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RIVERSIDE: ID.entity

Traumwandlerisch sicher bewegen sich RIVERSIDE auf ihrer achten Studioscheibe zwischen technischer und songdienlicher Prog-Raffinesse, einfühlsamen Arrangements, ebenso feinfühlig akzentuierten Gesangslinien Mariusz Dudas und teils überraschenden, aber im Kontext schlüssigen Wendungen und Übergängen, die mit ihren kurzweiligen Charakteristiken eigene kleine Artefakte innerhalb des Gesamtkunstwerks darstellen.

“Stop comparing me, to someone else’s dreams, let me stay in the place where I belong” (‘The Place Where I Belong’)

Identität: Persönlichkeit, die Echtheit einer Person, sich im ständigen Austausch mit der sozialen Umwelt befindend, das innere Erleben als Einheit, das “Selbst”…

“Identität” – ein komplexes Konstrukt, deren Grenzen wir gerade in unserer digitalen, informationsüberfluteten und postfaktischen Gegenwart in höherer Frequenz als je zuvor immer wieder aufs Neue überprüfen müssen. Hinter welcher “Wahrheit” kann ich als Entität stehen? Wer versucht, mich zu manipulieren und meine Grenzen zu verschieben? Wer bin ich? Oder: Wer darf ich sein?

Wenn es eine Band gibt, die in der Lage ist, sich dem sensiblen Thema “Identität im digitalen Zeitalter” auf behutsame und zugleich (selbst-) kritische Weise zu nähern, sind das RIVERSIDE!

RIVERSIDE mit kleinen Artefakten innerhalb des “ID.entity”-Gesamtkunstwerkes

“Who is behind the filter? Who’s behind the mask? How much of yourself is left in you?” (‘Friend Or Foe?’)

Für “ID.entity” mussten sich die polnischen Progrocker jedoch zunächst der eigenen Identität bewusst werden: fünf Jahre nach dem phänomenalen und ergreifenden “Wasteland”, das als Verarbeitung des plötzlichen Herztodes von Gitarrist Piotr Grudziński (R.I.P.) vergleichsweise schwermütig ausgefallen ist, besinnen sich RIVERSIDE nach dem überwundenen Schicksalsschlag wieder auf ihre unbefangene Seite. Mit Maciej Meller als nun offizielle vierte RIVERSIDE-Kraft, der bereits auf “Wasteland” einige Soli beigesteuert und auf der darauffolgenden Tour den vakanten Posten des verstorbenen Gründungsmitglieds an der zweiten Gitarre bravourös übernommen hat, kehrt die befreiende Leichtigkeit zurück. Seien es die prägnanten Synthies im schnittigen 80er-Style (‘Friend Or Foe’), die hasengleich vor sich hin hüpfende Basslinie auf ‘Landmine Blast’ (in der auch eine Dulcimer in warmen Tönen erklingt) oder das freche Saxophon, welches den frivolen ‘Big Tech Brother’ in der Eingangssequenz gehörig verjazzt: allesamt setzen sie trotz aller offener Nachdenklichkeit und latentem Weltschmerz – ohne die es beide bei den langjährigen Inside Out-Stallpferden einfach nicht geht – in punktuellen Nadelstichen den dieses Mal auf extrem hohem Niveau agierenden Kompositionen das sprichwörtliche Krönchen auf.

“We have lost the sense of community, Racing past each other, Disconnected” (‘Landmine Blast’)

Zweifellos ist: Die Muße hat Mariusz Duda während den Corona-Monaten definitiv mehr als einmal geküsst und ihm mit “ID.entity” ein Album aus seinem Kopf und vor allem aus seinem Herz herausgelockt, das zusammen mit “Second Life Syndrome” und eben “Wasteland” zu den bandeigenen Sternstunden, aber auch zu einem Genrehighlight im noch jungen Jahr 2023 genannt werden muss.

Traumwandlerisch sicher bewegen sich RIVERSIDE auf ihrer achten Studioscheibe zwischen technischer und songdienlicher Prog-Raffinesse, einfühlsamen Arrangements, ebenso feinfühlig akzentuierten Gesangslinien Mariusz Dudas und teils überraschenden, aber im Kontext schlüssigen Wendungen und Übergängen, die mit ihren kurzweiligen Charakteristiken eigene kleine Artefakte innerhalb des Gesamtkunstwerks darstellen.

RIVERSIDE machen es zunehmend schwieriger, Vergleiche zu ähnlich gelagerten Gruppierungen zu finden

“When this life for everyone becomes too hard, what we must give in return is a bit too much” (‘Big Tech Brother’)

Paradebeispiel hierfür ist der mit über 13 Minuten längste “ID.entity”- Beitrag ‘The Place Where I Belong’: akustisches Gezupfe im Eingangsbereich, anschließende hammondorgelunterlegte 70er-Prog-Sequenzen (die RIVERSIDE ähnlich geschickt wie PORCUPINE TREE in ihren eigenen Kosmos einbauen), welche wiederum in markanten Griffbrettlinien hin zum eigentlichen, fragilen Thema in der Songmitte führen (Mariusz Duda hier in vokaler Hochform), dann in ein ausschweifendes (Slide-)Solo mündet und das kleine Epos in weitem Bogen auf brillante Weise ausklingen lässt. Großes Kino!

