NOVEMBERS DOOM: Vom Zittern im Winter

NOVEMBERS DOOM: Vom Zittern im Winter

Schleppend, düster und mit einer ordentlichen Portion Verzweiflung versehen gingen die Amerikaner auf ihrem letzten Longplayer zu Werke. NOVEMBERS DOOM schufen dabei harte Musik für Erwachsene, die stilistisch und textlich gereift, niemals überladen und doch stets mit vollem Sound prall gefüllt ist. Warum wir jedoch noch immer vergeblich auf eine Live-Performance der Amerikaner warten, wie die erfahrenen Musiker mit den nicht immer treffenden Vergleichen zu anderen Bands umgehen und was sich sonst in den Vereinigten Staaten so tut, haben wir in diesem Interview erfahren. Auskunftsbereit zeigten sich Gitarrist Larry Roberts und der singende Band-Methusalem Paul Kuhr.

Zu aller erst will ich euch zu eurem neuen Album The Pale Haunt Departure gratulieren! Das Album erscheint mir ein Gradmesser für modernen Death/Doom Metal zu sein. Warum tendiert ihr eigentlich aber zum Terminus Dark Metal?

Larry: Hab Dank für die Gratulation… Wenn uns Leute als Death/Doom oder was auch immer brandmarken, dann empfinden wir es für uns und unseren Musikstil viel zu einengend. Da sind so viele andere Elemente in unserer Musik zu finden, die weder etwas mit Death, noch mit Doom Metal gemein haben. Darüber hinaus werden sehr viele andere Bands in dieses Genre gepackt, mit denen wir fast gar keine Ähnlichkeiten feststellen können. Der Begriff Dark Metal dagegen ist viel breiter gefächert und kann um einiges mehr umspannen. Aber um ehrlich zu sein, hasse ich jede Art von Schubladisierung in einzelne Sub-Genres. So etwas zerrt dich einfach in eine kleine Nische, aus der man oft nur sehr schwer rauskommt. Viele Leute fällen dann einfach vorab ein Urteil, ohne jemals auch nur einen Ton von deiner Musik gehört zu haben – und so etwas geht mir einfach gegen den Strich. Natürlich hilft eine generelle Genre-Einteilung, damit die Leute schon vorab wissen, was eventuell auf sie wartet, aber ich glaube, dass die Leute durchaus abenteuerlicher zu Werke gehen könnten und Dinge anchecken sollten, von denen sie schließlich überrascht werden, dass sie ihnen gefallen.

Ist The Pale Haunt Departure bislang euer aggressivstes Album?

Larry: Ja, ich glaube schon. Im Endeffekt ist es zwar jedem einzelnen Hörer selbst überlassen, das zu beurteilen, aber persönlich glaube ich, dass es definitiv unser bislang aggressivstes Album ist. Das Tempo in manchen Passagen ist schneller als in der Vergangenheit und auch das allgemeine Feeling der Riffs ist aggressiver und nach außen hin mehr Metal, als wir es früher gemacht haben. Und ich bin ziemlich zufrieden damit.

Was sind eigentlich die typischen Merkmale des aktuellen Albums aus deiner Sicht?

Larry: Wir sind heavy, düster, emotional, aggressiv und wunderschön. Möglich, dass dies ein wenig eingebildet klingt, so über unsere Musik zu sprechen, aber es ist das, was ich aus der Musik beziehe. Letztlich gewinnt jeder seine eigenen Impressionen.

Und was hat sich am meisten im Vergleich zu euren früheren Werken verändert?

