HILLS LIKE WHITE LIONS: Canary

Es fällt mir regelmäßig schwer, Bands, deren Namen aus vier Wörtern besteht, ernst zu nehmen. „HILLS LIKE WHITE LIONS“ klingt aber irgendwie schön, denn wer möchte nicht von Hügeln, die wie weiße Löwen wirken, umgeben sein? Und dabei sehr emotionalen, angeschwärzten Prog Metal hören?

Denn HILLS LIKE WHITE LIONS ist nicht etwa eine Metalcore-, sondern eine Progressive-/Post-Metal-Band, und für ihr neues und bisher drittes Werk haben sie Screamo- und Black-Metal-Elemente in ihren Klang eingewoben. Heraus kommt ein hoch ambitioniertes Werk, das man nach relativ kurzer Eingewöhnungszeit so schnell nicht mehr aus den Ohren bekommt.

Das liegt in erster Linie an der erstklassigen Melodieführung und dem fantastischen melodischen Gesang (Florian Wagner), der nicht, wie bei durchschnittlichen Vier-Wörter-Bands aus dem Metalcore-Genre häufig anzutreffen, uninspiriert zwischen die Screams gepackt wurde, sondern ganz klar führend ist. Das Duett mit dem extremen Gesang hat dann manchmal was von jenem Metalcore, kommt aber immer emotional und authentisch rüber.

Dass HILLS LIKE WHITE LIONS Fans von DEAFHEAVEN sind, darf man wohl annehmen. Dennoch ist die Basis ihres Sounds weiterhin melodischer Prog (man denke z.B. an COHEED AND CAMBRIA), so dass insgesamt eine gewisse Eigenständigkeit entsteht. Das allein reichte nicht, um mich für die Band einzunehmen, aber die Österreicher bieten mehr: Erstens einen offenbar gut ausgebildeten Sänger mit einer ungewöhnlich vollen, sonoren Stimme, zweitens ein Songwriting, das konsequent auf Hooks abzielt, die nicht sofort nerven, sondern über mehrere Durchläufe zu ganz schlimmen geilen Ohrwürmern werden, wenn man sie lässt.

„Canary“ ist emotional, authentisch, ambitioniert – und ein voller Erfolg

Und das tut man gerne: Der Titelsong eröffnet „Canary“ mit kraftvollem Drumming und einem Riffing, das zunächst auf die falsche Fährte lockt, ehe es in Melancholie gebrochen wird – ganz stark und extrem berührend. Das bombastische „Cosmic Loss“ trumpft mit weiblichem Gastgesang von Pipi Gogerl (NOVENA & ANCIENT FRAGMENTS) auf und bereichert die Palette damit nochmal; auf dem extrem eingängigen „Liminal Summer“ wiederum gibt sich Eklatanz von HERETOIR die Ehre, dessen Gesang allerdings weniger bereichernd wirkt, alldieweil er sich gar nicht so groß vom ansonsten eingesetzten extremen Gesang (Neuzugang Reinhard Farnberger) unterscheidet. Leadsänger Florian Wagner darf im anschließenden „Blown Away“ nochmal alles an Gefühl in seinen wundervollen Gesang legen: Die Vögel auf den Fensterscheiben jedenfalls gehen mir seit Wochen nicht aus dem Kopf. Und am Ende drehen HILLS LIKE WHITE LIONS nochmal die Prog- und Härte-Regler auf 10, so dass „Canary“ so leidenschaftlich wie möglich endet.

Das Album funktioniert dabei hervorragend als Ganzes, weil die großen Momente nicht für sich stehen, sondern sehr abwechslungsreich und sinnvoll miteinander verbunden sind und immer wieder klug variiert werden. Ja, komponieren kann man, es ist ja auch schon das dritte Album, und die Qualität ist insgesamt so hoch, so professionell, dass ich mir die Entscheidung, das Ganze komplett in Eigenregie zu produzieren und zu veröffentlichen, eigentlich nur als bewusste erklären kann.

HILLS LIKE WHITE LIONS haben mit „Canary“ ein Konzeptalbum geschrieben, das im Weltall spielt und das Aufwachsen dort beschreibt. Ich stelle mir vor, dass die Hauptfigur das Leben auf der Erde nur aus Geschichten erfährt – kein schöner Gedanke, und so ist es nur folgerichtig, dass wir die Schrecken, die sie dabei erlebt, als Schreie vernehmen. Solange also Leben auf der Erde noch möglich ist, sollten wir es genießen, und dabei kann uns „Canary“ hervorragend zur Seite stehen.

Spielzeit: 42:44 Min.

Veröffentlichungsdatum: 09.10.2026

Label: –

Bandcamp

Line-Up:
Florian Wagner – Gesang, Gitarre
Alexander Augustin – Bass
Hannes Lettner – Schlagzeug
Reinhard Farnberger – Synths, Gesang

HILLS LIKE WHITE LIONS „Canary“ Tracklist & Cover