Interview mit SPLENDIDULA: Persönliche Botendienste, Glühwürmchen und die Verbindung zwischen Traum und Wirklichkeit

SPLENDIDULA haben mit “Somnus” ein homogenes und atmosphärisches Doom Metal-Album abgeliefert, das zum einsamen Lauschen einlädt. Dennoch blieben für uns ein, zwei Fragen offen, die uns dann Drummer Joachim Taminau beantworten konnte.

Danke dass ihr euch Zeit nehmt, um über euch und euer neues Album “Somnus” zu sprechen. Wie fielen die Reaktionen auf euer Album von Leuten aus eurem näheren Umfeld aus?

Vielen Dank, dass ihr uns zu diesem Interview eingeladen habt. Die ersten Reaktionen auf das neue Album fielen wirklich großartig aus. Am Wochenende der Veröffentlichung haben wir einen Roadtrip in den Norden Belgiens unternommen, um die meisten Vorbestellungen persönlich zu liefern. Auf diese Weise konnten wir uns jetzt doch noch mit den Fans treffen, da ja Konzerte weiterhin nicht möglich sind. Das war aber jede Minute wert, weil die Anerkennung, die wir von den Fans bekamen, riesig war!

Steckt hinter dem neuen Album “Somnus” ein spezielles Konzept? Oder anders gefragt, warum habt ihr diesen Titel gewählt?

Es ist in der Tat ein Konzeptalbum. Somnus ist ein römischer Gott, die Personifikation des Schlafes. Er hat tausend Söhne, die Somnia, die in unseren Träumen in vielen Formen auftreten. Diese können menschliche Formen haben, aber auch Bestien oder leblose Objekte sein. Die Songs auf dem Album erzählen eine Geschichte über Traumformen, Albträume und wie dies alles mit der Welt verbunden ist. Oft mit intimen Texten über persönliche Gefühle und Erfahrungen, aber stets offen für Interpretationen und mit genügend Raum, um Emotionen auszudrücken.

Die ersten und sehr atmosphärischen Textzeilen bei “Incubus” sind ja nicht auf Englisch. Was ist der Grund dafür und was erzählt ihr da dem Hörer?

Die Texte handeln von sehr persönlichen Erfahrung unserer Sängerin Kristien. Sie wachte einst wegen eines Lärms auf, als ob jemand das Haus betreten hätte. Sie hörte jemanden (oder etwas?) die Treppe hinaufgehen und ihre Schlafzimmertür öffnen und fühlte, wie sie beobachtet wurde, aber sie wagte es nicht, sich zu bewegen. Nachdem sie es endlich gewagt hatte, das Bett zu verlassen, war er oder es bereits weg. Sie ging dann die Treppe hinunter und bemerkte, dass die Hintertür weit offen stand, ohne eine Spur des Eindringlings. Bis heute weiß sie immer noch nicht, ob es real war oder nur ihre eigene Vorstellung… Die Verwendung von unserer Muttersprache (Niederländisch) macht diesen Teil des Songs noch persönlicher, wie ein sehr intimes Gedicht.

Ich finde, dass die Songs auf dem neuen Album homogener geworden sind. Das Album wirkt wie aus einem Guss. Wie seht ihr selbst eure Entwicklung von Album zu Album?

Eigentlich haben wir bereits vor der Veröffentlichung des vorherigen Albums “Post Mortem” Ende 2018 mit dem Songwriting für “Somnus” begonnen. Zu diesem Zeitpunkt bildete sich gerade das aktuelle Line-up, was zu vielen neuen Inputs führte und dem Schreibprozess einen enormen Schub gab. Wir fühlen eine viel größere Verbindung zu den Songs auf dem neuen Album als zu denen auf früheren Alben. Es sind auch die ersten Songs, die zur Gänze vom neuen Line-up geschrieben wurden und somit unsere Ideen und Gedanken perfekt widerspiegeln.

Mir scheint, dass ihr auf “Somnus” mehr mit Growls arbeitet als zuletzt. Die Musik wirkt dagegen aber beinahe sanfter und atmosphärischer. Wolltet ihr damit eine besonderen Kontrast schaffen oder gibt es andere Gründe dafür?

Für das neue Album wollten wir nicht bloß das vorherige Album kopieren. Deshalb haben wir zu Beginn des Schreibprozesses beschlossen, einige wichtige Dinge anzupassen. Die Gitarren wurden tiefer gestimmt, eine subtile Synthesizer-Spur wurde hinzugefügt, und wir wollten viel mehr mit dem im zweiten Album eingeführten Kontrast in Sachen Vocals arbeiten. Meiner Meinung nach fühlt sich das Ergebnis heavier und atmosphärischer an und ich habe den Eindruck, dass der Zusammenhalt zwischen den Songs besser ist. Ich denke, wir haben uns im Vergleich zum vorherigen Album etwas weiter vom klassischen Metal-Sound entfernt, was vielleicht dein Gefühl eines sanfteren Sounds erklärt.

