DORNENREICH: Her von welken Nächten

Dornenreich: Her von welken Nächten - CD-Cover

Das neue DORNENREICH-Album mit Worten zu beschreiben, ist im Grunde sinnlos. Keine Worte dieser Welt werden Her von welken Nächten adäquat oder auch nur ansatzweise beschreiben können, denn solche Musik ist phantastisch, also unnahbar und, wie das Wort schon sagt, nur in der Phantasie zu erfassen. Sobald das beschwörerisch geflüsterte Was zieht her von welken Nächten? über den Umweg über das Gehirn tief hinein in die Seele – nein, eigentlich direkt in die Seele – geflossen ist, verschwimmen Zeit und Raum zu einem Ort, an dem sowohl Zeit als auch Raum keinen Platz mehr haben und nur noch eines zählt: Musik.

Wer nach diesen einleitenden Worten jetzt den Kopf schüttelt, braucht gar nicht erst weiterzulesen. Ich werde versuchen, mich mit einem Werk aueinanderzusetzen, das ich persönlich für sehr wichtig erachte, und dessen Kraft und Intensität für die Ohren eines wahren Musikliebhabers eine Wonne ohnegleichen sein werden. Her von welken Nächten entzieht sich dabei jeglicher musikalischer Konventionen und erfüllt sie doch ganz. Innerhalb der einzelnen Stücke, die ein großes Ganzes bilden, sind mitunter einzelne Versatzstücke, ja, sogar ganze Stücke, die eigentlich höchst konventionell sind, die aber, bedingt durch die ungemein variable und vor allem schier wahnsinnig emotionale Stimmendarbietung der beiden Sänger und durch diese wunderschönen Melodien, in einem Maße eigenständig und neu sind, daß man ausrufen möchte: Endlich wahre Künstler! Endlich eine Band, die es vermag, sich selbst in einem völlig eigenen Licht zu sehen und auszudrücken!

Es ist tasächlich so: Obwohl DORNENREICH sich der Mittel von Gothic und Black Metal bedienen, sind sie weder das eine noch das andere; obwohl Wer hat Angst vor Einsamkeit? durch seinen wunderbaren Refrain von Gothics sogar als tanzbar angesehen werden könnte, erscheint es im Rahmen dieses Werks als kleines Kunstwerk in einem großen, das schlicht und einfach aus irgendeinem Grund eben *kein* normaler Gothic-Song ist. Und das gilt für alle hier vertretenen Stücke. Jedes ist in gleichem Maße eingängig wie vielschichtig, alt wie neu – es mutet an wie eine wundersame Verknüpfung bekannter Silmittel mit einem mutigen intellektuellen und hochemotionalen Freigeist, dessen künstlerische Ausdrucksweise keine Grenzen kennt. Besonders deutlich wird dies, wie bereits angemerkt, bei der Stimmendarbietung der beiden Hauptcharaktere Valnes und Eviga, wobei besonders der geflüsterte, gekrächzte oder geschriene Gesang des letzteren noch stärker als auf dem Vorgänger Bitter ist´s dem Tod zu dienen in den Vordergrund getreten ist. Valnes´ feinsinnige Gesangsstimme wird neuerdings fast ausschließlich für die hochmelodiösen Refrains der Stücke verwendet, und das in einer deutlich tieferen Tonlage als noch auf dem letzten Werk der Band. War ich anfangs darüber sehr enttäuscht (ich liebe den klaren, hymnischen Gesang auf Bitter ist´s dem Tod zu dienen), erkannte ich im Laufe der vielen Hördurchgänge, daß diese neue Variante des klaren Gesangs durchaus seinen Reiz hat, und mehr noch: Mittlerweile liebe ich diesen Gesang gar und habe erkannt, daß ein hymnischer Bombast-Gesang wie auf dem Vorgänger für Her von welken Nächten nicht passend wäre, was schlicht und einfach an der Atmosphäre dieses Werks, die nach einer tieferen Tonlage verlangt, liegt. Um diese massive Atmosphäre zu beschreiben, kann ich eigentlich nichts sagen, denn das muß man selbst erleben. Ich für meinen Teil habe so etwas noch nie erlebt – beim vor Intensität strotzenden Schlußteil von Schwarz schaut tiefsten Lichterglanz etwa nahm mich die Musik so dermaßen mit, daß ich durch den Raum sprang, mich auf mein Bett schmiß und was weiß ich noch alles anstellte, nur, um der Kraft, mit der mich diese Musik erfüllte, irgendwie Freiheit zu gewähren. Das darauffolgende Trauerbrandung brachte mich dann fast völlig um den Verstand – noch nie habe ich einen solch kraftvollen Metal-Song gehört, und allein die musikalische Umsetzung der Worte

