VANHELGD: Englisch ist die Muttersprache des Metals

VANHELGD: Englisch ist die Muttersprache des Metals

VANHELGD liefern exquisiten schwedischen Death Metal und ihr fünftes Album „Deimos Sanktuarium“ ist keine Ausnahme. Zeit also, bei Gitarrist und Sänger Mattias virtuell anzuklopfen, um via Interview mehr über die umtriebige Truppe aus Schweden zu erfahren.

Deimos Sanktuarium“ ist eur fünftes Album. Welches Feedback zu eurem Album hat dich am meisten erstaunt? Kann man nach fünf Alben überhaupt noch überrascht werden von Rezensenten und Fans?

Bis jetzt haben wir noch nicht so viel Feedback bekommen, aber was mich wirklich erstaunt, ist, dass einige Rezensenten GENAU verstehen, was wir eigentlich machen. Es scheint, als verstünden sie, wie wir an unsere Musik herangehen. Das ist schon etwas merkwürdig. Andererseits erstaunt das andere Extrem genauso: Kritiker, die uns so überhaupt nicht verstehen und unseren todesmetallischen Hintergrund grad ebenfalls nicht. In dem Fall fühlt es sich an, als würde jemand eine Funeral Doom-Band rezensieren und dann bemängeln, dass sie zu wenig „grindig“ unterwegs seien. Ich denke, ein gut verfasstes Review kann dem Lesenden vermitteln, was ihn erwartet und worum es beim Album geht – plus natürlich die Meinung des Rezensenten.

Ich verstehe total, dass Death Metal nicht für jedermann ist, und das ist okay so. Wir wollen ja auch nicht jedem gefallen, wir machen Death Metal, weil wir Death Metal mögen und ihn brauchen, wir haben dieses unstillbare Bedürfnis, diese Musik zu komponieren. Mich freut es ausserordentlich, dass wir im ewigen Strom der Death Metal-Veröffentlichungen mit unserem Album wahrgenommen werden, vor allem, weil wir ja nicht bei einem grossen Label sind. Es ist schwierig, die Aufmerksamkeit von Presse und Publikum zu bekommen in einer Zeit, in welcher die Aufmerksamkeitsspanne kürzer und kürzer wird. Meiner Meinung nach muss man heutzutage Dinge kreieren, die Substanz haben und in den Köpfen der Menschen wachsen können. Der Trend der unmittelbaren Belohnung wird irgendwann drehen, denn man kann ja nicht immer schneller und schneller „swipen“, oder? Oder werden wir in der Zukunft fünfzehnsekündige Hit-Songs haben, die nur auf Social Media existieren?

Ist das Artwork von “Deimos Sanktuarium“ eine Referenz zu einem spezifischen Song auf dem Album oder ist es mit einem Gesamtkonzept, das das ganze Album umspannt, verbunden?

Zu beidem, denke ich. Der offensichtlichste Bezug besteht zu den Lyrics von „Profaned ist he blood of the covenant“. Unser Text ist inspiriert vom Kunsthistoriker T.J. Clark und seinem Buch “The Sight of Death“, wo er über Poussins Gemälde „Landscape with a man killed by a snake“ von ca. 1648 schreibt. Unter anderem habe ich den Titel von Poussin übernommen und – leicht abgeändert – in die Lyrics eingeflochten. Es ist eine Art Prophezeiung oder die Vision eines Orakels, gefüllt mit Mythologie und Archetypen. Ich habe diese Zeilen allerdings so oft abgeändert während des Schreibprozesses, dass ich Mühe habe, mich daran zu erinnern, welche Zeilen es genau in die Schlussversion geschafft haben.

Der Titel des Albums – „Deimos Sanktuarium“ – hat eine direkte Verbindung zum Vorgängeralbum, „Temple of Phobos“. Deimos ist der Zwillingsbruder von Phobos, den Söhnen von Ares und der Liebesgöttin Aphrodite. Ich glaube, „Profaned is the blood of the covenant” wurde ebenfalls diskutiert als Albumtitel, aber das wäre einfach viel zu lang gewesen. Es dauert immer eine halbe Ewigkeit bei VANHELGD, bis wir uns auf einen Albumtitel geeinigt haben.