Inwieweit hat sich der Alltag als Band für euch durch COVID 19 verändert?

Die Produktion des neuen Albums wurde gerade zu Beginn der Pandemie beendet. Obwohl wir froh waren, dass alles fertig war, war es auch ein sehr schlechter Zeitpunkt, sich an Plattenfirmen zu wenden. Aus diesem Grund haben wir zunächst etwas gewartet, um zu sehen, wie sich die Situation entwickelt. Nach einigen Monaten begannen wir zu suchen und landeten bei Argonauta Records, die uns sofort eine interessante Zusammenarbeit anboten. Corona hat natürlich dazu geführt, dass das Album mit einer entsprechenden Verzögerung veröffentlicht wurde. Wir freuen uns aber sehr, dass es endlich da ist. Wie viele andere Bands mussten auch wir alle geplanten Gigs absagen. Es war eine echte Enttäuschung, da die Planung all dieser Shows viel Zeit in Anspruch nahm. Aber ich denke, jeder hat Verluste erlitten und im Vergleich zu einigen anderen können wir uns nicht beschweren. Wir hatten das Glück, 2020 drei ausverkaufte Shows zu spielen (als für eine Weile Auftritte in Belgien erlaubt waren), bei denen wir bereits einige unserer neuen Songs spielen konnten. Wir können uns aber sicherlich nicht über unsere Online-Merch-Verkäufe und Vorbestellungen in den letzten Monaten beschweren. Mir scheint, das Fehlen von Live-Auftritten hat die Menschen dazu gebracht, mehr online zu kaufen.

Zusätzlich zum Cover-Artwork schuf Gitarrist David Vandegoor für jedes Lied ein Kunstwerk, um eine visuelle Reflexion zu kreieren. Diese sind in den physischen Versionen des Albums (CD und Vinyl) enthalten.

Nach der realistischen Zeichnung auf “Post Mortem” wirkt das neue Cover abstrakter. Doch wirkt das neue Album gleichförmiger, ebener, nachvollziehbarer. Was steckte hinter der Idee der Zeichnung?

Wir haben uns für einen düsteren, aber bedeutungsvollen Stil monochromer Kunst entschieden, um das Konzept des Träumens fortzuführen. Tatsächlich träumt ein Teil der Bevölkerung ausschließlich in Schwarzweiß, und viele Theorien legen nahe, dass Menschen dazu neigen, in Schwarzweiß zu träumen, wenn sie etwas Traumatisches erleben. Nach Überwindung dieser schwierigen Zeit kehren die Farben allmählich zurück. Wir fanden diese Verbindung zwischen Träumen und Wirklichkeit sehr faszinierend.

Wer ist für das Cover-Artwork verantwortlich?

Das Cover-Artwork wurde von unserem Gitarristen David gezeichnet und ist eine Darstellung von Somnus, der in der römischen Mythologie häufig mit einem oder zwei Flügeln am Kopf zu sehen ist. Zusätzlich zum Cover-Artwork schuf er für jedes Lied ein Kunstwerk, um eine visuelle Reflexion zu kreieren. Diese sind in den physischen Versionen des Albums (CD und Vinyl) enthalten.

Das Logo von SPLENDIDULA gleicht der symbolische Darstellung eines Glühwürmchens.

Was drückt euer Logo -)(- aus?

Der Bandname leitet sich von Lamprohiza splendidula ab, dem lateinischen Namen für das Glühwürmchen, und unser Logo ist eigentlich eine symbolische Darstellung dieses Insekts. SPLENDIDULA repräsentiert die brillante, leuchtende Natur der Glühwürmchen. Mit unserer Musik wollen wir das mysteriöse und friedliche Gefühl darstellen, das diese Insekten ausdrücken, wenn sie um Bäume fliegen oder nachts über Wasser schweben.

Eure drei Alben sind auf unterschiedlichem Weg erschienen: das Debütalbum noch ohne Label, “Post Mortem” bei Inverse Records und “Somnus” nun bei Argonauta Records. Worin seht ihr die größten Unterschiede zwischen den Labels?

Self-Release war ein schöner erster Schritt, um die Leute mit unserer Musik vertraut zu machen. Der Erfolg dieses Albums lag hauptsächlich in unserer Heimatstadt Genk, während dies beim zweiten Album nach und nach auch im übrigen Belgien der Fall war. Durch die Zusammenarbeit mit Argonauta Records und All Noir PR stellen wir auch in der restlichen Welt ein viel größeres Interesse fest.

