SHEPHERD: Doom

SHEPHERD: Doom

Meistens sind die Infos der Labels zu ihren jeweiligen Scheiben mit mehr oder weniger interessanten Superlativen versehen, die man zumindest in den Einleitungen zu den Interviews mit diesen Bands verwenden kann. Wenn aber eine Band ihrer neuen Scheibe ein Infoblatt beilegt, das nur das Wort „DOOM“ enthält, dann sieht es mit dem Informationsgehalt eher mau aus. Die Band, die diese alles- und nichtssagende Info verfasste, hört auf den Namen SHEPHERD und Sänger Andreas musste mir deshalb einiges erklären…

Ihr tut sehr geheimnisvoll, verzichtet im Info und im Booklet auf nähere Informationen zu den Bandmitgliedern/Bandgeschichte. Warum diese Geheimniskrämerei und würdest Du bitte etwas über den bisherigen Karriereverlauf erzählen?

Die „Geheimniskrämerei“ ist gar nicht so gewollt, wie sie vielleicht scheint. Das Info besteht deshalb nur aus dem Wort Doom, weil wir der Meinung sind, dass das alles umschreibt, was man zu SHEPHERD wissen muss. In Bandinfos wird eh viel zu viel herumgeschwallt, warum das jetzt die Neuerfindung des Rades ist und wer schon mit wem die Bühne geteilt hat und warum die Band so klingt wie eine andere, aber trotzdem total eigenständig ist. Das ist manchmal der totale Kindergarten. So was brauchen wir nicht. Wir sind eine Doom-Band und das ist es dann. Wie wir klingen, hört man, und wo wir herkommen, ist unwichtig. Der Rest findet sich in Musik und Artwork, bei dem wir uns dann ja wieder sehr viel Mühe gegeben haben. Im Booklet vermeiden wir die übliche Aufzählung von Namen aus dem gleichen Grund wie auch das Fehlen einer Biographie: SHEPHERD braucht keine Egos und kein Namedropping. Das ist nicht irgendwie aufgesetzt oder ein ganz besonders schlaues Konzept, sondern tatsächlich das, was diese Band ausmacht, wie sie arbeitet und wie die Songs entstehen. Die Egos bleiben draußen: Fünf Individuen treffen, die eine Vision, eine Idee haben und setzen sie dann gemeinsam um. Das Ergebnis ist SHEPHERD und nur das zählt. Ich hab sehr viel übrig für diese Arbeitsweise. Die Bandgeschichte ist relativ kurz erzählt und auch genauso unspektakulär: Nico, unser Basser und ich kennen uns schon sehr lange. Irgendwann haben wir dann einfach Lust gehabt, eine richtig konsequente Doom-Band zu machen, die sich ganz bewusst in eine Schublade steckt. Mal was anderes als immer die ewigen wir wollen uns eigentlich nicht in eine Kategorie zwängen lassen-Heulereien heutzutage. Und dann haben wir Leute gesucht, die diese Idee teilen und dann ging es mit den Proben los. Irgendwann fängt man dann an, ein paar Shows zu spielen und damit man auch richtigen Grund dazu hat, muss eine Platte her. Und hier ist sie.

Wie viele Demos gab es vor der Album-VÖ?

Eins. „Doomonstration“ erschien im letzten Jahr zu unserem Gig auf dem Stoned From The Underground Festival in Erfurt (sehr cooles Festival übrigens! Dieses Jahr am 18. und 19 Juli…) Das Demo war stark limitiert und deshalb natürlich auch ruckzuck vergriffen. Die drei Songs sind auch auf dem Album, allerdings in viel besseren Versionen.

Mit welchen Bands habt Ihr bisher gespielt?

Nach unserem ersten Gig auf eben besagtem Festival haben wir bisher Shows mit SUNN0))), THRONES, ISIS, SAMAYAYO, GOOD WITCH OF THE SOUTH, THE OCEAN ND ARVID NOIR gespielt. Im Juli werden wir THE HIDDEN HAND, Scott „Wino“ Weinrichs neue Band, auf Tour begleiten. Dass wir uns darüber freuen wie die Könige muss ich eigentlich nicht erwähnen. Muss ich?

Was gibt es über die Songs auf „Laments“ zu berichten. Über welchen Zeitraum entstanden diese, wovon handeln diese textlich?

