singt ja auf so vielen Platten.

Wäre es vielleicht dann auch zu viel des Guten gewesen?

Josef: Ja, die Leute haben schon so Schwierigkeiten, dass drei Sänger auf dem Album zu hören sind – wobei wir eigentlich denken, dass wir alle sehr verschieden klingen. Ich weiß aber auch noch von früher, dass viele Leute Probleme hatten, den Baumi und den Siffi auseinander zu halten.

Siffi: Für mich ist das aber schon seltsam, da wir ja grundverschiedene Stimmen haben. Also bei Bleak hört man das doch sehr deutlich. Die drei Stimmen sind so was von unterschiedlich.

Jochen: Jeder hat seine eigene Art zu singen, sowohl von der Tonhöhe, als auch von der Betonung her. Auch was die Melodielinie betrifft.

Siffi: Gerade die ersten Statements zu den neuen Lieder waren aber schon so, dass die Leute nicht richtig durchgeblickt haben. Die meisten dachten, dass der Andi, unser Basser, für das Geschrei verantwortlich ist, was ja aber auch der Jochen (Müller – der Verfasser) macht und einer schrieb mir, ob ich eigentlich auch mal singen würde. Ich denke was da sicher eine Rolle spielt ist, dass wir unsere Instrumente auch um einen Ton runter gestimmt haben – das ist bislang den wenigsten aufgefallen. Ich denke das wirkt sich schon auch auf den Gesang aus.

Jochen: Gerade der Carsten von DOOMSHINE, der ja auch Conversion produziert hat, konnte es am Anfang so gar nicht fassen, wie sich der Siffi jetzt anhört.

Siffi: Mir fällt das am meisten auf, wenn wir jetzt die alten Songs live spielen.

Josef: Du hast vorhin erwähnt, dass Conversion mehr in sich gekehrt klang und das neue Album mehr nach außen – ich denke die Art wie Siffi auf der Mini gesungen hat ist schon irgendwie eine andere.

Siffi: Es kommt halt sehr oft auch auf das Lied drauf an. Wenn ich jetzt zum Beispiel Ship of Fools nehme, dann hätte ich das gar nicht anders umsetzen können, als aus mir heraus zu gehen. Hätte ich da tiefstmelancholisch gesungen, hätte das einfach nicht gepasst.

Wie gut hast du dich denn jetzt überhaupt in die Rolle des Leadsängers eingelebt?

Siffi: Also im Wechsel eigentlich sehr gut. Bevor der Baumi damals angekündigt hat, dass er aufhören wird, lief das eigentlich schon ein paar Monate so, dass ich bei den Proben oft die Leadvocals übernommen habe. Ein bisschen schade finde ich halt, dass ich jetzt auf der Bühne nicht mehr die Zeit habe andere Sachen zu machen (lacht). Ja, also prinzipiell habe ich da schon recht schnell reingefunden – mir macht das schließlich auch Spaß und bei GRAND FINAL STAND singe ich ja ebenfalls mit. Mit der Zeit kommt dann einfach auch die Routine.

Der Moment auf dem neuen Album, als bei Descended die Chants einsetzen, hat mir beim ersten Hören echt eine Gänsehaut verpasst. So richtig hab ich damit gar nicht mehr gerechnet, dann kam das aber sehr mächtig. Es bleibt also weiterhin ein Element im MIRROR OF DECEPTION-Sound, oder?

Josef: Ich denke auch, dass es in dem Moment recht unerwartet kommt. Man könnte denken, sie haben kein deutsches Lied gemacht, also haben sie vielleicht auch darauf verzichtet. Wir haben es aber bis zum Schluss nicht gewusst, dass wir den Gesang einsetzen werden – das entstand eigentlich erst im Studio.

Siffi: Wir wussten lange Zeit auch nicht wirklich, wo das reinpassen könnte. Wir haben es dann bei Descended versucht und da auch gleich zwei Stimmen übereinander gelegt, was jetzt wohl auch keine Sau raushört (lacht). Was den Kehlkopf angeht, so bin ich da mittlerweile auch sehr routiniert und das macht auch ziemlich Spaß.

Jochen: Es soll nicht so sein, dass es auf der ganzen Platte zum Einsatz kommt, aber an ein paar Stellen sicher.

Hat man die Platte als erstes in der Hand, so fällt ganz selbstverständlich zunächst das großartige Coverartwork auf. Steht das Bild in Verbindung mit dem Zitat, das im Innern des Booklets zu lesen ist?

