NEAL MORSE: Mehr Alben als die Welt verkraftet

Ein Gespräch mit Neal Morse ist immer lohnenswert, selbst wenn – wie hier – nicht die großen Themen (Gott, Reunionsfragen, Mellotronsamplediskurse), sondern vermeintliche Nebensächlichkeiten sowie natürlich das neue Album “Lifeline” im Mittelpunkt stehen.

Nach seinem Ausstieg bei SPOCK`S BEARD folgten für Neal Morse bewegte Jahre mit Alben, die viel Lob, aber an mancher Stelle auch Tadel ernteten. Mittlerweile haben sich die Wogen allerdings geglättet und Morse ist an einem ähnlichen Punkt angekommen wie einst nach der Veröffentlichung von “V”: Die Fans bekommen Progressive Rock auf konstant hohem Niveau geboten, während die Kritiker sich über mangelnde Abwechslung beklagen. Ich muss zugeben, dass ich Mühe hatte, mir Fragen auszudenken, die nicht schon in der Vergangenheit zur Genüge durchgekaut wurden. Allerdings ist ein Gespräch mit Neal Morse immer lohnenswert, selbst wenn wie hier nicht die großen Themen (Gott, Reunionsfragen, Mellotronsamplediskurse), sondern vermeintliche Nebensächlichkeiten, die BEATLES sowie natürlich das neue Album im Mittelpunkt stehen.

Was bei “Lifeline” in meinen Ohren heraussticht, sind die Hintergrundvocals und der Gesang im Allgemeinen. War bei “Sola Scriptura” noch eine massive Soundmauer mit vielen Instrumenten im Vordergrund, gibt es jetzt zwar keine richtigen Chor-Gesänge, aber ich frage mich, was dich zu der Idee verleitet hat, unterschiedliche Leute für die Hintergrundvocals mit ins Boot zu holen?

Eigentlich bin das meiste ich selber, mehrfach übereinander gelegt. Ich hatte Carl Groves von SALEM HILL ins Studio eingeladen, um einige der hohen Passagen zu übernehmen. Ich weiß nicht warum, aber bei der Arbeit an dem Album fiel mir auf, dass sich darauf viele dreistimmige Harmonien befinden, dreistimmige Chöre und solche Sachen. Ich mochte das schon immer. Mein Vater war Chorleiter. Ich war schon immer begeistert von drei-, vier- oder fünfstimmigen Sachen.

Wie hat sich deine Stimme über die Jahre entwickelt? Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal “Beware Of Darkness” hörte, erinnerte mich deine Stimme sehr an John Lennon, doch mit der Zeit klangst du immer mehr wie, nunja, Neal Morse.

Das hoffe ich jedenfalls. John Lennon war ein großer Einfluss für mich. Wenn ich mir Sachen von früher anhöre, die ich gemacht habe, besonders in den 80ern, klingt das derart Lennon-esque, dass es mir fast schon peinlich ist. Ich versuche jetzt nicht mehr, wie Lennon zu klingen. Ein bisschen Abstand von den BEATLES-Einflüssen kann nicht schaden. Ich singe nun volltöniger und weniger nasal.

Zu den Aufnahmen des “Testimony“-Albums hast du dir seinerzeit dein eigenes Studio aufgebaut. Als ich die Nachricht damals erfuhr, dachte ich, es wäre verrückt, ein Studio einzurichten, wo du gerade erst deine Bands verlassen hattest. Aber so wie ich das jetzt sehe, hat es sich bezahlt gemacht und dir geholfen, exzellent produzierte Alben abzuliefern.

Das sehe ich auch so. Es ist toll, eine Platz zu haben, wo ich abseits meiner Familie arbeiten kann. Als ich “Spock`s Beard V” und “Snow” und mit TRANSATLANTIC die Alben aufnahm, machte ich die Overdubs einfach daheim in meinem Zimmer oder im Arbeitszimmer, weil dort das ganze Equipment aufgebaut war. Im Vergleich dazu ist es jetzt wesentlich angenehmer.

Foto Neal Morse (c)Bill Evans Media
Neal Morse: “Einen 15-20 minütigen Song kann man in ein oder zwei Tagen schreiben, wenn es läuft.”

Auch wenn das “Lifeline” kein Konzeptalbum geworden ist, dauert “So Many Roads” trotzdem fast eine halbe Stunde. Warst du versucht, das Stück in Einzelteile zu zerlegen?

Das haben wir tatsächlich gemacht. “Children Of The Chosen” gehörte ursprüngliche zu “So Many Roads”. Die Idee, einen eigenen Song daraus zu machen, kam von Randy George. Ich denke, es war die richtige Entscheidung. Es funktioniert auf dem Album so besser. “So Many Roads” wäre sonst “Too Many Roads” geworden.

Du erwähnst Randy, der dir zusammen mit Mike Portnoy (DREAM THEATER) einmal mehr bei den Aufnahmen geholfen hat. Wie hat sich eure Zusammenarbeit über die mittlerweile fünf Alben verändert?