Das Album „Laments“ ist im Laufe des letzten Jahres entstanden. Als wir alle Stücke fertig hatten, haben wir uns zwei Nächte in ein Studio verzogen, ein paar Kerzen angezündet und das Zeug eingespielt. Eine Nacht alle Instrumente, in der zweiten Nacht den kompletten Gesang, immer von 10 Uhr abends bis ca. 8 Uhr morgens. Das war einfach ein sehr konzentriertes Arbeiten in einer großartigen Atmosphäre. Und ich glaube, das hört man der Platte auch an. Die Vocals sind z.B. hintereinander durchgesungen. Alles first takes, alles ohne Absetzen, ohne Nachbessern. Rein in die Kabine, durchgesungen, fertig. Das hat irgendwie was ehrliches. Obwohl, so ganz stimmt das nicht, die Songs, die schon auf dem Demo waren, haben wir vorher aufgenommen, allerdings unter den gleichen Bedingungen. Tja, und dann haben sich unser Drummer Tobi und Gitarrist Oli an den Computer gehockt und das Zeug gemixt und fertig produziert. Diese Platte ist wirklich ein totales D.I.Y.-Produkt: selber aufgenommen, selber produziert und gemixt. Das Artwork selber gemacht und auf dem eigenen Label veröffentlicht. So wollte ich das immer haben. Keine Kompromisse. Inhaltlich sind die Songs eine Art persönliche Sicht auf Dinge, die mich und die ganze Band bewegen. Die Texte sind sehr metaphorisch und nihilistisch, manchmal auch ziemlich misanthropisch. Ich würde nicht sagen, dass sie grundsätzlich negativ sind, denn aus ihnen spricht doch sehr viel Hoffnung, aber sie sind düster. Inspirationen sind seelische Schmerzen, unerwiderte Liebe und der z.Zt. ziemlich aussichtslose Zustand der menschlichen Gesellschaft. Das mag alles sehr hochtrabend klingen, aber so würde ich es beschreiben. Einige der Songs sind sehr persönlich, wo es tatsächlich auch um meine eigenen Stimmungen und Depressionen geht, während andere eher eine Sicht von außen repräsentieren. Dinge, die mich da gerade zur Zeit ziemlich beschäftigen, auch aus aktuellem Anlass, Religion und ihre Nutzung zur Rechtfertigung von Totalitarismen beispielsweise. Woanders geht es wieder um die offenbare Unfähigkeit der Menschheit, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und diese auch zu rechtfertigen. Wie schon gesagt, alles in einer sehr düsteren, aber nicht kalten Atmosphäre. Doom ist eine sehr warme Musik, anders als vielleicht Gothic Rock oder Black Metal. Und genau das ist es, was ich an Doom so mag und was sich auch in den Texten widerspiegelt: es ist sehr spirituell, sehr intensiv und sehr schwer zu beschreiben, weil es sehr körperlich ist.

Ihr lobpreist „Wino“ im Booklet? Viele andere bezeichnen aber Toni Iommi als „Godfather of Doom“. Was unterscheidet Deiner Meinung nach Toni von Wino?

Es hat glaube ich, sehr viel damit zu tun, wie man diese beiden wahrnimmt: Sicher, Toni Iommi ist einer der großartigsten Gitarristen aller Zeiten und als treibende Kraft hinter dem Sound von BLACK SABBATH verantwortlich für fast alles, was uns heute in Sachen harter, gitarrenorientierter Musik so begegnet. Ihn als den „Godfather Of Doom“ zu bezeichnen, würde ich trotzdem nicht unterschreiben, weil er zwar den Startschuss gegeben haben mag, die Ausformulierung dieses Genres haben aber andere besorgt. Doom als Stil etabliert und mit Leben gefüllt haben für mich andere Bands und eben ganz besonders Wino. Er hat mit SAINT VITUS und THE OBSESSED (die ja manche nicht mal für eine Doom-Band halten) Doom mit Leben und Inhalten gefüllt, ihn zu einer Zeit gespielt, als sich wirklich niemand dafür interessiert hat und Toni Iommi eine Platte wie „TYR“ aufgenommen hat, und Doom eben als Stil erst auf die musikalische Landkarte gesetzt. Das ist der Verdienst von Wino. Was außerdem noch dazukommt ist die Verbindung von Doom und Punk, die Wino immer perfekt repräsentiert hat. Die Metalheads haben SAINT VITUS anfangs gehasst, während die Punks zu den Shows gegangen sind. Das war mir immer sehr sympathisch, weil ich mit Metal an sich nie irgendwas anfangen konnte und bis heute nicht kann.

Ebenso werden BLACK SABBATH als erste Doomband bezeichnet. Kannst Du diese Meinung teilen? Wer ist für Dich DIE Doomband überhaupt und warum?

