SATYRICON: Krähen, Kunst und Klimawandel

SATYRICON: Krähen, Kunst und Klimawandel

SATYRICON sind fester Bestandteil des norwegischen Black Metal-Adels und dabei immer angenehm skandalfrei geblieben. Auf The Age Of Nero schafft das Duo Frost / Satyr zwar keine Weiterentwicklung mehr und ruht sich auf seinen Lorbeeren aus. Obwohl es reichlich bizarr scheint, ausgerechnet den umtriebigen und schnell spielenden Frost im Lichte dieses Stillstands zu befragen, gibt der sympathische Drummer virtuell Auskunft über die Hintergründe zu The Age Of Nero.

Der aktuelle Albumtitel spielt mit der Doppelbedeutung des Wortes Nero. Zum einen bedeutet das Wort auf Italienisch schwarz, zum anderen verbindet man damit natürlich den Hedonismus des Römischen Reiches unter Kaiser Nero. Inwiefern fühlst du dich dem römischen Kaiser persönlich verbunden? Oder hast du gar nichts mit ihm gemeinsam?

Persönliche Belange verbinde ich nicht wirklich mit dem Kontext des Albumtitels. Nero ist eher als eine Metapher beziehungsweise als ein Symbol zu sehen, als eine Referenz zu einer spezifischen Person. Der Titel war das Resultat einer spirituellen (oder unterbewussten) Inspiration, so wie die meisten unserer Songtitel. So hat der Titel Verbindungen zur dunklen Musik in sich und zu den apokalyptischen Vibes auf diesem Album. Gleichzeitig gibt es einen Link zur Band selbst (die lateinische Novelle Satyricon von Petronius Arbiter spielt zur Zeit Kaiser Neros) und zur heutigen Zeit (das Ende eines Imperiums).

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Teil auf dem arbeitsreichen Weg zur Annerkennung: das Meisterwerk Dark Medieval Times

Was ja nicht endet, ist eure Bekanntheit. Was bedeutet Ruhm für dich? Schließlich seid ihr heutzutage bekannter als damals zu Dark Medieval Times-Zeiten…

Die Anerkennung und die prominente Position, welche wir besitzen, hat sich über Jahre hinweg langsam aufgebaut. Das hat in unseren frühen Tagen angefangen und wir sehen es als ein natürliches Resultat unserer Arbeit an. Berühmtheit, so wie ich dieses Wort verstehe, hat nichts mit unserer Welt zu tun. Aber Anerkennung und Bestätigung sind positiv, weil es zeigt, dass wir es geschafft haben, unseren Hörern etwas Wertvolles mit unserer Musik zu geben. Es gibt uns auch die Möglichkeit, SATYRICON weiterzuführen, so dass wir das volle Potential der Band ausnützen können. Ressourcen kommen nicht einfach von selbst, man muss sie sich beschaffen!

Unterstützt werdet ihr dabei vom eurem Label, ROADRUNNER RECORDS, die auch schon Now, Diabolical veröffentlicht haben. Bei The Age Of Nero musstet ihr keinen neuen Plattendeal mehr suchen wie damals bei eurem siebten Album. Was war euer Ziel, was eure Motivation für The Age Of Nero?

Bezüglich dem Plattendeal: Wir waren nicht sicher. Einen Plattenvertrag zu behalten ist heutzutage schwer. Wenn wichtige Leute bei ROADRUNNER nicht an SATYRICON geglaubt hätten, und wenn wir nicht gezeigt hätten, dass wir wirklich hart arbeiten wollen, ambitioniert sind und auf höchstem Level performen werden, dann hätte die Zusammenarbeit wohl ein Ende gefunden. So ist es mittlerweile so, dass wir besser als jemals zuvor zusammenarbeiten und Vertrauen haben in die Kompetenzen und Absichten von einander. Unsere Ziele für The Age Of Nero hatten jedoch nichts mit dem guten Plattendeal oder sonstwas dieser Art zu tun. Einfach gesagt wollten wir einfach das beste Album machen, das wir machen konnten – mit den Ressourcen, die uns zur Verfügung standen. Das ist bei jedem Album, das wir machen, unser Ziel. Ehrlich gesagt ist es so, dass wir denken, dass wir das dieses Mal dieses Ziel noch übertroffen haben. We are on fire now.