Ich habe das Gefühl, dass ASPHYX ein grosser musikalischer Einfluss für euch ist. Ist das wahr? Oder irre ich mich?

Nein, nicht wirklich. Aber ich denke, es ist eine berechtigte Frage und ich verstehe, dass du diese Parallelen heraushörst. Ich mag ASPHYX sehr, aber sie waren nie wirklich eine Inspiration für unsere Musik. Meiner Meinung nach ist „Death… the brutal way“ ihr stärkstes Album, aber sie machen allgemein grossartigen Death Metal. Martin van Drunen ist ein toller Sänger und er inspiriert mich sehr – allerdings habe ich auch noch andere Inspirationsquellen.

Es gibt nämlich andere Bands, die uns weitaus mehr beeinflusst und geformt haben – zum Beispiel alte MORGOTH, PARADISE LOST, AT THE GATES, MY DYING BRIDE, SAMAEL, BOLT THROWER, ENTOMBED, EDGE OF SANITY und AUTOPSY. Ich würde allerdings meinen, dass, wenn man diese Einflüsse zusammenmischt, man manchmal ziemlich nahe an ASPHYX rankommt. Es gibt auch neuere Acts, die uns beeinflussen, wie etwa NECROS CHRISTOS, LIE IN RUINS, DEAD CONGREGATION, DESOLATE SHRINE oder SINMARA. Diese sind vielleicht nicht so offensichtlich, aber sie beeinflussen uns beim Songwriting. Wenn man bei dieser Frage allerdings wirklich fair sein will, müsste man 80% seiner eigenen Musiksammlung namentlich erwähnen – schliesslich inspirieren einen diese Platten im Guten wie im Schlechten.

Würden gerne mal mit IRON MAIDEN in der ED Force One fliegen: VANHELGD (Foto:Henrik Stolt)

Schweden ist ja gemeinhin bekannt für seine wunderbare Death Metal-Szene. Welches Album aus Schweden hat dich persönlich 2018 am meisten überrascht und warum?

Für mich ist das neue AT THE GATES-Album „To Drink From The Night Itself“ das überraschendste Album des Jahres, weil sie Songs darauf haben, die in die Ära von „Terminal Spirit Disease“ und „With Fear I Kiss The Burning Darkness“ passen. Das war wirklich unerwartet. Ich hatte dieses Jahr nicht viel Zeit und Energie, um mir neue Musik anzuhören, da wir ja unser eigenes Album fertigmachen mussten. Wenn wir selber an einem Album arbeiten, dann habe ich jeweils richtiggehend genug von Musik. Ausserdem höre ich mir bei meiner Arbeit als Illustrator lieber Hörbücher an, um meine Produktivität zu steigern.

Kommen wir zurück zu eurem Album “Deimos Sanktuarium”: Ihr habt drei Songtitel auf Schwedisch und singt zum Teil auch auf Schwedisch, wenn ich das nicht falsch herausgehört habe. Es gibt nicht viele schwedischen Death Metal-Bands, die die schwedische Sprache für ihre Lyrics anwenden. Warum denkst du, ist das so? Und warum wolltet ihr genau diese drei Songs auf Schwedisch haben?

Dass ich auf Schwedisch schreibe hat schlicht und ergreifend damit zu tun, dass es meine Muttersprache ist und ich mich darin am besten ausdrücken kann. Aber manchmal muss man auch schauen, was am besten zum Song passt, und da muss man sich auf sein Bauchgefühl verlassen. Manchmal machen wir sogar zwei verschiedene Varianten im Studio – einmal mit einem schwedischen Text, einmal mit einem englischen. Danach überlegen wir, was jetzt besser passt. Ich denke, es ist ziemlich normal für uns und andere, auf Englisch zu schreiben, denn Englisch ist die Muttersprache des Metals, es gehört genauso zum Metal wie verzerrte Gitarren, Drums und Bass. Englisch ist Teil des Rezeptes für Metal und man kann damit ein breiteres Publikum erreichen.

Wie sieht eigentlich euer Songwriting-Prozess aus? 