Larry: Wir sind eine viel stärkere Band geworden, im Sinne des gemeinsamen Arbeitens und des zusammenhängenden Songwritings. Und natürlich auch bezüglich eines gemeinsamen musikalischen Ziels. Da gibt es niemanden, der uns in irgendeine Richtung ziehen will, mit der die restliche Band nichts anzufangen weiß. Wir haben auch versucht, einige Dinge, die auf unseren früheren Alben waren, heraus zu nehmen, einfach nur aus dem Grund, weil wir sie für nicht notwendig hielten. Somit kommen unsere Songs heute besser auf den Punkt. Zusätzlich wurde natürlich auch die Produktion immer besser und besser, und wir haben ebenso als Musiker an Reife und Qualität gewonnen.

Du gibst das Stichwort Produktion. Dan Swanö hat ja das Mixen für The Pale Haunt Departure übernommen: Wie kam der Kontakt mit ihm zustande?

Larry: Dan ist ein Mann, den wir sowohl als Musiker, als auch für seine Produktionsqualitäten bewundern. Wir wussten, dass er unseren Sound verstehen würde und erahnen könne, nach was wir konkret suchten. Wir stammen alle aus derselben Underground-Szene, die inzwischen viele Jahre zurückliegt, und wir beide, Paul und ich, waren in diesen Kassetten-Tausch-Tagen stets in Kontakt mit Dan und seinen Bands. Auch wenn Dan von der Band NOVEMBERS DOOM wusste, so war er nicht komplett mit unserer Musik vertraut. Also haben wir ihn einfach kontaktiert und ihn gefragt, ob er interessiert wäre, mit uns zu arbeiten. Wir sprachen dann miteinander, er hörte sich die Pre-Production Demos an und sagte schließlich, dass er es gerne machen würde. Ziemlich einfach also, und alles ging exzellent über die Bühne.

Wie geht ihr eigentlich mit den ewigen Vergleichen mit Bands wie OPETH, MY DYING BRIDE und Co. um? Immerhin seid ihr ziemlich gleich alt.

Larry: Ich bin der erste, der zugeben muss, dass wir diese ewigen Vergleiche nicht allzu gut handhaben, haha. Wir sind diesen ganzen Vergleich schon ziemlich überdrüssig, weil die Leute dadurch oft zu gedankenverloren diesen Vergleichen folgen. Wir wissen schon, dass wir eventuell ein paar ähnliche musikalische Attribute mit diesen Bands teilen, aber das macht uns noch lange nicht zu einem Abbild oder Klon von diesen.

Ja, wir haben das gleiche Alter. Zusätzlich wuchsen wir alle als Teil der gleichen Szene auf und hörten die gleichen Bands, teilten die gleichen Einflüsse et cetera. Diesen Bands gelang es jedoch viel früher als uns zu Anerkennung und Berühmtheit zu gelangen. Aber das heißt nicht, dass wir nur auf ihren Erfolgszug aufgesprungen sind. Wir würden so oder so dieselbe Musik schreiben, selbst wenn Bands wie MY DYING BRIDE niemals existiert hätten. Wir sind von ihnen inspiriert worden, jedoch als unsergleichen und als Freunde, das ist alles. Ich respektiere diese Bands ungeheuer und die Leute von OPETH und MY DYING BRIDE waren immer cool zu uns, und sie wissen, dass wir niemals versucht haben, sie zu kopieren. Es sind die Fans und oftmals die Kritiker, die mit diesen Vorstellungen an uns herantreten. Im Endeffekt mag man unsere Musik oder man mag sie nicht. Einfach nur dazusitzen und zu sehr zu grübeln, nach wem wir klingen könnten oder von wem wir unsere wirklichen Einflüsse beziehen, ist meiner Meinung nach nur verschwendete Zeit. Wenn jemand OPETH, MY DYING BRIDE oder eine andere Band uns vorzieht, dann geht das in Ordnung. Er soll sie hören, das ist mir egal. Aber er soll uns nicht nachsagen, wir würden irgendwelche Sounds stehlen oder kopieren; denn dann weiß er nicht, was er für einen Blödsinn erzählt. Das ist alles, was ich zu denjenigen Leuten sagen würde.