Ich teile diese Ansicht nicht unbedingt. Zwar mag ich das neue Album, aber es hat nicht denselben radikalen Effekt für mich wie zum Beispiel Rebel Extravaganza. Sind eure rebellischen Tage vorbei? Oder hast du das Gefühl, dass Experimente nicht mehr zu SATYRICON passen?

Wir experimentieren, wenn es Sinn macht. Rebel Extravangaza war vielleicht eine Art Protest gegen den zahnlosen, langweiligen Anachronismus, in welchen sich Black Metal in der zweiten Hälfte der 90er verwandelte. Trotzdem haben wir keine politische Agenda, wenn wir Musik kreieren. Das wäre für uns, als würden wir die Kunst ermorden, die Musik ist.

Ein Album zu erschaffen bedeutet immer, zu experimentieren. Aber das bedeutet nicht, dass man unkonventionelle Elemente in die Musik einbinden muss. Ich sags mal so: Wenn irgendeiner unserer Songs besser geworden wäre mit einem Mandolinen- oder Dudelsackpart, dann hätten wirs gemacht. Aber wir versuchen nicht auf Teufel komm raus mit etwas Unerwartetem aufzutrumpfen. Das ist der Unterschied zwischen Offenheit gegenüber kreativen und unkonventionellen Lösungen und Experimentierwille um des Experimentierens willen. Was sich jedoch nicht ändert ist, dass wir uns immer neuen Herausforderungen stellen!

Womit ihr nie experimentiert habt, sind Skandale. Live benutzt ihr zwar einige Requisiten, schlagt aber nicht über die Stränge. Wie wichtig ist das Image einer Black Metal-Band deiner Meinung nach? Und beeinflusst dich dein Image persönlich?

Bei SATYRICON geht es nur um die Musik und nicht um Zirkus oder Entertainment. Die visuellen Elemente, die wir benutzen, sollen primär gut mit der Musik harmonieren, die wir spielen. Der SATYRICON Way bedeutet, dass man nicht einfach geistlos irgendwelche Stage-Elemente aufstellt, weil man das eben so macht, sondern dass man sich dabei etwas überlegt und darüber nachdenkt, was man damit ausdrücken will.

Bei den The Age Of Nero-Fotos, zum Beispiel, wollten wir ein das Element der norwegischen Natur in unseren Bildern haben, weil es gut mit der Stimmung und Größe des Albums harmoniert. Außerdem fühlte sich ein eher düsterer Look gut an… Unsere Ansprüche orientieren sich immer an der Essenz unserer Musik, weil das der Ursprung von allem ist.

Selber bin ich an einem Punkt angelangt, wo es mich nicht mehr interessiert, was andere Bands mit ihrem visuellen Aspekt und ihrem Image machen. Es ist nicht an mir zu sagen, wie wichtig das Image für eine andere Band sein sollte. Ich kann nur für SATYRICON sprechen und bei uns ist es so, dass JEDER einzelne Aspekt davon, was wir tun, wichtig ist für uns und stets genau bedacht wurde.

Du hast den düsteren Look schon angesprochen. Im Promobrief steht, dass euer neues Album die Atmosphäre des heutigen, dunklen Zeitalters einfängt. Soweit ich weiß, ist Norwegen nicht wirklich ein Land, das sich zurzeit in einem dunklen Zeitalter befindet. Inwiefern siehst du die heutige Zeit denn als dunkles Zeitalter?

Es gibt in jeder Ära ein Potential für ein dunkles Zeitalter. Ein Element der konstanten Bedrohung, Gefahr und Unsicherheit, welches die gesamte Zivilisation oder sogar die gesamte Menschheit in eine Abwärtsspirale bringen kann. Es wird den Menschen mehr und mehr klar, dass menschliche Aktivitäten eine sehr reale Möglichkeit in sich tragen, die Menschheit in der nahen Zukunft auszuradieren. Nicht nur haben wir viel Instabilität in den traditionell stabilen Zonen. Nein, wir haben auch die Kontrolle über die Herstellung nuklearer Waffen verloren. Dazu kommt der Klimawandel, den wir nicht mehr stoppen können und der schon in diesem Jahrhundert katastrophale Konsequenzen haben wird.