Wir haben jeweils ein paar Riffs und Ideen, mit denen wir herumspielen. Wir sehen sie uns aus verschiedenen Winkeln an, spielen sie mal schnell, mal langsam, schauen, welche Drums dazu passen und so weiter. Wir probieren verschiedene Strukturen und Kombinationen aus. Oft kommen Jimmy oder ich mit den Riffs, aber alle sind an den Arrangements und dem eigentlichen Songwriting beteiligt. Manchmal habe ich einen Song auch schon fast fertig, aber wir machen nie Demos, die wir einander präsentieren oder sowas. Unsere Herangehensweise an unsere Musik ist sehr natürlich.

Ihr habt ja zwei Mitglieder von KING OF ASGARD in euren Reihen, ich nehme also an, dass ihr einen vielschichtigen Musikgeschmack in der Band habt. Welche Band hat dich zur extremeren Seite des Metals gebracht und wie alt warst du damals?

Ja, wir tun unser Bestes, um KING OF ASGARD komplett in uns aufzusaugen und sie zu einer Band innerhalb von VANHELGD zu machen. Zur extremeren Seite des Metals kam ich 1992 – entweder wegen des Songs „As I Die“ von PARADISE LOST oder wegen des „Clandestine“-Albums von ENTOMBED. Damals entdeckte ich in sehr kurzer Zeit viele Bands. „Clandestine“ habe ich erst nicht verstanden, ich verstand nicht, was eigentlich abging, aber ich mochte die Dunkelheit und die Kraft von „Clandestine“. Ich kann mich ganz genau daran erinnern, wie ich die Lyrics las und Dan Seagraves wunderschönes Artwork anschaute.

Davor hörte ich METALLICA, MEGADETH, IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST und HELLOWEEN. Die Songs „Judas“ und „Ride the Sky“ waren meine Favoriten. Jimmy Johansson hat dieses Interview hier nicht beantwortet, aber ich kenne ihn, seit wir etwa sechs Jahre alt waren und er hat einen ähnlichen Background wie ich. Er war es, der mich zum Metal brachte.

Jonas Albrektsson: Ich denke, bei mir fing die Hingabe zum Metal schon in den 80ern an, als ich in den Metalalben meines älteren Bruders herumgrub. Er hatte unter anderem KISS, VENOM und BATHORY in seiner Sammlung. Danach gings bei mir geradeaus weiter zum Thrash, Death und Black Metal. In den frühen Neunzigern gab es bei mir dann kein Halten mehr und ich (und wohl viele hundert andere) begeisterten sich für AT THE GATES, MORBID ANGEL, MAYHEM und DARKTHRONE. Da war es um meine Seele definitiv komplett geschehen.

Mathias Westman: In den Neunzigern haben mir Freunde IRON MAIDEN gezeigt. Das war die erste Metalband, die ich wirklich verehrte. Dann habe ich in lokalen Plattenläden weitere Bands entdeckt, zum Beispiel SLAYER. Mit SLAYER offenbarte sich mir die dunklere Seite des Metals. Aber als ein Freund von mir DARK FUNERALs „Secrets of the Black Arts“ einlegte, traf es mich wie eine Schockwelle. Das war eine wirklich intensive Offenbarung und der Beginn meiner Reise in die Gefilde des Black und Death Metals. Wichtige Bands für mich waren (und sind) DARKTHRONE, BURZUM, MAYHEM, DISSECTION, DEICIDE, MORBID ANGEL, ENTOMBED und DISMEMBER

Wenn VANHELGD einen TV-Werbespot für „Deimos Sanktuarium“ gestalten müsste, wie würde er aussehen?

Es wäre eine einzige Kerze zu sehen, die langsam erlischt, unsere Musik und der Schriftzug „VANHELGDDeimos Sanktuarium“. Mehr nicht – denn mehr braucht es auch nicht.

Mit welcher Band würdet ihr in euren wildesten Träumen auf Tour gehen?

Mit IRON MAIDEN. Aber wir würden gar nicht selber spielen, wir würden einfach mit ihnen um die Welt reisen in Ed Force 1 und bei allen Konzerten dabei sein.

Wie sieht es mit – sagen wir mal “realistischeren“ – Liveplänen von VANHELGD aus für 2018 und 2019? Werdet ihr „Deimos Sanktuarium“ auch im Ausland live promoten?

Wir haben einige Shows hier in Schweden, die anstehen. Aber international ist momentan noch nichts geplant.

Fotos: Label

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.