NADJA: Luminous Rot

DRÖHN! DRÖHN! NADJA mischen auch auf ihrem -gefühlt- hunderttausendsten Album ‘“Luminous Rot“ Drone-Metal mit Shoegaze-Sounds. Aber wer nun fragt: „Ist das nicht einfach nur: „DRÖHN!“?, der hat vielleicht Recht. Nur dröhnt es auf sehr ansprechende, kompromisslose Art und Weise. Ambient meets Doom Metal meets Noise: Hohepriester des Lärms, bitte mal anchecken!

Boa, Ey! Es gibt so Alben, die lassen einen erstmal etwas sprachlos zurück. Da sitzt man gebannt vor der Anlage, denkt sich: „Ey sorry, was ist DAS DENN?“, man zaudert und man hadert. Nur um sich einzugestehen, dass das, was man soeben hört, ja doch auch irgendwie ziemlich gut ist. Nach anfänglichen Widerständen, WTF-Momenten: und vielleicht sogar Zahnschmerzen. Man denkt sich: „Hä?“, und dann noch einmal: „Hä?“, nur um sich wiederum abschließend „Hä?“ zu denken. Aber man weiß, dass das alles irgendwie schon auch passt und Sinn macht. Weil man fasziniert und zugleich ein wenig ratlos vor der heimischen Anlage ausharrt. Um sich dann doch ehrfurchtsvoll vor den Boxen zu verneigen und zu sagen: „Ja klar, das macht ja alles Sinn. Das macht ja irgendwie Sinn!“

So ging es mir, man ahnt es schon, mit „Luminous Rot“, dem mittlerweile 23. (!) Album von NADJA seit ihrer Gründung im Jahr 2003. NADJA sind das Projekt des Multi-Instrumentalisten Aidan Baker sowie der Bassistin Leah Buckareff. Kanadier*innen, die mittlerweile in Berlin leben. Yo, klar: verrückte Kanadier*innen. Das Land hat uns schließlich begnadete Freaks wie Ryan Gosling und Jim Carrey beschert. Und so dröhnt, scheppert und hallt es auf diesem Album so verstörend wie amtlich. Sonderbar. Uneingängig. Das ist ein Album, mit dem man all jene Gäste spätabends von einer Party vertreiben kann, die eher empfindliche Ohren haben. Ist gut so. Und eine Herausforderung für jeden Rezensenten. Denn die Frage: „WAS IST DAS? WARUM IST DAS GUT?“, lässt sich so leicht gar nicht mal beantworten.

Church of Noise

Fakt ist: Die Einflüsse von NADJA lassen sich ziemlich leicht benennen. Da wären zunächst die SWANS, Hohepriester des Lärms. Wer jemals ein Konzert der SWANS miterlebt hat, wird bestätigen können, dass sie schlicht die lauteste Band der Welt sind. Vergesst MOTÖRHEAD, vergesst MANOWAR: Was die SWANS live an Lärm zelebrieren, ist auf dieser Welt nicht zu toppen. 30Minütige Songs, die lauter und lauter werden: Bis der Boden der Konzerthalle dröhnt, der Bass in deinen Eingeweiden vibriert, das Hirn beinahe einen Schlaganfall erleidet: Du es nicht mehr aushalten kannst. Als sie in Leipzig spielten, sah ich massenhaft Publikum die Konzerthalle verlassen, weil es zu laut war, -kein Scheiß- einige kollabierten: Es wird auf dieser Welt nie wieder eine Band geben, die den Lärm mit einer derartigen kathartischen Wirkung zelebrieren, wie es die SWANS können und konnten. Dagegen ist jede Extreme-Metal-Band Kindergarten.

Entsprechend sind auch NADJA zunächst erst einmal: Noise. Eine undurchdringliche Lärmwand, die bestimmt nicht darauf abzielt, zu gefallen und beim Hörer ein Wohlgefühl zu erzeugen. Es fiebt, es dröhnt, es hallt. Und da tut sich bereits die zweite Referenz auf: Sunn O))), Inbegriff einer Drone-Doom-Band. Bei deren Label Southern Lord sind NADJA auch untergekommen. Yo, auch bei Sunn O)))-Konzerten habe ich Menschen kollabieren sehen: auch sie haben definitiv die Idee, die Hörer an den Rand des -gerade noch- Erträglichen zu bringen. Langsame Rhythmen, ein fiebriges Brummen, die Gitarren tiefgestimmt, verzerrt und mit Loops versehen: Schallpegel, die es dem menschlichen Ohr gerade noch erlauben, differenzierte Klänge wahrzunehmen.

NADJA greifen diese Idee von Lärm dankbar auf, zelebrieren sie. Entsprechend ist der erste Track auf dem Album, schlicht „Intro“ betitelt, eine dreieinhalbminütige Distortion-Orgie, die den Hörer erst einmal etwas ratlos zurück lässt. Die Gitarren kreieren eine massive Sound-Wand, ein fiebriges Fieben: und man ist nur deshalb nicht geneigt die SKIP-Taste zu drücken, weil einen die Urgewalt des Sounds -laut gehört- in den Sessel zurück drückt. Spärlich eingesetzte Rhythmen, durch einen -auf analoge Klänge zurückgreifende- Drumcomputer gebrochen. Zwischen „Wow!“ und „WTF?“ ist es hier nur ein schmaler Grat. DRÖHN! DRÖHN!

