SHAPE OF DESPAIR: Alles ist Inspiration…

 

Mit “„Shades Of…“ und „Angels Of Distress“ hat die finnische Doom Band SHAPE OF DESPAIR zwei hervorragende Alben veröffentlicht. Grund genug, die Düsternis um die Band, die außer einer Handvoll Buchstabenkürzeln kaum Informationen preis gibt, ein wenig zu erhellen. Gitarrist, Keyboarder und Songwriter  Jarno „J.S“ Salomaa lüftete ein paar Geheimnisse um die Band.  

Im Text von „Shadowed Dreams“ heißt es: „Take me to another world, to another consciousness… away of this time“. Passender als mit diesem Wunsch kann man die Wirkung der doomingen Klänge von SHAPE OF DESPAIR eigentlich nicht  beschreiben. Gitarrist Jasno weist allerdings jeden Einfluss seiner Musik auf den Hörer zurück: „Ich glaube, mir ist gar nicht bewusst, wie sich diese Musik auf den Zuhörer auswirkt.  Ich  kann mit der Musik  nur meine Gefühle und meine Sicht der Dings ausdrücken. Fans haben mir  zwar geschrieben und geschildert, wie sie die Musik empfinden, aber ihre Gefühle sind etwas anderes. Ich versuche, für mich selbst Songs zu schreiben und etwas für mich aus den Songs mitzunehmen. Ich glaube nicht, dass man die Gefühle anderer Menschen wirklich beeinflussen kann, dass man mit ihnen „spielen“ kann.“

Schon mit dem Debüt „Shades Of…“   zeigten sich SHAPE OF DESPAIR von einer ungewöhnlich reifen Seite, die Dichte der alles niederdrückenden Atmosphäre ist erstaunlich – auch Jarno ist im Nachhinein von dem Album im Großen und Ganzen überzeugt:  „Wir haben damals einfach das Album aufgenommen, das nach unserem Gefühl heraus richtig war. Wir hatten eigentlich nur einen Gedanken: Das Album sollte möglichst schlüssig und dennoch kraftvoll werden. Nun, ich glaube wir haben dies erreicht. Einige Dinge könnten im Nachhinein gesehen anders sein, doch das ist ganz normal.“

Auffallend ist, dass bei SHAPE OF DESPAIR nur die Musik im Vordergrund steht, Informationen zu den einzelnen Mitgliedern finden sich auf den ersten Blick kaum, Fotos der Musiker sind weder im Booklet von  „Shades Of…“ noch dem von  „Angels Of Distress“ abgedruckt, nicht einmal die vollen Namen der Bandmitglieder sind ausgeschrieben. Jarno erklärt, warum sich die Band so anonym präsentiert:  „Die Musik ist am wichtigsten. Wir bieten Musik an, nicht uns! Wir haben allerdings auch schon darüber nachgedacht, beim nächsten Album ein paar Fotos und die vollen Namen der Bandmitglieder anzugeben, denn wir haben nichts zu verstecken –  außerdem vermeiden wir dann diese Form der Aufmerksamkeit“.  Schließlich bringt er aber doch noch etwas Licht in den Besitzungsdschungel, und wie angesichts der Alben auch zu erwarten war, steckt hinter SHAPE OF DESPAIR keine blutjunge Anfängerband: “ Schlagzeuger Samu Ruotsalainen spielt bei FINNTROLL, Gitarrist Tomi Ullgren bei THY SERPENT und RAPTURE. Ich habe auf dem ersten Album von RAPTURE mitgemacht,  Azhemin, der Sänger von THY SERPENT hat unser 1998er Demo eingesungen. Samu hat darüber hinaus einige andere Bands am laufen… Nun, wir haben alle unterschiedliche Projekte, die Zeit wird zeigen, was sich lohnt anzuhören. Jeder von uns liebt es, Musik zu machen.“

Die Arbeit für mehrere Bands und Projekte gleichzeitig ist für den  Finnen weniger  Belastung als zusätzlichen Kreativitätsschub: “Wenn Du in verschiedenen Projekten und Bands spielst, lässt dies deinen Verstand ausruhen. Es ist immer gut, wenn man verschiedene Ideen ausleben kann und nicht nur an einer Linie klebt.  Es gibt Menschen, die sich nur einer Sache widmen. Ich persönlich bin damit aber nicht zufrieden, ich brauche mehr. Ich denke, dass man so die eigene Kreativität steigern kann.“