Das Cover passt ausgezeichnet zur Grundstimmung des Albums. Hatte Attila Kis diesen Entwurf schon in der Tasche oder seid ihr mit euren Vorstellungen und eurer Musik an ihn herangetreten? Wie kam der Kontakt zu ihm überhaupt zustande?

NOVEMBERS
Der Kontakt zum Artwork-Grafiker Attila Kis kam über ein Online-Forum zustande.

Larry: Paul hat Attila über ein Online Forum kennen gelernt, wo sie einander bekannt gemacht wurden. Paul hat dann einige von Attilas Entwürfen gesehen und dachte, dass sie wirklich gut wären. Deshalb ging er auf ihn zu, damit er an unserem Albumartwork arbeiten kann. Wir gaben Attila einige Ideen davon, was wir wollten und zeigten ihm unserer Lyrics. Damit begann er zu arbeiten und kam mit dem Artwork, das auf unseren Input basierte. Wir saßen also nicht da und sagten ihm exakt, was er machen sollte. Wir ließen ihm natürlich die kreative Freiheit, aber wir gaben ihm einige inspirierende Ideen. Schließlich mussten wir das Artwork selbstverständlich noch absegnen.

Zum Opener The Pale Haunt Departure habt ihr ein Video gedreht. Welche Intention steckte dahinter – neben dem Grund, den Fans eine Freude zu machen?

Larry: Nun, ein Video stellt eine große Sache in Bezug auf Selbstdarstellung und Promotion dar. Natürlich ist es damit schwierig, Spielzeit zu gewinnen, da die meisten Musiksender kaum Underground Metal spielen (zumindest hier in den Staaten). Aber wir haben das Video auf verschiedenen Webseiten zum Ansehen zur Verfügung gestellt und es hat bislang Tausende Zuseher gefunden, und das ist großartig. Das Video wurde zudem auch als Material für eine Werbung, die auf MTV und FUSE letzten Sommer ausgestrahlt wurde, verwendet. Und das war ebenfalls sehr hilfreich. Aber hauptsächlich drehten wir das Video aus dem einfachen Grund heraus, weil wir eben ein Video drehen wollten – und es war ein Heidenspaß!

Und wie waren die Dreharbeiten konkret? Gab es besondere Vorkommnisse?

Larry: Der Videodreh war wirklich lustig, aber auch eine Tortur! Wir filmten in einem Gebäude, das rund vier Stunden nördlich von hier (Anm.: Chicago) liegt, und das Mitte Januar. Die Temperaturen waren ordentlich unter dem Gefrierpunkt und im Gebäude gab es keine Heizung. Wir hatten lediglich einen einzigen Heizstrahler im Raum, weshalb wir auch bis auf die Knochen froren. Darüber hinaus handelte es sich bei dem Gebäude um ein großes Industriegebäude, von dem gesagt wurde, dass es sich um ein verfluchtes handle, und es existieren eine Menge seltsamer Geschichten rund um dieses Haus. Das brachte die perfekte Stimmung für den Videodreh zur Geltung. Zum Glück hatten wir kaum wirklich bizarre Erlebnisse, während wir dort waren. Aber da war definitiv ein gewisses Zittern, insbesondere mitten im eiskalten Winter.

Immer wieder ist bei euch von Line-Up- und Label-Wechseln zu lesen. Ist es so schwer, mit oder für NOVEMBERS DOOM zu arbeiten?

Larry: Ganz ehrlich, es ist nicht schwer mit uns zusammen zu arbeiten, und die Leute, mit denen wir in der Vergangenheit zusammen gearbeitet haben, waren ebenfalls in Ordnung. Normalerweise kommt es zu Label- oder Line-Up-Wechsel, wenn es die Leute einfach woanders hinzieht oder sie sich andere Ziele setzen. Wir hatten mit jedem Label, mit dem wir zusammen gearbeitet haben, eine coole Zeit, aber irgendwann gelangt man an einen Punkt, an dem man begreift, dass man nur eben dorthin miteinander zu gehen imstande ist. Und um ein nächstes Level zu erreichen, muss man getrennte Wege gehen. So einfach ist das, ganz ehrlich.

