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Jahresrückblick 2018 von Andreas

 

Da ich die merkwürdige Angewohnheit besitze, den Jahresabschluss tatsächlich am Jahresabschluss zu machen, sind mir schon zahlreiche Hitlisten über den Weg gelaufen, und mir ist dabei mehr denn je aufgefallen, wie krass unterschiedlich sie sind. Wenn das mal kein Beweis für die Schönheit der Vielfalt dieser Welt ist: dass wir alle unterschiedliche Folien finden, auf denen wir uns selbst reflektieren und immer wieder neu erleben! Ich habe schweren Herzens eine Top 10 gemacht:

FEDRESPOR: Tid

Dieser völlig schamlos schmalzige Solokünstler aus der Nordvis-Familie traf mich unerwartet mitten ins Herz. Oft schrecke ich zurück vor “Ambient Folk”, weil’s halt zu langweilig ist – nicht so bei “Tid”. Dieses sehr persönliche Album voller Ohrwürmer über den Tod eines geliebten Menschen wollte immer wieder gehört werden – ein Meisterwerk der Wehmut und der Nostalgie.

DEAFHEAVEN:Ordinary Corrupt Human Love

Die finde ich eigentlich völlig lahm, weshalb es mich doch sehr erstaunte, dass “Honeycomb” sowohl Video als auch Song des Jahres für mich geworden ist. Wahrscheinlich berührt mich die perfekte Mischung aus Old-School-90er-Feeling und Moderne so sehr? Und natürlich die aus Licht und Schatten. Ach, außerdem sind die Songs ganz großartig und das Schlagzeug klingt so geil, das könnte ich mir auch ohne den Rest die ganze Zeit anhören. Mega!

ANTLERS: benath.below.behold

Da hab ich meinem Review nichts hinzuzufügen. Ein fantastisches Album, das, genau wie das von DEAFHEAVEN, wunderbar perfekt zum Frühsommer gepasst hat.

A FOREST OF STARS: Grave Mounds and Grave Mistakes

Huch, da hab ich ja auch ein Review zu geschrieben! Übrigens habe ich mittlerweile auch das Vorgänger-Album “Beware The Sword You Cannot See” kaputtgehört, das ist ja fast noch besser! Herrliche Band.

FLUISTERAARS & TURIA: De Oord

Das ganze Jahr über hab ich genau nach so etwas gesucht und kurz vor knapp endlich gefunden: verzweifelter, wütender, epischer Black Metal mit dem gewissen Etwas und Melodien, die mich völlig fertig machen. Noch nie hat sich zudem eine Split so gut ergänzt: FLUISTERAARS bauen mit ihrem doomigen Stück eine wahnsinnig intensive Atmosphäre aus Trauer, Stolz und Verzweiflung auf und lassen einen schließlich mit einem melancholischen Chor an der Böschung stehen, wo TURIA dann mit ihrem Kriegsschiff ankommen, um, na ja, irgendwohin zu segeln, wo man halt ein Kriegsschiff braucht. Fantastisch!
(Übrigens ist die TURIA/VILKACIS-Split ähnlich gut und kam auch 2018 raus.)

JULIE FOWLIS: Allt

2018 habe ich auch wieder fleißig im Folk von den britischen Inseln nach Schätzen gesucht. Auf Julie Fowlis und ihre Freunde war Verlass – “Allt” ist eine unbeschwert sympathische Hommage an das Gälische, live aufgenommen und voller Herz und Hingabe dargebracht.

TOCOTRONIC: Die Unendlichkeit

Jetzt mal Butter bei die Fische, wer bei “Electric Guitar” nicht zumindest ein bisschen was spürt, ist tot. Abgeschmackt, ja, aber das ist ein Album über Kindheit und Erwachsenwerden auch. Stört weder mich noch TOCOTRONIC, die einfach immer wieder hoch emotionale Meisterwerke abliefern als wär es nichts. Neben TURBOSTAAT die beste deutsche Band.

CRONE: Godspeed

Da muss ich auch auf mein Review verweisen. Was bin ich froh, dass ich mir die Platte angehört habe! Lässt einen nicht mehr los.

KACKSCHLACHT: Kackschlacht 2018

Nicht nur, weil ich diese beiden Sympathiebolzen im Sommer live am Rhein unter einer Brücke gegen die untergehende Sonne hab spielen sehen, sondern auch, weil die Lieder so richtig schön angepisst und auch textlich hervorragend sind, mein Punk-Album des Jahres, denn “Punk” bedeutet “Dreck” und hat mit DARKTHRONE mehr gemein als mit DIE TOTEN HOSEN. Minimalismus, Wut, Fresse.