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Mit einem anderen Bandnamen im CD-Regal unvorstellbar: Das Coverartwork zu Foregone

Jochen: Das Cover ist auf dem Mist unseres Grafikers Morti gewachsen, mit dem wir auf Conversion zum ersten Mal zusammen gearbeitet haben. Dem haben wir einige Proberaumversionen der Songs und Texte zukommen lassen und dann kam er mit diesem Bild an.

Siffi: Die anderen waren bei dem Cover eigentlich recht schnell dabei, aber speziell ich war doch lange skeptisch.

Josef: Das Bild war für uns eigentlich von Anfang an gesetzt. Wir haben dann nur noch ausprobiert, wie es von der Farbe und der Positionierung her am Besten raus kommt.

Siffi: Auf mich wirkte das Bild zunächst einfach eigenartig – und das ist es ja auch definitiv. Mit der Zeit habe ich mich aber auch damit angefreundet und das vor allem dann, als Morti noch erläutert hat, was er sich bei dem Bild gedacht hat und wie er die Dinge sieht.

Jochen: Das sollten wir beim nächsten Mal auch wirklich als Liner-Notes abdrucken (lacht).

Kannst du und dazu noch ein bisschen mehr sagen?

Jochen: Ja, also er hat sich die Songs angehört und dabei in erster Linie Ship of Fools und Deception Island heraus gegriffen. Für ihn war dann klar, dass man das Thema Wasser und Meer aufgreifen muss. Er hat aus dieser Idee dann eine Fotomontage gemacht – er ist Fotograf und hat auch Grafikdesign studiert – und hatte da einen riesigen Fundus, aus dem er diese Fotomontage erstellt hat. Beim Gesicht haben viele am Anfang gedacht, es wäre der Siffi, aber das ist er nicht. Er ist nicht unser Eddie (grinst). Tatsächlich ist es wohl ein alter Fischer von der Nordsee und das Bild wurde etwas verfremdet. Und da steckt auch dieses Thema des Menschenfischers drin – nicht im christlichen Sinne-, Vergänglichkeit, dass das Meer Leben gibt, aber auch Leben nimmt, usw. All diese Dinge spielen da mit rein.

Gerade aus dieser Dreierbeziehung heraus hab ich mich auch ernsthaft gefragt, ob der Titel des Albums da nicht fast schon irreführend ist. Sind nicht vielmehr diese beiden Stücke die zentralen auf dem Album?

Jochen: Der Titel ist vielleicht die Konsequenz daraus. Foregone im Sinne von vorherbestimmt – was man jetzt deuten kann, wie man will. Das ganze regt mich immer wieder zum Nachdenken an und ich hab da auch noch nicht die endgültige Definition für mich selbst gefunden. Aber das ist auch das interessante daran. Für uns kam es einfach nicht in Frage, irgend ein altes Gemälde zu nehmen, was ja viele Bands machen, sondern wir wollten da schon was ganz eigenes machen. Das war aber schon immer unsere Intention. Es soll nicht so sein, dass das Cover mit einem anderen Bandnamen im CD-Regal stehen könnte.

Stehen die beiden Songs Ship of Fools und Deception Island textlich in Verbindung?

Jochen: Das müsste man eigentlich den Andi fragen, da er beide Texte geschrieben hat. Ich glaube aber eher nicht. Es gibt sicher Elemente, die beide Texte verbinden.

Josef: Deception Island ist ja an ein Buch angelehnt…

Jochen: Aber das darf man ja nicht wirklich erzählen (grinst).

Josef: Deception Island erzählt wirklich eine Geschichte und hat weniger eine Bedeutung, die man übertragen könnte, während Ship of Fools eher als Metapher zu verstehen ist.

Jochen: In Ship of Fools geht es eher um eine Entwicklung und ein Gefühl.

Wenn man Deception Island nun doch als Metapher sehen möchte – beschreibt doch bitte mal die (Mirror of) Deception Island…

Josef: Deception heißt Täuschung – in diesem Fall ist es eine Insel, die eine Täuschung darstellt – die man nicht wirklich erreicht.

Jochen: Auf der Insel hat man nicht wirklich das, was man denkt oder andere sehen die Insel als etwas, das sie nicht ist….alles denkbar (lacht).

Wie gerade eben festgestellt sind die beiden Songs von Andi geschrieben worden. Ich finde es extrem schwer herauszufinden, welche Stücke auf dem Album denn nun von wem stammen…alles funktioniert sehr gut im MIRROR OF DECEPTION-Kontext.