Ähnlich ist die Situation bei den Line-Up-Wechseln. Wir werden alle älter und wenn das geschieht, ändern sich nun einmal die eigenen Prioritäten oder das Leben im Allgemeinen, auch der Musikgeschmack kann sich ändern. Somit sagt man Lebwohl und geht getrennte Wege. Wir sind nach wie vor dicke Freunde mit Ex-Mitstreitern wie Mary Bielich und Eric Burnley. Eric kam sogar runter, um für die neue CD ein paar Keyboards einzuspielen und hatte Spaß mit uns. Da ist also kein Drama oder so etwas, es ist alles ziemlich normal. Es ist irgendwie wie jeder andere Job.

Paul: Sieh es auch von dieser Seite: Wie viele ehemalige Mitglieder von NOVEMBERS DOOM sind nach wie vor in anderen Bands nach uns aktiv? Mary, und diese verließ uns, weil sie in eine neue Stadt zog. Das sind alle! Im Normalfall haben die Leute die Band verlassen, weil das Leben einen anderen Weg einschlug und sie eine neue Position mit anderen Prioritäten bekleiden.

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Ohne Sänger Paul Kuhr wäre NOVEMBERS DOOM auch für Gitarrist Larry kaum vorstellbar: …ich kann mir beim besten Willen kein NOVEMBERS DOOM ohne Paul vorstellen.


Wie sieht es mit der bandinternen Hierarchie aus: immerhin ist mit Paul Kuhr nur ein einziges Bandmitglied seit Anfang an dabei. Ist er quasi der Chef?

Larry: Diese Band war und ist sozusagen Pauls Baby. Er ist derjenige, der immer neue Pläne schmiedete und eine klare Vision davon hatte, was er möchte und wohin er damit gelangen wollte. Andere Leute kamen und gingen, trugen für diese Zeitspanne ihren Teil bei, aber dann – wie ich eben sagte – änderten sich die Prioritäten und sie zogen weiter. Zu einem bestimmten Ausmaß kann man schon sagen, dass Paul der Boss ist, aber im Grunde ist die Band eine Demokratie. Niemand hat die absolute Stimme zu sagen, was mir machen oder nicht machen. Ich bin nun schon seit rund sieben Jahren in der Band, also bringe ich schon ein gewisses ernsthaftes Dienstalter zur Geltung, haha. Es ist ganz offensichtlich, dass diejenigen, die schon am längsten dabei sind, eher einschätzen können, was mir machen sollten und was nicht; aber jeder hat in der Band sein Stimmrecht und somit die Kontrolle über das, was wir machen. Aber ich kann mir beim besten Willen kein NOVEMBERS DOOM ohne Paul vorstellen, denn seine Stimme und seine Lyrics sind charakteristisch und fixer Bestandteil für die Band, und er ist die einzige, wirkliche Konstante seit Beginn an.

Bleiben wir bei Paul: die Lyrics auf The Pale Haunt Departure sind sehr persönlich gefärbt. Was gab den Ausschlag für diese oftmals auch sentimentalen, nachdenklichen Worte?

Larry: Paul machte nach The Knowing einen wirklich kühnen Schritt und entschloss sich, über Dinge zu singen, die ihm persönlich nahe gingen oder die ihm wirklich im Leben passierten. Seine ernsthaften, gesundheitlichen Probleme beeinflussten ihn dabei sehr und machen es auch heute noch. Es war also logisch, dass er sich vermehrt auch darauf konzentrierte, als er seine Worte niederschrieb. Die Kämpfe, die er in seinem wahren Leben auszufechten hat, sind viel bedeutsamer und emotionaler als über irgendeinen Bullshit zu singen, wie es die meisten Sänger praktizieren.