ACHT EIMER HÜHNERHERZEN: Acht Eimer Hühnerherzen

Diese Neuentdeckung war bei all der Finsternis absolut überfällig – beschwingter Folk-Pop mit humorvollen deutschen Texten und unglaublich eingängigen Melodien, die auch nach dreißig Durchläufen noch große Freude machen. “Powerviolence-Folk” at its best!

GRIFT: Vilsna anders boning

Nummer elf auf meiner Top 10 ist nur eine 7″, daher sei mir die Mogelei wohl gestattet. GRIFT ist m.E. der seit EMPYRIUM größte Komponist melancholischer Gitarren-Musik, und wie damals lechzte ich auch bei ihm nach einem rein akustischen Werk. Das erste erschien noch nur auf Kassette, aber dann kam diese Single und mit ihr zwei traumhafte Folk-Hymnen, die schlicht konkurrenzlos sind auf ihrem Gebiet.

Unbedingt nennen möchte ich dazu die Alben von PANOPTICON (hier meine ellenlange Rezension der Doppel-LP), SIGH (mit dem coolsten Artwork des Jahres und diversen herrlich skurrilen Hits, vor allem diesem!), IFERNACH (Native American Epic Thrash Black Metal? Ja, bitte!), KHÔRADA (“Ossify” trifft mich jedes Mal bis ins Mark), CURRENT 93 (ich liebe David Tibets humorvoll-apokalyptischen Vortrag einfach, und diesmal sind auch wieder ein paar schöne Melodien dabei), AJJ (“Ugly Spiral” ist zwar nur eine B-Seiten-Zusammenstellung, aber einige davon gehören zum Besten, was die Band bisher produziert hat – vor allem das intensive “Christmas Island”) und, äh, DETLEF.

So wichtig diese Alben für mich dieses Jahr auch waren, ein anderes Werk hat mich 2018 noch mehr gepackt mit seiner schonungslosen Intimität und Verletzlichkeit, und da ich es 2017 verpasst habe und es 2018 erst auf Vinyl erschienen ist, möchte ich es hier nochmal nennen: “Our Season Draws Near” von 1476. Es ist eines jener Alben, die es mir ermöglichen, auch als Erwachsener dieses wundersame Staunen zu erleben, das allen Kindern eigen ist – etwas, was nur die Musik vermag.

Ergänzend noch sechs Musikvideos, die mich besonders beeindruckt oder berührt haben:

IDLES thematisieren in “Samaritans” die Unfähigkeit vieler Jungen und Männer, Gefühle zu zeigen oder über Gefühle zu reden – was leider viel zu oft zu Depressionen führt, die dann ebenfalls nicht behandelt werden…:

THE NIGHTFLIGHT ORCHESTRA hauen mit “Lovers In The Rain” mal wieder eine herrlich kitschige Hommage an die 80er und an ihre Comic-Kultur (und einen genialen Song!) raus:

Die Sängerin HURRAY FOR THE RIFF RAFF lässt für ihr Lied “Pa’lante” einen gefühlvollen Kurzfilm drehen, der das kämpferische Finale des Liedes in großem Glanz erstrahlen lässt:

ABRAHAM lassen mit “Silent At Last” kein Haar am Boden:

PANOPTICON werden bei ihrem Auftritt auf dem “Fire In The Mountains”-Festival während des Sonnenuntergangs vor atemberaubender Kulisse (semi-?)professionell gefilmt. Schon großartig, was die aktuelle Technik alles ermöglicht:

Die eigene Band in den Jahresrückblick reinschummeln? In dieser Rubrik kein Problem, denn mit dem Musikvideo hab ich – jetzt mal abgesehen von Text und Gesang – ja gar nichts zu tun gehabt! Kollege Aku hat die Geschichte von “Gaslaterne” (vom Album “Paläste”) beinahe perfekt visuell umgesetzt. Vielen Dank nochmal dafür:

Da fällt mir nicht viel ein, weil ich die Flops nicht übers Jahr sammele. SUMMONING fand ich enttäuschend, das weiß ich noch. Und was die Leute an ULTHA toll finden, ist mir echt ein Rätsel.

