QWÄLEN: Gefahr ist ein genereller mentaler Zustand in Nordfinnland

QWÄLEN aus Finnland frönen dem schnörkellosen Black Metal, der an die 90er Jahre in Norwegen erinnert. Das Cover-Artwork von ”Unohdan Sinut” legt diese Vermutung denn auch nahe, obwohl der erste Eindruck nicht unbedingt der richtige ist. Grund genug, sich elektronisch in Finnland zu melden und sich von Samuli, Eetu, Henri und Ville mehr zu QWÄLEN erzählen zu lassen. 

Im Februar 2021 habt ihr euer Debüt-Album ”Unohdan Sinut” veröffentlicht. Wie promotet ihr euer Erstwerk in diesen tour- und konzertlosen Zeiten? 

Samuli: Die Black Metal-Szene in Finnland ist ziemlich klein und wir promoten das Album mehrheitlich durch gute Mundpropaganda. Ich war schon immer davon überzeugt, dass diejenigen, für die das Album relevant ist, es von selber finden, weil es ihren Interessen entspricht. Also war ich nie ein grosser Werber. Der finnische Weg besteht darin, bescheiden und still zu sein. 

Allerdings wird ”Unohdan Sinut” ziemlich stark in der alternativen finnischen Black Metal-Szene gepusht. Andere Bands kennen das Album und bewerben es für uns – dafür sind wir natürlich extrem dankbar. TIME TO KILL RECORDS machen ebenfalls einen grossartigen Job für uns, damit QWÄLEN und ”Unohdan Sinut” bekannter werden. 

Henri: Ja, die Promotion läuft schon primär via soziale Medien und den Buschfunk. 

Auf dem Cover von ”Unohdan Sinut” hat es eine brennende Kirche, die man unweigerlich mit der norwegischen Black Metal-Szene in den 90ern assoziiert. Wieso habt ihr euch als finnische Band für dieses Cover entschieden? Gab es in Finnland jemals ähnliche Kirchenbrände? 

Samuli: Ja, es gab diesbezüglich mehrere kleinere und grössere ”Aktivitäten” in Finnland – gleichzeitig wie in Norwegen. Kirchenbrände waren in Finnland weniger häufig als in Norwegen, aber dafür gab es mehr Grabschändungen. Kirchenbrände gibt es indes auch hier und nach unserer allerersten Bandprobe brannte eine Kirche in Finnland. 

Eetu: Im Zusammenhang mit dem Cover muss ich anfügen, dass es eigentlich keine Kirche ist. Es ist ein Tempel, auf den wir uns im letzten Song ”Temppeli” beziehen: 

“Now I can burn my temple. Destroy everything I created. Draw the plans on its ashes and start anew.”

Ich schickte einige unserer Lyrics unserem Grafikdesigner Jussi Pohjanen und er liess sich dadurch zum Cover von ”Unohdan Sinut” inspirieren. Wir sind wirklich glücklich mit dem Cover und dem restlichen Layout. 

Das Cover hat schon diese 90er-Black Metal-Stimmung in sich, die hat er gut getroffen. Welche norwegische Band der 90er steht bei QWÄLEN hoch im Kurs? 

Ville: DARKTHRONE, ohne jeden Zweifel.

Eetu: Yeah, DARKTHRONE. 

Samuli: DARKTHRONE. Alle Epochen von DARKTHRONE. 

Henri: Ich muss sagen: IMMORTAL. 

Gute Auswahl! Eure Songs sind ja nicht auf Englisch, sondern auf Finnisch. Was macht Finnisch zu einer Sprache, die sich besonders gut für Black Metal eignet? 

Eetu: Alle meine Texte sind auf Finnisch, also haben wir uns das gar nie überlegt. Ist Finnisch geeignet für Black Metal oder nicht? Diese Frage gab es für uns gar nie. Es ist einfach mit mehr Gefühlen verbunden für mich, wenn ich auf Finnisch schreibe und singe. 

Samuli: Wenn du in deiner Muttersprache singst, dann kreiert dies eine gewisse Nacktheit. Egal wie sicher man sich in einer später erlernten Sprache bewegt, ich hatte immer das Gefühl, dass eine Distanz zwischen einem L2-Performer und den Texten besteht in dieser Korrelation. Das ist mein Gefühl diesbezüglich. Wenn die Musik absolut pur und ehrlich sein soll, dann ist die eigene Muttersprache das schlechteste Versteck für die eigene Seelenwelt. Und wie es Eetu schon gesagt hat – die Diskussion, ob Finnisch für QWÄLEN geeignet ist oder nicht, gab es bei QWÄLEN nie. 

Gibt es eigentlich ein Konzept, das alle Songs auf ”Unohdan Sinut” verbindet? 

Eetu: Es gibt nicht ein allumfassendes Konezpt für ”Unohdan Sinut”, aber es gibt Themen, die sich durch das ganze Album ziehen: 

Was bleibt übrig, wenn du etwas verlierst, das dir am Herzen liegt? Die Welt wird zu einer düsteren, dystopischen Einöde, wo niemand übrig ist, um dich zu trösten. Selbstmitleid, Misanthropie, Satan und das Verlassen sind einige Alternativen. Wohin kann jemand schauen, um am Ende endlich vergessen zu dürfen und etwas Neues aufzubauen?

Diese Themen spürt man aus eurer Musik heraus. Was war in diesem Fall das Schwierigste am Schöpfungsprozess von ”Unohdan Sinut”? 

