Als DÖDSRIT im April 2025 in der Kölner Kantine spielten, standen sie noch als Support für HARAKIRI FOR THE SKY auf dem Billing. Trotzdem haben sie bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. „Nocturnal Will“ war damals knapp ein Jahr alt und hatte längst bewiesen, wie wenig sich die schwedisch-niederländische Kombo für eindeutige Genregrenzen interessiert. Black Metal, Crust Punk, D-Beat: Die einzelnen Bestandteile auseinanderzunehmen, ergibt bei dieser Band kaum noch Sinn.
Der Auftritt im April überzeugte mich jedenfalls so sehr, dass DÖDSRIT anschließend nicht nur dauerhaft in meiner Playlist, sondern auch als Patch auf meiner Lederjacke landeten. So war es für mich auch ganz selbstverständlich, mir die Band bei ihrer Rückkehr als Main Act wieder anzuschauen. Man möge mir also ein gewisses Maß an Voreingenommenheit verzeihen.
GRÄUEL: Aller Anfang ist düster
Mit GRÄUEL eröffnete eine junge Band aus Köln den Abend in den Garagen. Das musikalische Fundament des Quartetts bildet eine Mischung aus Death Metal, Doom und klassischem Black Metal. Auch textlich bleibt dank Themen wie Isolation, Verfall und menschlichen Abgründen wenig Platz für Sonnenschein. Also im Grunde alles, was man für einen gelungenen Donnerstagabend im Spätsommer braucht.
Eine Besonderheit fiel schon beim Blick auf die Bühne auf: Bei GRÄUEL kommen Drums und Vocals aus einer Hand. Eine Kombination, die live nicht besonders geläufig ist und mich für einen kurzen Moment an die „Lip Gloss And Black“-Ära (2003) der US-Amerikaner von ATREYU erinnerte. Auch wenn die beiden Bands musikalisch fast so wenig gemeinsam haben wie CANNIBAL CORPSE und DIE FLIPPERS.
Für eine Band, die noch ganz am Anfang ihrer Live-Geschichte steht, schlugen sich GRÄUEL an diesem Abend sehr ordentlich. Zwischendurch mussten sich die Musiker um Sänger Flo K. immer wieder kurz abstimmen. Nicht jeder Einsatz wirkte völlig selbstverständlich und hier und da schlich sich eine gewisse Unsicherheit ein. Wirklich störend war das allerdings nicht. Im Gegenteil: Es hatte durchaus etwas Sympathisches, einer jungen Band dabei zuzusehen, wie sie auf der Bühne zusammenwächst.
Am Ende stimmte der Gesamteindruck. Die rohe, noch nicht bis in den letzten Akkord glattgezogene Präsentation passte zu einer Band, deren Ziel sicherlich keine klinische Perfektion sein dürfte.
Eine Melange aus Black Metal, Crust und D-Beat
Als DÖDSRIT die Bühne übernahmen, waren die Garagen bereits gut gefüllt. Mit „Irjala“ eröffnete die Band ihr Set und lieferte direkt ein ziemlich gutes Beispiel dafür, weshalb sich ihre Musik nicht in Schubladen stecken lässt. Crust und D-Beat trieben nach vorne, während Tremolo-Riffs und melodische Gitarren den Stücken Weite verliehen.
DÖDSRIT arbeiten diese Einflüsse allerdings nicht der Reihe nach ab, sondern lassen sie ineinandergreifen. Neben melancholischen Gitarrenklängen läuft der treibende Rhythmus einfach weiter, das Tempo zieht an oder fällt zurück. Melodien treten nach vorne und verschwinden wieder im harschen Riffing.
Besonders das Material von „Nocturnal Will“ zeigt, welche Bedeutung der Gitarrensound inzwischen für die Identität der Band hat. Melodien dienen hier nicht nur als atmosphärische Dekoration über den eigentlichen Riffs. Sie tragen die Stücke, entwickeln Motive weiter und sorgen für einen hohen Wiedererkennungswert. Manchmal hymnisch, manchmal melancholisch, aber nie kitschig oder übertrieben.