Man könnte ebenso BLUE CHEER als erste Doomband bezeichnen, oder BLACK WIDOW oder STONEWALL oder UTOPIA. Wegen mir sogar John Coltrane als erste Ein-Mann-Doomband. Sicher ist, dass BLACK SABBATH mit ihrem Nihilismus und der Sound-Ästhetik den Grundstein gelegt haben, gemeinsam mit vielen anderen Bands und Künstlern. Trotzdem sind sie für mich nicht die erste Doom-Band. Das sind und bleiben PENTAGRAM! DIE Doomband zu benennen fällt insofern schwer, als Doom selbst mittlerweile so viele Spielarten kennt, die man gar nicht wirklich vergleichen kann. Oder wer wollte sich schon zwischen SKEPTICISM, DISEMBOWELMENT und SAINT VITUS entscheiden? Das wäre zuviel verlangt. Ich würde mich aber trotzdem auf einige festlegen: PENTAGRAM, weil sie die Band sind, die über Jahrzehnte Doom nicht nur gespielt, sondern vor allem auch gelebt hat, was man aber keinesfalls glorifizieren sollte, denn schließlich haben sich da Menschen mit Musik, ihrem Glauben daran und den dazu vermeintlich nötigen Subtanzen fast ruiniert. SAINT VITUS, weil sie auf der Basis von BLACK SABBATH und dem Geist der 70er einen Sound begründet haben, an dem sich heute jede, aber auch wirklich jede Doom Band messen lassen muss. DISEMBOWELMENT, weil sie Doom auf eine neues Level in Sachen Druck, Heavyness und Intensität gehoben haben und damit das gesamte eigene Genre der Verbindung aus Death und Doom begründet haben, was heute von Bands wie GRIEF (R.I.P.) oder SOUR VEIN beackert wird. Und SKEPTICISM, weil sie ebenso wie DISEMBOWELMENT eine neues Genre quasi begründet haben: Funeral Doom mit seiner ungeheuer deepen Atmosphäre und seinem morbiden Charme.

Ich hab in den 13 Jahren, die ich jetzt als Scheiberling agiere, noch nicht viele deutsche Doombands zu Gehör bekommen. Gibt’s keine vernünftigen Doombands in Deutschland und wie siehst Du die deutsche Doomlandschaft im allgemeinen?

Das ist eine schwierige Frage, weil ich da bestimmt nicht der richtige Ansprechpartner bin. Es gibt eine deutsche Doomszene, die allerdings sehr im Underground operiert. Ich habe davon erst in den letzten Jahren wirklich Notiz genommen. Das ist aber auch das Faszinierende daran: egal ob in Deutschland oder im globalen Maßstab scheint Doom eine Szene zu haben, die wirklich noch so richtig im Underground operiert, völlig autark und abkekoppelt von der Majorpresse. Wenn man mal auf doom-metal.com geht, sieht man das sehr schnell, mit welchem Enthusiasmus da diskutiert wird, über Bands, die du nirgendwo anders entdecken kannst, die aber trotzdem eine Menge Fans haben und Platten verkaufen. Es gibt schon einige gute Bands hier, MIRROR OF DECEPTION, z.B., obwohl mir die immer zu CANDLEMASSig sind, aber das ist ein persönliches Ding. Ich mag einfach diesen 70er Touch im Doom mehr als die ausgefeilten Vokalakrobaten. Trotzdem sind MoD eine extrem gute und wichtige Band hier. Sie sind ja auch zu einem großen Teil am Doom Shall Rise Festival beteiligt, das dieses Jahr zum ersten Mal stattfand und wohl so erfolgreich war wie es sich niemand hätte träumen lassen. Andere Bands, die ich kenne und die auch ziemlich gut sind, sind SPANCER, GORILLA MONSOON (hail!), WEED IN THE HEAD und DREAMING. Und natürlich VOODOOSHOCK, die neue Band von Uwe Groebel, der mal bei NAEVUS war. VOODOOSHOCK sind eine Killer-Band. Das Album ist für mich definitiv das beste Doom-Album des letzten Jahres. Es gibt also schon ein paar vernünftige Bands hier. Und die Szene ist zwar überschaubar, aber trotzdem rege und aktiv. Ich meine, wir haben da ja auch eine entsprechende Tradition zu verteidigen: Hellhound, eines der wohl legendärsten und stilprägendsten Labels in Sachen Doom war eine Berliner Firma und viele Doombands vor allem aus den USA halten Deutschland für den wichtigsten Markt neben der USA: Wino z.B. erzählt immer wieder, wie großartig das Touren in Deutschland sei, auch und vor allem wegen der Fans. Immerhin haben ja auch VITUS und OBSESSED insgesamt vier Platten in Deutschland aufgenommen.

Du hast ja auch ein eigenes Label gegründet. Aus mangelndem Interesse an Eurer Band? Was sind die Vor- und Nachteile eines eigenen Labels? Ist es ein reines SHEPHERD-(Doom-)Label oder werden noch andere Bands gesignt.