Die momentanen guten Zeiten in Norwegen bedeuten in diesem Zusammenhang nichts. Es ist offensichtlich, dass ein Imperium fallen wird – die westliche Welt wird zurzeit in ihren Fundamenten erschüttert und wird früher oder später ihre Dominanz verlieren. Vielleicht wird auch das Imperium der Menschheit bald in sich zusammenfallen.

Gegenüber den aktuellen Problemen, die du ansprichst, wirkt ein Songtitel wie Black crow on a tombstone zeitlos aktuell. Bindet Satyr überhaupt aktuelle Geschehnisse in seine Texte ein oder beeinflusst ihn die reale Welt nicht, wenn er in dieser einsamen, norwegischen Hütte an der Musik SATYRICONs arbeitet?

Satyr ist, wie die meisten Autoren und Leader-Charaktere, ein scharfer Beobachter von allem um ihn herum – also auch der Welt. Beobachtungen, die er macht, beeinflussen natürlich seinen Geist und das wiederum beeinflusst seine Musik und Lyrics bis zu einem gewissen Punkt. Allerdings vermeiden wir es, SATYRICON zu einem Forum für Kritik und gesellschaftliche Kommentare zu machen. Unsere Sphäre ist die spirituelle und wir würden das nie dadurch ruinieren, uns politisch zu äußern.

Black crow on a tombstone hat übrigens eine direkte Verbindung zu einer Erfahrung, die Satyr während dem Komponieren des Albums gemacht hat. Seitdem sind Krähen immer wieder in verschiedenen Formen in unserem Umfeld aufgetaucht. Wir haben nicht vor, etwas Mystisches hineinzuinterpretieren, aber wir reagieren mit einer Mischung aus Heiterkeit und Verwunderung, wenn wieder mal eine Krähe auftaucht.

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Das Rückgrat von SATYRICON: Satyr und Frost

Von denen wird es in der Nähe dieser Hütte sicher einige geben. Satyr hat dort ja zusammen mit Snorre Ruch an The Age Of Nero gearbeitet, soweit ich das weiß. Meistens hat man die Formel Frost + Satyr = SATYRICON im Kopf, ein Gedanke, der ja auch durch eure Promofotos bestärkt wird. Warum warst du denn nicht dabei in dieser Kreativhütte?

Du hast wahrscheinlich den Eindruck bekommen, dass das gesamte Album The Age Of Nero während einem Hüttentrip von Satyr und Snorre geschrieben wurde. So war es aber nicht. Satyr hat mehrere Trips zu zwei verschiedenen Hütten gemacht, wo er Frieden zum Arbeiten und den direkten Einfluss der Natur finden konnte. Diese Trips wurden immer wieder von unseren Sessions im Proberaum unterbrochen und auf einigen der Trips war eben auch Snorre dabei.

Snorre war sehr wertvoll für uns, während wir das Album kreierten. Er ist ein guter Ratgeber gewesen und hat uns konstruktives Feedback gegeben und Lösungen zu musikalischen Problemen geliefert. Er hat kaum Material für das Album geschrieben, aber seine Ratschläge und seine durchdachte Meinung hat uns vorwärts gebracht und stimuliert. Außerdem hat er eine ganz bestimmte Technik beim Einspielen der Gitarrenspuren und das hat sich auch positiv auf den Sound ausgewirkt. Aber das Rückgrat des gesamten Prozessen sind Satyr und ich – wie immer.

Snorre wird also kein drittes Mitglied von SATYRICON werden…

Nein. Aber wir sehen ihn als engen Berater und einfallsreichen Partner.

Wird er seine Einfälle irgendwann wieder in einem neuen THORNS-Album verarbeiten oder ist das eine vergebliche Hoffnung?

Es ist zurzeit am Entstehen! Das gesamte nächste THORNS-Album ist geschrieben, aber noch nicht aufgenommen, soweit ich weiß. Ich warte schon sehnlichst auf dieses Album, wie du dir sicher vorstellen kannst.

Da werden wir nicht die einzigen sein. Wenn wir es gerade schon von Gitarristen haben: Auf The Age Of Nero gibt es runtergestimmte Gitarren. Wessen Idee war es?