Die Artrocker mit gelegentlichem Drang zum hart rockenden Riff (‘I’m Done With You’ mit – im sanftmütigen RIVERSIDE-Kontext – etwas wütenderen Vocals) haben am Ende ihrer letztendlich 53 Minuten umfassenden First Class Tour noch ein Schmankerl parat: denn “ID.entity” hielt bis zum Schlusspunkt zwar schon den ein oder anderen unterschwelligen Querverweis auf einen (leider ehemaligen und schwer vermissten) kanadischen Rockgiganten parat, aber auf ‘Self-Aware’ springt einem dieser dermaßen ins Gesicht, dass man gar nicht umher kommt, als freudestrahlend heraus zu posaunen: “Ja, Mann, das klingt wie RUSH!”

“Headline drew attention, then I lost my temper again” (‘Post-Truth’)

Ein feiner und mit viel Liebe fürs Detail umgesetzter Tribut an die entschlackte Endsiebziger-, vor allem aber an die synthielastige Achtzigerphase der begnadeten Prognerds, das für RUSH-Die-Hard-Fans jede Menge Aha-Erlebnisse (nein, es geht hier nicht um jene norwegische Band, die beim Opener ‘Friend Or Foe?’ ihre Spuren hinterlassen hat) bereit hält und den Schulterschluß zu einen der Übergroßen im Proggeschäft sucht, zu denen RIVERSIDE nur noch ganz wenig trennt.

Denn Fakt ist: es wird zunehmend schwieriger, Vergleiche zu ähnlich gelagerten Gruppierungen zu finden. RIVERSIDE gehören nicht nur mit dem am 20. Januar 2023 erscheinenden Album schlicht und einfach zu absoluten Meistern ihres Handwerksberufs. “ID.entity” stellt dies in sieben, von Bandchef Duda und von Robert Szydło im warmen und transparenten Klangbild produzierten bzw. gemasterten Tracks, die mit unterschiedlichen Mitteln die Spannung kontinuierlich hochzuhalten wissen (was auf Alben wie “Anno Domini High Definition, “Shrine Of New Generation Slaves” und “Love, Fear And The Time Machine” bspw. nicht immer der Fall war), einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis. Auf ebenso imponierende und gleichzeitig berührende Weise behandeln RIVERSIDE im Identitätskontext in greifbaren, empathischen Lyrics (immer noch) aktuelle Themen wie u.a. Tracking/Datenabgriff, Social Medias, alternative Wahrheiten, Schwarz/Weiß- und Schubladendenken, persönliche Weiterentwicklungen/Brechen mit Freundschaften und der Wert des Individuums in der Leistungsgesellschaft.

“ID.entity” ist ein Meilenstein in der alles andere als schwach besetzten Diskographie

“Why do you want to tell me what to do? Who do you think you are? Do you not realise it’s my choice, it’s my life” (‘I’m Done With You’)

Die Anforderungen, die die Zukunft an das Gebilde “Identität” stellt, lassen sich natürlich nur erahnen. Wer sich jedoch mit allen Sinnen mit “ID.entity” befasst, wird auf jeden Fall mit einem achtsameren und introspektiveren Blick auf die uns umgebende, technologische und mediale Schnelllebigkeit und unsere individuelle, wertbasierte Beziehung dazu herausgehen. Alle anderen haben immerhin einen (weiteren) Meilenstein in der alles andere als schwach besetzten Diskographie RIVERSIDEs erleben dürfen.

“I want to feel you close to me, I want to be close to you, being complete for the first time” (‘Self-Aware’)

 

Veröffentlichung: 20. Januar 2023
Label: Inside Out Music
Spielzeit: 53:11 Minuten

Line Up:
Mariusz Duda – Vocals, Guitars, Bass
Maciej Meller – Guitars
Piotr Kozieradzki – Drums
Michał Łapaj – Keyboards, Synthesizers, Rhodes Piano, Hammond Organ

Recorded by: Paweł Marciniak @ The Boogie Town Studio (Otwock) und Magda and Robert Srzedniccy @ Serakos Studio (Warschau)
Mastered by: Robert Szydło
Produced by: Mariusz Duda
Cover: Jarek Kubicki

RIVERSIDE – “ID.Entity” Tracklist

1. Friend or Foe? (07:29)
2. Landmine Blast (04:50)
3. Big Tech Brother (07:24)
4. Post-Truth (05:37)
5. The Place Where I Belong (13:16)
6. I’m Done With You (05:52) (Video bei YouTube)
7. Self-Aware (8:43)