Also hatte die Krankheit vor rund fünf Jahren Einfluss auf die Lyrics? Auch darauf, dass man hier und dort manchen Hoffnungsschimmer erkennen kann?

Paul: So wie die vielen negativen Energien, die ich aufgrund der Krankheit verspüre, so sind auch einige positive Energien bei mir vorstellig geworden; etwa die Geburt meiner Tochter. Sie ist meine ganze Hoffnung und das Licht in meinem Leben. Sie ist heute der Grund, warum ich lebe und atme. Also, wenn du irgendwo einen Anflug von Hoffnung erkennst, dann ist das alles für sie.

Gesanglich zeigst du dich erneut sehr wandlungsfähig. Wie trainierst du deine Stimme?

Paul: Ich trainiere meine Stimme überhaupt nicht. Ich wärme mich nicht einmal ordentlich auf, obwohl ich weiß, dass das nicht gut ist. Ich sage schon seit Jahren, dass ich unbedingt einen Profi für das Aufwärmen und die Instandhaltung der Stimme heranziehen will. Und ich würde liebend gern mehr Kontrolle über meine cleanen Vocals haben. Zwar werde ich mit jedem neuen Release besser, aber ich weiß, dass ich, wenn ich mich aufraffen würde, um professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und lerne wie ich meine Stimme ordentlich einsetzen könnte, ich noch besser werden könnte.

Vor allem die Growls sind stark und – was mich besonders freut – verständlich. Inwieweit ist es dir wichtig, dass man die Texte auch akustisch versteht?

Paul: Das ist für mich am wichtigsten. Ich habe in meinen Texten etwas Bedeutsames zu sagen und wenn man mich dabei nicht verstehen kann, dann macht das wenig Sinn. Ich habe seit Anbeginn daran gearbeitet, so tief und guttural wie möglich zu singen, aber dabei auch stets klar verständlich zu bleiben. Meinen Einfluss bezog ich diesbezüglich von den frühen Tagen der Metal Bands aus Chicago wie DEVASTATION und SINDROME. Nick Holmes von PARADISE LOST war ebenfalls eine große Inspiration für mich. Ich habe mich bereits daran versucht, es so zuwege zu bringen, als ich ihn das erste Mal hörte. Aber als ich es dann machte, wusste ich dann, wer diesbezüglich großartig ist – und das setzte einen Bezugspunkt, wohin ich möchte.

In grauer Vorzeit habt ihr auch mit weiblichen Vocals gearbeitet. Damals seid ihr diesbezüglich fast Vorreiter gewesen. Wie steht ihr heute zu dem Thema?

Larry: Yeah, NOVEMBERS DOOM war eine der ersten Bands, die weibliche Vocals in dieser Art von Musik verwendet haben. Es war sehr schön für die damalige Zeit, aber im weiteren Verlauf wurde es immer mehr zum Problem für uns, weil uns zum einen unsere Sängerin Cathy Jo Hejna 2000 verließ und weil wir zum anderen nicht mehr mit unserem ganzen Herzen an den weiblichen Vocals hingen. Heutzutage gibt es so viele Bands, die weibliche Vocals verwenden, und manche sind wirklich auch gut, aber es ist einfach etwas, von dem wir kein Teil mehr sein wollen. In den Songs, die wir heute schreiben, sehe ich auch keine Veranlassung dafür – wir haben uns schließlich weiterentwickelt. Sollten wir in Zukunft jemals einen Song schreiben, der förmlich nach einer Frauenstimme schreit, dann werden wir es womöglich wieder machen. Aber ich sehe das ehrlich gesagt nicht passieren.

Wie ist es eigentlich mit der Metal-Szene in den USA generell bestellt?

