EAGLE TWIN: Die Krähe und die Sonne

Montag, der 19. Oktober 2009. Captain Chaos ist sich nicht sicher, ob seine Ohren vom gestrigen SUNN o)))-Konzert noch taub sind, oder ob es tatsächlich Probleme mit dem Aufnahmegerät gab. Die Ohren sind zum Glück noch heil, die Audiodatei mit dem Interview mit Gentry und Tyler, die unter dem Namen EAGLE TWIN firmieren und das superbe Debütalbum "The Unkindness Of Crows" parat haben, leider nicht. Nur Rauschen ist zu hören, da aber das Gespräch vor dem Konzert in München sehr geistreich war, erklären sich die beiden Musiker bereit nochmals per E-Mail zu antworten.

Montag, der 19. Oktober 2009. Captain Chaos ist sich nicht sicher, ob seine Ohren vom gestrigen SUNN o)))-Konzert noch taub sind, oder ob es tatsächlich Probleme mit dem Aufnahmegerät gab. Die Ohren sind zum Glück noch heil, die Audiodatei mit dem Interview mit Gentry und Tyler, die unter dem Namen EAGLE TWIN firmieren und das superbe Debütalbum The Unkindness Of Crows parat haben, leider nicht. Nur Rauschen ist zu hören, da aber das Gespräch vor dem Konzert in München sehr geistreich war, erklären sich die beiden Musiker bereit nochmals per E-Mail zu antworten.

 

Herzlichen Glückwunsch zu eurem Debüt The Unkindness Of Crows, ein wirklich einzigartiges Album. Hier in München schien es bei den Leuten gut anzukommen – sind die Europäer generell bereit für diese Art von Musik?

Tyler: Sie sind so bereit, wie sie es nur sein können.

Gentry: Ich denke, das wird die Zeit zeigen, aber Europa hat uns auf unserem ersten Trip nach Europa warm empfangen.

Ihr beschreibt die Musik von EAGLE TWIN nicht ausschließlich als Doom oder Sludge. Wichtig sind euch auch Americana und Blues.

Gentry: Ich identifiziere mich mit dem Terminus Doom, es reflektiert und verstärkt unsere Kultur, die von der Apokalypse besessen ist. Den Ausdruck Sludge mag ich nicht wirklich, ich ziehe es vor, es einfach Heavy zu nennen. Heavy, das sagt ebenso viel über den Inhalt, die Texte und die Symbolik, wie über das Gewicht der Musik aus.

Tyler: Gentry war schon immer ein großer Blues-Fan und spielt mir immer cooles, altes Zeug vor. Das sind einfach die Wurzeln dieses Genres, BLACK SABBATH haben als Blues-Band angefangen, sie haben es nur düsterer und schwerer gemacht.

Gentry: Der Blues kam immer wieder zurück. Es gibt eine Abstammung von traditioneller Folkmusik auf der ganzen Welt hin zum Blues, der dann zu Rock wurde, aus dem sich BLACK SABBATH und LED ZEPPELIN hin zum Metal entwickelt haben und so weiter. Die Art von Blues, die ich am meisten mag, sind die alten Sachen aus dem Delta. MISSISSIPPI FRED MCDOWELL, BLIND WILLIE JOHNSON und SON HOUSE. Oder sagen wir HOWLING WOLF. Einfach nur Riffs und eine tiefe Stimme, yeah.

Auch wenn ich von THE ICEBURN COLLECTIVE nur ein paar Alben kenne, ist es völlig klar, dass EAGLE TWIN sich ziemlich davon abheben. Gentry, haben sich deine musikalischen Vorlieben geändert?

Gentry: Das Extreme hat mich schon immer fasziniert. Egal ob intensiv, heavy oder was auch immer. THE ICEBURN COLLECTIVE handelte von den Extremen, wie es der Name schon suggeriert hat: Extrem heiß, oder extrem kalt. Es ist genau wie das Klima in unserer Heimat Utah. Es ist eine Bergwüste mit Gluthitze im Sommer und tiefem Schnee im Winter.

THE ICEBURN COLLECTIVE hat sich 2001 aufgelöst, danach hörte man nicht mehr viel von dir. Und dann kam die Kollaboration ASCEND mit Greg Anderson. Hat dich diese Arbeit inspiriert eine neue Band zu gründen?

Gentry: EAGLE TWIN gab es schon ein paar Jahre, bevor ASCEND Ample Fire Within aufnahmen. Aber ich denke schon, dass diese neuerliche Verbindung mit Greg geholfen hat, die Richtung von EAGLE TWIN zu verfeinern.