Jochen: Deception Island ist eigentlich durch uns alle entstanden. Wenn man davon ausgeht, wer welche Songs beigetragen hat, dann ist es so, dass von Andi drei Stücke stammen – Foregone Way, Ship of Fools und das Abschlussinstrumental. Von mir selbst kommen Bleak und Mirthless und der Rest ist eigentlich alles im Proberaum entstanden.

Siffi: Ich persönlich denke schon, dass es sehr gut zu unterscheiden ist, von wem welcher Song kommt, aber das ist für Außenstehende vielleicht nicht so einfach. Aber das ist dann ja auch gut so.

Jochen: Der Andi hat ein bisschen ne andere Art Songs zu schreiben, er arbeitet sehr rifforientiert. Bei unseren Sachen ist es mehr so aufgebaut, dass es eine Rhythmusgitarre gibt und eine, die eine Melodie spielt. Aber das trifft natürlich auch nicht auf alles zu. Er ist eben weniger der Lead-Gitarrist, sondern mehr der Riffer.

Siffi: Es ist jetzt schon sehr deutlich zu spüren, dass jetzt mehr Leute an den Liedern mitarbeiten. Das war zwar schon auch früher so, aber doch eher auf die Art, dass die Riffs erstmal von Jochen und mir kamen. Die anderen haben sicher ihre Ideen mit eingebracht aber wir vier arbeiten jetzt doch eher als Gesamtband.

Josef: Es ist auch so, dass je nachdem wer was singt, derjenige auch die Melodie im Kopf entwirft. Das entsteht auch nicht irgendwie am Reisbrett, zumindest ist das bei mir nicht der Fall. Bevor ich ins Studio ging habe ich gar nicht genau gewusst, was ich singen werde.

Siffi: So können wir uns auch ganz gut ergänzen.

Ich denke aber genau durch diese Vorgehensweise entsteht auch ein bisschen dieser Eindruck des Nach vorne Gehens – es wirkt alles sehr lebendig. Was für mich aber ganz auffällig war, dass von Fopp/Siffermann eigentlich nur drei Texte auf dem Album kamen.

Josef: Es hat eigentlich jeder mindestens einen Text angebracht und ich denke dass es bei Jochen so wenig war ist einfach die Sache, dass die Zeit nicht so lange war, wie beispielsweise bei Mirrorsoil, was über mehrere Jahre hinweg entstanden ist. Wir sind mehr unter Zeitdruck gewesen und beim Texte schreiben hat man einfach so Phasen. In manchen läuft es richtig gut, in anderen wieder weniger. In meinem Fall hat es sich einfach ergeben und alles kam innerhalb von ein paar Wochen zu Stande.

Jochen: Mein Text von Bleak ist eigentlich erst im Studio fertiggestellt geworden. In diese Phase habe ich aber noch zwei weitere Texte gemacht. Einen haben wir nun vorab schon aufgenommen und der kommt auf eine Splitsingle gemeinsam mit TEFRA. Ein anderer Song haben wir noch in der Hinterhand, mit dem sind wir aber noch nicht ganz zufrieden und haben in zunächst auch verworfen.

Siffi: Aber dass es so rausgekommen ist, ist ja auch okay. Ich hab da kein Problem damit, zumal wir nicht so festgefahren sind, dass wir sagen es muss immer so sein.

Jochen: Was ich dazu sagen muss ist, dass wir dieses Mal dem Gesang von vorne herein schon viel mehr Platz eingeräumt haben – mehr, als es früher der Fall war. Wir haben im Prinzip die Songs bislang für zwei Gitarren geschrieben, also dass es sich für zwei Gitarren gut angehört hat. Der Gesang kam dann irgendwann oben drauf. Dieses Mal haben wir da bewusst Freiräume gelassen.

Siffi: Wir haben uns beim Komponieren viel mehr Gedanken darüber gemacht, welcher Teil sich zum Singen eignet. Das haben wir früher nicht gemacht – der Baumi wird schon irgendwas dazu finden. Er hat da aber auch die abstrusesten Sachen angebracht, wozu ich nie hätte was singen können.

Könnt ihr mir mal die Situation beschreiben, wie es denn aus Sicht der Alten und der Neuen war, als die Neuen in die Band gekommen sind? Der Jochen und der Siffi machen ja schon ewig zusammen Musik und da ist es doch vermutlich ein seltsames Gefühl, wenn die Neuen ihre Ideen mit einbringen. Auf der anderen Seite dürfte es aber für die Neuen erstmal schwierig sein, in das Geschehen einzugreifen, oder?

