SPOCK´S BEARD: Ein kleines bisschen Horrorschau

SPOCK´S BEARD: Ein kleines bisschen Horrorschau

SPOCK´S BEARD haben mit ihrem neunten Studioalbum Spock´s Beard ein überraschend abwechslungsreiches Werk abgeliefert. Gitarrist Alan Morse redet im Interview über die Entstehung des neuen Albums und wirft einen Blick zurück auf die Anfangszeit der Band.

Kannst du dich noch entsinnen, welche Zielvorstellungen ihr zu Beginn des Songwritings hattet?

Wir begannen uns über ein neues Album zu unterhalten, als wir uns gerade im Studio befanden und für eine Tour probten. Die Leute brachten Demos mit. Wir fanden, dass darunter ein paar ziemlich coole Sachen waren und fingen an. Wir hatten keine direkte Richtung im Sinn. Wir wollten ein Album machen und hatte eine Menge Sachen, die wir dann umgesetzt haben.

War es eine bewusste Entscheidung, nicht Octane Teil 2 zu machen? Also keine Spielzeitbeschränkung, keine Extra-CD für die stilfremderen Stücke?

Nein, es war keine bewusste Entscheidung. Es passierte einfach. Wir haben gewöhnlich keinen konkreten Plan im Hinterkopf. Wir machen einfach, was uns gefällt.

Der erste Song auf dem Album, On A Perfect Day, ist ein Gemeinschaftswerk von mehreren Leuten, u.a. von dir. Da es mein Lieblingslied auf der CD ist, würde mich interessieren, wer ursprünglich die Idee dazu hatte und wie es sich dann entwickelt hat.

Das war ein längerer Entwicklungsprozess. Ein paar von uns hingen in meinem Studio rum und warfen Ideen in die Runde. Nick kam mit der Melodie an (summt den Refrain) und wir meinten: Ja, das ist cool! Stan nahm es mit nach Hause und schrieb den Teil, der daran anschließt und auch vorher das ganze Intro ausmacht. Wir fanden es cool und es wurden die restlichen Sachen nach und nach hinzugefügt, bis die jetzige Fassung fertig war. Es ist fast schon eine Art Frankenstein-Stück. Das ist seltsam, weil so etwas meiner Erfahrung nach gewöhnlich nicht funktioniert und gestückelt klingt. Aber es klappte und wir sind sehr glücklich damit.

SPOCK´S
Obwohl er mit SPOCK´S BEARD fast jährlich eine neue CD am Start hat, wird Gitarrist Alan Morse Anfang nächsten Jahres sein erstes Soloalbum veröffentlichen.

Wie weit habt ihr im Studio noch an den Stücken geschrieben und gebastelt?

Wir haben eigentlich nichts mehr während den Aufnahmen im Studio geschrieben. Wobei, das ist nicht ganz richtig. Das meiste war bereits vorher geschrieben worden. Ich habe das kleine Gitarrenzwischenspiel bei On A Perfect Day noch schnell im Studio geschrieben und das Stück, das Nick und Ryo gemeinsam geschrieben haben, entstand ebenfalls noch im Studio. Das meiste Material stand aber bereits.

Wieder einmal habt ihr einige längere Songs am Start. Wie entscheidet ihr, dass ein Stück jetzt fertig ist und nicht noch einen Teil oder eine neue Struktur braucht?

(lacht) Bisweilen ist es schwer, das zu sagen. Einige dieser Stücke wachsen einfach und werden immer größer. Manchmal folgt man einfach und schaut, wo es einen hinführt. Manchmal erreicht man den Punkt, wo man sagt: Ich bin fertig. Keine weiteren Änderungen mehr. Manche wachsen so lange, wie man sie lässt, und entwickeln ein Eigenleben wie diese Frankenstein-Sache.

Auf die Bühnenumsetzung von welchem Song bist du am meisten erpicht?

Ich möchte gerne On A Perfect Day spielen. Das wird eine interessante Herausforderung werden. Im Gitarrenbereich wird das knifflig werden. Auf dem Album gibt es eine Menge Gitarrenspuren, insgesamt zwölf oder so, mit vielen unterschiedlichen Sounds. Das live umzusetzen, wird schwierig werden. Ich bin mir wirklich nicht sicher, wie wir das umsetzen werden. Aber Nick und ich werden uns etwas einfallen lassen, damit es gut klingt. Und dann noch Is This Love, Nicks Lied. Das wird spaßig. Das Hauptriff ist auf einer Bariton-Gitarre. Das Problem ist, dass ich deshalb eine zusätzliche Gitarre mit auf Tour nehmen muss.