Nach der Veröffentlichung von „Shades Of…“ hat Sänger  Toni Mäensivu. die Band verlassen – ein schwerer Verlust, da seine Vocals jenseits der Grunzdurchschnittes waren und perfekt mit der Musik harmonierten. Obwohl der Band bewusst war, dass man nicht ohne weiteres Ersatz finden würde, dachte Jarno nie daran, Kompromisse einzugehen oder gar die Band aufzulösen: „Ich war damals schon sauer. Aber irgendwie war zu erwarten, dass T. S.. uns eines Tages verlassen wird. Wir haben uns dann auf die Suche nach einem neuen Sänger gemacht, was nicht gerade einfach war.  Ich wäre aber niemals bereit gewesen, meine Musik zu ändern oder aufzugeben, nur weil wir einen Sänger verloren haben… No way!“
Irgendwie kam dann doch alles ganz anders, SHAPE OF DESPAIR hatten Probleme bei der Suche nach einem geeigneten Ersatz. Doch dann zog ihr Label Spikefarm einer recht bekannten Hasen aus dem Zylinder, neuer Sänger bei SHAPE OF DESPAIR wurde Pasi Koskinen von AMORPHIS. Sein Beitrag beschränkte sich allerdings auf das Einsingen  des Albums, wie Jarno betont: „Pasi ist für den Gesang zuständig, er komponiert und textet nicht mit. Er singt einfach nur – das ist alles. Spikefarm hatten Pasi angerufen. Ich schätze, er hat sich das Album nicht einmal angehört, bevor er seinen Gesang ausprobieren wollte. Ich war schon etwas überrascht und verwirrt durch diese Geschichte“.  Natürlich zieht ein halbwegs prominentes Bandmitglied gleich mehr Aufmerksamkeit auf sich,  Jarno  ist nicht hundertprozentig glücklich mit den damit verbundenen Fragen.  „Nun, es nervt schon ein bisschen. In jedem Interview wird nach ihm gefragt: `Warum gerade Pasi?´, ´Wo habt ihr Pasi kennengelernt?´ und so weiter. Ich glaube aber nicht, dass man ihn durch die Musik erkennt, oder?“ In der Tat ist eine überraschtes Gesicht vorprogrammiert, wenn man erfährt, wer da hinter dem Mikro steht – die abgrundtiefen Growls passen zunächst gar nicht in das Bild, dass man von dem Sänger durch AMORPHIS hat. Zudem wurde bei  den Gesangsspuren von „Angels Of Distress“ ein wenig getrickst: Wir haben die Gesangsspuren doppelt aufgenommen, um der Stimme mehr Power und Volumen zu geben.“

Doch nicht nur in punkto Gesang unterscheiden sich die Alben. „Shades Of…“ war einiges monotoner und hatte eine viel dunklere, finstere Atmosphäre als “Angels of Distress“. Auf „Angels Of Distress“ wurde außerdem die Flöte durch eine Geige ersetzt, das Album ist insgesamt epischer und symphonischer, eine Einschätzung die der Gitarrist teilt und auch erklären kann:  „Stimmt. Für mich klingen beide Alben komplett unterschiedlich, was natürlich eine gute Sache ist. Der größte Unterschied liegt darin, wie die Songs jeweils geschrieben wurden: „Shades Of…“  wurde komplett auf der Gitarre geschrieben, wohingegen „Angels Of Distress“ mit dem Synthesizer komponiert wurde, alle anderen Dinge wurden später hinzugefügt. Für „Angels Of Distress“ haben wir mehr Gesangsstimmen ausgearbeitet, wir haben die Songs sogar geprobt, bevor wir ins Studio sind. Für „Shades of…” haben wir einmal geprobt bevor wir ins Studio sind und das war´s.“ Doch nicht nur mehr Vorbereitung erklärt die Unterschiede zwischen den Alben.  Die Differenz im Songwriting war nicht geplant, sondern ergab sich aus einer ganz banalen Tatsache:  „Die Veränderung kam ganz einfach von selbst. Schließlich liegen zwei bis drei Jahre Pause zwischen dem Songwriting der beiden Platten.“  Für „Shades of…“ wurden die Songs vom  „Alone In The Mist“ Demo, das allerdings nie veröffentlicht wurde, neu eingespielt. Lediglich „Sylvan Nights“ ist neueren Datums, die restlichen Songs waren, als sie Ende 99 aufgenommen wurden, schon einige Jahre alt.  „Bis auf „Sylvian Nights“ waren alle Songs fertig als wir ins Studio sind. Bei „Sylvian Nights“ hat unser damaliger Sänger Toni Mäensivu die meisten Vocal-Lines einfach improvisiert. Toni, der auch hinter dem Schlagzeug saß, hat die Band aber kurz danach  verlassen, da er nach Lappland zog.“

