BRUTUS: Live in Ghent

Wer in den letzten drei Jahren nichts von BRUTUS gehört hat, lebt auf dem Mond. Definitiv. Das belgische Trio hat gefühlt in jedem Kellerloch der Welt gespielt und gefühlt jedes Gebäude dieses Planeten im Zuge dieser Auftritte eingerissen. BRUTUS sind nicht nur starke Songschreiber, sondern auch eine der besten Livebands des Kontinents, allein schon wegen der brillanten Performance von Stefanie Maertens, die nicht nur ihr Drumkit arg in Mitleidenschaft zieht, sondern auch noch abwechselnd wie eine Irre brüllt und dann wieder sanfte Töne anstimmen kann. Das kriegt sie auch live hin und die zwei Menschen auf der Welt, die das noch nicht bestaunt haben, können sich davon durch “Live in Ghent” überzeugen.

Die wahrlich einzigartige Mischung von BRUTUS’ Musik beinhaltet Punk und Hardcore, sowie Indie und Post Metal und sogar Black Metal, ohne aber irgendwie erzwungen zu wirken. Deshalb klingen BRUTUS auch nach ADHS, ganz in der positiven Bedeutung des Wortes: ruhelos, energiegeladen, in allen stilistischen Bereichen wildernd, die ihnen gefallen. Das ist auf Platte schon ein Espresso-Shot, live geht es noch ein wenig mehr ab. Die wilden, schnellen Teile wirken heftiger, in den langsamen Momenten sind sie heavier. Das zeigt sich ganz schön bei „Cemetery“, das dadurch wie eine alternative Version des Originals klingt, wenn man genau hinhört. BRUTUS waren für die Aufnahmen in ihrer Heimatstadt auf der Tour im Mai 2019 schon richtig gut warmgespielt, deshalb hören wir hier nahezu perfekte Liveversionen ihrer Songs.

“Come see us live” ist einer der Devisen von BRUTUS. Zum Glück gibt es nun “Live in Ghent”.

Wer Livealben liebt, für den ist „Live in Ghent“ genau das Richtige. Und wer wie ich bei Livealben eher wählerisch ist und neben „Live After Death von IRON MAIDEN und „Live March 2001“ von 16 HORSEPOWER eigentlich keine Livealben braucht, der muss zumindest anerkennend den Hut ziehen. Der Sound ist dreckig und passt, die Instrumente sind allesamt ausreichend beleuchtet, es fehlt nicht an Lebendigkeit und Dreck. Eine Show von BRUTUS ersetzt das Album dennoch nicht. Die Songauswahl lässt ebenfalls fast nichts zu wünschen übrig – mir fehlt nur der Hit „Django“. Ansonsten ist von Riot („Fire“, „War“, „Horde II“, „Drive“, „All Along“) über melodisches Material („Techno“, „Space“, „Baby Seal“ und „Justice De Julia“) und die schweren, ausladenden Stücke „Child“ und „Sugar Dragon“ alles dabei, was BRUTUS uns geben können. Insofern ist dieses Livealbum gerade für Neueinsteiger hervorragend geeignet.

Es fühlt sich trotz aller musikalischer Heaviness leicht und unbeschwert an, BRUTUS zu hören, egal ob live oder auf Platte. Sie strahlen Lebensfreude aus und ein Daheimsein. Vielleicht hat das sympathische Trio auch deshalb die Show aus ihrer Heimatstadt für das erste Livealbum gewählt. Bezeichnend dabei ist, dass das Kind auf dem Cover der Stiefsohn von Bassist Peter Mulders ist und die Setlist für BRUTUS schreibt. Herzerwärmend. BRUTUS haben zwei Devisen. Erstens: „Trouble comes in threes.“ Und zweitens: „Come, see us live.“ Letzteres ist derzeit nicht möglich, es ist eine Schande. Wenig verwunderlich, dass bei dieser Veröffentlichung – nicht die Musik, wohlgemerkt, die wurde in der guten, alten Zeit aufgenommen – eine gewisse Sehnsucht zu spüren ist. Fische gehören ja auch ins Wasser.

VÖ: 23. Oktober 2020

Spielzeit: 57:22

Line-Up:
Stefanie Mannaerts – Vocals, Drums
Peter Mulders – Bass
Stijn Vanhoegaerden – Guitar

Label: Hassle Records

BRUTUS „Live in Ghent“ Tracklist:

1. Fire (Official Video bei Youtube)
2. Cemetery (Official Video bei Youtube)
3. Horde II
4. Drive
5. War
6. Justice De Julia
7. Child
8. Space
9. Techno
10. Distance
11. All Along (Official Video bei Youtube) 
12. Sugar Dragon (Official Video bei Youtube) 
13. Baby Seal

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