Jedenfalls warst du ein paar Jahre etwas weniger aktiv, ist das richtig?

Gentry: Ich war immer beschäftigt. Die Idee des Duos kam schon im Jahr 2001, da habe ich SMASHY SMASHY gegründet, aus denen auf natürlichem Weg EAGLE TWIN wurde. Außerdem war ich eine Zeitlang bei FORM OF ROCKET dabei und habe eine CD namens Men aufgenommen.

Habt ihr beide euch durch FORM OF ROCKET, bei denen Tyler auch spielt, kennen gelernt? War diese Zusammenarbeit quasi Liebe auf den ersten Blick?

Tyler: Eigentlich geht unsere Zusammenarbeit bis zur Mitte der Neunziger zurück. Damals habe ich in der Hardcore-Band CLEAR gespielt und unser Freund Sri hat uns bekannt gemacht, da Gentry zu dieser Zeit ein Heavy Power-Trio gründen wollte.

Gentry: Diese Band hieß FURIOUS FIRE, und hatte einen dunklen Vibe im Stil von HENDRIX und CASPAR BROTZMANN. Wir haben mit GOATSNAKE gespielt und haben EARTH gecovert. Das waren gute Zeiten.

Wie ist es eigentlich, wenn man nur einen Partner hat – ist die Verbindung stärker als wenn man in einer fünfköpfigen Band spielt? So wie Bud Spencer und Terrence Hill?

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Von Meister Densley selbst gezeichnet: Das Artwork zu The Unkindness Of Crows.

Gentry: Ha, wow! Genau so ist es!

Tyler: Diese Besetzung ist ziemlich kompakt, dadurch ist es viel einfacher Entscheidungen zu treffen.

Gentry: Es ist auch viel einfacher, die Musik in eine bestimmte Richtung entwickeln zu lassen. Auch Live können wir im Handumdrehen Änderungen vornehmen.

Neben dem schweren, dröhnenden Doom gibt es auch andere Elemente auf The Unkindness Of Crows, ich höre einige Parts, die an die MELVINS erinnern. Sind sie ein Einfluss für EAGLE TWIN?

Tyler: Hell yeah.

Gentry: Ich höre die MELVINS schon seitdem sie anfangen haben und bin niemals müde davon geworden.

Natürlich gibt es auch Inspiration von SUNN o))) zu hören, nachdem ihr diese Band mit THE ICEBURN COLLECTIVE beeinflusst habt. Ist das eine kreative Spirale?

Gentry: Das hoffe ich doch. Das ist eben was passiert, wenn Menschen und Musiker ihre Ohren offen halten.

Der Sound der Gitarren und dem Bass ist einzigartig, man kann oft nicht unterscheiden, was Bass und was Gitarre ist. Ist das der typische Klang einer Bariton-Gitarre? Welche Effekte setzt du ein, und wird die Arbeit als Duo live durch Loops möglich?

Gentry: Ich habe einen Tonabnehmer, der nur die drei tiefen Saiten einfängt und diese in einen Bassamp leitet, während die anderen Tonabnehmer in den Gitarrenverstärker führen. Daher hat meine Bariton-Gitarre zwei Outputs. Ich kontrolliere Bass oder Gitarre mit einfachen Lautstärkepedalen. Loops und andere digitale Pedale verwende ich nicht, stattdessen Fuzz und einen Compressor. Den Bass verzerre ich gerne und setze für die besonders heftigen Stellen einen Effekt ein, der eine Oktave tiefere Töne erzeugt.

Ich dachte eigentlich, ihr würdet live mehr improvisieren. Jemand der sich The Unkindness Of Crows ein paar Mal angehört hat, kann die Songs auch live einfach identifizieren. Spielt ihr euer Material nahe am Original, da sie bereits komplex genug sind?

Tyler: Das variiert. Wir bleiben dem Gefühl und dem Klang des Originals treu, aber wir bringen den Song einfach weiter.

Gentry: Wie du schon gesagt hast, man kann unsere Songs ganz einfach identifizieren, aber wir bauen das eine Element aus oder improvisieren, wie das Material noch zusammen passt. Dadurch bleibt die Musik für uns interessant, und wenn wir uns darauf einlassen, beziehen wir das Publikum mit ein. Das zeigt auch, dass die Musik, die wir machen, eine Einheit ist.

Gentry, ich finde deinen Gesang großartig, er erinnert mich an Tom Waits und auch an HOWLING WOLF. Musstest Du hart dafür arbeiten, so eine Stimme zu kriegen?

