AVAST: Songs über fünf Minuten sind eine Befreiung!

Das untypisch-betitelte «Mother Culture»-Werk der Black Metaller AVAST hat mich 2018 positiv überrascht. Atmosphärische Flächen, plötzliche emotionale Ausbrüche und gutes Songwriting – die norwegische Band erschafft mit «Mother Culture» ein scharfkantiges Kleinod der Schwarzwurzelkunst. Grund genug also, bei Bassist und Sänger Hans Olaf Myrvang eine Online-Audienz zu beanspruchen.

 

Zuerst einmal danke für euer wunderbares Album «Mother Culture», das mich überrascht hat. Schon das Cover ist nicht üblich für eine Black Metal-Band – von welchen Überlegungen habt ihr euch kreativ leiten lassen?

Danke für deine netten Worte. Die Frau auf dem Cover ist die Personifikation dieser Stimme in unserem Kopf, die uns sagt, dass wir die unbestrittenen Meister des Universums sind, dass unsere Art zu leben die einzige korrekte Art des Lebens ist, und dass wir an diesen Ideen festhalten müssen, sogar wenn sie uns, unsere Mitkreaturen und den Planeten umbringen.

Mütter sind kein Schlüsselthema im Black Metal. Was ist «Mother culture» für dich persönlich?

Ich persönlich interpretiere «Mother culture» im Sinne von Daniel Quinns Definition des Terminus: «Das Set von `unhinterfragten Einflüssen` oder `versteckten Voraussetzungen` das die Mitglieder einer Kultur schlicht für gegeben und universell wahr halten.» Bevor ich Daniel Quinns philosophischen Roman «Ishmael» gelesen hatte – auf welchen sich auch die Texte unseres Albums «Mother culture» beziehen – war mir der Begriff unbekannt.

Mag deine Mutter euer Album?

Meine Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben – soll sie in Frieden ruhen. Aber ich kann dir garantieren, dass sie «Mother culture» nicht mögen würden. Sie hat mich jedoch in all meinen Entscheidungen unterstützt, aber sie hörte am liebsten ABBA. Die Musik, die ich hörte und machte, konnte sie nicht ausstehen. Aber sie wäre sicher stolz darauf, dass wir ein solches Album kreiert haben.

Ich habe AVAST zuvor als Black Metal-Band bezeichnet, doch bei euer Band schwebt auch der Genre-Begriff «Post Black Metal» im Raum. In welchem Genre siehst du AVAST?

Ich finde es immer wieder interessant zu sehen, in welche Genreschubladen uns Leute einordnen. Und ehrlich gesagt finde ich es nicht so wichtig, welchem Genre wir zugeteilt werden – solange die Menschen unsere Musik geniessen. Heute mischen viele Bands verschiedene Stile und wir sind keine Ausnahme. Als Individuum identifiziere ich mich selber nicht damit, ein Metalhead zu sein – ich bin offen gegenüber guter Musik, ganz allgemein. Die meisten Mitglieder der Band sind frühere Punk Rocker und Hardcore-Musiker und wenn man genau hinhört, dann kann man bei AVAST diese früheren Einflüsse noch immer heraushören. Auch die Themen sind noch in diesen Genres verankert – wir befassen uns nicht mit den üblichen Black Metal-Themen, sondern konzentrieren uns lieber auf philosophische und umweltbezogene Probleme.

AVAST haben eine Schwäche für längere Songs (Foto: Dark Essence Records)

Einige eurer Songs – zum Beispiel der Titeltrack «Mother Culture» – sind um einiges länger als die üblichen fünf Minuten. Wie sieht euer Songwriting-Prozess aus? Und was gefällt dir daran, längere Songs zu komponieren?

Der Schreibprozess bis jetzt sieht so aus, dass Trond (Gitarre) mit Vorschlägen kommt und Ørjan (früher spielte er Drums, jetzt Gitarre) und ich dann zu- oder dagegenstimmen. Aber meistens sind wir dafür! Danach ändern wir die Strukturen vielleicht etwas ab im Vergleich zur ersten Variante, bevor ich dann die Vocals zur endgültigen Version hinzufüge. Ich muss allerdings sagen, dass ich denke, dass sich der Prozess etwas verändern wird, da Ørjan von Drums zur Gitarre gewechselt hat. Er hat uns gezeigt, dass er echte Killer-Riffs schreiben kann und unser nächstes Album wird vermutlich ein Resultat der Kooperation zwischen ihm und Trond werden. Unser neuer Schlagzeuger, Stian, wird ebenfalls dazu beitragen, dass unser Sound stärker wird. Er macht alles etwas anders als wir es uns gewohnt sind, und das finden wir gut.