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Das Line-Up 2004 von links nach rechts: Andreas Andi Taller, Jochen Fopp Fopp, Jochen Josef Müller, Michael Siffi Siffermann

Josef: Also nach genau einem Jahr, seitdem ich jetzt in der Band bin, kann ich sagen, dass das Gefühl inzwischen schon ein anderes ist. Am Anfang hatte man Konzerte zu spielen, man musste sich das alte Material aneignen, ich hab angefangen die zweite Stimme zu singen,… – darin habe ich im Grunde meine Hauptaufgabe gesehen. Ich hab mich in der Situation eigentlich sehr wohl gefühlt, wir haben aber dann auch recht schnell angefangen eigene Lieder zu schreiben und ich hab mich da ehrlich gesagt wenig gebremst. Ich hab mich da schon eingebracht, zumal ich das genauso in meinen früheren Bands gemacht habe.

Jochen: Am Anfang mussten wir natürlich schon erst Mal schauen, wie das ganze läuft. Wir haben ja beide bereits davor gekannt – der Andi war öfters auf unseren Konzerten und mit der Zeit haben wir uns angefreundet – und ich wusste, dass er ziemlich gut Gitarre spielt und gute Ideen hat, Aber er hat nie die richtigen Leute gefunden, um daraus eine Band zu machen. Als wir dann quasi zu zweit da gestanden sind, haben wir darüber nachgedacht, wen wir fragen könnten. Wir kamen dann zum einen auf den Josef und ich hab dann gemeint, dass wir es doch mal mit dem Andi versuchen könnten, mal schauen, ob er auch Bass spielen kann. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht Bass gespielt, hat sich einen ausgeliehen und sich das ziemlich schnell ziemlich gut angeeignet – er übt auch viel mehr als wir beide. Er ist so ein richtiger Gitarrenfanatiker und hat eigentlich immer ein Instrument in der Hand. Am Anfang mussten wir natürlich schon schauen, ob das alles so passt, aber als die beiden mit Ideen ankamen, haben wir recht schnell gemerkt, dass das der Fall ist.

Ganz witzig war ja, dass meine erste Reaktion auf Foregone Ways eigentlich die war, dass er mir ein bisschen zu typisch MIRROR OF DECEPTION war. Dabei ist das ja tatsächlich der erste Song, an dem ihr beiden Ur-Mitglieder songwriterisch überhaupt nicht mitgewirkt habt. Das zeigt für mich aber recht deutlich, wie gut sich die beiden Neuen in die Band integriert haben. Für mich wirkt das Ergebnis fast schon, als wäre MIRROR OF DECEPTION die Band, die ihr immer gesucht hättet, um eure Ideen zu verwirklichen…

Josef: (lacht) Wie soll ich sagen…ich war eine ganze Zeit lang in dem was ich gemacht habe – nicht in dem was ich gehört habe – ziemlich weg vom Metal. Ich hätte weitaus mehr Schwierigkeiten gehabt, jetzt in einer Death- oder Thrash-Metal-Band zu spielen, wobei ich genau das früher eher gehört habe. Das schöne beim Doom Metal ist meiner Meinung nach, dass es sehr nach hinten gerichtet ist und sich an den 70er-Jahren orientiert – das ist auch das was ich etwas mitbringe -, gleichzeitig hat es aber auch diese neuen Einflüsse. Außerdem hat es ein sehr angenehmes Tempo (lacht). Also ich könnte schnelle Sachen schon auch spielen, aber mir macht gerade das sehr viel Spaß – Luft zu lassen, jeden Schlag exakt und bewusst zu spielen.

Jochen: Sie wussten halt auch beide, in was für eine Band sie kommen, sie kannten uns ja auch schon.

Jeder Musiker bringt ja seinen eigenen Einfluss mit und dadurch verändert sich auch der Sound einer Band. Gibt es eine Angst, dass ihr in zehn Jahren vielleicht ein Album raus bringt, eure alten Sachen anhört und feststellt, dass ihr euch sehr von euren Wurzeln entfernt habt?

Jochen: Wir wollen nicht auf der Stelle stehen bleiben und es entwickelt sich immer. Aber ich habe schon bei der Mirrorsoil gesagt, dass wenn man sich dagegen das erste Demo anhört, man trotz allem immer einen roten Faden finden wird. Und der wird sich auch weiter ziehen. Natürlich, wenn zwischen zwei Alben größere Abstände sind, dann wird es da schon einen Unterschied geben, aber eine gewisse Kontinuität wird sicher immer gegeben sein.