Immerhin kein Cello.

Nein, ich habe schon eine ganze Weile kein Cello mehr dabei gehabt.

Stimmt es, dass Dave eine große Skelettsammlung besitzt?

Ja, er hat eine Menge Sachen. Er hat ein ganz schön unheimliches Haus, zumindest als ich das letzte Mal bei ihm war. Ich kenne sein neues Haus noch nicht, aber er wohnte vorher hier in L.A.

Kommt daher der Titel für das Instrumental Skeletons At The Feast?

Ich vermute, es heißt so, weil es so ähnlich klingt. Eher düster und so.

SPOCK´S
Alan Morse zeigt, dass atemberaubende Gitarrensoli auch ohne Plektrum spielbar sind.

Bei diesem Stück spielst du einige abgefahrene Soli.

Oh, danke, ja. Ich habe mich für das volle Shred-Brett entschieden. Das war witzig. John kam eines Tages bei mir vorbei und hatte das Demo dafür. Er ließ mich einfach ein paar Sachen dazu spielen. Nicht unbedingt als Witz, aber einfach nur zum Vergnügen. Das Ergebnis klang aber cool und wir behielten es.

Als ich den Vorabausschnitt von dem Song einem Kumpel vorspielte und sagte, du würdest das mit den Fingern spielen, meinte er: Nie im Leben!

Es ist unmöglich, Junge. Ja, ich bin hier und sage dir, es ist möglich.

Du hast ja bereits in der Dankesliste im The Light-Inlay deinem Bruder Neal für die Bemerkung gedankt, du würdest nie Leadgitarre ohne Plektrum spielen können.

Oh ja? Ich zeig´s dir. Wir haben zusammen gelernt, wie man spielt. Es war ein klassischer Fall von Geschwisterrivalität. Wir versuchten uns gegenseitig zu übertreffen und das kam dabei heraus.

Worin unterscheidet sich euer Publikum in Europa von dem in den Vereinigten Staaten?

Es ist größer. Wir ziehen einfach mehr Leute an und haben mehr Fans in Europa als in Amerika, aus welchen Gründen auch immer. Sie neigen dazu, lauter zu sein und mehr Energie zu haben. Die Leute in Amerika und besonders in L.A. sind irgendwie übersättigt. Natürlich nicht immer, aber die Tendenz ist da. Ich liebe es, in Europa zu spielen. Die Leute gehen richtig mit und machen viel Lärm. So macht die Sache Spaß!

Was macht ihr mit eurem alten Material, um zu verhindern, dass es euch auf der Bühne damit nicht langweilig wird?

Wir treten nicht so häufig auf, so dass das kein großes Problem darstellt. Es macht immer noch Spaß und bleibt frisch, da wir viel Zeit zwischen den Auftritten haben. Mir macht das auch überhaupt nichts; ich liebe den Großteil unseres alten Materials immer noch.

Auf eurer letzten Tour hat Ryo regelmäßig Witze auf Japanisch erzählt. Sind dir Übersetzungen davon bekannt?

(lacht) Manchmal weiß ich, wovon er redet. Da ich viel Zeit in seiner Gesellschaft verbracht habe, weiß ich, was einige der Wörter bedeuten. Aber ich glaube nicht, dass du die Übersetzungen davon abdrucken könntest.

Ist das der Grund, warum ihr nicht in Japan auftretet?

Genau. Einmal war es witzig: Er erzählte einen seiner Witze und jemand aus dem Publikum rief etwas auf Japanisch, worauf er Angst bekam: Oh nein, die verstehen mich! Meistens habe ich keine Ahnung, was er erzählt. Er geht einfach ab.

SPOCK´S
Alan Morse (hier live in Aschaffenburg am 2.10.2005) über die Anfänge der Band: Wir hatten eigentlich schon aufgegeben. Uns war klar, dass wir nie Rockstars werden würden. Deshalb machten wir einfach, wonach uns der Sinn stand.

Hättest du zur Zeit, als euer erste Album The Light rauskam, gedacht, dass SPOCK´S BEARD zehn Jahre und viele Alben später immer noch existieren würden?