Ville: Das Schwierigste war wohl, oft genug in den Proberaum zu kommen, weil wir alle in verschiedenen Teilen Finnlands leben. Samuli zog schon Ende 2016 nach Helsinki, aber ich lebte wegen meines Jobs vor allem im Norden Lapplands zwischen 2017 und 2019. Das war eine ziemlich aufreibende Zeit für mich, weil ich den Grossteil meiner Wochenenden damit zubrachte, zwischen Ivalo und Oulu hin- und herzufahren. Für Finnland-Geographie-Interessierte: Die Distanz zwischen diesen Städten beträgt etwa 500 Kilometer und man braucht sieben bis acht Stunden für die Fahrt, je nach Wetter. 

”Unohdan Sinut” hat gewisse Parallellen zu IMPALED NAZARENE. Haben sie euch zum Black Metal gebracht? Habt ihr ein IMPALED NAZARENE-Lieblingsalbum? 

Samuli: Überraschenderweise waren es nicht IMPALED NAZARENE, die mich zum Black Metal gebracht haben, obwohl IMPALED NAZARENE der erste Black Metal waren, den ich je gehört hatte. In der 6. Klasse hörten wir bei einem Freund daheim Musik und er hatte IMPALED NAZARENEs ”Suomi Finland Perkele” auf CD. Ich verstand ”Suomi Finland Perkele” musikalisch irgendwie nicht – was ging da ab? Wirklich zum Black Metal kam ich erst viel viel später. 

Bezüglich des IMPALED NAZARENE-Einflusses auf QWÄLEN: Es hat sicher einige Ähnlichkeiten in unserem Sound, aber aufs Songwriting bezogen würde ich IMPALED NAZARENE nicht als Haupteinfluss bezeichnen. Vielleicht teilen wir unsere musikalische Einstellung mit ihnen? Die Präsenz von Gefahr in den Songs und so? Das könnte allerdings auch einfach unser genereller mentaler Zustand sein, weil wir aus Nordfinnland kommen. 

Mein Lieblingsalbum von IMPALED NAZARENE ist ”Ugra Karma”. Absolut rücksichtsloses Riffing, eine Wand von obskuren Texten, Killersound. Merkwürdige Tracks, die beim Hörer Fragen hervorrufen zum Warum und Was, aber dennoch genau am richtigen Platz sind. Das ganze Album fühlt sich an, als wäre es mit mehr Hingabe als Überlegung gemacht worden. Ich liebe Alben, die sich wie eine emotionale, unverfälschte Momentaufnahme anfühlen, statt poliert und klar zu sein. Kein Nachdenken, nur der Tod. 

Ville: IMPALED NAZARENE war vermutlich eine der ersten Bands, die mich zum Black Metal gebracht haben, als ich etwa 13 oder 14 Jahr alt war. So in der 7. Klasse ungefähr. Zuerst hörte ich ihre ”Decade of Decadence”-Compilation, danach einige andere Alben. Ich habe die gleiche Meinung zu ”Ugra Karma” wie Samuli, aber ich mag auch ”Latex Cult” sehr. Zero Fucks given und voller Geschwindigkeit voraus. 

Was sind eure Black Metal-Entdeckungen des Jahres 2020? 

Samuli: 2020 habe ich mir vor allem rohen US Black Metal gegeben und die grösste Entdeckung waren LAMP OF MURMUUR und ihr Album ”Heir of ecliptical romantism”. Das Riffing ist der helle Wahnsinn! Ungeschliffen, hässlich, angriffig und roh. Genau so muss Black Metal sein. Danach musste ich mir gleich die gesamte Discographie geben und ja. Der absolute Wahnsinn!

NIGHT`S THRESHOLD sind eine andere Entdeckung 2020. Die habe ich mir auch oft angehört – absolut böse und mit einer grausigen Atmosphäre. So klingt das grenzenlose Böse. 

Meine dritte grosse Entdeckung waren WARPVOMIT, obwohl das Album (oder die Compilation?) schon 2016 rauskam. Definitiv der bessendste War Metal nach BLASPHEMY! Dieses Album macht null Sinn, es greift dich einfach frontal an. Eigentlich bin ich kein grosser Fan von War Metal, aber dieses Album regelt einfach. Es machte mich schicht sprachlos!

Ville: Ich habe 2020 nicht allzu viele musikalische Entdeckungen gemacht und das gilt auch für neueren Black Metal. Ich mochte die ”Graveside Summoning”-EP von ARTS. Roh und hektisch, Hardcore-inspirierter Black Metal mit einigen richtig krassen Midtempo-Parts. Auch das letzte TEITANBLOOD-Album ”The Baneful Choir” gefiel mir sehr, aber das kam schon 2019 raus. 

Vor kurzem hat Finnland eines seiner grössten Talente verloren. Was meint ihr zum Tod von Alexi Laiho? 

Eetu: Traurige Nachrichten. Ich habe früher CHILDREN OF BODOM gehört, bevor ich mich dem Hardcore Punk und dem Black Metal zuwandte. 

Henri: Ja, wirklich traurig. Alexi Laiho und CHILDREN OF BODOM waren ein riesiger Einfluss auf mich, als ich jünger war. Der CHILDREN OF BODOM-Drummer Jaska Raatikainen ist noch immer einer meiner absoluten Lieblingsdrummer. 

Was sind QWÄLENs Pläne für 2021? 

Samuli: Wir möchten unser zweites Album fertigstellen. Die Songs sind schon geschrieben und wenn dieses Interview rauskommt, haben wir die Instrumente schon eingespielt. Hoffetlich gibts auch noch ein paar Konzerte!

Eetu: TO WORSHIP SATAN AND BLAST BEAT!

Henri: Was Eetu sagt. Mehr Blastbeats!