The Ocean - Solaris Cover

THE OCEAN: Solaris

Mit verändertem Line-up und gleich zwei neuen Stimmen starten THE OCEAN in das nächste Kapitel: „Solaris“ überrascht dabei mit unerwarteten Nuancen und viel Raum für die progressive Seite des Kollektivs.

„Straßen? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen!“ Es ist vor allem freudige Aufregung, die in Dr. Emmett Browns berühmtem Zitat aus der „Zurück in die Zukunft“-Trilogie mitschwingt. Die Entdeckerlust, der Aufbruch ins Neue und Unbekannte wecken Neugier wie Fernweh gleichermaßen, bevor sodann der Abspann rollt. Unverrichteter Dinge lassen uns THE OCEAN glücklicherweise nicht zurück: „Solaris“ mag das Ziel im Namen tragen, teilhaben dürfen wir an dieser Expedition jedoch über die volle Distanz.

Dabei richtet das Berliner Kollektiv die Aufmerksamkeit zunächst auf den Ausgangspunkt: Den Hauptsitz des eigenen Labels Pelagic Records markiert das Intro „52°30’11″N, 13°26’12″E“ mit seinen geografischen Koordinaten. Von dort beginnt die Band eine Reise, die sich schnell als transformativ erweist: Der von der Akustikgitarre unterlegte feinfühlige Gesang klingt vertraut und doch anders.

Mit verändertem Line-up und gleich zwei neuen Stimmen starten THE OCEAN in das nächste Kapitel

Der offensichtlichste Grund: Bei „Solaris“ handelt es sich um das erste Studioalbum seit der Trennung von Sänger Loïc Rossetti, welcher die Band nach rund anderthalb Dekaden und sechs Studioalben im Jahr 2025 verlassen hatte. Es handelt sich nicht um die einzige Veränderung nach einer ausgedehnten Periode der Konstanz: Auch Schlagzeug und Gitarre mussten in der Zwischenzeit neu besetzt werden, so dass sich Mastermind Robin Staps den ursprünglichen Gedanken eines Musiker:innen-Kollektivs wieder ins Gedächtnis rief.

Die Vakanz am Mikro kompensieren nun beispielsweise gleich zwei Stimmen: Enrico Tiberi fehlt zwar das markante Reibeisen-Timbre Rossettis, füllt den Posten nach kurzer Eingewöhnungszeit aber absolut souverän aus. Mit vertrauter Stimmfarbe und ähnlichen Gesangsbögen fällt die Umstellung allerdings entsprechend leicht. Sein weibliches Pendant Lane Shi (OTAY:ONII) hingegen bringt ein für THE OCEAN völlig neues Flair mit sich. Mal leise, mal kraftvoll, doch stets mit einer gesunden Dosis Exzentrik füllt die Sängerin eine Lücke, von der wir zuvor noch nichts wussten.

Der progressiven Seite der Band bietet sich auf „Solaris“ viel Raum zur Entfaltung

Dass das Grundgerüst von „Solaris“ derweil schon vor einigen Jahren entstand und ursprünglich „Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic“ (2020) nachfolgen sollte, ist dem Songwriting durchaus anzuhören. Die Stücke sind offen angelegt, so dass sich gerade der progressiven Seite der Band viel Raum zur Entfaltung bietet. Härtere Spitzen streuen THE OCEAN nun eher punktuell, während der rastlos angelegte „Departure Song“ zum Auftakt mittels zahlreicher Details und Spuren besticht. Warme Bassläufe blitzen hervor, Lane Shi füllt den Hintergrund zeitweise mit einer gewissen Theatralik, in der Hook tänzeln die Gitarren verspielt umeinander, während das Drumming nette Patterns einstreut und Richtungswechsel vorgibt.

In „Light Pollution“ wiederum nehmen Synthesizer und Vibraphon eine präsente Rolle ein, während Frontmann Enrico Tiberi seine Stimme ähnlich elegant über die Spuren legt, wie es sein Vorgänger zu tun vermochte: Kurzum, hier klingen die zeitgenössischen THE OCEAN unverkennbar hindurch, ohne sich selbst zu wiederholen. Denn auch wenn mit der einsetzenden E-Gitarre und Tiberis Screams ein Hauch „Heliocentric“ (2010) die Komposition erfüllt, steuern loungige Intermezzi und Lanes heller Gesang das Stück in unerforschtes Terrain.

Zeitweise treffen auf „Solaris“ Alt und Neu aufeinander

Diese Vermählung aus Alt und Neu erleben wir zudem in „Belligerence“, dessen brodelnde Riffs eine Menge Wut zu unterdrücken scheinen: Als hätte Bandkopf Robin Staps „Precambrian“ (2007) im Hinterkopf gehabt, als er die Gitarre in die Hand nahm. Das Resultat ist ein dynamisches und vielseitiges Monstrum, welches die jüngere, progressiv-psychedelische Seite THE OCEANs mit der Post-Metal-Urgewalt der früheren Bandhistorie verschmelzen lässt.