Nicht nur „Shades Of…“ besteht aus älteren Songideen, auch für „Angels Of Distress“ griff die Band auf alte Lagerbestände zurück, die meisten Songs schrieb Jarno zwischen 1997 und 1999. Da liegt der Gedanke nahe, dass die Band mittlerweile weiteres Material auf Halde hat, das nach und nach für weitere Alben verarbeitet wird. Dass dieser Gedanke nicht abwegig ist,  bestätigt der Songwriter:  „Ich habe nun begonnen, Songideen, die ich auf meiner Festplatte habe, noch mal anzuhören und sie auszuarbeiten. Wenn die Zeit dafür reif ist, werde ich diese Songs zusammensuchen und im Studio zu Ende bringen. Einige Songs brauchen wohl einfach Zeit, andere hingegen sind sehr schnell vollendet. Als wir 1999 bei Spikefarm unterschrieben haben, entschieden wir uns dazu, die ganz alten Stücke neu zu bearbeiten, auf „Angels Of Distress“ finden sich weniger alte Stücke.  Im Moment habe ich noch einige alte Ideen und einige neue, die noch nicht so ganz zu Ende gebracht sind.“
„Night’s dew“, ein recht simpler, eingängiger und dennoch intensiver Song,  unterscheidet sich von Rest des Albums „Angels Of Distress“, die Frage nach einem eventuell vorhandenen besonderen Hintergrund übergeht der Finne und erklärt stattdessen:  „Es ist ein Instrumental, das allerdings nicht als Instrumental geplant war. Ursprünglich  gab es ein paar Zeilen Text dazu.  Wir haben früher schon darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn wir alle Gesangsspuren  von „Shades Of…“  entfernen würden. Wahrscheinlich kam der Gedanke auf, weil wie nie einen Sänger hatten, bevor wir ins Studio gegangen sind. Es wäre schon interessant gewesen, alle Songs nur instrumental aufzunehmen…  wie das wohl klingen würde?“

Inspiration schöpft der Finne nicht nur aus einer Quelle:  „Alles, was um dich herum passiert, kann dich inspirieren, nicht nur die Landschaft.  Natürlich ist auch Musik eine Quelle der Inspiration, denn sie versetzt dich in eine bestimmte Stimmung. Ich glaube aber nicht, dass es nur eine Inspirationsquelle gibt – das Zusammenspiel vieler Faktoren ist Inspiration.“ Eine besondere Rolle scheint dabei aber auch Finnland zu spielen: „Es hat einfach eine besondere Magie, sich seine Songs in einer klaren Nacht mitten im finnischen Nirgendwo anzuhören.“
Nicht nur musikalisch wandeln SHAPE OF DESPAIR auf der Schattenseite des Lebens, auch in den Texten herrscht eine zutiefst bedrückende Atmosphäre vor: Im Song s „To Live For My Death“ heißt es:

„There’s nothing left for me,
anymore… everything
is gone.
Nothing left
to feel nor to understand.”

Hinter diesen Zeilen steckt allerdings keine Weltanschauung: „Diese Worte spiegeln einfach meine Gefühle in einem bestimmten Moment wieder. Ich hatte mir diese Worte damals aufgeschrieben. Sie passen perfekt zu einem langsamen, schmerzhaften Song wie „To Live For My Death“, deshalb habe ich die für den Song verwendet.“
Texte spielen bei SHAPE OF DESPAIR eine untergeordnete Rolle, die grob skizzierten  Stimmungsbilder  sollen dem Hörer vor allem Raum für eigene Gedanken lassen: „Musik ist das Wesentliche. Die Texte sind für mich nur zur Vervollständigung eines Songs gedacht. Am wichtigsten ist, dass auch Dritte etwas eigenes aus der Musik ziehen. Das ist meine Erfahrung – man kann als Zuhörer eigene Interpretationen finden. Wenn ich Musik von anderen höre, mache ich mir meine eigenen Gedanken. Wie auch immer, die Texte kratzen zwar nur ein wenig an der Oberfläche, aber das Zusammenspiel zwischen Musik und Text funktioniert sehr gut.“

Shape Of Despair scheinen mittlerweile eine treue Fanbasis in der Doomszene gewonnen zu haben, auch wenn Jarno SHAPE OF DESPAIR gar nicht als  Doom Band bezeichnen würde. „Es ist schön und auch weniger schön, so viel positive Resonanz aus diesem Lager zu erhalten. Allerdings ist  Doom ist für mich etwas einfacher und  rauer als unsere Musik. Aber Unterschiede machen interessant. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was ich von dieser Einschätzung halten soll. Es ist natürlich großartig, dass einige Leute die Musik zu mögen scheinen. Aber die Musik muss in erster Linie für uns interessant sein.“ Liveauftritte  sind bis auf weiteres nicht geplant: „Im Moment werden wir unsere Musik nicht live spielen – nicht in dieser Form. Was die Zukunft bringen wird, ist noch unklar… Abwarten!.

Die offizielle SHAPE OF DESPAIR Homepage: www.shapeofdespair.net.

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...