TARJA: The Shadow Self [1CD/1DVD]

Für TARJA-Fans ein echtes Wohlfühlpaket. Es gibt alles, wofür diese Frau steht, alles bestens präsentiert.

Eigentlich hat TARJA alles richtig gemacht. Statt klassisch mit Vorabsingle und so zu arbeiten, hat die Finnin vor zwei Monaten eine gut gefüllte EP als fast komplettes Album serviert und mit The Brightest Void erfolgreich Lust gemacht auf das kommende Album. Das Problem bei einem gelungenen Appetizer ist natürlich die hohe Erwartung der Fans, zumal beide Scheiben ja auch zusammenhängen sollten. Aber die Frau weiß, was sie macht, und liefert ordentlich ab!

Selbstbewusst gibt es gleich zum Auftakt die eher sperrige, schwermütige Single Innocence, wo Frau Turunen Cabuli gleich klarstellt, wer hier die Grande Dame des Symphonic Rock/Metal ist. Spaßig, wie viele Leute sich über den kurzen Ausflug in funkige Gefilde aufregen, der zappelige Auftakt soll wohl eher den besungenen wirren Charakter in Demons In You untermalen im sonst recht heavy groovenden, unterhaltsamen Song. Hier sorgt auch ARCH ENEMY´s Alissa White-Gluz passend für derbe Growls und überraschend harmonische cleane Vocals. No Bitter End kennt man ja bereits vom Appetizer-Album The Brightest Void, rockig, catchy, setzt sich wieder gnadenlos im Ohr fest. Trotzdem sind es bei mir eher die theatralen, erzählerischen Songs, die das Album ausmachen. Das schwerfällige Love To Hate lädt zum Hinhören ein, Calling From The Wild kommt geradezu doomig, Too Many macht TARJA´s Vorliebe für Soundtracks deutlich. Mit The Living End gibt es endlich wieder eine Herzschmerzballade, eine bezaubernde Gradwanderung zwischen zuckersüßem Kitsch und einschmeichelnder Schönheit mit dezentem Folktouch. Schön auch der Flow im Gesang der Finnin, die hier ganz auf Ausflüge in extreme Höhen verzichtet. Das präsentiert sie natürlich in genug anderen Songs, oft mit Tinnitusgefahr, Oper-Metal halt. Das überzieht sie gewollt im selbstironischen Diva, bei dem man sich beim Zuhören bereits die theatrale Bühnenpräsentation vorstellen kann. Das garantiert mit einem Augenzwinkern, wo andere Stars sich Songs auf den Leib schreiben lassen und ansonsten das Leben genießen, sitzt TARJA selbst mit im Produzentenstuhl und hält die Kontrolle, gibt sich selbstbewusst aber nie überheblich, eine echte Wow-Frau, aber sicher keine Diva.

Immer wieder lässt die Finnin Raum für ihre dunkle Seite, auch im schicken Booklet kommt gut rüber, dass diese Frau zwei Seiten hat. Darum geht es im Album, das kommt passend rüber, die Songs sind abwechslungsreich, variieren gekonnt zwischen Eingängigkeit und Verspieltheit, Bombast und Heavyness, die Kollegen unterstützen sie routiniert und Songdienlich, ohne wirklich herauszufallen. Da mal ein Überraschungsangriff der Kollegen wäre noch ein netter Farbtupfer. Die toben sich halt aus im Hidden Track Hit Song, zwei Minuten Mix aus Gebolze und Dancefloor-Beats, wohl eher eine Spinnerei der Herren im Studio, die TARJA passend aufpeppt. Man hört nicht, dass das Album in vielen Sessions überall in der Welt erarbeitet wurde, der Grundsound wirkt aus einem Guss, kommt aber nicht ganz so knackig wie auf The Brightest Void, wirkt hier etwas glatter, aber nicht zu kraftlos.

Für TARJA-Fans ein echtes Wohlfühlpaket, das nicht ohne Grund bereits die Charts aufgerollt hat. Es gibt alles, wofür diese Frau steht, alles bestens präsentiert. Mag sein, dass nicht jeder Song mit den Highlights auf The Shadow Self mithalten kann, mag sein, dass die nicht-Fans weiterhin nicht mit der Stimme glücklich werden. Dass man es mit einer besonderen Musikerin zu tun hat, das müssen auch die Nörgler eingestehen. Und die präsentiert sich hier richtig gut und zeigt, warum sie das Sinnbild für ein ganzes Genre ist. Empfehlenswert der Griff zur optisch sehr geschmackvoll aufgemachten Deluxe-Version mit DVD. Diese enthält ein interessantes halbstündiges Interview, in dem die charismatische Frau viel über das Album und über sich selbst erzählt. Dazu gibt es die gelungenen Videos zu No Bitter End und Innocence.

Veröffentlichungstermin: 05.08.2016

Spielzeit: 66:11 Min.

Line-Up:
Tarja Turunen – Vocals
Christian Kretschmar – Keyboards
Alex Scholpp – Guitars
Kevin Chown – Bass
Doug Wimbish – Bass
Max Lilja – Cello
u.a.

Label: Edel / Ear Music

Homepage: http://tarjaturunen.com

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/tarjaofficial

Tracklist:
1. Innocence
2. Demons In You
3. No Bitter End
4. Love To Hate
5. Supremacy
6. The Living End
7. Diva
8. Eagle Eye
9. Undertaker
10. Calling From The Wild
11. Too Many (plus Hidden Track Hit Song)