Ganz schön bissig diese GREAT FALLS, sogar noch bissiger als zuletzt. Zur Erinnerung, auf dem vor drei Jahren erschienen Einstand bei NEUROT RECORDINGS namens „Objects Without Pain“ präsentierten sich GREAT FALLS als richtig, richtig hässliche Schnittmenge aus UNSANE mit den brachialsten Momenten von CULT OF LUNA und den NEUROSIS der frühen Neunziger, allerdings ohne psychedelische Momente. Die pure Gewalt und Verzweiflung, die von dem Trio aus Seattle ausgingen, waren fast schon physisch spürbar. „The Bite That Grows Up“ ist das nunmehr sechte Album von GREAT FALLS, und es steht eine kleinere, aber nicht unbedeutende stilistische Anpassung an.
GREAT FALLS fletschen die Zähne: Die richtig gut eingespielten Musiker klingen auf „The Bite That Grows Up“ durch Scott Evans Sound noch gefährlicher.
Zunächst mal stimmt eigentlich alles an „The Bite That Grows Up“. Der verzerrte, brachiale Bass von Shane Mehling, das energiegeladene Drumming von Nick Parks, das markerschütternde Geschrei von Demian Johnston und seine chaotischen Riffs wurden exzellent eingefangen von Scott Evans. Stilistisch gesehen sind GREAT FALLS allerdings brutaler, gemeiner und etwas kompakter. Weniger NEUROSIS, mehr CONVERGE, keine langen Songs mehr, nach siebeneinhalb Minuten ist auf diesem Album spätestens Schluss, auch zwei ganze kurze Tracks sind auf „The Bite That Grows Up“ zu hören. Vermutlich müssen GREAT FALLS jetzt, in der zweiten Amtszeit von Trump, eben mit anderen Mitteln antreten.
„A Small Weakness“ navigiert zwischen den Polen Chaos und Niedergeschlagenheit, und hier wird deutlich, dass GREAT FALLS mehr zu bieten haben als zeitgenössische Genrekollegen wie KEN MODE. „Pinned Against Time“ ist dann eine ungebremste, metallische Hardcore-Lektion, unterfüttert mit Sludge – zwei Minuten voller Wut, die allerdings etwas unstrukturiert und fragmentiert wirkt. Und genau das ist das Problem an „The Bite That Grows Up“: Dem Songwriting zu folgen fällt mitunter schwer, siehe auch „Worse Than Sleep“ und „Buildings Full Of Rope“.
Nicht immer haben GREAT FALLS das Songwriting im Griff: „The Bite That Grows Up“ ist zwischendurch mal sperrig und mal etwas konfus.
Mit den beiden längsten Songs zeigen GREAT FALLS aber, was sie wirklich können: „Hailstone Numbers“ und „What No One Can Give“ schaffen große Dynamiksprünge, fließen von einem Punkt zum jeweils nächsten, ohne Überraschungen missen zu lassen, und behalten die Logik bei. Auch ziemlich gut: „Nicotine In The Spine“ schafft es, in all dem Lärm zugänglich zu bleiben, und „Debt Ethics“ baut durch den brodelnden Beginn massiv Spannung auf, die sich nach zwei Minuten in purer Impulsivität entlädt. Gerade hier wird auch deutlich, wie exzellent die drei Musiker eingespielt sind und wie routiniert sie ihre Instrumente beherrschen. Schade nur, dass die Vocals nicht so abwechslungsreich sind wie auf „Objects Without Pain“.
Insgesamt scheint es so, als müssten sich GREAT FALLS erst warmlaufen, denn das Ende des Albums funktioniert deutlich besser als die erste Hälfte. „The Bite That Grows Up“ ist trotz der hohen Energie, der ungefilterten Wut, der authentischen Verzweiflung und des originellen Stilmixes nicht so gut wie der Vorgänger. Es ist sperrig und ziemlich anstrengend, auch der Kompaktheit wegen. Das zeigt, dass GREAT FALLS gerade dann richtig gut sind, wenn sie zulassen, dass sich die Kompositionen etwas mehr Raum nehmen. Diese Dringlichkeit ist aber vermutlich das, was entsteht, wenn eine Band wie GREAT FALLS in der Ära Trump 2 Songs schreiben: Dann werden nämlich nicht mehr nur die Zähne gefletscht.
Wertung: 5 von 8 Beißschienen
VÖ: 16. August 2026
Spielzeit: 40:16
Line-Up:
Demian Johnston – Vocals, Guitar
Shane Mehling – Bass
Nick Parks – Drums
Label: Neurot Recordings
GREAT FALLS „The Bite That Grows Up“ Tracklist:
1. A Small Weakness
2. Pinned Against Time
3. Worse Than Sleep
4. Hailstone Numbers
5. Nicotine in the Spine
6. Debt Ethics
7. Buildings Full of Rope
8. What No One Can Give
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