Ohoho, da bist du schlecht informiert. Das Label gabs schon lange vor SHEPHERD. Und „Laments“ ist immerhin schon die 11. Platte auf Exile On Mainstream. Die Platte auf meinem Label rauszubringen, war eine logische Entscheidung. Warum sich mit einer anderen Firma rumärgern, hundert Demos verschicken und über Vertragsformalitäten streiten, wenn man die Kraft, die man dazu verwendet lieber auf etwas anderes konzentrieren kann? Das Label habe ich 1999 gegründet. Die ursprüngliche Intention war die gleiche wie bei vielen anderen Labels auch: Das kann ich auch und vielleicht noch besser. Und außerdem gibt es da draußen noch verdammt viele Bands, deren Musik gehört gehört und die einfach jemand rausbringen muss. Also: just another goddamn Indie label. Vorteile: totale Kontrolle in künstlerischer und finanzieller Hinsicht, die Möglichkeit, einen Traum exakt so Wirklichkeit werden zu lassen, wie man sich das vorstellt. Nachteile: ein Haufen Arbeit ohne wirklich davon leben zu können. Aber das soll ja auch manchmal gesund sein. Exile On Mainstream Records ist im Übrigen kein Label, dass sich einem bestimmten Sound verschrieben hat. Deshalb kann man natürlich nicht von einem Doom-Label sprechen. Ich suche die Bands strikt nach persönlichem Geschmack aus, der sehr breit gefächert ist. Was ich gut finde, kommt raus, egal ob mir jemand weismachen will, dass das jetzt auf das Label passt oder nicht. Große Vorbilder wie SST oder Homestead haben sich das auch nie gefragt und damit ein verdammtes Zeichen gesetzt. Im Juni wird übrigens die erste Platte von THE HIDDEN HAND erscheinen, der neuen Band von Scott „Wino“ Weinrich. Sie heißt „Divine Propaganda“ und ist das beste, was dieser Mann je gemacht hat, auch wenn sie sich von seinen vorherigen Bands OBSESSED, SAINT VITUS und SPIRIT CARAVAN doch sehr unterscheidet.

Ich habe das „Doom“-Genre als das Genre mit den am engsten gesteckten Stilgrenzen bezeichnet. Würdest Du dem zustimmen und wie weit kann/darf eine Doomband stilistisch gehen?

Hmmm, ich würde das so nicht sagen. Gerade in seinen vielen Ausprägungen ist Doom in den letzten Jahren sehr vielseitig geworden. Vielseitiger und offener als vielleicht Black Metal oder Grindcore. Und wenn man sich mal andere Spielarten ansieht wie z.B. True Metal oder Power Metal – da sind die Grenzen doch auch nicht weiter gesteckt, oder? Was Doom allerdings hat, ist diese tiefe Emotionalität, die so in kaum einem anderem Musikzweig besteht, außer vielleicht im Blues. Und das sollte für eine Band auch die Grenze sein, die sie nie überschreiten darf. Doom ist emotional und authentisch. Wenn irgendwann die technische Perfektion oder der Effekt wichtiger wird als die Inhalte dann sollte man als Doomband aufhören. Und man sollte lernen, sich zu beschränken: Doom ist sehr reduziert und sehr spirituell. Ich mag zum Beispiel keine Keyboards oder Geigen oder irgendwelche Orgeln im Doom, weshalb ich auch MY DYING BRIDE nicht als Doom bezeichnen würde. Ich weiß aber auch, dass das viele anders sehen. Du siehst also, sogar mit der Einordnung gibt’s schon Probleme, da sollte man eine Diskussion über stilistische Grenzen vielleicht auch lieber nicht führen, weil ohnehin jeder seinen eigenen Film von der Sache hat. Man wird einfach automatisch ungerecht in einer Art Geschmacksdiktatur. Was ich mir allerdings anmaße, ist ein Urteil über Authentizität zu fällen: wenn eine Band nur ein Abklatsch von etwas ist, keine eigenen Ideen entwickelt oder ihre Musik nicht, na sagen wir es ruhig mal, von Herzen kommt, dann merke ich das und dann sind sie für mich auch nicht interessant. Und dabei ist es völlig unerheblich, ob sie jetzt etwas neues erfinden oder nicht. Eine Band wie VOODOOSHOCK z.B. macht nichts wirklich neues, das ist klassischer traditioneller Doom der Maryland-Schule, aber mit so einer Inbrunst, so einer emotionalen Schwere und Ehrlichkeit vorgetragen. Dazu noch Riffs, die Jahrtausende überdauern können – da scheiß ich doch auf Innovation!

Die beste Doomscheibe aller Zeiten und warum?

Saint Vitus – V

Warum ? Hör sie an!