ANATHEMA: Bochum/Matrix 24.01.2004

ANATHEMA: Bochum/Matrix 24.01.2004

Mir ist durchaus bewusst, dass die werten Leser an dieser Stelle wieder mal einen völlig fundierten und sachlichen Konzertbericht erwarten… ANATHEMA live kann man jedoch schlecht mit den üblichen, hergebrachten Konzertstandards beschreiben… man kann diese Magie, die Atmosphäre leider nicht einfangen und in Worte fassen, man muss es erlebt haben, und eine ’neutrale‘ Beschreibung des Abends scheint mir eh unmöglich… schließlich reden wir hier von ANATHEMA



Daheimbleiben ist bei ANATHEMA eh ein Frevel, doch gerade bei einem Ticketpreis von 15 Euro und der Aussicht, ein Konzert genießen zu können, ohne über Stunden hinweg andere Combos ertragen zu müssen, ist es eine Schande, dass das Matrix sehr voll war, aber eben nur das Matrix und nicht eine Halle wie die Zeche oder die Zeche Carl in Essen. Das Matrix ist zwar ein netter Laden, doch für Konzerte nicht wirklich sehr geeignet, da sich der Konzertbereich als langgezogener Raum mit seltsamen Röhren an der Seite erweist und Platzangst unausweichlich erscheint, selbst wenn man nicht an Klaustrophobie leidet.

Wie dem auch sei, es gab eine Vorband namens BURIED TIME, die wir (leider) nicht mitbekamen, da Vincent Frank gerade lang und breit erklärte, wie sehr die britische Regierung saugt und dass er eigentlich nach Lateinamerika oder Kanada auswandern will… das, was von der Bühne in den hinteren Bereich des Matrix drang, war aber auch nicht unbedingt der Rede wert…

Die Liverpooler bewegten sich dann auch irgendwann ganz langsam – mit Bierflaschen bewaffnet – auf die Bühne, um dem viel zu langen Intro endlich die ersehnte Livepräsentation folgen zu lassen. Mit von der Partie war auch Jamie Cavanagh, Vinnys Zwillingsbruder, der nach über 10 Jahren Abwesenheit seit dem vergangenen Jahr wieder fester Bestandteil der Band ist und das Familienunternehmen als Basser wieder komplettiert.

ANATHEMA begannen ihren Set mit zwei Stücken des neuen Albums A Natural Disaster, „Balance“ und „Closer“, um die Anwesenden erst einmal wachzurütteln, beziehungsweise aus der Reserve zu locken. Bemerkenswert war, dass die beiden Stücke live noch besser als auf CD rüberkamen und zudem eine andere Dynamik vermittelten, obwohl die Band sich noch nicht warmgespielt hatte und mit technischen Spielereien und Effekten beschäftigt war.



Jedenfalls war es wie immer bei ANATHEMA-Konzerten – es ist wie ein Trip in eine andere Welt, es ist, als würde man eine Klanglandschaft betreten, die einem neue Dinge und Farben eröffnet, aber gleichzeitig dennoch ein vertrautes, fast geborgenes Gefühl vermittelt. Es ist eine wirkliche Flucht aus der Realität hinein in eine Welt, in der man sich selbst nicht verliert, aber vieles vergessen oder auch kennen lernen kann. Anders kann ich Konzerte der Liverpooler nicht beschreiben, und sie mit anderen Bands vergleichen, ist auch unangemessen… der einzige Vergleich, der mir einfällt, sind TORI AMOS-Konzerte, die ähnliche Eindrücke vermitteln…

Die beiden ersten Stücke von A Fine Day To Exit, „Pressure“ und „Release“, wurden von der Band auf die eben unvergleichliche Art und Weise präsentiert. Es ist das Gefühl, das bei ANATHEMA regiert, und sie schaffen es, dies sowohl auf ihren Alben als auch live zu vermitteln, und warum diese Band nicht Millionen Scheiben verkauft und in wirklich großen Hallen spielt, weiß ich bis heute nicht.