Doch dies bitterwonnige Beben

Ist mein Puls für inniges Leben

reicht aus, um mich mit einer solchen Kraft zuerfüllen, daß ich am liebsten aufspringen, weinen, lachen und schreien möchte, und alles zur gleichen Zeit. Wie gesagt, ich habe so etwas noch nicht erlebt, und es ist wahrscheinlich der pure Wahnsinn. Wären da nicht die drei rein akustisch (wunderbarer Einsatz von Violine und Cello!) und beinahe schon meditativ gehaltenen, aber nichtsdestotrotz immer auch sehr intensiven Stücke, die zum Ausruhen und stillem Fiebern einladen, ich täte wahrscheinlich beim Hören dieses Albums irgendetwas, was ich nachher bereuen würde. Wer braucht schon Drogen, wenn er solche Musik hören kann?

Wenn ihr, liebe Leser, meinen Ausführungen bis hierher gefolgt seid, ist es nun an der Zeit, sich mit dem lyrischen Gehalt von Her von welken Nächten zu beschäftigen. Dichter Eviga, der sämtliche Texte verfaßt hat, befaßt sich in diesen mit der Menschwerdung und der Selbsterkenntnis eines Menschen. Zu Anfang erwacht das Menschwesen vor der Kulisse der welken Nacht und steht nun vor dem Problem des sich selbst Erkennens. Später versinkt es in Einsamkeit, nur um dann, dem Rat einer inneren Stimme folgend, sich selbst als Person zu akzeptieren und seine Einsamkeit in einem fast schon narzißtischen Sinne zu lieben. Das ist natürlich nur sehr gerafft wiedergegeben, was in neun Gedichten erzählt wird, aber ich möchte hier ja auch bei aller Liebe zum Detail keine Doktorarbeit schreiben. Es sei aber noch erwähnt, daß trotz des hohen intellektuellen Anspruchs und des zusammenhängenden Konzepts dieser Texte manche auch einzeln stehen könnten – so bringt Trauerbrandung in sich gesehen en Gefühl zum Ausdruck, daß wohl jeder Mensch, der die schwarze Szene innig lebt, mit tiefer Passion fühlt – Trauerbrandung – Ich trinke Tränen, ich schöpfe Kraft.

Um aber noch einmal auf das Konzept zurückzukommen: So genial die Umsetzung auch ist, sie ist mir etwas zu allgemein gehalten. Das ist auch der einzige Kritikpunkt, den ich hier habe, denn Menschen sind wir ja alle, und jeder erlebt seine Selbsterkenntnis anders, so daß sich mir nicht ganz erschließt, weshalb Eviga diese allgemeine Form gewählt hat, so als wäre der Mensch an sich immer dazu verdammt, seine Entwicklung genau in dieser Form zu erleben. Dem ist ja nicht so. Trotzdem verdient eine solche Konzeption für ein Album natürlich Hochachtung, und es ist für philosophisch interessierte Menschen auch höchst interessant zu lesen, wie Eviga die Menschwerdung betrachet und darstellt. Zwar ist die Sprache manchmal ein wenig wirr und unverständlich (was wohl ein Stilmittel darstellt), aber zum Glück befindet sich auf meinem Texblatt zu jedem Stück jeweils eine Erläuterung, die dann hoffentlich später auch im Booklet zu finden sein wird.

Und nun, zum Abschluß dieser Rezension möchte ich noch einmal sagen, daß Her von welken Nächten eins der größten und besten Werke ist, die ich jemals gehört habe; ein Muß für intellektuelle Freigeister, Träumer, Schwärmer, Romantiker, oder auch schlichtweg für diejenigen Menschen, die frei sind von festgefahrenen Konventionen, und die sich schlicht Musikliebhaber nennen. Denn für alle gilt:

Was zieht her von welken Nächten?

Fühle nun selbst, was diese Dir brächten,

was sie dir bringen… sie schon brachten.

 

VÖ: 19.02.2001

Spielzeit: 58:00 Min.

Line-Up:
Eviga – Voice, elctric & acoustic guitars, bass
Valnes – Vocals, synth
Gilvan – Drums, percussion

Produziert von Markus Stock
Label: Prophecy Productions

Tracklist:
1. Eigenwach
2. Ich bin aus mir
3. Wer hat Angst vor Einsamkeit?
4. Grell und dunkel strömt das Leben
5. Innerwille ist mein Docht
6. Hier weht ein Moment
7. Schwarz schaut tiefsten Lichterglanz
8. Trauerbrandung
9. Mein Publikum – Der Augenblick

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.