Shoegaze: Melodischer Alptraum

Spätestens beim zweiten Song „Luminous Rot“ werden dann aber weitere Facetten des NADJA-Sounds deutlich. Eine dunkel beschwörende, eindringliche Sprech-Stimme. Und Riffs, die fremd klingen, verzerrt, übersteuert: sehr mittig, knarzend. Sich aber auch in Richtung Doom Metal und Stoner Rock verneigen. Wenn auch maximal verfremdet, nach wie vor unbequem. Fiebrig, hallend, raumgreifend. Der programmierte Drum-Sound scheppert kalt und mechanisch im Hintergrund: aber auch songdienlich. Es wird ordentlich von der Effekt-Pedale Gebrauch gemacht. Und so winken auch Shoegaze-Bands aus naher Ferne: MY BLOODY VALENTINE, SLOWDIVE. Nicht von ungefähr, denn auch NADJA haben ihren Sound bereits als Doomgaze oder Dreamgaze bezeichnet. Der Traum ist eben eher kein schöner: klaustrophobisch, beengend.

Bassistin Leah unterstützt die dunkel hallende Stimme, weit in den Hintergrund produziert, ihrerseits mit ihrem betörenden Sprechgesang: und plötzlich erscheint die Musik zugänglicher, melodischer – konventioneller? „Unter der Erde krieche ich blind und taub/ meine Finger suchen nach dir/ die Hitze glüht rot hinter meinen Augen/ und ich folge dem Pfad, ich folge dem Pfad/ du glühst mit einer leuchtenden Fäulnis/ du wächst mit einer geheimnisvollen Fäulnis“. Das ist auch textlich keine leichte Kost.

Das alles ist nicht ohne Reiz. Auch beim nächsten Song „Cuts in Your Hands“ haben wir wieder diese geisterhaft dröhnenden Sprech-Stimmen: Die, weit im Hintergrund tönend, eher als eine Art weiteres Instrument funktionieren. Und schwer tönende Riffs, die ihre Ursprünge nicht verheimlichen können: BLACK SABBATH, Stoner Rock. Aber eben nicht schwer und heavy groovend, sondern maximal verzerrt, übersteuert, entfremdet. Als hallende Fläche dargeboten, in Ambient-Gewässern fischend. Sie öffnen Räume, sie wabern und dröhnen. Im Interview verrieten NADJA, dass diese Sounds eher nicht am Computer entstehen: sondern live eingespielt sind. Wie? Ich vermute, mit Effekt-Pedale, Distortion, Hall: aber eben nicht digital bearbeitet. Das ist sympathisch. Weil der Gitarrenklang trotzdem maximal fremd ist.

NADJA: Der Sound soll schmerzen

Es geht hier nicht darum, zu gefallen. Der Sound soll auch weh tun. Es geht um Selbstverletzung, Klang als körperliche Bedrohung, als Grenzerfahrung. Das Drohnenhafte, Fremde des Sounds ist faszinierend. Und sehr nah: Es schmerzt, je lauter man diese Musik hört. Die Stimme: nicht immer ist sie Gegenthese zu den Soundwänden. Bei „Starres“ zischelt und flüstert Aidan Baker bedrohlich. Kann sich noch jemand an die Black-Metaller FESTER erinnern? Sie erzeugten mit flüsterndem Sprechgesang eine ähnlich beklemmende Atmosphäre. Man muss nicht maximal laut sein, um in den Abgrund hinabzuziehen. Repetitive Cluster, die wuchern und langsam ihre Bedrohlichkeit entfalten.

Natürlich schielt das hier nicht auf maximalen Erfolg: Sechs Songs und knapp 45 Minuten lang peinigen NADJA den Hörer mit ihren dröhnenden, lärmigen Noise-Sounds. Nur gelegentlich offenbaren sich konventionelle Song-Strukturen: und Momente von Harmonie und Schönheit, die sich fast unheimlich aus den Soundwänden schälen, um dann zugleich wieder den Hörer in den Noise-Blizzard hinabzureißen wie betörend säuselnde Sirenen. Schafft der Shoegaze gelegentlich fast wonnige Momente, so kann man sich in ihnen schlecht einnisten: Die Kuscheldecke ist mit Nägeln gespickt. Aber das ist zugleich konsequent, sympathisch: und ungewohnt. Es ist eine faszinierende Lärmorgie.

Dieses Album gefällt acht von zehn Hörgeschädigten.

Southern Lord Records
NADJA auf Bandcamp

NADJA “Luminous Rot” Tracklist

1. ‚Intro‘ (3:28)
2. ‚Luminous Rot‘ (Official Video bei Youtube) (6:17)
3. ‚Cuts On Your Hands‘ (12:35)
4. ‚Starres‘ (Official Video bei Youtube) (9:18)
5. ‚Fruiting Bodies‘ (7:17)
6. ‚Dark Inclusions‘ (7:47)

Band-MitgliederInnen:
Leah Buckareff (E-Bass, Gesang)
Aidan Baker (Gitarre, Gesang, Schlagzeug, Synthesizer)