ROCK-X-PLOSION – 19. Warmbronner Open Air, Leonberg-Warmbronn, Alter Waldsportplatz, 18. – 20.7.2003

Ein Wochenende mit selbstgenähten Gitarrengurten, mehreren Herren namens Frank und Funpunkern, die keinen Spaß verstehen…

Tief versteckt im Wald in der Nähe von Stuttgart hat sich über Jahre hinweg ein kleines, gemütliches Festival etabliert, das dieses Jahr mit traumhaftem Wetter für die dahinter steckenden Mühen und die Arbeit des veranstaltenden örtlichen Jugendzentrums belohnt wurde. Quer durch alle Stilrichtungen – von Hardcore und Metal über Reggae und Ska bis hin zu ganz normalem Rock – wurde der dreistelligen Besucherzahl ein gelungenes Wochenende bereitet, begleitet von vernünftigen Preisen, leckeren Speisen von Bratwurst bis Couscous und einer angenehmen familiären Atmosphäre. Der Rachendrachen zog in den Forst, um über einige vampster-relevante Bands und schräge Begebenheiten wie selbstgenähte Gitarrengurte, mehrere Herren namens Frank und humorlose Funpunker zu berichten.

Freitag

END OF GREEN

Eigentlich sind fünfzig Minuten Spielzeit ein Luxus bei einem Open Air. Bei END OF GREEN sollte dies allerdings noch lange nicht genügen. Doch von vorne. Schon beim Soundcheck deutete sich an, dass das Düsterrockquintett einen äußerst guten Tag erwischt hatte. Frontmann Huber teilte beim Mikrocheck statt den üblichen „One – Two“s Küsschen ans Publikum aus und sollte sich kurz darauf in bester stimmlicher Verfassung präsentieren. Der Schwerpunkt lag wieder einmal auf flotteren, härteren Songs wie „Tragedy Insane“, „Everywhere“ und „Motor“, während die Deprikolosse „I Hate“ und „Emptiness/Lost Control“ wohl für ausführlichere Clubgigs aufbewahrt wurden. Doch angesichts der idyllischen Waldlichtung und dem klaren Sternenhimmel war eh Feiern statt Trübsal blasen angesagt. Und das gelang mit END OF GREEN bestens. Spätestens seit “Last Night on Earth“ haben die Jungs den Bogen raus, wie man simpel, aber umso effektiver abrockt, ohne dabei eine Prise Melancholie außen vor zu lassen. Das zeigte sich besonders an diesem Abend, wo die Band äußerst tight auftrat und von einem klaren, druckvollen Mördersound unterstützt wurde. Selbst Leute, die sonst mit der dunklen Seite des Metals nix am Hut haben, wurden in den Bann von Michael Hubers einzigartiger, beschwörender Stimme gezogen. Tiefe Leidenschaft beschreibt wohl am besten, was END OF GREENs ganz speziellen Zauber ausmacht. Lieder werden gelebt, nicht nur einfach gespielt, und zugleich distanzieren sich die Göppinger dank der ironischen Ansagen von Huber vom aufgesetzten Rockstarzirkus. So gewährte er diesmal einen Einblick in die Aufgabenverteilung innerhalb der Band, als dem Kollegen Oliver Merkle der Gitarrengurt riss und Huber sich darüber betrübt zeigte, da er dessen Schwachstelle doch vorher erst selbst genäht hätte. Egal ob „Only One“, „Godsick“ oder das alles wegbügelnde, extrem breitbeinige „Highway 69“ – END OF GREEN zeigten sich stark wie nie. Und deshalb waren zehn Songs nicht einmal ansatzweise genug, um die Magie der Band zur vollen Entfaltung kommen zu lassen. Wäre ich in der nachfolgenden Band gewesen, ich glaube, ich hätte meine Spielzeit freiwillig zur Verfügung gestellt, nur um diese Intensität und Begeisterung weitererleben zu dürfen. Doch leider suchten sich die Veranstalter ausgerechnet die am besten ankommende Band des Abends aus, um den Zeitplan halbwegs zu retten, weshalb nicht mal eine Zugabe gegeben werden konnte. Bleibt also nur die Hoffnung auf die Clubtour im Herbst. Der Gig dürfte jedenfalls viele neue Fans angefixt haben…

EKTOMORF

Nicht zu beneiden waren EKTOMORF, denen eine 48-stündige Anreise aus Ungarn in den Knochen steckte. Nach END OF GREEN mit einer Mixtur aus SEPULTURA, SOULFLY und SEPULTURA sowie ein wenig SOULFLY das buntgemischte Publikum zu begeistern, sollte den Jungs nur in Maßen gelingen, auch wenn sie alles gaben, auch wenn sie hüpften, bangten und schrieen, dass die Bühnenaufbauten einem wahren Härtetest unterzogen wurden. Freunde der härteren Kost bekamen zwar die volle Ladung und feierten die Band verdient ab, doch objektiv betrachtet, mangelte es der Band an Ausstrahlung, eigenem Charakter und Abwechslung, um wirklich punkten zu können. Die größtenteils aus den Komponenten „Fuck“ und „Motherfuckers“ bestehenden Texte und Ansagen taten ein weiteres dazu, um an vielen im Publikum vorbeizumusizieren. Solide, aber nicht bestechend.