Siffi: Also ich kann mir das auch nicht vorstellen, es sei denn, wir brechen mit uns selbst dermaßen, dass wir sagen wir haben keinen Bock mehr auf das Zeug. Aber das ist für mich undenkbar, die Wurzeln werden immer bleiben.

Jochen: Da machen wir uns aber auch gar keine Gedanken drüber. Was kommt, kommt. Und wenn wir irgendwann das Gefühl haben, dass die Musik nicht mehr zu unserem Bandnamen passt, dann werden wir uns schon was überlegen.

Die Frage andersherum gestellt: Josef, wie wichtig ist es für dich, im Sound der Band deine Spuren zu hinterlassen?

Josef: Ich denke es hat sich jetzt schon gezeigt, dass jeder einzelne bei dem was wir machen seine Spuren hinterlässt. Angst vor Veränderung habe ich da auch keine. Jede Band steht doch vor diesem Problem: wenn sie immer dasselbe macht, heißt es, die kopieren sich selbst, wenn sie sich weiter entwickelt heißt es, die würden ihre Wurzeln verleugnen. Jede Band muss sich dieser Kritik aussetzen und kaum eine bleibt verschont davon. Von daher muss man sich gar nicht vormachen, dass man es immer allen recht machen kann. Man muss es sich selbst recht machen, damit man hinter dem was man tut stehen kann.

Siffi: Sicher wird es jetzt schon Leute geben, die vielleicht mit unserem alten Zeug mehr anfangen konnten, aber ich glaube, dass wir mit der Foregone um einige mehr erreichen werden. Die Platte ist offener, als unsere alten Sachen.

Jochen: Das ist es, was ich vorhin meinte: man hat es als Band nicht wirklich in der Hand. Man kann nur sein Bestes geben und was die Leute mit einer Platte verbinden, das liegt jenseits unseres Einflussbereichs. Wenn sie eine Platte in einer bestimmten Phase ihres Lebens gehört haben und damit etwas bestimmtes verbinden, dann wird diese immer wichtiger bleiben als alles, was danach kommt.

Euch gibt es inzwischen ja schon seit 14 Jahren und auch wenn Mirrorsoil ein gewisser Meilenstein war, der einfach erreicht werden musste, und ihr jetzt wieder mit einigen internen Problemen zu kämpfen hattet, habe ich als Außenstehender das Gefühl, dass ihr jetzt lebendiger denn je seid. Ich könnte mir vorstellen, dass ihr mit dieser Platte nun an einem Punkt seid, an dem ihr die Beachtung findet, die ihr euch über die Jahre hinweg erspielt habt.

Siffi: Das bleibt abzuwarten, es wäre schön, wenn es so wäre. Aber ich bin mir da ehrlich gesagt noch gar nicht so sicher, weil man nie weiß, wie vor allem die Presse reagiert. Auch wenn die Reviews bisher zu 95 Prozent positiv sind.

Aber Tatsache ist ja sicher, dass wenn man heutzutage von deutschem Doom-Metal redet, MIRROR OF DECEPTION da eine ganz wichtige Rolle spielen. Von daher denke ich schon, dass ihr inzwischen einen Status erreicht habt.

Jochen: Ja klar, so richtig los ging es eigentlich auch erst mit der Mirrorsoil. Davor ist nicht allzu viel passiert. Wir haben unsere Demos rausgebracht und sicher gab es auch ein paar Leute, die das interessiert und denen es gefallen hat. Der richtige Start war aber die Mirrorsoil und das ist gerade mal drei Jahre her.

Siffi: Es gibt noch genug Leute, die den Namen noch nicht kennen (lacht).

Jochen: …genug zu konvertieren… (lacht)

Siffi, gerade du hast im letzten Interview erwähnt, dass es wichtig für dich ist, Gefühle in den Texten zu verarbeiten. Wie bereits erwähnt sind auf der neuen Platte gerade mal zwei Texte von dir. Eigentlich hätte man doch annehmen können, dass du dich da verstärkt auslebst, wenn du schon Leadsänger der Band bist.

Siffi: Nein, so ist das nicht. Ich schreibe meine Texte meistens aus dem Bauch heraus und bei diesem Album hatte ich echt Probleme. Ich dachte mir irgendwann, dass ich auch einen Text schreiben sollte. Meine alten Texte habe ich in Phasen geschrieben, in denen es mir wirklich dreckig ging. Das war eine echte Verarbeitung von Gefühlen und dieses Mal musste ich mich fast dazu zwingen. Im Endeffekt habe ich mich in solch eine Situation reinversetzt, um den Text zu schreiben. Es war bei uns aber eigentlich auch noch nie so. Auch zu Baumis Zeit war eigentlich immer hauptsächlich der Jochen derjenige, der die Texte angebracht hat und nun haben wir das einfach noch mehr auf die Leute verteilt. Ich glaube auf die Art geht es mir letztendlich momentan einfach zu gut. Über superschöne Sachen freue ich mich, möchte aber keine Texte drüber schreiben.

