POISON RUIN, PROPHET & FLESH : Konzertbericht – Alte Hackerei, Karlsruhe, 18. Juli 2027

Der Dungeon-Punk von POISON RUIN funktioniert auch im Hochsommer, live setzte die Band aber mehr auf räudigen Punk als sphärische Spielereien. Eins, zwei, drei, vier – PUNKROCK! lautete die Devise.

Der Opener PROPHET & FLESH hatte es zunächst nicht leicht, denn hinter der Alten Hackerei lockt ein unerwartet großer Biergarten mit Schatten und kalten Getränken. Die ehemalige Kantine, in der früher die Metzger des benachbarten Schlachthofs Pause machten, ist seit 2007 eine kleine, gemütliche (Butzenscheiben am Bartresen!) Punkrock-Bar, 2014 kam ein zweiter Saal mit Ausschank und eben jener Biergarten dazu. Spielen nebenan im Alten Schlachthof größere Bands, steigt in der Hackerei die Aftershow-Party, so wie Anfang des Jahres als sich dort GLUECIFER noch das ein oder andere Bierchen inmitten ihrer Fans gönnten.

Heute startete das Programm direkt in der Hackerei, PROPHET & FLESH sicherten sich den Openerslot vor POISON RUIN – und das Quartett machte seine Sache richtig gut. Irgendwo zwischen klassischem Hardcore, Metal und einer guten Portion Punk und Post Punk, erfüllten PROPHET & FLESH ihre Aufgaben als Anheizer: Schon bei den ersten Songs stiegen sowohl die Temperatur als auch die Vorfreude auf den Konzertabend, der Schweiß floss ebenso wie die Getränke.

PROPHET & FLESH-Sänger André Schmidt und Bassist Chris Noll

Mit drei Demos und der EP „Harmful Offensive Demeanour“ (erschienen im April 2026 via Who Can You Trust? Records) im Gepäck, lieferte die Band eine mehr als stabile Liveperformance. Ohne Schnickschnack, ohne Choreografie, dafür mit viel Engagement rockte sich der Vierer durch gut zehn Songs. Gitarrist Youssef Saleh dürfte ein Fan von TYPE O NEGATIVE-Gitarrist Kenny Hickey sein, zumindest erinnerte der und andere Gitarrenpart an den New Yorker, die musikalisch in frühen Jahren ihre Wurzeln auch im Hardcore hatte.

PROPHET & FLESH-Gitarrist Youssef Saleh

 

Im Publikum kam der Vierer gut an, der Biergarten leerte sich, der Konzertsaal mit der kleinen Bühne füllte sich, willkommen beim gemütlichen Rumgedrücke zwischen Bar und Bühnenrand. Dort sind übrigens die Kanten der Monitorboxen sorgfältig gepolstert, und wahrscheinlich sind es solche Details, die zur Wohlfühlatmosphäre in der Alten Hackerei betragen. Mit „Vitreous“ im hinteren Drittel der Setlist haben PROPHET & FLESH einen kleinen Hit im Programm, die räudige und gleichzeitig eingängige Nummer war eines der Highlights des gesamten Abends.

PROPHET & FLESH-Schlagzeuger Christian Dräger

Fotogalerie PROPHET & FLESH

 

Nach fast zwei Wochen auf Europatour spielten POISON RUIN in Karlsruhe das vorletzte Konzert. Dass die Band fast komplett auf Ansagen oder andere Interaktion mit dem Publikum verzichtete, war nicht der langen Tour geschuldet, das scheint immer so zu sein. Wer Übersongs wie „Harvest“ oder „Not Today, Not Tomorrow“ auf der Setlist hat, braucht allerdings auch keine Worte, sondern kann einfach die Musik für sich sprechen lassen. Dem aktuellen Album „Hymns From The Hills“ fehlt zwar ein vergleichbarer Hit, dafür hat sich Bandleader Mac Kennedy offenbar Synthesizer in seinem Probekeller geholt und den Sound der Band um sphärisches Düstergewaber erweitert. Live war davon wenig zu hören, POISON RUIN präsentierten sich eher als dreckige Punkband, rau, kompromisslos und ziemlich genau auf den Punkt gebracht.

POISON RUIN-Sänger, Gitarrist und Alleinsongwriter Mac Kennedy

Der Dungeon-Punk von POISON RUIN funktioniert auch im Hochsommer, kellerkalt war nur das Bier. Von dem hatte Bassist Will McAndrew offenbar getreu dem Motto „Stay Hydrated“ etwas zu viel. Gegen Ende des Set benötigte er eine Pinkelpause und verließ kurz fluchtartig die Bühne, während seine Bandmates das Publikum informierten: „He has to take a piss.“ Übrigens eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen POISON RUIN mal das Wort ans Publikum richtete, nur das von einem Fan geforderte „Not Today, Not Tomorrow“ wurde ebenfalls angekündigt. Dazwischen ackerte sich die Band durch ihre Diskografie, Schwerpunkt der Setlist lag auf dem aktuellen Album, es gab aber auch einige ältere Nummern. Und wo die Alben und EPs der Band schwierig zu fassen sind, weil sie aus Metal, Hardcore, Punk, Postpunk und Dungeon Synth kleine Kunstwerken schmiedet, regiert auf der Bühne der Punk. Fragile Arrangements hatten hier keinen Platz, die Songs sind deutlich direkter, dreckiger und doomiger als auf Platte, was dem Vierer aber ausgezeichnet zu Gesicht steht und vor der Bühne ebenso viel Spaß macht wie darauf. Nach dem vierten Song resignierte Mac Kennedy und legte sorgsam seine Brille zu Seite, die fand in seinem schweißnassen Gesicht einfach keinen Halt mehr.

POISON RUIN-Bassist Will McAndrew

Auch Bassist Will McAndrew entledigte sich seiner Jeansjacke und präsentierte sein DEATH-Leprosy-Shirt, das offenbar unzählige Waschgänge hinter sich hatte. Bestens aufeinander eingespielt, es gab nichtmal Setlisten auf der Bühne, zeigten sich POISON RUIN als Band und nicht als Einzelmusiker, was durchaus nicht selbstverständlich ist. DIY-Maniac Mac Kennedy macht schließlich alles selbst, auch das aktuelle Album entstand im Proberaum, er arbeitete am Mix mit, Cover und Artworks der Band stammen ebenfalls aus seiner Feder.

POISON RUIN-Gitarrist Nao Demand

Auf der Bühne wirft er zwar auch ab und an prüfende Blicke auf seine Mitmusiker, die haben das im Eifer des Gefechts aber gar nicht unbedingt mitbekommen, denn da herrschte schlicht blindes Einverständnis. Davon hatte auch das Publikum was, denn die apokalyptische Atmosphäre verdichtete sich mehr und mehr, und spätestens bei „Not Today, Not Tomorrow“, diesem absolut wunderbaren Song, den auch die WIPERS geschrieben haben könnten, stand niemand mehr still: ein kollektives Wogen von Menschen, vereint in gemeinsamen „Not Today, Not Tomorrow“-Refrain. Danach konnte es einfach nicht mehr besser werden, das wissen auch POISON RUIN. Noch zwei Songs zum Runterkommen und vorbei war ein sehr, sehr schöner und sehr, sehr heißer Konzertabend ganz ohne unnötiges Zugabenspielchen.

POISON RUIN-Drummer Allen Chapman

Fotogalerie POISON RUIN