HEAVEN SHALL BURN: Mein grünes Herz in dunklen Zeiten [Film]

HEAVEN SHALL BURN: Mein grünes Herz in dunklen Zeiten [Film]

„Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“ – ein wenig reißerisch ist der Titel ja schon. Und auch wenn er HEAVEN SHALL BURN quasi aus der Seele spricht, ist er als Statement im Film selbst mehr Fußnote als zentrale Leitidee. Der Ansatz, den Produzent und Filmemacher Ingo Schmoll in seiner Dokumentation über die Thüringer Metal-Band verfolgt, ist nicht minder zwiegespalten.

Tatsächlich ist „Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“ mal „Making of“ und kurze Zeit später der Versuch eines Bandporträts. Was der Film im Versuch dieses Spagats jedoch vergisst, ist ein roter Faden, ein Handlungsstrang, der auch Zuschauer außerhalb des Bandkosmos abholt. Wo die PARKWAY DRIVE-Dokumentation „Viva The Underdogs“ grob den Fahrtweg zum Headlinerslot des Wacken Open Airs skizziert, verfehlt es Schmoll, die Produktion des Studioalbums „Of Truth And Sacrifice“ als rahmengebenden Plot zu inszenieren. Zumal „Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“ streckenweise Gefahr läuft, nurmehr eine glorifizierte Ansammlung an Interviews zu sein.

Wir lernen HEAVEN SHALL BURN auch privat kennen

Eingangs begleiten wir HEAVEN SHALL BURN dennoch zunächst ins Studio, wo wir nicht nur Einblicke in den Entstehungsprozess gewinnen und die angenehm menschliche Seite der Musiker kennenlernen dürfen, sondern auch ein paar „Sneak Peeks“ auf die kommende Platte erhaschen: ein Riff hier, ein Solo da und eine ganze Riege an Gastmusikern.

Von dort verzweigt sich „Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“ zusehends: Wir begleiten die Musiker in ihrem Berufsalltag und lernen die Charaktere hinter der brachialen Soundgewalt ein wenig besser kennen. Ingo Schmolls Perspektive ist eine unaufgeregte und vor allem sympathische. Wir wohnen Bassist und Ergotherapeut Eric Bischoff bei einer Narbentherapie bei, besuchen Drummer Christian Bass an seinem modernen Arbeitsplatz als Produktentwickler und dürfen mit Frontmann Marcus Bischoff sogar mit auf die Intensivstation, wo er als Krankenpfleger tätig ist.

Gründungsmitglied Maik Weichert ist immer für einen humorvollen Kommentar zu haben

Die meiste Zeit verbringen wir jedoch mit Gitarrist Maik Weichert, der nicht nur munter über sein Leben als ewiger Student plaudert, sondern in nahezu jeden Schritt der Albumproduktion involviert ist. Daher ist er auch dabei, wenn es nach Dänemark in die Antfarm Studios geht, um mit Tue Madsen die Platte zu mixen, oder wenn in Weißrussland die Orchesterparts eingespielt werden sollen. Weichert ist nicht der schlechteste Moderator, denn mit seiner ehrlichen und authentischen Art ist das Gründungsmitglied immer für einen trockenen und nicht selten humorvollen Kommentar zu haben.

Dabei ist der Gitarrist beizeiten erfrischend reflektiert und selbstkritisch. Ethische Grundsätze, gesellschaftliche und politische Missstände – das alles diskutiert der Musiker vor der Kamera, ohne die Widersprüche auszuklammern, die sich für ihn als Individuum oder die Band HEAVEN SHALL BURN fast zwangsläufig aus sozial- bis globalpolitischen Fragestellungen ergeben: sei es die (faire) Produktion von Bandmerchandise oder die vegan-vegetarische Lebensweise der einzelnen Mitglieder.

Als reiner Dokumentarfilm scheitert „Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“

Leider wirken diese Szenen, wie auch der Abschnitt zum Trikotsponsoring des FC Carl Zeiss Jena oder das Schwimmtraining mit Weltmeister Paul Biedermann, vom Rest der Dokumentation relativ isoliert und teils fast schon willkürlich aneinandergereiht. Die wenigen kurzen Live-Ausschnitte vom WACKEN OPEN AIR 2017 tun ihr Bestes, „Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“ zusammenzuhalten, überdecken können sie die dramaturgischen Probleme derweil nicht.

Das Ass im Ärmel der Dokumentation ist – neben Gitarrist Alex‘ drei Katzen Elli, Frollein und Hexi – vielmehr die Band selbst, genauer gesagt die fünf Musiker, die sich vor der Kamera keineswegs verstellen. Wir sehen eine Formation mit Herz, mit Charakter und wir sehen vor allem Menschlichkeit. Wo „Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“ als reiner Dokumentarfilm scheitert, ist er zugleich ein Musterbeispiel, wie die imaginäre Mauer zwischen Band und Publikum eingerissen wird.

„Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“ lässt uns HEAVEN SHALL BURN besser kennenlernen

Nach nicht ganz anderthalb Stunden verbleiben wir mit dem erhebenden Gefühl, HEAVEN SHALL BURN ein bisschen besser kennengelernt zu haben. Nicht nur, wie die Formation als künstlerische Einheit tickt, sondern vor allem, wie das private Umfeld und das Aufwachsen in Thüringen im Spannungsfeld politischer Ideologien die Protagonisten nachhaltig geprägt hat. Und vielleicht, dämmert es uns, ist der Titel unter diesem Gesichtspunkt ja doch nicht so reißerisch, wie wir eingangs noch behauptet hatten.

Veröffentlichungstermin: 19.02.2020

Spielzeit: ca. 80 Min.

FSK: o.A.

Regie: Ingo Schmoll

Cast:
Marcus Bischoff
Maik Weichert
Alexander Dietz
Eric Bischoff
Christian Bass

Produziert von: 24Bilder / Schmollywood
Label: Century Media Records

Homepage: https://heavenshallburn.com

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.