Aber es ist nicht so, dass man sich um denjenigen bei euch, der am meisten Texte beisteuert, die größten Sorgen machen muss, oder?

Josef: (zögerlich) Nö…

Siffi: Wobei das bei dir ja schon auch irgendwie passen würde (lacht)

Josef: Also ich habe drei Texte beigesteuert und einer davon ist in solch einer Phase entstanden, ja. Der andere, Mirthless, über den wir vorhin bereits geredet haben, ist schon sehr viele Jahre alt – damals in Deutsch und den habe ich jetzt ins Englische übersetzt. Ich bin darauf sehr zufällig gestoßen. Also nicht mit dem Plan oh Gott, wir sind im Studio, uns fehlen Texte, ich muss was finden. Es war Zufall und der Text ist schon sieben Jahre alt. Beim Übersetzen hatte ich allerdings dann schon das Lied im Hinterkopf. Bei mir ist es auch anders, als wie bei Siffi. Ich kann schon auch wenn es mir gut geht über irgendwas einen Text schreiben. Der dritte Text von mir ist über etwas extrem trauriges, die Traurigkeit kommt allerdings nicht von mir.

Dennoch: andere Bands verarbeiten ja sehr viele Geschichten in ihren Texten, bei eurem neuen Album – wenn ich es richtig verstanden habe, was nicht einfach war, da ihr da Wörter benutzt, die einfach nur ne Unverschämtheit sind – habe ich das Gefühl, dass es schon sehr diese typischen Doom-Themen sind: die in sich gekehrte Welt, die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, das sich in seine Traurigkeit fallen lassen.

Mirror
Mag keine abgedroschenen Phrasen und hat keine Leichenteile im Kühlschrank: Gitarrist Jochen Fopp

Jochen: Ja schon. Als ich Bleak geschrieben habe ging es mir einfach so und das musste raus. Vor Kurzem hatten wir es aber wieder in einem Interview davon, als wir gefragt wurden, ob wir denn wirklich solche Trauerklöse sind. Klar, in dem Moment, in dem ich es schreibe, da geht es mir so. Aber so geht es mir ja nicht immer. Eine Death-Metal-Band fragt man ja auch nicht, ob sie gerade irgendwelche Leichenteile im Kühlschrank haben. Bei Doom-Bands kommt diese Frage aber sehr oft.

Dein Text ist interessanterweise aber der direkteste auf der Platte…

Josef: Ja, das find ich sehr interessant, denn das ist so untypisch für ihn. Er hat das mit den unverschämten Wörtern eigentlich angefangen und das ist sein Ding, und dann kommt er mit so einem Text an.

Siffi: Wir sind praktisch alle drauf eingegangen, selbst ich, der normalerweise immer sehr einfache Texte verfasst. Ich habe teilweise die abstrusesten Wörter benutzt.

Josef: Und dann reimt sich dieser Text auch noch (lacht).

Jochen: Ja, ich weiß nicht. Ich finde es halt interessanter, wenn man abgedroschene Phrasen vermeidet, wenn man andere Bilder verwendet, wenn man es anders umschreibt. Es ist interessanter für den, der die Texte mitliest.

Sowas senkt natürlich die Mitsingbarkeit…

Siffi: Das ist schon richtig, man muss ja nur mal die Pop-Charts nehmen. Da reimt sich alles. Aber auch in Großen Teilen des Metal-Bereichs. Viele sagen sich einfach hauptsache es reimt sich.

Josef: Gerade diese Pop-Sachen sind ja richtig ausgeklügelt – wie es sich reimt, wie es vom Versmaß passt. Meine Meinung ist, dass wenn man nur darauf achtet, dass es sich reimt, dann leidet der Inhalt – es wird beliebig. Der Jochen hat es in meinen Augen aber geschafft, dass es sich reimt und das es dennoch nicht beliebig wirkt. Ich glaube es ist aber der einzige Text auf dem Album, bei dem Reime benutzt werden. Gleichzeitig ist es aber auch kein Gesetz, dass es sich nicht reimen darf.