Gentry: Das kommt ein wenig mit dem Alter. Außerdem habe ich für mehr als eine Dekade tuvanischen Kehlkopfgesang gemacht.

Die Stücke auf The Unkindness Of Crows sind ziemlich einzigartig, jeder hat eine eigene Identität, aber es klingt dennoch wie eine Reise durch einen surrealen Western. War es ein Ziel von euch, eine breit gefächerten Gesamteindruck zu erhalten?

Gentry: Wir bemühen uns um eine Einheit in den Variationen. Aber wir dehnen uns auch in Richtung des Ostens aus, wie in Crow Hymn.

Tyler: Wir wollten einfach eine gute Platte machen.

Wie lange hat das Schreiben der Musik gedauert? Was war deine Rolle beim Songwriting, Tyler?

Tyler: Ich dresche einfach nur auf das Schlagzeug. Gentry ist der Herr der Riffs.

Gentry: Viele von Tylers rhythmischen Ideen geben die Richtung vor, in welche sich die Songs, oder Teile davon entwickeln sollen. Wie die Toms am Anfang und in der Mitte von Crow Hymn. Da kam der Beat zuerst. Und das Songwriting? Viele unserer Ideen haben in unseren Köpfen gespukt, seit ich die Gedichte über Krähen gefunden habe.

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Zwei wie Bud Spencer und Terrance Hill: Gentry Densley (links) und Tyler Smith (rechts).

Euer Debüt beginnt mit einem Song, der extrem improvisiert wirkt, während es ab der Mitte des Albums deutlich zugänglicher wird. Das erscheint so, als wäre In The Beginning Was The Scream eine Art Wächter, der nicht jedem Zugang zu eurer Welt verschaffen will, und nur die Tapferen mit dem grandiosen Rest der Platte belohnt werden.

Tyler: Auf jeden Fall! Und da der Song In The Beginning Was The Scream heißt, hätte er auch an keiner anderen Stelle stehen können.

Gentry: Wir wollten die Köpfe der Leute säubern, sie herum schütteln und wie bei einer Zaubertafel eine leere Oberfläche erhalten.

Crow Hymn ist anfangs geradezu bezaubernd und wird dann zu improvisiertem Wahnsinn. Wurde das auch im Studio improvisiert, oder ist das so geschrieben?

Gentry: Auf The Unkindness Of Crows gibt es generell eine angemessene Menge Improvisation. Bei THE ICEBURN COLLECTIVE haben wir das schon geübt und so weit erforscht, wie wir konnten. Improvisieren zu können ist für mich ein wichtiger Teil des Musizierens.

Meine Lieblingssongs auf eurem Debüt sind übrigens Storytelling Of Ravens und Carry On, King Of Carrion, die wie eine böse und gemeine Version der letzten EARTH-Alben klingen. Was verbindet ihr mit dieser Band?

Gentry: Ich stehe schon immer auf EARTH, sie sind so einzigartig, damals wie heute. Ich bin außerdem von Dylans Fähigkeit, sich selbst und seine Musik immer wieder neu zu erfinden, sehr beeinflusst.

And It Came To Pass That Birds Rain Down As Black Snakes, der letzte Song des Albums, ist verdammt hypnotisch, klingt wie OM in Böse. Ist diese Band auch einer eurer Favoriten?

Tyler: OM sind der Wahnsinn, auch SLEEP habe ich schon immer geliebt. Chris Hakius ist einer meiner größten Einflüsse.

Gentry: Für mich ist das nicht böse, viel eher mystisch. Ich würde außerdem sagen, dass And It Came To Pass That Birds Rain Down As Black Snakes das Gegenteil, oder das Negativ der Annäherung an OM ist. Sie würden das Riff und den Rhythmus wiederholen, während die Gesänge sich verändern und entwickeln. In unserem Lied machen wir allerdings das Gegenteil. Der Text wiederholt sich und bleibt gleich, verlagert sich höchstens ein wenig, um die Bedeutung zu verändern. Das Riff hingegen entwickelt sich und wächst.

Fünf von sieben Songs auf The Unkindness Of Crows beziehen sich im Titel auf Vögel. Die dunkle Seite dieser Tiere fasziniert euch. Ist EAGLE TWIN die Krähe, der böse Bruder des Adlers?

