HARPYIE: Blindflug

Überhastetes Mittelalter Rock-Debüt mit Defiziten im Gesang und in den Arrangements.

Wer sein Ziel nicht sehen kann, landet schnell mal mit dem Gesicht in der Wand. Richtig dumm wird es dann, wenn man eigentlich mit dem Kopf durch selbige wollte. So wie HARPYIE, deren Lohn eigentlich ein Stück der saftigen “Mittelalter Rock”-Torte sein sollte. Nun haben die sieben Nachwuchsspielmänner das Problem, dass in der Szene die wenigen Etablierten den Großteil des Ruhmes bereits unter sich aufgeteilt haben. Was tun also? Entweder erringt man die angestrebte Aufmerksamkeit mittels musikalischer Innovation in einem trägen Genre, oder man wirft die Marketingmaschine an. HARPYIE entschieden sich für Letzteres und schafften es damit tatsächlich, von Teilen der Szene als das nächste große Ding, als unverbrauchte Retter des Mittelalter Rocks gehandelt zu werden. Im offiziellen Pressetext wirbt das Label gar mit Andersartigkeit und Frische. Vorschusslorbeeren, denen “Blindflug” in keinerlei Hinsicht gerecht wird.

HARPYIE machen kaum etwas anders als die großen Vorbilder

Dabei haben HARPYIE an sich alles verinnerlicht, was im Mittelalter Rock zum guten Ton gehört: Stylische Lederkluft, bratende Gitarren, Sackpfeifen en masse, Vorschlaghammer-Humor auf und neben der Bühne und natürlich einen Hang zu fantasievollen Geschichten. Kurzum, das Septett bedient sich bei allen gängigen Klischees, während es sich redlich müht, aus dem Windschatten von SALTATIO MORTIS und IN EXTREMO herauszutreten. Warum das nicht gelingt, liegt auf der Hand: HARPYIE machen kaum etwas anders, aber nichts davon besser, geschweige denn ähnlich gut, als die großen Vorbilder.

Glänzen kann “Blindflug” nur selten und selbst dann gleicht dies mehr einem kurzen Aufblitzen als einer musikalischen Erleuchtung. Hier mal ein schöner Refrain (“Niemand Meer”), dort mal am Melodic Death Metal angelehnte Gitarren und zum Schluss raus herrlich krummes Riffing (“Die tanzende Schlange”) – ansonsten war es das mit Originalität. Stattdessen würzen HARPYIE ihre Eigenkompositionen immer wieder mit traditionellen Melodien, so wie es im Genre eben üblich ist. Die führende Melodie im gelungenen Titeltrack haben SALTATIO MORTIS in “Heptessenz” und “In unseren Worten” bereits zweimal verarbeitet, wohingegen der Dudelsack in “Lunas Traum” zuvor schon in IN EXTREMOs “Como Poden” zu hören war.

Vor HARPYIE liegt viel Arbeit

So weit, so althergebracht. Was “Blindflug” letzten Endes wirklich ins Straucheln bringt, sind die argen gesanglichen Defizite, die sogar bis ins Songwriting zurückwirken. Ungeschönt ausgedrückt ist die in der Presseinfo zitierte ganz eigene Erzählstimme ein Euphemismus für dünnen Gesang, der gern mal neben der Spur liegt. Hier und beim Arrangieren der Gesangsbögen müssen HARPYIE noch am deutlichsten zulegen. Derzeit formen Musik und Text keine Einheit, sondern stellen sich gegenseitig ein Bein, was zu verkrampften Reimen und unnatürlichen Wortbetonungen führt – besonders in “Die tanzende Schlange” und “Lunas Traum” bremst der Gesang die Instrumentalsektion spürbar aus.

Da es sich bei “Blindflug” um ein Debütalbum handelt, können gerade die defizitären Arrangements noch als Kinderkrankheiten bezeichnet werden, die mit wachsender Erfahrung und feinem Gefühl für die Symbiose aus Gesang und Musik sicherlich ausgemerzt werden können. Trotzdem liegt viel Arbeit vor HARPYIE, wenn sie sich im Zirkus des Mittelalter-Genres auf Dauer etablieren wollen. Ein bis zwei überzeugende Momente sind dafür viel zu wenig – egal, wie sehr man den Durchbruch erzwingen will.

Veröffentlichungstermin: 01.06.2012

Spielzeit: 41:06 Min.

Line-Up:
Aello die Windboe – Gesang
Podargo der Schnellfliegende – Gitarre
Garik Sturmbringer – Sackpfeifen, Flöten, Gitarre
Michael von Ullrichstein – Sackpfeifen
Mechthild Hexengeige – Geige, Gesang
Gyronimus der Basstard – Bass
Ocypus der Schnellfüßige – Schlagzeug, Gesang
Label: Trollzorn

Homepage: http://www.harpyien.de
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/harpyien

HARPYIE “Blindflug” Tracklist

01. Gen Siebenbyrgen
02. Hundertdreyssig
03. Niemand Meer
04. Die tanzende Schlange
05. Blindflug
06. Lunas Traum
07. Hexe und Halunken
08. Legenden
09. König und Bettler
10. Irrlichter