BLIND GUARDIAN TWILIGHT ORCHESTRA: Legacy Of The Dark Lands

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Mein erstes großes Metal-Konzert jährte sich 2018 zum zwanzigsten Mal (und selbstverständlich hab ich das T-Shirt von damals noch): BLIND GUARDIAN in der Halle Gartlage, Osnabrück, auf der Tour zu „Nightfall In Middle-Earth“, einem Werk, das ich damals für die Apotheose allen musikalischen Schaffens hielt. Mein Vater begleitete mich, und ich weiß noch, wie er sich spontan mit einem anderen Konzertbesucher unterhielt; der Mann teilte ihm mit, wie dürftig er Hansi Kürschs Englisch-Aussprache finde. Keine Ahnung, wieso mir das im Gedächtnis geblieben ist, aber klar ist: 21 Jahre später ist Hansi Kürsch immer noch eine Kartoffel vor dem Herrn, und BLIND GUARDIAN sind zurück in den 90ern.

Das ist kein Wunder: Mit der Arbeit an ihrem Herzensprojekt „Legacy Of The Dark Lands“ haben BLIND GUARDIAN (in Person von André Olbrich und Hansi Kürsch), so liest man, tatsächlich schon 1996 begonnen (in dem Jahr übrigens, in dem ich Heavy Metal kennen und lieben lernte – ich liebe Zufälle). Und man merkt es sofort: Ganze Melodiefolgen klingen nach „Nightfall In Middle-Earth“, und das Konzept – die Vertonung eines Romans, unterbrochen von Hörspielpassagen – ist das gleiche. Man hat sogar die gleichen Sprecher gefunden, die teilweise die gleichen Phrasen verwenden, und allein dafür möchte ich Kürsch und Olbrich umarmen. Der hohe humoristische Wert theatralischen altmodischen Englischs in Verbindung mit einer Hymne nach der anderen ist uns schon als Jugendliche nicht verborgen geblieben („Nightfall In Middle-Earth“ war bei uns der absolute Renner damals, sogar unter 16jährigen, die sonst nichts mit Metal am Hut hatten), auf „Legacy Of The Dark Lands“ findet er zu neuen Höhen: „Astrology – the highest science of all!“ oder „You better be swift!“ sind bei jedem Durchlauf fast noch schönere Höhepunkte als die von Hansi Kürschs offenbar unkaputtbarer Stimme getragenen Ohrwürmer.

„Legacy Of The Dark Lands“ braucht etwas, knallt dann aber mächtig

Ohrwürmer allerdings, die ihre Zeit brauchen: BLIND GUARDIANs neuestes Werk entfaltet sich langsam und erschlägt zunächst mit seiner Opulenz – ganz zu schweigen davon, dass man sich selbstverständlich erstmal daran gewöhnen muss, es hier nicht mit einer Metal-Band, sondern mit einem Sinfonieorchester zu tun zu bekommen. Das Orchester – Filmmusikspezialisten aus Prag – klingt für meine Ohren hervorragend (ob der Mix tatsächlich objektiv gelungen ist, kann ich schlecht beurteilen, dafür fehlt mir die Expertise), aber der nicht immer runde Gesangsmix mit seinen vielen verschiedenen Spuren irritiert stellenweise; hier wäre – im Hause BLIND GUARDIAN nichts Ungewöhnliches – weniger vielleicht mehr gewesen. Hat man sich jedoch erstmal daran gewöhnt, kann die Reise in die Vergangenheit beginnen.

Sie führt in irgendein dunkles Land, in dem irgendetwas Apokalyptisches passiert, irgendein Nicolas verliebt sich unglücklich, und außerdem wird eine Königin gekrönt. Und dann erst – die dramatische Hingabe des Sprechers legt einen Höhepunkt nahe – der Auftritt eines weißen Reiters! Fantasy, klar, aber nicht Tolkien oder irgendwas anderes mir bekanntes. Ich finde es großartig, dass BLIND GUARDIAN sich keine bereits vorhandene Buchvorlage gewählt haben, sondern das Buch quasi gemeinsam mit dem Album entstand: Es handelt sich um die Fortsetzung von „Die dunklen Lande“ von BLIND GUARDIAN-Fan MARKUS HEITZ und spielt zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs.

BLIND GUARDIAN liefern eine nostalgische Entdeckungstour voller Ohrwürmer und Bombast

Da ich es nicht kenne und mangels Interesse an historischer Fantasy wohl auch nicht kennenlernen werde, bleiben wir bei der Musik: Die ist, wie gesagt, opulent, aber catchy, wie man es von den 90er-Jahren-GUARDIAN kennt, und changiert zwischen ganz viel Neoklassik und Soundtrack („Conan der Barbar“ lässt grüßen) und etwas Operette. Direkt beim ersten Durchlauf erkennt man trotz des hohen Kompositionsniveaus Gesangslinien wieder, wie man sie von damals liebt, und so ist es kein Wunder, dass man das Album immer wieder gerne anmacht, um immer weitere Stellen zu entdecken, die sich begeistert mitsummen lassen. Es stört irgendwann nur noch der Gedanke „Mann, als Metal-Stück wäre das bestimmt noch geiler“, aber irgendwas sagt mir, dass BLIND GUARDIAN es sich nicht nehmen lassen werden, einige dieser Songs vielleicht nochmal traditionell zu vertonen. Es muss ihnen doch auch in den Fingern jucken bei Hits wie „The Great Ordeal“ oder „Treason“, die beide mit wie für klassischen Power Metal geschaffenen supergeilen Melodiefolgen aufwarten. Schließlich wissen sie, wie sich ähnlich strukturierte Stücke mit Metal-Instrumentierung anhören, denken wir nur mal an ihr Jahrhundertwerk „And Then There Was Silence„, das Olbrich als inspiriert von der Arbeit an „Legacy Of The Dark Lands“ beschreibt.

Aber auch, wenn es nichts damit wird: Dieses Album ist ein beeindruckendes Beispiel für große cineastische Kompositionskunst und auf gleich mehreren Ebenen eine große Freude für Fans der „Blinden Gardinen“ aus den 90ern. Herrlich!

Veröffentlichung am 8.11.2019 auf Nuclear Blast

Spielzeit: 75:28 Min.

Tracklist „Legacy Of The Dark Lands“

01. 1618 Ouverture
02. The Gathering
03. War Feeds War
04. Comets And Prophecies
05. Dark Cloud’s Rising
06. The Ritual
07. In The Underworld
08. A Secret Society
09. The Great Ordeal
10. Bez
11. In The Red Dwarf’s Tower
12. Into The Battle
13. Treason
14. Between The Realms
15. Point Of No Return )Lyrics-Video bei YouTube)
16. The White Horseman
17. Nephilim
18. Trial And Coronation
19. Harvester Of Souls
20. Conquest Is Over
21. This Storm (Lyrics-Video bei YouTube)
22. The Great Assault
23. Beyond The Wall
24. A New Beginning

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.