Dass die Nummer dem Epos „Simulacra“ nachfolgt, ist ein gut gewählter Schachzug, besticht jenes doch trotz weniger harscher Spitzen mit einem getragenen Grundgerüst, über das sich eine wundervolle Gesangslinie legt. Einfach nur verträumt oder doch blinde Naivität? Gefangen nehmen lassen wir uns über die rund 17 Minuten Laufzeit dennoch ohne groß zu hinterfragen – und gehen damit der Band auf den Leim. In Anlehnung an Stanislaw Lems Roman „Solaris“ (1961) spiegelt Staps‘ „Simulacra“ die namengebenden fleischgewordenen Erinnerungen der Menschen mit unserem Doppelleben in den sozialen Medien, deren Authentizität wir ebenso kaum reflektieren.

Auf der Zielgeraden wagen sich THE OCEAN in elektronische Gefilde vor

Der sludgige Trott von „Ultima Esperanza“ schließlich erinnert auch aufgrund des Riffings stark an CULT OF LUNA, lässt im zweiten Teil jedoch auch eine bluesige Leadgitarre miteinfließen. Der Übergang auf die Zielgeraden erfolgt schließlich fließend: Während sich die Gitarren zurückziehen, übernehmen die Synthesizer Stück für Stück das Ruder, um schließlich in „Milk Of My Dreams“ federführend in Erscheinung zu treten.

Dass THE OCEAN hier mit Thorsten Quaeschning (TANGERINE DREAM) zusammenarbeiteten, kommt dem Albumfinale in jeder Hinsicht zugute. Denn obwohl die elektronische Inkarnation des Kollektivs einen vollkommen anderen Vibe bedient, scheint uns die Transformation formschlüssig und nicht minder vielschichtig. Ironischerweise ist es ausgerechnet der monotone, mantraartige Gesang, der hier etwas abfällt und nur von Lane Shis beherzter Performance im Hintergrund gerettet wird.

Das Zerstückeln der Songs bringt „Solaris“ keinen Mehrwert, auch wenn man das Konzeptalbum am besten als Ganzes erleben sollte

Ein wenig seltsam mutet derweil die Entscheidung an, das abschließende „51°28’30″S, 73°6’11″W“ als eigenes Stück per Fade-in hinten anzuschließen, wirkt die Nummer doch dadurch mehr wie ein Reprise oder Remix der vorangegangenen Komposition, die durch einen durchgehenden Übergang wohl dezent eleganter über die Ziellinie gegleitet wäre. Generell fraglich ist darüber hinaus die Zerstückelung vieler Songs in unterschiedliche Teile. Da die ausladenden Tracks jeweils ganz offensichtlich als ein großes Ganzes konzipiert wurden, bleibt der einzige Zugewinn dieses Schritts wohl eine kleine Steigerung der spärlichen Streamingerlöse.

Für moderne Hörgewohnheiten aber ist diese Vorgehensweise natürlich ein Unding, welches Streaming-Rotationen künftig mit halben Songs füttern dürfte. Ein stilles Plädoyer für das Konzeptalbum könnten wir wohlwollend aus diesem Schritt herauslesen und tatsächlich ist der Fokus auf das Gesamtwerk die beste Art und Weise, sich mit „Solaris“ auseinanderzusetzen.

THE OCEAN werden auf „Solaris“ selbst zu Entdeckern

Wie auf einer Expedition in das Unbekannte entfalten sich so die vielfältigen Schauwerte, Landschaften und Ebenen, welche THE OCEAN in ihrem ersten Unterfangen seit dem großen Umbruch selbst zu Entdeckern werden ließen. Das Ziel dieser waghalsigen Reise benennen die Musiker:innen übrigens ebenfalls per geografischem Fingerzeig: „51°28’30″S, 73°6’11″W lauten die Koordinaten. Wohin genau sie uns führen, wollen wir an dieser Stelle zwar nicht verraten. Doc Brown jedenfalls würde selbst hier mit seiner Prophezeiung Recht behalten: Wohin THE OCEAN uns führen, sind Straßen tatsächlich von zweitrangiger Bedeutung.

Veröffentlichungstermin: 25.09.2026

Spielzeit: 69:22

Line-Up

Enrico Tiberi – Vocals
Lane Shi – Vocals
Robin Staps – Gitarre
Emmanuel Jessua – Gitarre
Marco Gennaro – Gitarre
Mattias Hägerstrand – Bass
Jordi Farré – Schlagzeug

Produziert von Daniel Lidén, Robin Staps und Jens Bogren (Mix und Mastering)

Label: Pelagic Records

Homepage: https://www.theoceancollective.com/
Facebook: https://www.facebook.com/theoceancollective
Instagram: https://www.instagram.com/theoceancollective
Bandcamp: https://theocean.bandcamp.com/

THE OCEAN “Solaris” Tracklist

  1. 52°30’11″N, 13°26’12″E
  2. Departure Song
  3. Light Pollution (Video bei YouTube)
  4. Simulacra, Pt. I
  5. Simulacra, Pt. II
  6. Simulacra, Pt. II
  7. Belligerence, Pt. I (Audio bei YouTube)
  8. Belligerence, Pt. II
  9. Ultima Esperanza, Pt. I (Video bei YouTube)
  10. Ultima Esperanza, Pt. II
  11. Milk Of My Dream
  12. 51°28′30″S, 73°6′11″W