Nochmal zum Thema in dem Moment, in dem ich die Texte schreibe, fühle ich mich auch so. Gerade in Texten wie Descended ist es ja so, dass man sehr viel von sich selbst Preis gibt. Menschen, die die Situation damals mitbekommen haben, legt man offen, wie man gefühlt hat und das sind ja durchaus auch dunkle Seiten der eigenen Persönlichkeit. Im Nachhinein ist es bestimmt doch auch manchmal schwierig, die Texte so stehen zu lassen, oder?

Josef: Descended ist der dritte Text, von dem ich vorhin geredet habe. Ich habe mich zwar in die Situation reinversetzt und dennoch ist es immer unvermeidlich, dass wenn man einen ernsten Text schreibt, etwas von sich selbst einbringt. Wenn man sich in eine Person, die eine solche Situation durchlebt, reinversetzt, dann spielt auch immer ein subjektives Empfinden mit. Im Text geht es um eine Art Empathie. Da ist etwas passiert, was einen umhaut wenn man es hört und ich habe versucht mich reinzuversetzen, was die Beweggründe einer Person dafür sein könnten.

Wenn man einen solchen Text schreibt, dann arbeitet man da aber doch sicher auch Dinge mit rein, die man im eigenen Leben schon mal in ähnlicher Form durchlebt hat, oder?

Josef: Bei dem Text ist das sehr schwierig. Natürlich könnten manche Leute das auf mein Leben übertragen, aber in diesem Fall war es einfach nicht so, dass ich es durchlebt habe. Es ist ein bisschen so, wie Horoskope lesen. Ein Horoskop kann man immer irgendwie auf sich selbst anwenden, es steckt immer ein Stück Wahrheit darin. Es muss aber deshalb nicht unbedingt stimmen (lacht).

Für Bleak trifft das ja aber genauso zu…

Jochen: Ja klar. Ich weiß nicht, ich bin nicht so gut im Geschichten erzählen. Ich schreibe lieber darüber, was mich gerade beschäftigt.

Siffi: Ich finde man muss sich da auch nicht dafür schämen, dass man eine Seite von sich Preis gibt. Genau darum geht es doch eigentlich und deshalb mache ich ja auch diese Musik – weil ich dieses ständig verlogene In der Welt ist alles superschön einfach nicht hören will. Meine alten Texte waren schon sehr persönlich und der Jochen wusste immer gleich, um was es geht. Meistens waren es irgendwelche Beziehungen, die ich verarbeitet habe, meine Ex-Freundinnen haben die Texte wahrscheinlich zum Glück nie gelesen (lacht). Aber so hab ich es damals empfunden, und warum soll ich mich dafür schämen?

Jochen: Auf Vanished hab ich relativ viel Feedback bekommen, einige Leute meinten, dass ihnen der Song und der Text sehr viel bedeutet und sie sich da gut reinversetzten können. Aber so im Allgemeinen…es gibt sicher ein paar Leute, die sich mit den Texten intensiv auseinander setzen aber für viele ist es eben auch nur Musik. So geht es mir teilweise ja auch – ich sitz nicht bei jeder Platte mit dem Textblatt vor der Anlage. Bei manchen schon. Ich denke man darf das nicht überbewerten. Wir versuchen das Bestmögliche abzuliefern, wollen uns über das Singen ausdrücken, wir werden das los, was wir loswerden wollen oder müssen. Aber was der Hörer daraus macht, das bleibt jedem selbst überlassen.

Josef: Ich habe noch einen Text gehabt, der sehr viel von mir Preis gab und der wurde mir zensiert (lacht). Das ist schon das, was du vorhin meintest, dass man es vielleicht später bereut, dass man so viel offen gelegt hat – der Jochen hat das ein bisschen verhindert. Der Text war zu direkt und viel zu offen und er hatte recht. Vom Inhalt her hätte der Song auch nicht in das Schema des Albums gepasst, von daher ist das gut so.

Ich habe es vorhin schon mal angedeutet – beim aktuellen Album habe ich etwas länger gebraucht, bis ich wieder in die MIRROR OF DECEPTION-Welt reingefunden habe. Die Magie kam später, dann aber geballt. Könnt ihr euch einen Grund dafür vorstellen?

Jochen: Ich weiß es nicht. Vordergründig finde ich das Album direkter, als das, was wir in der Vergangenheit gemacht haben. Anfangs hatten wir selbst ein bisschen das Gefühl, dass viele älteren Sachen vielleicht etwas tiefgründiger waren. Aber das hat sich dann auch wieder relativiert.