Wir hatten keinen Schimmer. Damals machten wir es einfach zum Vergnügen. Wir dachten nicht, dass es für diese Art von Musik irgendein Publikum geben würde. Wir hatten eigentlich schon aufgegeben. Uns war klar, dass wir nie Rockstars werden würden. Deshalb machten wir einfach, wonach uns der Sinn stand. Wenn es keinem gefällt, Scheiß drauf. Und jetzt sind wir hier. Man weiß nie, was passieren wird.

Seither gab es einen stetigen Strom von Alben und Liedern. Habt ihr nie das Verlangen gehabt, mehrere Jahre lang an neuem Material herumzubasteln? Ihr liefert fast jedes Jahr eine neue CD ab und habt noch nie wie DEF LEPPARD fünf Jahre dafür gebraucht.

Wir können uns diesen Luxus nicht unbedingt erlauben. Wir sehen zu, dass die Sache in Bewegung bleibt. Wären wir reiche Rockstars wie DEF LEPPARD, würden wir vielleicht jahrelang rumhängen, ohne ein Album rauszubringen. Aber die Zeit dafür haben wir nicht. Wir wollen dran bleiben und lebendig sein.

Wie viel Bandurlaub hast du denn, also Zeit, in der weder Aufnahmen, noch Auftritte anstehen?

Da habe ich viel Zeit. Wir touren ja nur ein- oder zweimal im Jahr für eher kurze Zeit. Da denke ich nicht die ganze Zeit an SPOCK´S BEARD. Selbst wenn wir ein Album produzieren, sitze ich nicht die ganze Zeit dabei. Ich komme und nehme meine Sachen auf. Aber wenn es nichts für mich zu tun gibt, bin ich nicht da. Es wird sonst ehrlich gesagt auch langweilig. Zwischendurch bleibt also genug Zeit, andere Sachen zu machen. Ich habe letztes Jahr auch ein Soloalbum aufgenommen, das im März rauskommen wird. Vermutlich werde ich recht bald noch ein weiteres machen.

Handelt es sich dabei um instrumentale Musik?

Ja, das wird in erster Linie ein Gitarrengott-Album werden bzw. ein Gitarristen-Album. Ich würde mich selbst nicht unbedingt einen Gitarrengott nennen. Es ist alles instrumental und ziemlich cool geworden.

Du bist nicht der erste Mensch, der so etwas macht.

Wirklich nicht? Du machst Witze. Oh nein!

Was war deine Motivation?

Viele Leute haben mich im Laufe der Jahre darauf angesprochen. Ich wollte es lange Zeit nicht machen. Da auf den SPOCK´S BEARD-Alben ständig so viel auf einmal passiert, wollte ich etwas machen, wo man die Gitarre richtig hört. Ich wollte irgendwie mein Statement abgeben und den Leuten zeigen, was ich wirklich drauf habe. Bei SPOCK´S BEARD geht es darum, die jeweiligen Passagen und Melodielinien zu spielen. Es gibt – offen gesagt – nicht so viele Gelegenheiten, um anzugeben. Ich wollte eine Möglichkeit haben, genau das zu machen und ein eigenes Album aufzunehmen, so wie es mir gefällt, ohne dass mir jemand reinredet. Deshalb habe ich es gemacht.

Ihr habt auf dem neuen Album einen Kinderchor. Soweit ich das aus dem Inlay erschließen kann, ist das auf deinem Mist gewachsen. Stimmt das?

Ja, das war eine witzige Sache.

Habt ihr die Kinder ins Studio geholt oder das Studio zu den Kindern?

Ich habe das Studio zu den Kindern gebracht. Das ist der Schulchor meiner Kinder. Wir waren im Studio und meinten, es wäre cool, wenn wir für diese Stelle einen großen Kinderchor hätten. Meine Kinder sind in einem Chor, also warum nicht? Ich habe meinen Laptop und ein paar Mikros zu ihrer Probe mitgenommen und es aufgenommen. Es hat viel Spaß gemacht. Sie haben großartig gesungen und das Ergebnis ist toll geworden. Wir haben etwa 50 Spuren aufgenommen und diese dann zusammengefügt, damit es richtig groß klingt. Moderne Aufnahmezauberei.

Da du es ansprichst: Nehmt ihr inzwischen komplett digital auf? Wie liefen im Gegensatz dazu die The Light-Aufnahmen ab?

