SIGH: Graveward

Wirr, mit Saxofon, mit Black Metal, mit Orchester – und mit einem ganz großen Problem.
Lange, lange hat es gedauert, um zum aktuellen SIGH-Album Graveward zu einem kritischen, Rezensions-affinen Fazit zu kommen. Und es tut mir leid: Dieses Album ist ein zusammengewürfeltes, verwirrtes Chaos. Die Hauptgitarrenriffs sind großartig (das Genie liebt das Chaos, alles klar), sie fahren ein, sie reißen mit. Aber die Vocals sind zu laut, das Keyboardorchester ist ebenfalls zu laut, und so wird das Hörerlebnis suboptimal. An alle Heimtonmeister da draußen: Das ist der Grund, warum man zum Beispiel Jens Bogren so viel Geld bezahlt für das professionelle Aufnehmen und Mastern. MASTERN. Das fehlt hier nämlich irgendwie. Und Mastern heißt nicht, einfach alle Knöpfe raufzuschieben auf 11.
Doch eben – die Produktion ist nicht das einzige von Graveward. Orchesterklänge, Chöre, Blasinstrumente – angesichts der herrschenden Klangsituation nerven sie. Wenn man dann noch weiß, dass SIGH sich extra einen Ausnahmegitarristen wie You holen, diesen aber dann mit eben diesen genannten Sounds überkleistern, dann sehe ich den Sinn nicht mehr. Seine Leistungen gehen unter diesen Voraussetzungen nämlich komplett unter. So wünscht man sich sehnlichst, den Mittelteil von The Molester of My Soul und The Trial by the Dead ohne Keyboardfirlefanz anhören zu dürfen – passiert aber nicht, und die Gitarren werden davon erdrückt. Dasselbe gilt für gewisse Chöre. Wir alle lieben Omen, aber müssen wir deswegen diese Chöre immer und immer wieder hören? Muss überall noch mehr rein? Haben nicht schon DIMMU BORGIR gezeigt, dass mehr orchestrale Elemente gutes Songwriting nicht ersetzen können?
Sind SIGH nun am Ende? Zweifelsohne sind sie noch immer mehr Metal (und mehr Black Metal) als das so manche andere Band von sich behaupten kann. Sie experimentieren, sie sind furchtlose Soundsamurais und ihre musikalischen Fähigkeiten sind superb. Natürlich sind sie seit Hail Horror Hail längst tief in die Avantgarde eingetaucht, doch der Grundstock ihres Schaffens ist noch immer der Black Metal (selbst wenn er sich manchmal nur noch in den Vocals offenbart).
Was sich jedoch geändert hat bei SIGH ist die Produktion. Während gewisse Bands immer auf das gleiche Produzententeam setzen (seien wir ehrlich – wer zu Dan Swanö geht, wird immer eine perfekte Produktion erhalten), herrscht bei SIGH russisches Roulette in Sachen Sound. Manche Alben sind brillant gemischt und wer auch immer hinter den Reglern saß, fing das schillernde SIGH-Klangmonster passend ein. Leider ist das bei Graveward wieder einmal nicht der Fall – und zwar dermaßen, dass man sagen kann, dass die Produktion das Album komplett ruiniert. Graveward wurde schlicht und ergreifend ins Grab produziert.
Und hey, wir reden hier nicht von einem 1993er Debütalbum. Wir reden hier nicht von unterproduziert, Bunker, durchs Telefon aufgenommen oder BEHERIT sind mir zu gut produziert. Wir reden hier von den japanischen Avantgarde Black Metal-Veteranen, die genau wissen sollten, was sie machen. Wir reden hier von Musikern, die nicht nur einen 4-Track-Recorder und eine No-Name-Klampfe zur Verfügung haben, sondern technisch hochstehendes Equipment, das man sich u.a. auf Fotos auf ihrer Facebookseite anschauen kann. Wie man mit solchem Equipment und mit so viel Erfahrung seine eigene Musik derart unpassend produzieren kann, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben (*hierbittenervigentrötklangeinfügen*).
Und wie ist das Todesopfer eigentlich so? Musikalisch ist Graveward unangepasst, abwechslungsreich und vielschichtig wie immer – und dennoch sogleich als SIGH erkennbar. Mehr Männervocals gibt es dieses Mal, eine willkommene Absenz orchestraler Frauenstimmen und der neue Gitarrist You macht – wie gesagt – einen sehr guten Job (Shinichi war ebenfalls äußerst kompetent, es findet also keine Steigerung in diesem Feld mehr statt auf Graveward). Als Anspieltipps können The Forlorn, A Messenger und The Casketburner genannt werden, aber eben – die Produktion…
Was bleibt, ist Irritation. Irritation darüber, dass mir ausgerechnet die Produktion das Vergnügen des aktuellen SIGH-Albums vergällt. Gleichzeitig erwacht in mir die Verschwörungstheorie, dass wir als Europäer vielleicht mit einer falschen Pre-Mastering-Version abgespeist worden sind, während die Super Deluxe Limited Nippon-Variante nicht nur ein anderes Artwork, sondern auch eine andere Produktion hat. Ist das etwa der Anfang eines Ich muss unbedingt auch noch die Japan-Edition kaufen-Revivals und SIGH haben das einfach nicht offen deklarieren wollen?

Veröffentlichungstermin: 13.04.2015

Spielzeit: 50:00 Min.

Line-Up:

Mirai Kawashima – Vocals, Piano, Keyboards, Clavinet, Orchestration, Programmierung
You Oshima – Gitarren
Dr. Mikannibal – Vocals, Saxophones
Junichi Harashima – Drums
Satoshi Fujinami – Bass

Label: Candlelight Records

Homepage: http://sigh.thebase.in

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/pages/SIGH-official-page/227550909275

Tracklist:

1. Kaedit Nos Pestis
2. Graveward
3. The Tombfiller
4. The Forlorn
5. The Molesters of My Soul
6. Out of the Grave
7. The Trial by the Dead
8. The Casketburner
9. A Messenger from Tomorrow
10. Dwellers in a Dream