Larry: Sie floriert – vor allem in Bezug auf immer mehr, neuen Metal Bands, die stetig aus dem Boden schießen. Ich sehe auch eine Menge immer jüngerer Bands und Fans. Wenn du zu Konzerten von OPETH und MORBID ANGEL gehst, dann siehst du dort heute 14-jährige Kids, ich finde das großartig – ehrlich. Jede Menge Leute meckern deswegen, die sollen sich aber abregen. Ich war damals auch eines dieser Kids, wie wohl jeder. Einige darunter werden bestimmt irgendwelche trendbewusste Möchtegern-Metaller sein, doch einige von ihnen könnten auch der nächsten Generation an Metal Bands angehören. Ich würde lieber eine Horde junger, neuer Fans haben, die zu mir auf unsere Shows kommen, als eine Meute abgestumpfter, allzu starrsinniger, alter Metal Fans, die glauben, besser als alle anderen zu sein. Die Schattenseite der Szene ist allerdings, dass heute alles kommerzialisiert und in Firmen eingegliedert wird… firmeneigene Clubs, von einem Unternehmen auf die Beine gestellte Tourneen etc.. Für Underground Bands ist es dann ziemlich hart, das nächste Level zu erreichen. Zumindest helfen dann das Internet und alles, was dazugehört.

Gibt es bei euch ein Genre, das derzeit besonders gehypt wird oder derzeit überhaupt nicht beliebt ist?

Larry: Ich schenke den Genres und was rundherum um sie geschieht wenig Beachtung. Es ist offensichtlich, dass Metalcore hier derzeit ziemlich populär ist – und wie in jeder anderen Szene gibt es da gute und schlechte Bands. Dem Doom Metal verbundene Bands geht es in den Staaten nicht allzu gut, aber ehrlich gesagt, war das noch nie der Fall. Dieses Genre wurde schon immer eher in Europa akzeptiert. Aber es gibt einige starke Bands dieses Stils, die von den Staaten aus aufgetaucht sind; diese sollte man nicht außer Acht lassen.

Kannst du uns ein heißes Metal Underground-Talent aus Chicago empfehlen?

Larry: Es gibt eine Reihe guter Bands hier in Chicago. Wir hatten hier immer eine sehr große Szene, aber leider nicht genug Plätze, um zu spielen. Wen ich wirklich mag, sind RELLIK, eine schnelle War/Death Metal Band, denen ich einen Durchbruch zutraue. EDEN´S FALL und ION VEIN sind ebenfalls gute Bands, die mehr eine progressiv-kraftvolle NEVERMORE-Neigung besitzen. Also, es gibt für euch einige Bands zum Anchecken; es ist alles im Internet.

In Amerika habt ihr einen für eine Metal Band ziemlich angesehenen Status, in Europa jedoch seid ihr bedeutend unbekannter. Woran liegt das?

NOVEMBERS
In Europa sind NOVEMBERS DOOM noch keine so große Nummer, aber mit dem der Band gebührenden Support sollte sich das ändern lassen.

Larry: Eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob wir einen derart großen Status hier in Amerika besitzen. Der Grund für unseren nur mäßigen Bekanntheitsgrad in Europa liegt darin, dass wir in der Vergangenheit keine ordentlichen Tourpläne und CD-Distribution hatten. Zusätzlich schadeten die Leute, die uns kritisierten, dass wir den europäischen Sound kopierten. Das alles hat uns keineswegs geholfen. Mit jedem Album ist die Situation aber besser geworden, und nun haben wir mit Candlelight Records jemanden, der unsere CDs gut in Europa verteilt und wir werden bald auf Tour gehen. Derzeit bekommen wir ja auch eine Menge an Mails und Feedback von europäischen Fans! Wenn wir die nötige Unterstützung bekommen, um nach Europa zu kommen und dort ins richtige Licht gerückt werden, würden wir hier um einiges bekannter sein.

Welche Alben von anderen Bands haben dich in diesem Jahr in den Bann gezogen?