Heutzutage ist alles digital am Computer. Unser erstes Album hatten wird selbst finanziert. Folglich gab es kein Budget. Wir haben das ganze Teil hauptsächlich in unserem Wohnzimmer aufgenommen und gemischt. Und es war sehr amüsant. Wir haben es eigenhändig über ein altes Mischpult abgemischt. Wir sind zu viert drum herum gesessen. Jeder war für ein paar bestimmte Kanäle zuständig. Jetzt läuft alles über Computer und ist wesentlich einfacher. Es ist eine komplett andere Geschichte. Manche Sachen daran sind gut, andere sind weniger gut. So ist es.

Welcher war der Moment, an dem du am nächsten dran warst, die Band zu verlassen? Oder zumindest zu denken, du wärst vielleicht besser dran ohne diese verrückten Musiker um dich herum?

Solche Momente hat es gegeben. Es ist hart, fast so, als wäre man verheiratet, nur irgendwie schlimmer.

Es sind vier Jungs und nicht eine Frau.

Ja, genau. Manchmal denkt man: Ich muss mir das nicht antun. In der Zeit, als Neal die Band verließ, war ich ziemlich unglücklich mit der Lage. Es hat sich aber alles zum Guten gewandelt. Damals war ich am nächsten dran, aber es war nie ernst. Es macht Spaß und die Jungs sind alle großartige Musiker. Ich weiß nicht, wo man bessere finden könnte. Es kommt natürlich manchmal zu Spannungen, aber das ist ganz normal.

SPOCK´S
Nick D´Virgilio spielt seit dem Ausstieg von Neal Morse auch Gitarre und hat den Leadgesang übernommen.

Bist du schon mal Opfer von irgendwelchen Streichen geworden?

Wir in der Band sind eigentlich keine großen Scherzbolde. Aber es gab Zeiten, als wir mit anderen Leuten unterwegs waren, etwa mit DREAM THEATER, da passierte es gegen Ende der Tour, dass Mike Portnoy verrückt wurde. Wir spielten im House of Blues in L.A. und er begann uns mit Essen zu bewerfen. Ich habe Jahre gebraucht, um die Reste aus meinen Pedalen zu entfernen. Zum Tourende hin passieren traditionell solche Sachen. Innerhalb der Band lassen wir einander in Frieden. Es ist so schon anstrengend genug.

Wie verbringst du deine Zeit auf Transatlantikflügen?

Ich nehme jede Unterhaltungsmöglichkeit wahr, die ich finde. Ich lese gerne viel. Ansonsten mache ich eben Kreuzworträtsel und schaue die Filme an. Was bei unserer letzten Europatour richtig cool war: Ich überredete jemanden von der Crew, ein Mountainbike mitzubringen. So konnte ich jeden Tag Rad fahren. Das war spitze! Aber das kann man natürlich nicht an Bord eines Flugzeugs machen.

Jeder SPOCK´S BEARD-Fan scheint ein anderes Lieblingslied zu haben. Hast du selber ein Lieblingsstück oder vielleicht eine Art Lieblingssongtyp?

Ich mag viel von dem instrumentalen Zeug. Ich bin Gitarrist und mag Sachen mit viel Gitarren. Was soll ich machen? Ich spiele gerne so etwas wie Go The Way You Go live, das macht viel Spaß mit dem ausufernden Solo am Ende. Ich mag viele von den alten Sachen. Ich mag auch Feel Euphoria sehr. Das ist eine meiner Lieblingsscheiben. Viele Leute fanden es nicht so toll, aber ich finde es klasse! Ich hatte es eine ganze Weile nicht gehört und vor ein paar Tagen wieder rausgeholt und aufgelegt. Ich dachte bei mir: Das ist wirklich gut! Ich mag Carry On. Das ist eine gute Nummer. Aber tendenziell mag ich die instrumentalen Heavy-Sachen lieber und die, die richtig abrocken. Oh, und ich finde von unserer letzten Platte She Is Everything richtig gut. Das zu spielen macht viel Spaß, nicht zuletzt wegen dem Gitarrensolo – wobei eigentlich… gerade wegen dem Gitarrensolo! (lacht) Deshalb habe ich wohl ein Soloalbum gemacht: Hier ist ein Haufen großer Gitarrensoli!

Fotos: Jutze

Jutze
.