JULIE CHRISTMAS am 28. April 2011 im Sunny Red, München

Kleine Sängerin, große Whiskeyflasche.

 

Was für ein Abend. Alle Welt trifft sich heute in München. In drei Läden im Feierwerk geht heute was, THURSDAY spielen im Saal neben ATHEIST und EXHUMED, während JULIE CHRISTMAS den kleinen Kellerclub Sunny Red zerlegt. Ach ja, zu LITURGY im Atlantis-Kino könnte ich auch noch gehen. Aber nein, ich bleibe JULIE treu. Ist doch klar. Nicht nur, weil sie eine der herausragendsten Sängerinnen auf diesem Erdball ist, nicht nur weil ihr Soloalbum The Bad Wife grandios ist, auch weil diese Frau bereits mit ihrer Hauptband MADE OUT OF BABIES regelmäßig eine Liveperformance hinlegt, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und weil die New Yorkerin auf dieser kurzen Tour nur wenige Konzerte in Deutschland gibt, heißt es: Ja nicht verpassen.

 JULIE
Eine einmalige Stimme und eine intensive Performance: JULIE CHRISTMAS.

Es ist bereits nach neun, als wir im Sunny Red eintreffen, alles sieht recht menschenleer aus, ein paar Leute stehen oder sitzen herum, wenigstens steht ein Merchandise-Tisch bereit und die Backline ist aufgebaut. Heißt, heute findet was statt. Und immerhin, der Laden füllt sich. Aus anfangs gefühlten acht Leuten sind mittlerweile immerhin vierzig geworden, so dass es in dem kleinsten Club des Konzertgeländes nicht ausgestorben wirkt, aber auch nicht zu eng ist, eigentlich ideal also. Statt einer Vorgruppe gibt es nur JULIE CHRISTMAS und Band zu sehen, die sich um halb zehn in Richtung Bühne bewegen. Normale Rockshow, alles klar. Von wegen. JULIE CHRISTMAS kommt und steht mit einem Bierchen in der Hand da, nimmt nochmal einen tiefen Schluck und alle legen mit Everything Is Green, dem Schlusstrack von The Bad Wife los. JULIE selbst bietet hier noch eine recht zurückhaltende Performance, erstmal warm werden natürlich. Begleitet wird die Sängerin von einem Gitarristen, einem Bassisten, einem Schlagzeuger und einem Pianisten, die ihrer Chefin den Vortritt lassen und nur selten wirklich aus sich heraus gehen.

Recht schnell tauen sowohl das Publikum, als auch JULIE CHRISTMAS selbst auf. Sie beginnt zu leiden, zu fühlen, zeigt sich nicht als typische Frontfrau einer Rock- oder Metalband, sondern als intuitive Performerin, läuft auf und ab, kratzt sich, zieht an ihrem Shirt, bis es ganz ausgeleiert ist, schreit, stöhnt, singt wundervoll schön, ist ganz Frau, kehrt das Innere, das Zerrissene nach außen. Das hat Symbolcharakter, ohne Frage. Die Songs des eh schon tiefen Albums The Bad Wife gehen nun noch tiefer, was aber auch an der sehr gut eingespielten Liveband liegt, die ebenfalls eine sehr gute Leistung bietet. Die Intensität des Sets steigt von Stück zu Stück, If You Go Away und Secrets All Men Keep sind nicht nur bittersüß, sondern auch unfassbar traurig, Bow ist nicht nur wild, sondern auch schmerzlich. Nach zwanzig, vielleicht auch fünfundzwanzig Minuten, steht die kleine Sängerin mit dem zierlichen Gesicht mit einer großen Whiskeyflasche auf der Bühne und ölt ihre Stimme, nicht zum letzten Mal an diesem Abend. Zusammen mit einem Megaphon wird aus dem auf Platte sehr experimentellem Six Pairs Of Legs And One Pair Of Feet eine rohe, krasse Nummer, die ein großes Finale erlebt. Danach gibt es ein brandneues Stück von der jüngst über COEXTINCTION RECORDS erschienen Digital-EP zu hören, welches noch eine Spur dramatischer und brachialer klingt, als das restliche Material und nicht nur etwas anders als die Songs des Soloalbums, sondern auch anders als MADE OUT OF BABIES ist. Direkt im Anschluss spielen JULIE und ihre Band das WILLIE NELSON-Cover I Just Destroyed The World, das im Vergleich zur Version auf dem Album wie ein Punksong mit Tangorhythmus klingt, bei dem die inzwischen ganz zerzauste Sängerin mit Megafon auf und ab stampft. Hier kommt es also durch, das Riot Grrrl, das auch in ihr schlummert. Sagenhaft!

 JULIE
JULIE und ihre Band lassen die zahlreichen Konkurrenzveranstaltungen an diesem Tag alt aussehen.

Und es lässt sich nicht einsperren. Miss CHRISTMAS hat die Spendierhosen an und vernichtet zusammen mit der Band und einem Großteil des Publikums den Rest vom Feuerwasser, während die Musiker abwechselnd, sofern sie nicht trinken, etwas improvisieren. Und wer nicht will, trinkt trotzdem. JULIE CHRISTMAS hat Macht über uns, nicht wenige würden ihr den Schweiß aus der Achsel lecken, wenn sie es verlangen würde. Um solche Fantasien abzuwirken hören wir als krönenden Abschluss noch July 31st, das uns wieder ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurück holt. Nach fünfzig Minuten sind wirklich alle zutiefst berührt von dieser Performance, von dieser Stimme, von diesen Songs, von dieser einmaligen Künstlerin, die für den Underground dieser Tage so wichtig ist, wie keine andere Sängerin.
Anschließend schleichen wir uns noch ins Hansa 39 und sehen THURSDAY noch ein wenig zu, dann weiter zu ATHEIST in die Kranhalle nebenan. Alles kalter Kaffee, das berührt überhaupt nicht. JULIE CHRISTMAS hat die Hosen an, sonst niemand. Das beste Konzert der letzten Monate, zweifellos.

Setlist JULIE CHRISTMAS:
Everything Is Green
If You Go Away
Bow
Six Pairs Of Legs And One Pair Of Feet
Secrets All Men Keep (Salt Bridge II)
Spread For Hiding
I Just Destroyed The World
July 31st

Fotos: (c) Florian Schneider