Gibt es in deinem Schrank Band-Shirts, die du auf keinen Fall mehr anziehen würdest?

Ich bereue kein Band-T-Shirt, das ich gekauft habe. Die einzigen Shirts, die ich nicht mehr trage, sind aufgrund der Modetrends vor 15 Jahren etwas zu groß. 🙂

Welche Alben laufen gerade auf deiner Anlage?

Ich bin ein großer Fan von ALCEST, ANATHEMA und CULT OF LUNA. In letzter Zeit habe ich zudem Alben von BORKNAGAR, THE OCEAN, BATUSHKA und HAMFERÐ gekauft. Sozusagen eine feine Mischung von Black, Post und Doom Metal.

Auf welchem Format bevorzugst du Musik zu hören?

Bis zum letzten Jahr habe ich CDs gekauft, wollte aber immer auf Vinyl umsteigen. Ich musste bis letztes Jahr warten, hauptsächlich weil es viel teurer ist. Nachdem ich zusammen mit meiner Freundin (Kristien, unsere Sängerin) ein Haus gebaut habe, wo unser gesamtes Geld hineingeflossen ist, können wir jetzt ein wenig mehr in neue Releases investieren. Ich mag Vinyl, weil sich das Artwork vollständig entfalten kann, wenn es auf dieser Größe gedruckt wird. Es fühlt sich fast magisch an, besonders mit all den Möglichkeiten für farbiges Vinyl oder Sondereditionen in diesen Tagen.

Was macht ihr beruflich?

Unser Gitarrist David ist Kunstlehrer und zeichnet auch alle Kunstwerke für SPLENDIDULA. Kristien arbeitete früher als Grafikdesignerin und Fotografin, ehe sie in eine administrative Position wechselte. Sie macht all unsere grafischen Arbeiten und schießt auch unsere Bandfotos. Unser Gitarrist Pieter arbeitet als Bühnentechniker in einem Kulturzentrum und ich als Laborkoordinator in einem Krebsforschungsinstitut.

Ich habe gelesen, dass in Genk mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ausländische Wurzeln haben. Wie äußert sich diese Statistik bei euch als Band?

Ein paar Bandmitglieder haben ausländische (osteuropäische) Wurzeln, aber das ist schon ein paar Generationen her.

Gibt es in Flandern Bands, denen weit mehr Aufmerksamkeit zuteil werden sollte und welche sind es?

Besonders wollen wir die Doom Metal-Band MARCHE FUNÈBRE empfehlen, die Atmospheric Death / Black Metal-Band THURISAZ und die Sludge / Post Rock-Band POTHAMUS. Alle drei Bands haben 2020 sehr interessante Alben veröffentlicht.

Mit Flandern verbinde ich meistens Windmühlen, die Zeichentrick-Serie “Niklaas, ein Junge aus Flandern” und den Vlaams Blok (jetzt Vlaams Belang). Welches richtige Bild sollten wir von Flandern und seinen Einwohnern haben?

Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie von dieser Zeichentrickserie gehört. Ich habe es einfach gegoogelt und es scheint eine japanische Serie zu sein, die auf einem englischen Buch basiert. Ich muss mir jetzt definitiv eine Folge ansehen! Ihr solltet euch auch einige belgische Biere checken, das sind die besten der Welt und wir haben eine große Auswahl an verschiedenen Sorten!

Was sind eure nächsten Pläne für die Zukunft?

Wir sind bereits damit beschäftigt, neue Musik zu schreiben. Aber da wir hauptsächlich zusammen im Proberaum daran schreiben, ist es in der aktuellen Situation nicht so einfach. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns nur entspannen. Langsam aber stetig passen wir uns dieser neuen Situation an und führen neue Wege des Songwritings ein, die unsere Kreativität nur bereichern und uns mehr Kraft geben können, weiterzumachen, sobald sich die Situation verbessert. Wir planen noch nicht zu viel für 2021, da es noch ungewiss ist, wie sich die Pandemie in den kommenden Monaten entwickeln wird, und wir möchten uns die Enttäuschung ersparen. Wir werden abwarten müssen, was die Zukunft für Release-Shows oder eine nachfolgende Album-Promo-Tour bringen wird.

Letzte Worte?

Vielen Dank, dass ihr uns diese Gelegenheit gegeben habt! Ich möchte mich auch bei allen bedanken, die uns bisher unterstützt haben, und bei den Lesern, die mit SPLENDIDULA noch nicht vertraut gewesen sind: Hört euch unsere unsere Musik an und schickt uns eure Gedanken.