GLORYHAMMER im Januar in Berlin im winzigen “Musik & Frieden” natürlich. Danach konnte nichts mehr kommen. 2019 erscheint das neue Album, damit steht mein Sieger im Jahrespoll auch schon fest. Geil!
Na gut, vier weitere ganz besondere Konzerte muss ich schon noch nennen:
1. Das “Cry me a river”-Fest in Versmold – jedes Jahr stellen die mitten in diesem übel spießigen Dorf in einem bunten Jugendzentrum ein herrlich finsteres Krach-Event auf die Beine, dem die Liebe aus allen Poren tropft.
2. AJJ als Akustik-Duo live in einem winzigen Club in Köln-Ehrenfeld. Sie spielten “People That Can Eat People Are The Luckiest People In The World” anlässlich dessen Jubliläums komplett und danach noch u.a. “Linda Ronstadt” und “Big Bird” – und alle sangen mit.
3. Das “Woodlum”-Fest an und in einer alten Mühle in Utrecht an einem knalleheißen Frühsommertag brachte KING DUDE an seine Grenzen – woraus er mit seinem trockenen Humor und diversen Alkoholika einen großen Spaß machte. Humor bewiesen auch “Douwe Dijkstra en de sneue vertoning” mit ihrem unglaublich komischen “Necro Pop” – ich verstand kein Wort und lachte doch Tränen. Hinterher spielte dann Kim Larsen/OF THE WAND & THE MOON allein in der Mühle seine traurigen Liebeslieder und bedankte sich gerührt für mein akkurates Klatschen bei meinem Lieblingslied “Hold My Hand” (zufällig hat’s jemand gefilmt!). Ein wunderschöner Tag.
4. Als ich erfuhr, dass EMPYRIUM meinen All-Time-Favourite “Songs of moors & misty fields” (Vorsicht, das Review ist über 16 Jahre alt) zum ersten Mal überhaupt live spielen würden, war ich ja schon begeistert. Dass sie es dann auch in feiner Metal-Formation taten (und nicht – wie bei früheren Auftritten den Hit “Mourners” – als halbgare Halb-Akustik-Nummer), wusste ich gar nicht, als ich schließlich das “Turock” in Essen betrat. Ker, was war das schön – vor allem die Geige als Flötenersatz passte vorzüglich zu den in großer Eleganz gealterten Songs, und außer dem etwas gelangweilt wirkenden Schlagzeuger hatten auch alle richtig Bock! Die Vorgruppe SUN OF THE SLEEPLESS passte dazu natürlich wie die Leiche ins Moor. Wundervoll!

Ich freue mich darüber, dass ich hier wieder dabei bin und es das ganze Jahr über geschafft habe, teilweise recht schöne Inhalte zu liefern. Andere Inhalte – alte groteske Kurzgeschichten aus meiner Feder – durfte ich sogar dank einiger lieber Menschen zum ersten und zum zweiten Mal vor Publikum vortragen (“Schausaufen mit Betonung”, so nannte das der große Harry Rowohlt, und wie sehr habe ich davon geträumt, es ihm mal gleich zu tun – endlich hat’s geklappt!). Mein Erlebnis des Jahres aber ist natürlich das Selfie mit niemand geringerem als CLAUS LÜER von KNOCHENFABRIK im Backstage-Raum des kleinen Schlachthofs Wiesbaden, nachdem wir den Abend damit verbracht hatten, uns vor, während und nach unseren Auftritten gemeinsam mit den Bandkollegen über das im großen Schlachthof parallel stattfindende Konzert von POWERWOLF lustig zu machen und sämtliche Gratis-Alkoholvorräte zu vernichten. (Das Bild dürfen aber selbstverständlich nur ausgewählte Menschen bewundern…)

Mich kann weder irgendwas schocken noch enttäuschen, da ich mich von Idealismus jeglicher Art versuche freizumachen (ist gesünder). Es ist natürlich traurig, dass die Welt vor die Hunde geht, gerade weil die Leute an ihrem Idealismus (Kapitalismus und Demokratie werden es schon irgendwie richten, wenn man sie nur “richtig” macht bzw. “begrenzt”) festhalten. Und dass nicht nur die Dümmsten dann Faschisten werden, ist auch scheiße. Aber enttäuschend? Nö.

Zum Glück bietet 2019 trotz allem genug Grund zur Vorfreude: Das “Unaussprechliche Culthe”-Fest in Münster bietet für mich das beste Line-Up, das ich seit langem gesehen habe, und ein neues Prophecy-Fest in Balve ist bestätigt. Außerdem gab es jetzt schon seit mindestens 15 Jahren kein Jahr, in dem ich nicht mindestens 15 geniale Alben entdeckt hab, es wird wohl auch nächstes Jahr so kommen (sofern ich nicht ausschließlich GLORYHAMMER höre, natürlich). Also, Glück Auf!

 

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.