BLUTJUNGS

Danach ging es ins nahe gelegene Jugendzentrum zur Aftershowparty, für die die BLUTJUNGS aus Aschaffenburg angekündigt waren. Diese demonstrierten mit ihrem frech bei den ÄRZTEN geklauten Stil, gewollt geschmacklosen Klamotten und nicht wirklich witzigen Texten, die sich immer munter unter der Gürtellinie tummelten, wie man in kurzer Zeit einen Club voller feierwütiger Festivalbesucher leerspielt. Die launigen Ansagen des Sängers, z.B. dass sie in Warmbronn nix erlebt hätten (was kann man denn in motherfuckin´ downtown Aschaffenburg so alles auf die Beine stellen, hehe, hm?), taten ein übriges dazu, die vier BLUTJUNGS unbeliebt zu machen. Ein abruptes und äußerst würdiges Ende fand der Gig, als die Herren Funpunker keinen Spaß verstanden, nachdem ein missmutiger Besucher den Rest seines Biers über dem Gitarristen ausgeleert hatte. Innerhalb von Sekunden warfen sie die Instrumente beiseite, um sich von der sicheren Bühne aus in Drohgebärden zu üben und daraufhin den flotten Rückzug anzutreten. So mies, dass es schon wieder lustig war…

Samstag

CHAIR-O-PLANE

Die untergehende Sonne wurde Zeuge der ersten Klänge dieser Rockband aus Einbeck im Norden der Republik. Und was sie vernahm, waren groovende Beats des fähigen, aber etwas zu spielfreudigen Drummers, der selbst die Breakbeateinsprengsel höchstselbst live produzierte, statt auf ein DAT zurückzugreifen, sowie flotte Riffs, die von einer kleinen, aber stimmgewaltigen Sängerin mit ansprechenden Melodien verfeinert wurden. Prinzipiell also alle Voraussetzungen für eine gelungene Festivalüberraschung, wenn die Band nicht noch zu gleichförmiges Material ohne große Varianten im Programm hätte. Bands wie GARBAGE, DIE HAPPY und die GUANO APES, die ähnliche Konstellationen haben, leben davon, dass Dynamik und Abwechslung nicht vergessen werden. Bei CHAIR-O-PLANE jedoch vermochte es die Sängerin nicht, ihre klare Stimme bei härteren Parts zugunsten einer satten Jacky-Cola-und-ne-Packung-Kippen-Röhre zu opfern, und wenn in so gut wie jedem Song die Breakbeateinlagen des Drummers zum Zuge kommen, verlieren sie an Überraschungseffekt. Gute Ansätze einer talentierten Band also, die jedoch auch noch einiges an Arbeit vor sich hat, um den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen.

UNCLE HO

Viel wusste ich vorher nicht von UNCLE HO, außer dass sie sich gegen Ende des Jahres auflösen wollen. Auch nach dem Gig bin ich mir nicht sicher, ob dies die richtige oder falsche Entscheidung der Band ist. Die straighte Rock´n´Roll-Band, wie sie der Sänger selbst einordnete, vermochte in den besten Momenten mit knackigen Riffs, simpel gestrickten Grooves und coolen Texten die Menge zu begeistern, während die ruhigeren Parts nicht wirklich zünden wollten. Zum Glück überwogen erstere, und die starke Lichtshow sorgte zusammen mit den charmanten Ansagen des Frontmannes und dem unbeeindruckbaren Gesichtsausdruck von Gitarrist Doc für eine positive Atmosphäre mit entspannter Festivalatmosphäre. Nett auch war die Verlosungsaktion, bei der geklärt werden sollte, wer in der Band vorbestraft ist, und wo die Band sich selbst nicht einig werden konnte, wer denn der böse Bube nun war.

DICKTATOR

Wiederum war das Jugendzentrum zum Ort der Aftershowparty auserkoren worden, was eine kleine Nachtwanderung nötig machte, auf der man erstaunlich viele Typen namens Frank kennen lernen konnte, die alle keinen Kaffee mögen. Bin mir sicher, dass „Frank“ bald die allseits bei Festivalbesuchern in ganz Deutschland bekannte „Helgaaaa“ ablösen dürfte, hehe. Und nein, ich war nicht betrunken, wieso fragt ihr, hehe? Nachdem das geklärt wäre, also zum Gig von DICKTATOR. Ein Kumpel hatte sie mir mit den Worten empfohlen, dass die so klängen, wie er sich die HELLACOPTERS immer gewünscht hätte, nämlich hart und dreckig und vor allem rock´n´rollig. All dies erfüllten DICKTATOR zur vollsten Zufriedenheit. Zwar würde es vermutlich nicht mal Staranwalt Rolf Bossi gelingen, die Jungs von dem Verdacht, sehr oft MOTÖRHEAD gehört zu haben, reinzuwaschen, aber die Ähnlichkeit war verzeihlich, da DICKTATOR trotz lädiertem Gitarristen und nur wenigen Quadratmetern Bühne eine enorme Spielfreude an den Tag bzw. die tiefe schwäbische Nacht legten und einen fetzigen Song nach dem anderen auspackten. Leider konnte ich die Show der Jungs in Cowboyhut, Feinrippunterhemd und Schweißbändern nicht ganz bis zu Ende sehen, war mir aber sicher, dass Lemmy nun doch in Ruhe über die Rente nachdenken kann, denn er hat würdige Nachfolger gefunden, die die Fahne des dreckigen Rock´n´Rolls lautstark gen Himmel recken.