ENDSEEKER, DIVIDE, CASKET, HAILSTONE – Backstage Club, München – 06.11.2021

2021 war ein hartes Jahr und doch kamen ausgerechnet die Freunde der ruppigen Ganghart bislang etwas zu kurz. Genau aus diesem Grund holt Veranstalter MRW Concerts die Hamburger Death Metal-Experten von ENDSEEKER zum Jahresabschluss nach München und schnürt drumherum mit DIVIDE, CASKET und HAILSTONE ein Genre-Paket, das nicht nur auf dem Papier wenig Wünsche offen lässt.

Es ist eine verrückte Zeit, in der wir gerade leben. Nach dem vorsichtigen Zurücktasten in eine neue Normalität dieses zweiten Pandemiejahres – vom bestuhlten Gig bis zum maskierten Stehkonzert – sollen wir heute nach exakt 608 Tagen oder rund 19 Monaten endlich wieder eine ganz reguläre Show erleben. Kein Mund-Nasen-Schutz, keine Abstände, keine Sitzplätze und reguläre Kapazität. Im Gegenzug gilt die 3G+-Regelung, weshalb wir uns an diesem kalten Novemberabend selbst eine halbe Stunde nach Einlass noch etwas gedulden müssen, bis wir den gemütlichen Backstage Club von innen sehen dürfen. Ein paar Ausweis- und Zertifikatskontrollen später mischen wir uns endlich unters Volk, als wären wir gerade zwei Jahre durch die Zeit gereist. Der Anfangsschock legt sich allerdings schnell: Es dauert nicht lange, bis sich das alte „Normal“ auch für uns wieder so anfühlt und wir die kollegiale und entspannte Atmosphäre in der Halle auf uns wirken lassen können.

HAILSTONE

Nicht dass wir dazu groß Gelegenheit hätten, denn pünktlich um halb Sieben stehen schon HAILSTONE in den Startlöchern, welche am heutigen Abend musikalisch zwar nicht das Programm sprengen, aber mit ihrem Melodic Death Metal doch die zugänglichste Rezeptur am Start haben. So gehen „Insidious Depravity“ und „The Greater Counterfeit“ mit seinen eingängigen Göteborg-Anleihen unmittelbar mit Tempo nach vorne, als wollten die Münchner das angestaute Adrenalin von guten anderthalb Jahren in einem einzigen explosiven Set entladen. Gitarrist und Sänger Daniel verbringt jede Sekunde abseits des Mikros mit Headbangen und nutzt quasi jeden zweiten Tempowechsel, um das Publikum anzustacheln.

Dementsprechend schnell recken sich alsbald die ersten Fäuste im Club gen Himmel, wenngleich die Aufforderung zum Moshpit vor „Celestial Wrath“ so früh am Abend noch ungehört verhallt. Das mag den steifen Knochen im kalten Herbstwetter geschuldet sein, denn an Engagement mangelt es den angereisten Fans ansonsten kaum: Schon vor Halbzeit erklingen die ersten „Hailstone!“-Chöre im Backstage, was die Lokalmatadoren als Dank mit einem brandneuen Song erwidern: „Under Fallen Skies“ besticht durch Blastbeats und leicht angeschwärztem Anstrich – ein mitreißender Kontrast zur Melancholie des vorausgegangenen „The Shore“. Dass der Sound nicht in allen Ecken der Halle gleichermaßen differenziert ankommt, ist da Nebensache: Die Freude an der Live-Musik überwiegt sowohl vor als auch auf der Bühne, wo Gitarrist Basti mit jedem neuen Song mehr in der Musik aufzugehen scheint. Dabei ist der Musiker alles andere als eine Ausnahme: Nach rund 50 intensiven Minuten verabschieden sich HAILSTONE unter lautstarkem Jubel – wenn man da mal nicht die Meute auf Betriebstemperatur gebracht hat.