Es hat sich nicht besonders viel verändert. Ich schicke den Jungs Demos mit der Musik, die ich machen will. In der Regel geben sie dazu wenig Kommentare ab. Sie meinen nur “klingt gut” und wir machen dann einen Termin für die Aufnahmen aus, die in meinem Haus in Nashville stattfinden. Ich glaube, die beiden kommen in erster Linie wegen den Kochkünsten meiner Frau.
Wir spielen mit der Musik herum, schauen, welche der geschriebenen Teile passen und welche ausgebessert werden müssen. Für mich ist es gut, wenn andere Leute die Musik reflektieren. Wenn ich bei einem Stück mal unschlüssig bin, helfen mir Randy, Mike sowie Jerry Guidroz, der Tontechniker. Wir arbeiten dann als Team zusammen.

Wie geht es dann weiter, wenn die Rhythmusgruppe ihre Arbeit getan hat und du die restlichen Spuren aufnimmst? Bist du dann ganz alleine oder gibt es da noch irgendwo Teamarbeit?

Im wesentlichen mache ich das alleine in meinem Zimmer. Wenn ich Streicher und Bläser dazu nehme, bestelle ich Jerry ein, um mir zu helfen. Er macht auch die Voreinstellungen bei den Gitarren. Ich brauche dann nur noch auf den Fußschalter zu treten, bis ich alles so habe, wie ich es mir vorgestellt habe. Das meiste mache ich ansonsten selber.

Wie beurteilst du dich selbst als Produzenten?

Ich weiß nicht. Da musst du vielleicht die anderen fragen. (lacht) Mit mir selbst komme ich prima klar! Ich finde, meine Alben klingen gut. Wenn man Produzent ist, geht es besonders darum, die richtigen Leute um einen herum zu haben und die richtige Person für das Abmischen zu finden. Das macht viel aus. Dass meine Aufnahmen so gut klingen, ist nicht zuletzt der Verdienst von Rich Mouser. Er ist ein exzellenter Mischer und hat großen Anteil daran. Und Jerry Guidroz erledigt seine Aufgabe toll, das Schlagzeug zum Klingen zu bringen. Wenn dann auch noch die spielerische Leistung stimmt, kann nichts mehr schiefgehen.

Foto Neal Morse (c)Bill Evans Media
Neal Morse: “Der Schreibprozess ist mein Lieblingspart. Sobald ein Album fertig ist, bin ich bereit für das nächste. Ich mag es, Alben schnell zu erschaffen, und dann sofort weiterzumachen. Ich würde noch mehr Sachen veröffentlichen, wenn die Welt damit klar käme.”

Hast du schon einmal überlegt oder versucht, mehrere Jahre lang an einem Album zu arbeiten wie beispielsweise DEF LEPPARD oder die meisten anderen Bands?

Daran bin ich eigentlich nicht interessiert. Ehrlich gesagt bin ich viel mehr am Komponieren interessiert. Der Schreibprozess ist mein Lieblingspart. Sobald ein Album fertig ist, bin ich bereit für das nächste. Ich mag es, Alben schnell zu erschaffen, und dann sofort weiterzumachen. Ich würde noch mehr Sachen veröffentlichen, wenn die Welt damit klar käme. Die BEATLES machten seinerzeit jedes Jahr zwei Alben. Zwischen 64 und 69 haben sie an die zehn Alben rausgebracht.

Aber ihre Alben waren 30 Minuten lang. Deine Alben sind 80 Minuten lang und haben noch eine Bonus-CD dabei.

Das stimmt. Das ist eine andere Sache. Aber wenn die Kreativität sprudelt, können wir eine Menge machen. Einen 15-20 minütigen Song kann man in ein oder zwei Tagen schreiben, wenn es läuft.

Und im Gegensatz zu den BEATLES musst du nicht für die königliche Familie aufspielen.

Ja, wer weiß, wie die reagieren würde. Huh?

Das bringt mich zu einer anderen Frage: Die Musik der BEATLES wurde seinerzeit von manchen Kirchenleuten verteufelt und in deinem Song “Talking Mega Church Blues” vom “Songs From The Highway”-Album singst du selbst die Zeile “Rockkonzerte sind ein Werk des Teufels”. Wie stehst du dazu, als gläubiger Christ, der lauten Progressive Rock spielt?

Die Zeile im “Mega Church Blues” ist natürlich ein Witz. Der ganze Song ist eher auf Spaß ausgerichtet.

Klar.

Ich habe einfach den Herrn gefragt, was er will, das ich tue. Mein Gefühl sagte mir dann, dass er will, dass ich das hier mache. Ich finde, Musik ist wie eine Sprache; und Gott will zu den Menschen in ihrer Sprache sprechen, in einer Sprache, die sie verstehen können. Den Leuten die frohe Botschaft in ihrer Sprache zu verkünden, ist die Aufgabe aller Menschen, egal ob es dabei um Southern Gospel oder Rap geht. Solange die Botschaft von Herzen kommt, wird Gott sie ehren/würdigen (honor them).

Helfen dir dabei Gottesdienste in Europa, bei denen mitwirkst? Ich war diesen Februar bei einem in Belgien.

Wo denn?

In Kortrijk.

Die International Church?

