24/7 DIVA HEAVEN: Stress

Women with Attitude: Die drei Berlinerinnen 24/7 DIVA HEAVEN lassen den frühen Grunge und Noise Rock der 90er Jahre wieder aufleben. Dabei klingen sie rau, rotzig und ordentlich angepisst. Kurt Cobain sitzt im Himmel und hebt den Daumen, L7 kommen für ein Bier rum.

Hello, Riot Girls und Boys! Ihr sucht Stress und wollt was auf die Fresse? Dann hätte ich hier was für Euch. „Stress“ heißt nämlich auch das Debüt der Berlinerinnen 24/7 DIVA HEAVEN. Vom Bandname sollte man sich nicht allzu sehr täuschen lassen, denn divenhaft – zumindest dem Klischee entsprechend – kommen die drei jungen Damen nicht daher. Hier wird ordentlich geflucht, gedröhnt und sich im Dreck gesuhlt. Wenn auch auf charmante Weise.

„Grunge“ heißt „Dreck“, Baby!

Elf Tracks ist das Album schwer: Geboten wird eine Mischung aus Punk, Noise und Grunge Rock. Der Promotext macht gar keinen Hehl daraus, dass das ein wenig nostalgisch ist, ein Trip in die frühen 90er Jahre. Bands wie BIKINI KILL und L7 kommen einem in den Sinn, aber auch NIRVANA, MUDHONEY oder SONIC YOUTH.

Der Opener „Potface“ steigt gleich mit krähendem Schrei ein, der bestimmt nicht einschmeichelnd und angenehm sein soll, die Gitarre groovt schräg, fuzzy und schwer. „All my friends are wasted,/ all my friends fly high/ all they want is to waste/ our precious time“, singt und bellt Frontfrau Katharina Ott-Alavi mit angenehm kratziger Stimme (sofern ich das richtig verstanden habe). Es gibt ja Sänger*innen, deren Organ auf ganz natürliche Weise rau und kaputt klingt, Schreiknötchen und so. Aber wenn die Stimmbänder von Katharina schon so manchen Whiskey und manche Zigarette verarbeiten mussten: Hey, es würde mich zumindest nicht wundern.

Rau und ruppig geht es weiter. Obwohl: Der zweite Song „Bitter Lollipop“ kommt fast mit Popappeal daher. Klar ist trotzdem: Die drei Diven fahren lieber Panzer als Kutsche, zumindest musikalisch. Hier wird noch den Idealen des Lärms gehuldigt – und einer Spielart des Grunge, die primitiv, räudig und punkig sein darf. Und immer auch leicht schräg. Wenn mancher Ton schief klingt: Das muss so. Auch Kurt Cobain liebte das Schräge und Primitive. „Grunge“ wird mit „Dreck“ übersetzt, nicht mit „Goldrandteller“, daran muss man ja ab und zu mal erinnern. Weil Bands wie CREED oder NICKELBACK die Musik im Schonwaschgang schleuderten und in ein Frotteehandtuch packten, damit die Radiohörer beim Blumengießen oder bei der Steuererklärung nicht zu sehr verunsichert werden.

Hier aber gibt es nichts, was glatt und poliert wäre. Die Gitarre knarzt ordentlich, der Bass von Karo Paschedag dröhnt verzerrt und fuzzy, das Schlagzeug von Mary Westphal rumpelt und scheppert treibend. Der Sound: wie frisch aus dem Proberaum. Man darf hier keine Virtuosenstücke erwarten, die wären auch fehl am Platz. Drei Akkorde, mehr braucht es nicht. „You wanna fuck things up!“, shoutet Sängerin Kat: Wenn ich das richtig verstanden habe. Hey, liebe Promo-Abteilungen, können wir uns darauf einigen, dass ich die Texte mit erhalte? Klar ist: Die Diven fluchen, schimpfen und spucken auf den Boden. Gut so. „Life is a Bitch“, heißt es im vierten Song „Everything Sucks“, der NIRVANA alle Ehre machen würde. Von einer „lauten und klaren Message“ ist im Pressetext die Rede: Lyrics, so heißt es, über Feminismus, Ungleichheit, Homophobie, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder ökologische Probleme. Der ausgestreckte Mittelfinger gehört dazu.

24/7 HEAVEN sind – trotz aller Wut – mit Spaß bei der Sache

Wobei man anmerken muss: Man hört den Girls die Spielfreude bei aller Räude an. Sogar eine Prise Humor. Das klingt eben nicht verbittert. Sie haben Spaß. Ein kleines bisschen Glitzer ist auch dabei. „Shamebath“ ist so ein Song, der Anfang der 90er, zu Hochzeiten von MTV, in der Heavy Rotation hätte laufen können. Kurt Cobain winkt von seiner Wolke. „Everyman“ ist dann der ruhigste und langsamste Track auf dem Album. „Ballade“ wäre der falsche Begriff, die Gitarre ächzt schwer. Aber die Melodie ist bittersüß.

Die nächsten Titel zeigen dann wieder ordentlich die Krallen. Die Gitarre bei „Death to“ poltert los wie ein alter MOTÖRHEAD-Song, während die Nummer mit Gang-Shouts und hektischem Gesang astreiner Punk-Rock ist. „Get out of my way!“, fordert Kat. Ja, okay. Auch „Topped with Cheese“ und „White Swamp“ halten das Tempo hoch. Kurze Songs mit Wut im Bauch. Im Club funktioniert das sicher super. Einer der wenigen Livemitschnitte, die man bei Youtube findet, wurde in Leipzigs „Black Label“ aufgenommen: eine kultige und verrauchte Metal-Kneipe, wo das Bier noch zwei Euro kostet und der Eintritt für Umme ist. Du stehst direkt neben den Boxen und gehst garantiert mit Tinnitus nachhause. Das bringt Sympathiepunkte. Und schade, dass ich nicht da war.

Fazit: In Zeiten, in denen immer mehr Alternative-Rock-Acts einen glatt polierten, perfektionistischen Sound haben, bieten 24/7 DIVA HEAVEN die Antithese: rau, manchmal schräg, punkig, unbehauen. Ordentlich wütend, aber mit Spaß bei der Sache. Das ist sehr sympathisch und ergänzt den Reigen ähnlich lärmender Combos, etwa der Kanadierinnen MOBINA GALORE oder der Amerikanerinnen BLEACHED, die mit vergleichbarer Haltung unterwegs sind. Macker, die ihre Gitarre als Verlängerung primärer Geschlechtsurteile verstehen, werden hier wirkungsvoll überfahren. Ein Tritt in die Weichteile, der gut tut.

7,5 von 10 noisigen Punkten

Label: Noisolution
VÖ: 19. März 2021

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24/7 DIVA HEAVEN “Stress” Tracklist

1. Potface (Video bei YouTube)
2. Bitter Lollipop (Video bei YouTube)
3. Shamebath
4. Everything Sucks
5. Head On Collision
6. Everyman
7. JT
8. Death To
9. Topped With Cheese
10. White Swamp
11. Outro