Was wir echt daran mögen, längere Songs zu schreiben, ist, dass es anders ist als alles, was wir zuvor gemacht haben. Wie ich bereits erwähnt habe, liegen unsere Anfänge im Punk Rock und im Hardcore. Da schreibt man selten Songs, die länger sind als zwei Minuten, also sind Songs, die fünf Minuten lang sind, schon eine Befreiung, weil sie es dir erlauben, ein Riff mehr als zwei Mal zu wiederholen. Das wäre in unserer Bandvergangenheit unmöglich gewesen.

AVAST bestechen ja auch durch elegante Basslines, wie zum Beispiel im Song “An Earnest Desire”. Gerade im Black Metal-Bereich ist das ja nicht unbedingt üblich. Gibt es Bassisten, die euch inspirieren?

Wenn ich ganz ehrlich sein soll: keiner. Es tönt vielleicht merkwürdig, denn Bassisten sind ja meistens komplett verschroben und wissen alles über ihre Instrumente, und dann sitzen sie stundenlang herum und disktutieren über andere Bassisten. Ich hingegen fing an Bass zu spielen, weil ich in einer Band sein wollte, und vorher hatte ich noch nie ein Instrument berührt. Gerade aus diesem Grund war der Bass auch die natürlich Instrumentenwahl für mich, schliesslich kann man im Punk Rock mit simplen Basslines und ungenauer Spielweise sehr wohl davonkommen.

Also werde ich jetzt einfach keine inspirierenden Bassisten nennen. Stattdessen möchte ich konstatieren, dass es die Balance zwischen Technik und „weniger ist mehr“ ist, die mich inspiriert. Manchmal kann eine Bassline, die denselben Akkord zehn Minuten lang wiederholt, die reinste Magie sein – das beste Beispiel dafür ist „Hafsol“ von SIGUR RÒS!

Mother Culture“ erinnert mich zeitweise an ALCEST wegen der Harmonien, die ihr benutzt. Wie sind eure Gitarren und der Bass gestimmt?

AVAST benutzt die Drop C-Stimmung für Bass und Gitarre.

AVAST sind aus Norwegen – dem Land der Black Metals und der atemberaubenden Landschaften (Foto: Dark Essence Records)

Norwegen ist ja berühmt für seinen exquisiten Black Metal. Welche lokalen Bands von Stavanger kannst du empfehlen?

Das ist eine typische Frage, bei deren Beantwortung man vorsichtig sein muss, denn sonst riskiere ich, dass Freunde von mir denken, dass ich ihre Band nicht möge… So statt nett zu sein und Werbung zu machen, nenne ich jetzt einfach die anderen Bands der AVAST-Mitglieder: AGENDA, NAG und LIK.

Elegant gelöst! Welche Band hat dich denn ursprünglich in die extremeren Gefilde des Metals gebracht? Und hörst du dir ihre Alben noch immer an?

Ich denke, das ist eine Frage der Definition. Was für mich extrem ist, kann für andere Schlafmusik sein. Aber ich muss sagen, dass Bands wie FALL OF EFRAFA, DOWNFALL OF GAIA und DEAFHEAVEN mich neugierig auf extremen Metal gemacht haben. Und ja, die Alben dieser Bands höre ich noch immer!

Kommen wir von der Vergangenheit zur Zukunft: Wie sehen die Pläne AVASTs für 2018 und 2019 aus?

Wir haben ein paar Shows, die anstehen, vor allem hier in Norwegen (unter anderem am INFERNO FESTIVAL 2019) und einige in Dänemark. Alle Bandmitglieder arbeiten und wir streben nicht nach einer Profikarriere als Musiker, von dem her schauen wir einfach, wohin uns dieses Album noch bringt. Dass wir bei DARK ESSENCE RECORDS einen Vertrag unterschreiben durften und schon im Vorfeld so viele gute Kritiken einheimsen konnten, hat unsere wildesten Erwartungen übertroffen. Hoffentlich können wir bald damit beginnen, neues Material zu schreiben. Wir haben viel bei der Produktion dieses Albums gelernt und es hat uns extrem viel Zeit gekostet. Hoffetnlich können wir diese Erfahrungen erneut nutzen und neue Musik kreieren.