Ja, da war die Gemeinde, die Flämisch sprach, und du hast Englisch gesprochen. Beide Seiten wurden jeweils übersetzt. Für mich als Deutschen, der eine dritte Sprache im Kopf hatte, war es interessant zu erleben, dass die Unterschiede zwischen den Sprachen angesichts des gemeinsamen Inhalts erstaunlich klein waren.

Ja, ich erinnere mich. Das war ein guter Gottesdienst. Für mich ist es eine große Hilfe gewesen. Ich liebe es, “over there” in die Kirche zu gehen, Leute zu treffen, den Geist des Herrn zu spüren und Leuten in bescheidenem Rahmen zu helfen, Gott etwas besser zu verstehen. Es ist toll!

Du warst kürzlich auch wieder auf Tour mit deiner niederländischen Progressive Rock-Band. Wie ist es dabei für dich, wenn du in der Setlist älteren Songs wieder begegnest, seien es jetzt SPOCK`S BEARD-Sachen oder auch Material von “One” usw.? Hast du die alle noch im Kopf oder musst du sie erst einmal ein paar Stunden lang durchhören, bis alles wieder sitzt?

Sicherlich mehr als ein paar Stunden lang! Ich muss alles wieder von vorne lernen. Ich muss viel üben; und ich mache trotzdem noch Fehler. Aber es hat Spaß gemacht! Ich habe die letzte Tour wirklich genossen. Wir haben einige Sachen gespielt, die wir noch nie im Live-Programm hatten, z.B. “Author Of Confusion” oder “I’m The Guy”. Es gab viel Abwechslung und wir hatten eine Menge Spaß.

Wie läuft es bei euch mit dem Wäschewaschen auf Tour?

Wie es auf Tour mit dem Wäschewaschen läuft? Das hat mich bislang noch niemand gefragt! Ich frage mal meine Frau. (Pause) Meine Frau sagt, es ist problematisch. Am Ende des Abends sind meine Sachen schweißnass. Wir sammeln die schmutzigen Sachen. Ich muss meistens dieselben Hosen tragen, habe aber einen Vorrat an frischen Hemden dabei.

Zur Not könnt ihr euch da noch am Merchandise-Stand bedienen.

Ja. Aber die eigentliche Antwort auf deine Frage lautet: Ich habe eine wundervolle Ehefrau, die auf mich aufpasst.

Wie weit bist du in die Veröffentlichung deiner DVDs involviert? Hast du da alles durchgeplant oder stellst du einfach die Idee in den Raum und schaust, wie die beteiligten Leute reagieren? Collin hat ja anscheinend viel dazu beigetragen.

Collin hat viel mit dem Tourgeschäft zu tun. Die letzten Male war es so, dass er die Band gemanagt hat. Ich komme einfach und spiele. Es war toll! Was die DVD anbelangt, haben wir die Firma kontaktiert, die das Konzert gefilmt hatte, und sie das meiste machen lassen. Wir haben die Tonspuren hier bearbeitet. Den Bildschnitt haben sie drüben in Holland erledigt. Es lief großartig.

Hast du schon mal mit dem Gedanken gespielt, die gesamte Produktion auszulagern und nur noch zu Komponieren?

Nein, da möchte ich schon meine Finger im Spiel haben, egal, ob es jetzt um einzelne Drumfills oder andere spezielle Stellen geht. Ich bin da bisweilen sehr wählerisch. Entsprechend arbeite ich gerne zu Hause.

Wie hast du die letzten Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl in Europa erlebt?

Du meinst in politischer Hinsicht?

Ja, ich hatte das Gefühl, dass im Vergleich zu früheren Wahlen, sowohl in den Medien, als auch in der Bevölkerung hier in Europa das Thema sehr groß war. Hast du Unterschiede oder Ähnlichkeiten wahrgenommen, auch im Vergleich mit der Situation bei dir zu Hause?

Präsidentschaftswahlen sind immer eine große Sache, besonders in Amerika. Dieses Mal war es intensiver wegen der beteiligten Leute. Es herrscht auch ein Gefühl angesichts der Wirtschaftskrise und dem Irak-Krieg, dass dies eine entscheidende Zeit ist. Ich habe mit den Leuten in Europa aber nicht viel über Politik gesprochen. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten für Obama waren. Allgemein versuche ich mich aus politischen Angelegenheiten herauszuhalten. Das interessiert mich nicht so sehr. Meine Hoffnung begründet sich nicht auf Politik.

Noch eine TRANSATLANTIC-Frage: Wie verbringst du die Zeit auf Transatlantik-Flügen?

Ich schaue mir zusammen mit meinem Sohn Filme an. Manchmal spiele ich Karten mit meiner Tochter. Ich schlafe sehr gut in Flugzeugen. Ich lese in der Bibel und ich esse.

Hast du mal mit dem Gedanken gespielt, deine Haare wieder lang wachsen zu lassen wie einst gegen Ende der 90er?

Nein, sie sind zu dünn. (lacht) Sie sind vorne ziemlich dünn geworden. Das war einer der Gründe, warum sie damals abgeschnitten habe. Sie sahen strähnig und nicht sehr schön aus.

 

Fotos: Bill Evans Media