Gleichzeitig hält der Rhythmus die ausladenden Stücke in Bewegung. Hier kommt der Crust-Punk-Hintergrund der Band ins Spiel. Selbst wenn die Gitarren mehr Raum bekommen, bleibt der pressende Vorwärtsdrang erhalten. Und genau das macht DÖDSRIT so spannend. Der Sound der Band kann weit und atmosphärisch werden, ohne seinen unmittelbaren Charakter zu verlieren.
Umgekehrt steht die Härte nie für sich allein. Geschwindigkeit, Melodie und Atmosphäre erfüllen innerhalb der Songs unterschiedliche Aufgaben und ergeben zusammen ein Wechselspiel, das inzwischen einen deutlichen Wiedererkennungswert hat.
DÖDSRIT brauchen keinen Schnickschnack
Dass die Wurzeln der Band im Crust Punk liegen, fiel an diesem Abend nicht nur bei der Musik auf. Auch die Bühnenshow zeigte, dass hier auf die oftmals belächelte Inszenierung des Genres verzichtet wird: Kein Corpsepaint, kein Weihrauch, keine sorgsam inszenierte Kulisse. Stattdessen fünf Musiker, schwarze Shirts, ein paar Verstärker, ein Banner – fertig. Und genau darin liegt ein großer Teil des Charmes dieser Band.
Nicht, weil gegen aufwendige Black-Metal-Shows grundsätzlich etwas einzuwenden wäre. Wenn BEHEMOTH auf der Bühne die Apokalypse nachspielen, schaue ich mir das ausgesprochen gerne an. Nur brauchen DÖDSRIT diese Ebene schlicht und einfach nicht. Ihre Bühnenpräsenz wirkt eher wie eine Verlängerung ihrer musikalischen Einflüsse: reduziert, konzentriert und bodenständig.
Statisch war die Show in den Garagen dennoch nicht. Bass und Gitarren blieben ständig in Bewegung, Haare flogen, es wurde gebangt und geschwitzt. Nichts davon wirkte jedoch wie eine einstudierte Inszenierung. Das stand in einem reizvollen Gegensatz zur Musik. Denn Pathos können DÖDSRIT durchaus. Wenn aus einem ruppigen Part plötzlich eine große Melodie entsteht, darf es auch mal dramatisch klingen. Die Band muss deshalb aber nicht so tun, als hätte sie gerade in Köln-Ehrenfeld ein Portal zur Unterwelt geöffnet.
Warum DÖDSRIT live so gut funktionieren
Am deutlichsten zeigt sich die Qualität von DÖDSRIT in ihrer Dynamik. Viele Stücke nehmen sich Zeit, ohne dadurch behäbig zu werden. Motive tauchen auf, verändern sich und kehren in anderer Form zurück. Ruhigere oder melodischere Passagen schaffen Raum, bevor Schlagzeug und Gitarren den Druck wieder erhöhen. Dadurch bekommen selbst längere Songs eine klare Dramaturgie.
Der Punk-Einschlag sorgt für Bewegung, der Black-Metal-Einfluss für Atmosphäre und Schärfe, während die Gitarrenmelodien das emotionale Zentrum bilden. Das macht die Songs komplexer, als ihre rohe Oberfläche zunächst vermuten lässt.
Mit „Celestial Will“ endete schließlich ein Set, das den Eindruck der letzten Kölner Show mehr als bestätigte. Die fehlende Inszenierung ist dabei längst kein Mangel, sondern fast schon ein Alleinstellungsmerkmal der Band. Da steht eine Gruppe von Musikern auf einer kleinen Bühne und spielt raue, handgemachte Musik. Mehr braucht es manchmal einfach nicht.
Im Oktober kehren DÖDSRIT ins Studio zurück, um am Nachfolger von „Nocturnal Will“ zu arbeiten. Gerade nach der Entwicklung der vergangenen Jahre stellt sich deshalb weniger die Frage, ob die Band ihren eingeschlagenen Weg fortsetzt – sondern welche ihrer zahlreichen Facetten künftig im Mittelpunkt steht.
Mehr Death? Mehr Crust? Mehr Black Metal? Keine Ahnung. Aber nach zwei ziemlich überzeugenden Shows möchte ich es verdammt gerne hören.
DÖDSRIT – Setlist:
- Irjala
- Shallow Graves
- Svart Aska
- Utmed Gyllbergens stig
- Nocturnal Fire
- As Death Comes Reaping
- Celestial Will