Gentry: In der Geschichte des Albums ist die Krähe der dunkle Zwilling des Adlers. Die Songs handeln alle von Vögeln, die Krähe ist die Hauptperson. Sie kommt in vielen Mythen in der ganzen Welt vor. Murderer Of… handelt von so einem Mythos. Vor langer Zeit war die Krähe weiß und hatte eine wunderschöne Stimme, wurde aber eifersüchtig auf die Sonne, weil sie noch heller war. Also flog die Krähe zur Sonne und bekämpfte sie. Sie wurde allerdings schwarz und ihre Stimme verkam zu einem heiseren Krächzen. Diese Geschichte wird auch kurz im letzten Song wiederholt.

Die Texte sind außerdem inspiriert von indianischem Glauben. Was ist das faszinierende an diesem Themenkomplex?

Tyler: Gibt es etwas, das nicht faszinierend ist? Außerdem hat Gentry indianisches Blut von seiner Großmutter in sich.

Gentry: Sie hat uns Federn geschenkt und uns Kanus gebaut, in denen wir spielen konnten.

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Improvisieren zu können ist für mich ein wichtiger Teil des Musizierens. Gentry Densley braucht mehr als starre Songstrukturen.

Der Albumtitel ist ein Wortspiel, The Unkindness Of Ravens bezeichnete früher einen Schwarm von Raben, ihr wählt den Titel The Unkindness Of Crows.

Gentry: Ich mag dieses Wortspiel, es ist dazu geeignet dem Wort Lieblosigkeit Nachdruck zu verleihen. Normalerweise ist der Mord der Krähen die schwerste lieblose Tat, die der Mensch endlos fortsetzen kann.

I am a brother to dragons, and a companion to owls. Dieses Zitat aus der Bibel erinnert mich an Die Straße von Cormac McCarthy, und lustigerweise habe ich auf deiner Myspace-Seite gelesen, Gentry, dass er einer deiner Lieblingsschriftsteller ist.

Tyler: Cormac McCarthy ist klasse!

Gentry: Richtig, diese Stelle ist aus der Bibel, genauer gesagt aus dem alten Testament. Als Job in der Wüste war und seine Haut verbrannte, bis sie schwarz wurde, Job 30:29.

Gentry, das Artwork hast du gezeichnet, es ist das Negativ eines boshaften Adlers. Ein starkes Bild um den Gesamteindruck zu kleiden?

Gentry: Richtig, das CD-Cover wurde von mir gezeichnet, wir wollten ein starkes Bild für das Cover. In der CD ist ein Bild von Würmern und einem Geier, das hat mein Kumpel Corey Crowley gezeichnet, der eigentlich Tätowierer in den USA ist. Die anderen Zeichnungen von Krähen im Booklet hat Sri Whipple gemacht, er hat uns auch beim Layout geholfen.

The Unkindness Of Crows klingt sehr erdig und direkt, was eurem Produzenten Randall Dunn zu verdanken ist. Hat er wieder seinem alten 2-inch-Tape aufgenommen, wie bei WOLVES IN THE THRONE ROOM?

Tyler: Ja, für Musik, die heavy ist braucht man die Tiefe und Wärme von einem Tape.

Gentry: Randall hat großartige Ohren und kennt diese Art von Musik ganz genau. Er weiß einfach, wie er sie einfangen kann. Ich wage es sogar, ihn als Meister seines Fachs zu bezeichnen.

Habt ihr das Album auch live eingespielt, nur mit Gesangsoverdubs? Wie lange haben die Aufnahmen gedauert?

Tyler: Es hat anderthalb Wochen gedauert das Album aufzunehmen und zu mischen. Wir waren gut vorbereitet, aber mussten uns trotzdem unsere Ärsche abarbeiten.

Gentry: Das Album wurde live aufgenommen, aber wir haben ein paar Overdubs an den Gitarren vorgenommen, um ein paar Stellen besser zu verdeutlichen und an die akustische Qualität von Livekonzerten heran zu kommen. Das kann man nicht einfach mit ein paar Mikrofonen einfangen. Live haben wir einige Gitarren- und Bassverstärker, die den Raum füllen, alles reich an Harmonien und Zwischentönen.

Was wird als Nächstes kommen? Mehr Material von EAGLE TWIN, oder doch erst ein neues ASCEND-Album?

Gentry: Ein neues Album von ASCEND wurde bereits begonnen, aber wir hatten noch nicht die Zeit es fertig zu stellen. Auch EAGLE TWIN sind bereit für mehr. Wir müssen nur zwischen den ganzen Touren Zeit dafür finden.

Danke euch beiden, dass ihr nochmals all diese Fragen beantwortet habt. Die letzten Worte gehören natürlich euch.

Tyler und Gentry: München ist super! Wir hatten viel Spaß dort und hoffen, euch wieder zu sehen!


Bilder: (c) Southern Lord Recordings