Larry: Ich habe in diesem Jahr nicht allzu viele neue Sachen gekauft. Die neue OPETH ist gut, ebenso die neue NEVERMORE. BIOMECHANICAL hat ein großartiges Album herausgebracht. Und auch GREEN CARNATION, LEAVES´ EYES und USURPER haben gute Alben veröffentlicht. Besonders schaue ich aber ins nächste Jahr, wenn die neuen Alben von KATATONIA, AMORPHIS und MOONSPELL erscheinen. Diese Bands gehören schließlich zu meinen Favoriten.

Gibt es auch Platten und CDs deutscher, österreichischer und Schweizer Bands in euren Regalen?

Larry: Ich liebe einige Bands von diesen Ländern! Mein bevorzugter Metal kam immer schon aus Europa. Die einzige Schweizer Band, die mir gerade in den Sinn kommt, ist natürlich CELTIC FROST – und die sind definitiv eine meiner Allzeit-Lieblingsbands. Ich stehe auch auf Bands wie ATROCITY, PYOGENESIS, SECRET DISCOVERY, KREATOR, THEATRE OF TRAGEDY etc. Ich bin ein großer Fan von allen diesen Bands. Ich habe beispielsweise 15 Jahre lang treu die ATROCITY-Sachen gehört; darüber hinaus sind sie auch besondere Menschen.

Ihr seid ja keine Grünschnäbel im Business mehr: wie hat sich eurer Meinung nach die ganze Musikindustrie im Allgemeinen und die Metal-Szene im Detail binnen der letzten fünfzehn Jahre verändert?

Larry: Oh, die Industrie nervt, wirklich haha. Versteh mich nicht falsch, es gibt eine Menge cooler Typen, die in der Industrie arbeiten, aber es ist ein hartes Geschäft, sobald es um Metal geht. Es gibt nicht sehr viel Geld zu machen, somit ist es für die Musiker wesentlich schwieriger, weiterzumachen und zu überleben. Du kannst natürlich im Untergrund bleiben und nach wie vor Musik und alles andere machen, aber wenn du versuchst weiterzukommen und dich weiter zu entwickeln, ist es ein einziger Kampf.

Die letzten 15 Jahre waren durch viele Höhen und Tiefen gekennzeichnet. Gerade jetzt ist es eine gute Periode, wenngleich es ein großes Raufen um Tourneen und andere Sachen ist. Und die Wahrheit ist, dass die Mehrheit von uns in der Szene nach wie vor einem geregelten Job nachgehen muss, um überleben zu können; aber die Labels wollen, dass du rausgehst, um zu touren und zu hungern. Irgendwann kommt dann der Punkt, wo du dich fragst, Ist es das wirklich wert? Schlussendlich sind entweder die Starken oder die Glücklicheren die Überlebenden.

Ihr hattet vor, im Herbst Europa mit ein paar Konzerten zu beehren. Was hat letztendlich den Ausschlag dafür gegeben, dass ihr nicht kommen konntet?

Larry: Im Grund waren das geschäftliche und juristische Probleme. Es gibt da so viele Sachen, um die du dich kümmern musst, in etwa Arbeitsbewilligungen, die normale Papierarbeit und die Planung. Es sah danach aus, als dass wir das alles nicht glatt gebügelt bekämen, bis wir in Europa einträfen – und das ist nicht gut. Wir konnten es uns nicht leisten, einfach hinzufliegen, um dann im Land abgewiesen zu werden! So sahen wir uns veranlasst, die Tour zu verschieben, bis dass die legalen Formalitäten geklärt sind. Jetzt hätten wir das meiste geklärt, aber wir müssen wieder zurück ans Zeichenbrett, um die Tourpläne und all das wieder aufzustellen. Das ist alles schwieriger, als es sich die meisten Leute vorstellen. Aber wir werden nach Europa kommen, das ist sicher. Und je mehr ihr den Promotoren, Clubs und Festivals erzählt, dass ihr NOVEMBERS DOOM spielen sehen wollt, desto wahrscheinlicher wird alles. Wir können jeden Support brauchen.