HAILSTONE Setlist

1. Insidious Depravity
2. The Greater Counterfeit
3. The Operation
4. Celestial Wrath
5. Bulletstorm
6. Revenant
7. The Shore
8. Under Fallen Skies
9. Desolation Paradise
10. Epitome Of Failure
11. Paragon

Fotogalerie: HAILSTONE

CASKET

Lange Zeit zum Abkühlen bleibt ohnehin nicht: Während über die PA zum Ausgleich etwas klassischer Metal läuft, wird auf der Bühne fleißig umgebaut, um der bayerischen Landeshauptstadt nach kurzer Verschnaufpause zu zeigen, was oldschool wirklich zu bedeuten hat. Tatsächlich macht das Reutlinger Trio CASKET schon seit über drei Dekaden zusammen Musik – das schweißt zusammen und lässt so manchen Trend einfach abperlen. Die Band drosselt also erstmal das Tempo und liefert den Münchnern erdrückenden und puristischen Death Metal der alten Schule: „Bombing Graves“ und „The Rope“ der aktuellen EP „Urn“ (2021) sind mächtig walzende Tracks zum Headbangen, weshalb im Club schon bald gut sichtbar die ersten Nacken zu rotieren beginnen.

Das setzt sich bei altem wie neuem Material gleichermaßen fort – mit „Casketball“ gibt es gar ein Stück des ersten Demos „‘ne Vollkanne“ (1992) – und nimmt auch musikalisch mit fortlaufender Spieldauer an Fahrt auf. Dass CASKET in der zweiten Hälfte des Sets das Tempo vermehrt anziehen, ist ein kluger Schachzug: Kaum glauben wir alles gehört zu haben, gibt es doch noch eine neue Facette im sonst recht traditionsverliebten Sound. Klar, allzu weit wagt sich die Formation nicht aus ihrer Komfortzone, aber das soll heute nicht weiter stören. Schließlich sind wir ja angereist, um Death Metal zu erleben – und den beherrschen CASKET mit all ihrer Routine zweifellos und mit Bravour, auch wenn wir dem einen oder andere Gitarrensolo als Kontrast zu den kellertiefen Growls nicht abgeneigt wären. Spaß haben wir dennoch eine ganze Menge, insbesondere weil die Spielfreude, mit der Bassistin Susi bis zum letzten Ton die Bühne für sich beansprucht, absolut ansteckend wirkt.

Fotogalerie: CASKET

DIVIDE

Kurz darauf geht der kuriose Musikerschwund weiter: Dass DIVIDE aus dem hohen Norden nur zu zweit unterwegs sind, tut der restlichen Show aber keinen Abbruch, auch wenn sich die beiden Musiker anfänglich gar etwas besorgt um das Münchner Publikum zeigen: Ob das denn nicht irgendwann langweilig werde, die ganze Zeit nur Death Metal auf die Ohren zu bekommen, möchte Drummer Moritz Paulsen wissen, bevor das Duo mit „Rats of Gomorrha“ zur nächsten Runde Vollbedienung lädt. Die Antwort darauf lautet offenbar nein, denn auch wenn die Meute vor der Bühne anfangs etwas müde wirkt – man spare sich die Energie für ENDSEEKER auf verrät ein Fan auf Nachfrage der Band -, haben DIVIDE durch ihre offene und humorvolle Art die bayerische Landeshauptstadt schnell auf ihrer Seite.

Spätestens mit dem ASPHYX-Cover „Deathhammer“ brennt dann auch die Bude, woraufhin die zweite Hälfte des Gigs quasi zur Formsache wird. An vorderster Front aber immer der trockene norddeutsche Humor, bei dem ein Seitenhieb auf den Headliner genauso wenig fehlen darf wie eine gesunde Portion Selbstironie: So mancher Metalhead im Publikum spielt da gerne mit und zückt etwa direkt das Feuerzeug, als DIVIDE das schleppend-walzende „The Rise Of Baphomoth“ als Ballade ankündigen. Die Chemie im Raum stimmt, die Musik ebenso: Auch mit Minimalbesetzung bleibt das Set spannend, wenn etwa „Lack Of Black“ und „Death Metal Punks“ mit etwas Hardcore-Punk-Schlagseite im Backstage Club aufräumen, bevor sich die Kieler mit dem Titeltrack ihrer aktuellen EP „Oblitherion“ (2021) so packend verabschieden, wie es rund 50 Minuten zuvor begonnen hat. Die lautstarken Zugabe-Rufe im Backstage waren da eigentlich nur die logische Konsequenz.