Satyr hat schon damals bei den Aufnahmen von Now, Diabolical mit einer D-Stimmung experimentiert. Aber es hat nicht gut funktioniert mit dem damaligen Material und so entschlossen wir uns, wieder auf E-Moll zu stimmen (wie auch auf Volcano). Bei The Age Of Nero hingegen hat die D-Stimmung viel besser funktioniert. Da die meisten Songs besser mit einer D-Stimmung klangen und die übrigen Songs zumindest okay in dieser Stimmung funktionierten, entschieden wir uns dazu, das ganze Album mit der D-Stimmung aufzunehmen. Es war sozusagen ein logischer Schritt. Und es hat sich erfrischend angefühlt.

Mit diesem erfrischten Sound seid ihr ja dann ins Sound Studio nach Los Angeles gereist, wo ihr mit Produzent Joe Barresi zusammengearbeitet habt. Gibt es keine Studios in Europa mehr, die euch befriedigen? Und was magst du an Amerikanern?

Es gab mehrere Gründe dafür, die Scheibe dieses Mal in Los Angeles aufzunehmen. Der Hauptgrund war allerdings, dass wir mit Produzent Joe Barresi zusammenarbeiten wollten. Er arbeitet in Los Angeles und kennt einige gute Studios in den Staaten. Er hat uns dann das Sound City empfohlen. Wir wollten mit ihm zusammenarbeiten, weil er technisch top ist. Um das meiste aus seinen Fähigkeiten herauszuholen, war es weise, in einem Studio mit ihm zu arbeiten, das er gut kennt. Abgesehen davon hat Los Angeles vermutlich eine höhere Dichte guter Studios als die meisten anderen Orte auf der Welt und die Preise, die man für Qualitätsarbeit zahlt, sind niemals so hoch wie in Europa. Kurz gesagt: Es gab mehr als genug gute Gründe, sich für Los Angeles zu entscheiden. Und bezüglich der Amerikaner: Egal, was man über sie sagt, ihre Arbeitseinstellung ist unschlagbar. Die Professionalität, die wir dort antrafen, hat die ganze Produktion von The Age Of Nero wesentlich vereinfacht.

Satyr hat ja ebenfalls an der Produktion mitgearbeitet und ich nehme deswegen an, dass Tonqualität euch besonders wichtig ist für die Band. Was hältst du in dem Fall von Mp3s und ihrer schlechteren Soundqualität?

Mp3s sind weit entfernt vom Optimum, um es mal nett auszudrücken. Wie du richtig bemerkst, ist uns Tonqualität sehr wichtig und es sollte allen, die mit Musik zu tun haben, wichtig sein.

Allerdings ist es auch so, dass wir uns der Realität stellen müssen: Mp3 ist ein wichtiges Musikformat geworden. Komprimierte Musikdateien sind extrem einfach zu verteilen und somit praktisch. Sogar wenn die Tonqualität von Mp3-Files nicht mit der Qualität des wahren Sounds vergleichbar ist, die Qualität des Originals scheint selbst im Mp3-Format noch durch.

Gerade wegen eurem Tonqualitätsbewusstsein hat mich eben die digitale Single Black crow on a tombstone so erstaunt – weil sie ja eben im Mp3-Format erscheint…

Wir müssen mit der realen Welt umgehen, und das bedeutet oft, dass man mit anderen Lösungen als der idealen leben muss. Übrigens tönt es anständig in diesem Format und es kann effektiv verbreitet werden. Hoffentlich inspiriert die Single die Leute dazu, sich das Album zuzulegen.

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Ich lebe und atme `The Age Of Nero` – Frost (SATYRICON)

…welches immerhin euer siebtes ist. Welche Ziele habt ihr noch mit SATYRICON?

Jedes Album und jeder Tag bringt neue Ziele. Wir wollen immer besser werden darin, was wir tun. Und wir wollen das Potential der Band realisieren. Wir sind tatsächlich hungriger als jemals zuvor und bereit dazu, neue Territorien zu erobern.

Letzteres hört sich nun doch fast nach Kaiser Nero an. Bleibt da überhaupt Zeit für deine anderen Drumming-Aktivitäten außerhalb SATYRICONs?

Momentan lebe und atme ich The Age Of Nero und alles, was dazugehört. Ich habe keine einzige Minute, um mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren! Aber so sollte es auch sein, wenn man daran ist, sein stärkstes Werk abzuliefern!

Bilder: Roadrunner Records
Layout: Arlette H.D.

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.