Die Hoffnung lebt also, euch auf dem Alten Kontinent live zu erleben? Wie sieht es dabei vor allem mit einer Tour durch Deutschland, Österreich und der Schweiz aus?

Larry: Ich würde es sehr begrüßen. Es ist definitiv ein Ziel für uns und wäre fantastisch, hier zu spielen! Aber wie ich schon sagte, je mehr Leute ihre Stimme erheben, dass wir spielen sollten, desto eher wird das gelingen.

Habt ihr schon eine Vorahnung, wie es mit dem Sound von NOVEMBERS DOOM weitergeht? Werdet ihr härter, setzt ihr mehr auf cleane Vocals oder wollt ihr es einmal mit Keyboards versuchen?

Larry: Nun, Keyboards hatten wir fast noch auf jedem Album, das ist nichts Neues. Ich weiß nicht, ob sie mehr oder weniger zur Geltung gekommen sind, als in der Vergangenheit. Ich denke, man wird von allem ein bisschen etwas hören. Wir werden härter, wir werden softer. Wir haben Songs, die schneller sind als alles andere, was wir bisher gemacht haben, und wir haben Sachen, die trippelig und progressiv sind. Cleane Vocals werden sicherlich wieder zu finden sein, aber Paul wird immer auch seine Death Metal Vocals einbringen; das wird sich niemals ändern. Unser Ziel ist es, das zu nehmen, was wir haben, und darauf aufzubauen.

Wie ist um die allgemeine Stimmung in den USA bestellt? Naturkatastrophen, höhere Benzinkosten, europäisches Unverständnis für amerikanische Außenpolitik…

Larry: Wir haben hierzulande mit Sicherheit kein komfortables und vertrauendes Gefühl in unsere Regierung. Mit manchen Dingen bin ich einverstanden und mit manchen nicht. Aber ich möchte nicht zu politisch werden. Fazit ist, dass die ganze Welt, nicht nur die USA, in einem ziemlich bedauernswerten Zustand ist. Beinahe jedes Land hat seine eigenen, ernsten Probleme, oder zumindest seine Hand im Spiel und nirgendwo ist man wirklich sicher. Am besten man vertaut seinen eigenen Gefühlen, um auf sich selbst und die Leute, die einem wichtig sind, aufzupassen, und man bleibt auf dem Laufenden, was auf der Welt so vor sich geht. Dass derzeit ein negatives Bild von uns in Europa und auch anderswo gezeichnet wird, verstehe ich, aber das öffentliche Leben ist nicht wirklich komplett porträtiert. Die Medien sind überall korrupt und sie zeichnen Leute in einem Licht wie sie es wollen, etwa aus Sensationslust, um die eigenen Verkaufszahlen zu steigern. Es gibt überall schlechte und gute Menschen, ganz gleich woher man kommt oder welche Regierung an der Macht ist. Versuch den Kontakt zu den schlechten Menschen bestmöglich zu vermeiden, das ist, was ich mache! Was die Naturgewalten und die natürlichen Ressourcen anbelangt, nun ja… Was sich dreht, das dreht sich, und die Natur wird, glaube ich, ihre Wege finden, um unsere Fehler zu berichtigen. Pass also auf, haha!

Hab vielen Dank und viel Glück für die nächsten 15 Jahre!

Larry: Danke für die Zeit, und bitte surft auf www.novembersdoom.com und kontaktiert uns! Danke für die Unterstützung.

Christian Wögerbauer
Christian ist seit 2005 unser Vertreter der Österreicher Metalszene, rezensiert gern im Bereich Doom / Death / Black / Thrash und auffallend gern Bands mit Sängerin. Genres: Death Metal, Doom-Death Metal, Doom Metal, Symphonic Metal, Gothic Metal, Sludge.