DIVIDE Setlist (ca. 50 Minuten)

1. Rats Of Gomorrha
2. Fornicate Within Fire
3. Anthropocide
4. Numinous Stillbirth
5. Deathhammer (ASPHYX-Cover)
6. The Rise Of Baphomoth
7. Lack of Black
8. Blaspheme The Extreme
9. Angeldust
10. Death Metal Punks
11. Oblitherion

Fotogalerie: DIVIDE

ENDSEEKER

Da es auf Konzerten aber leider so etwas wie Zeitpläne gibt, muss die Dreingabe diesmal ausbleiben. Die Alternative ist dafür ein mehr als angemessenes Trostpflaster: Anfang des Jahres haben uns ENDSEEKER mit ihrem aktuellen Album „Mt. Carcass“ (2021) gezeigt, dass der Death Metal skandinavischer Prägung in Norddeutschland quasi sein zweites Zuhause gefunden hat. Wie hervorragend sich die rohe Mixtur aus Groove, Moder und Melodie ins Live-Setting übertragen lässt, haben wir dabei nie angezweifelt. Dennoch trifft uns der Auftakt mit dem Bandklassiker „Flesh Hammer Prophecies“ genau da, wo es weh tut.

Der Sound ist druckvoll, kantig und doch transparent genug, um die Melodien durchsickern zu lassen, während das Quintett auf der kuscheligen Bühne des Backstage Club um jeden Zentimeter Platz konkurriert. Viel Bewegung ist dort oben notgedrungen nicht möglich, was aber weder Bassist Torsten vom Headbangen noch Gitarrist Ben von allerlei verschmitzten Posen abbringen lässt. Die gute Laune der Band springt schnell auf die Münchner über: Als Fronter Lenny das schaurige „Bloodline“ als „Herzblut-Song“ ankündigt, dauert es nur wenige Momente, bis der Club seinen ersten richtigen Moshpit sieht.

ENDSEEKER-Frontmann Lenny ist ein charismatischer Fixpunkt auf der Bühne

Die nachfolgenden „Endseeker“-Chöre quittiert die Band mit der flotten Single „Unholy Rites“, um das stetig anwachsende Gemenge vor der Bühne weiter anzuheizen. Obgleich das aktuelle Album „Mt. Carcass“ rund die Hälfte des Sets stellt, haben die Hamburger ihre alteingesessenen Fans nicht vergessen: Mit dem ENTOMBED-Cover „Supposed To Rot“ und dem Titeltrack der Debüt-EP „Corrosive Revelation“ (2015) gibt es gar Material der ersten Stunde, das vom hiesigen Publikum genauso aufgesogen wird wie jüngere Kompositionen à la „Cult“. Das liegt auch an der engagierten Performance ENDSEEKERs, die dank Sänger Lenny einen charismatischen Fixpunkt gefunden hat. Der Chef-Growler argumentiert mit großer Gestik und ausdrucksstarker Mimik, als würde er nachts am Lagerfeuer den frischgebackenen Pfadfindern die schaurigste Gruselmär erzählen. Tatsächlich wirkt das Gesamtpaket der Band an diesem Abend so vereinnahmend, dass uns das Ende der Show mit dem mächtig groovenden „Possessed By The Flame“ schneller einholt als gedacht.

Ein Umstand, der für die fünf sympathischen Musiker spricht, denn eine Selbstverständlichkeit ist das am Ende eines Abends voller Death Metal gewiss nicht. Nachdem DIVIDE etwas früher im Programm noch mit einem Augenzwinkern scherzten, warum man denn eigentlich ENDSEEKER höre, wenn es doch Bands gebe, die das Ganze vor 30 Jahren schon besser gemacht hätten, folgt die Antwort quasi auf den Brettern: Dort regiert heute konträr zur bitterernsten Materie nämlich die pure Freude an der Live-Musik – und das ist besonders in diesen verrückten Zeiten ein Stück Normalität, das wir unter keinen Umständen missen möchten.

ENDSEEKER Setlist – ca. 60 Minuten

1. Into The Fire (Intro)
2. Flesh Hammer Prophecies
3. Merciless Tide
4. Bloodline
5. Unholy Rites
6. Cure
7. The Harvest
8. Supposed To Rot
9. Count The Dead
10. Cult
11. Mt. Carcass
12. Corrosive Revelation
13. Possessed By The Flame

Fotogalerie: ENDSEEKER

Fotos: Tatjana Braun für vampster.com