Siffi: Ich finde das Album schon eingängiger als unser altes Zeug. Aber gleichzeitig denke ich, dass Leute, die unsere alten Sachen kennen, anfangs Schwierigkeiten damit haben – einfach weil es etwas anders ist und man das auch hört. Aber bisher ist das Feedback äußerst positiv – ältere Fans werden aber vielleicht wirklich etwas länger brauchen – es sind eben doch auch andere Musiker am Werk.

Jochen: In einem Review stand – was ich ganz witzig fand weil ich es persönlich so noch gar nie gesehen habe – dass man bei Mirrorsoil noch klarer gesehen hat, wo wir herkommen, mit Conversion haben wir angefangen uns freizuschwimmen und mit der Neuen kann man uns jetzt mit nichts anderem mehr vergleichen. Ich habe das nicht so gesehen, weil ich mittendrin stehe, aber….

Mirror
Mirror of Deception – Man betritt neues Land und weiß nie so genau, wo man hinkommt

Letzte Frage: Wie geht es weiter mit MIRROR OF DECEPTION? Seid ihr jetzt voller Tatendrang und versucht geballt weiter zu machen oder ist die Situation eher so, dass ihr einfach weiter euer Ding durchzieht und abwartet, was kommt?

Siffi: Ich denke wir haben momentan tatsächlich einen echten Flow und mit den beiden Neuen und dem Album, von dem wir alle ziemlich begeistert sind, haben wir einen richtigen Antrieb bekommen. Das Label hängt sich tierisch rein und jetzt auch die Tour mit COUNT RAVEN (die dann leider in der Form ausgefallen ist – der Verfasser)…klar, wir sind schon voller Tatendrang. Momentan sind wir aber sicher auch wieder in dieser typischen Phase nach dem Studio, es ist Sommerpause, usw. Das ist stinknormal. Bei mir war MIRROR OF DECEPTION schon immer eine Achterbahnfahrt, da ging es immer rauf und runter.

Jochen: Meine Hoffnung ist einfach, dass wir jetzt eine gewisse Kontinuität rein bringen, dass zwischen zwei Alben nicht drei Jahre vergehen. Ich hoffe, dass wenn wir im September die Tour hinter uns haben, wir vielleicht schon wieder anfangen neue Ideen zu sichten und vielleicht nächstes Jahr im Sommer/Herbst ein neues Album einspielen.

Josef: Wir haben uns daran gewöhnt wie es ist, es hat toll angefangen, wir haben regelmäßig Gigs gespielt, dann kam die Deadline für Mai/Juni mit dem Studio und das hat auch gut gepasst. Die Methode, sich solch eine Deadline zu setzen, funktioniert glaub ich schon ganz gut, das ist besser, als wenn man immer ins Blaue rein arbeitet. Ich denke es wird so weiter gehen – viele Konzerte und dann bald eine Platte.

Siffi: Wenn ich sehe, wie schnell wir jetzt das Album gemacht haben, wird’s mir fast schon Angst und Bange. Dafür haben wir früher drei Jahre gebraucht, es ging einfach alles sehr schnell. Ob das in dieser Geschwindigkeit weiter geht kann man schwer sagen. Es ist sicher auch möglich, dass das aus diesem Enthusiasmus heraus entstand, als wir neu zusammen kamen. Aber wir haben auf jeden Fall vor, konsequenter zu arbeiten. Und in erster Linie wollen wir viele Gigs spielen, wir brauchen auch das Geld (lacht).

Jochen: Ich hoffe auf jeden Fall auch, dass wir nächstes Jahr vielleicht auch mal wieder auf einem Festival spielen können.

Siffi: Es muss ja nichts großes sein, aber Doombands werden da gerne mal übersehen.

Jochen: Ich denke auf Festivals mit 80 Bands würden zwei bis drei Doombands sicher nicht schaden, sondern das ganze eher bereichern.

Siffi: Mich kotzen diese Festivals mittlerweile wirklich schon an. Zu 80% hat man die Bands doch schon tausend Mal gesehen und tausend Mal gehört und die Festivalbetreiber wollen da auch gar kein Risiko eingehen. Ich geh inzwischen wirklich nicht mehr hin.
Jochen: Im Prinzip werden immer die gleichen Bands weiter gereicht, aber was ist es denn überhaupt für ein Risiko, wenn man vielleicht zwei andere Bands dazu nimmt, die dann irgendwann mittags spielen.
Siffi: Man hat schon den Eindruck dass der Doom gerne übersehen wird. Man wird sehen, es wäre schön, wenn wir nächstes Jahr vielleicht eine Möglichkeit bekommen könnten.

Fierce
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