Nach „Release“ begaben sich die Liverpooler dann auf eine Reise in ihre eigene Vergangenheit. Den ersten Höhepunkt des Abends lieferten sie dann mit „Angelica“; den ersten Tönen des unvergleichlichen Gitarrenparts folgte der Jubel der anwesenden Menge, die dann bei dem unvergleichlichen „Inner Silence“ wieder abebbte und in einem andächtigen Lauschen des Publikums endete. Einfach nur schön…

„One Last Goodbye“ ist immer ein wirkliches Erlebnis, jedoch auch ein Stück, das ein sehr melancholisches Gefühl hinterlässt. Beim letzten Auftritt in Bochum widmeten sie diesen Song ihrem Busfahrer, dessen Vater einen Abend zuvor verstorben war. Und irgendwann richtet Danny jedes Mal das Mikro ins Publikum und lässt die Fans den Refrain dieses Stückes singen, so auch dieses Mal… wobei sich mir immer wieder ein sehr beklemmendes Gefühl beschleicht, wenn ich daran denke, welchen Hintergrund dieses Stück hat und wie es für die drei Brüder sein muss, diesen Song immer wieder zu performen…


Die Engländer hatten erstmals Lee Douglas mit auf Tour, die kleine Schwester von Drummer John Douglas, die bereits auf sehr vielen Alben der Liverpooler den weiblichen Gesangspart übernommen hatte. Ihre Anwesenheit ermöglichte es der Band, dieses Mal Stücke wie „Temporary Peace“, „Parisienne Moonlight“ und das Titelstück des neuen Albums zu präsentieren. Zwar war Lees Stimme etwas zu laut und übertönte Vincents bzw. Dannys bei „Parsienne Moonlight“, doch ihre wunderbar warme, einfühlsame Präsentation erzeugte gerade bei diesen Stücken ein wirkliches Gänsehaut-Feeling.

ANATHEMA hatten sichtlich Spaß an ihrem Auftritt und ihre Laune besserte sich zunehmend. Vinny bedankte sich beim Publikum, und es schien ehrlich gemeint gewesen zu sein. Die Späße der drei Cavanagh-Brüder kamen gut an, auch die Ankündigung, dass man einige Sommerfestivals spielen wolle. Die Frage, ob die Anwesenden wüssten, wie man auf das „Rock am Ring“-Billing kommen würde, da man doch eigentlich besser als METALLICA wäre, wurde mit schallendem Gelächter bedacht.

Persönlich hätte ich mir anstatt der PINK FLOYD-Cover „Comfortably Numb“ und „Empty Spaces“ – die mir von ANATHEMA besser gefallen als von den Floydies selbst – eher noch „A Dying Wish“ gewünscht, da gerade dieses Stück einer der Klassiker überhaupt ist, und vielleicht „Deep“ oder auch einen noch älteren Song, oder das wunderschöne „Barriers“, nachdem Lee endlich mit von der Partie war… aber man kann ja nicht alles haben…

Franks Analyse des kommerziellen Potentials der Band nach dem Konzert war dann so etwas wie der mentale Wecker, um sich nach dem Ausflug in vertonte Sphären des Unterbewusstseins in den tropischen Temperaturen des Matrix wiederzufinden; tiefgreifende Kalkulationen über „man könnte Vinny als englischen Ville Valo verkaufen“, und „ja, die Groupies vor und hinter der Bühne sprechen da für sich“ beziehungsweise blasphemische Äußerungen wie „Vinny an der Akustikgitarre – das hat was von Costa Cordalis im Dschungel“ oder „ANATHEMA – die Liverpooler Version der Kelly Family“ taten ihr Übriges, um mich wieder vollends in diese grausame Welt zurückzuholen.

Der geniale Auftritt der Liverpooler war jedoch all dies wert, sowohl diese Äußerungen als auch die klirrende Kälte außerhalb der Halle mitsamt einer horrormässigen Autofahrt durch Schneegestöber… oder um es mit ANATHEMA zu sagen… freezing in the cold wind that screams through the silence, in the barren wastes of my heart… (Zitat aus „Alone“, „The Silent Engima“)

Setlist:

Intro

Balance

Closer

Pressure

Release

Forgotten Hopes

Destiny Is Dead

Angelica

Inner Silence

Pulled Under

One Last Goodbye

Parisienne Moonlight

Empty Spaces

Judgement

Panic

Temporary Peace

Flying



A Natural Disaster

Fragile Dreams

Comfortably Numb