NAGLFAR: Höhere Veröffentlichungsgeschwindigkeit nach einem Rezept aus Umea

NAGLFAR: Höhere Veröffentlichungsgeschwindigkeit nach einem Rezept aus Umea

Nachdem NAGLFAR trotz dem Weggang des Gründungsmitglieds und Frontmannes Jens Ryden in einem erstaunlich kurzen Zeitintervall mit Pariah einen überzeugenden Sheol-Nachfolger kredenzt hatten, war es Zeit, bei den Schweden einige Nachforschungen anzustellen. Gitarrist, Keyboarder und Produzent Marcus getraute sich, die E-mail zu öffnen und die Fragen zu beantworten.

Zuerst würde ich gerne etwas zu den Hintergründen eures neuesten Werks erfahren. Es hat mich ziemlich überrascht, dass dieses Album nur gerade zwei Jahre nach Sheol das Dunkel der Welt erblickt hat. Wie muß man sich den Arbeitsprozeß in so einer kurzen Zeitspanne vorstellen? Habt ihr eure Proberoutine verändert oder habt ihr auf Pariah auch Songs drauf gepackt, welche ihr schon vor der Veröffentlichung von Sheol geschrieben hattet?

Wir haben nicht geschummelt, keiner der Songs auf dem Pariah-Album wurden vor Sheol geschrieben. Es gab jedoch etwas, was wir dieses Mal anders machten: Beinahe sämtliche Songs sind in meinem Studio entstanden. Vor Pariah haben wir alles im Übungsraum komponiert und arrangiert. Mit der neuen Herangehensweise konnten wir die Songs viel leichter arrangieren und es hat uns geholfen, alles schneller fertigzustellen. So haben wir auch leichter ein Gefühl für die Songs außerhalb des Proberaums erhalten und konnten uns besser vorstellen, wie sie aufgenommen klingen.

Nun hat sich ja noch etwas anderes bei euch geändert als nur die Arbeitsweise. Euer Frontmann Jens Ryden hat NAGLFAR verlassen, ihr wart also nur zu viert. Hat seine Entscheidung, die Band zu verlassen, den Songwritingprozess des jüngsten Albums beeinflusst? Außerdem gibt es Gerüchte, dass er die Band für sein Studium in Stockholm verlassen hat, dann aber wieder zurückkommt. Ist da etwas dran und hat er eurem neuesten Output irgendwie mitgewirkt?

Nun, ich glaube nicht, daß sein Weggang das Songwriting irgendwie beeinflusst hat, da wir es dieses Mal ja sowieso ganz anders angegangen sind. Jens war am kreativen Prozess bei Pariah nicht mehr beteiligt und es fällt mir schwer zu glauben, dass er wieder zu NAGLFAR zurückkehrt. Schließlich sind zwei Jahre eine lange Zeit.

Naglfar
Stellt sich neuen Aufgaben – Bassist Kristoffer Olivius ist inzwischen auch für den Gesang bei NAGLFAR verantwortlich

In diesem Fall sieht es so aus, als würde Kristoffer den Sängerposten noch eine Weile innehaben. Zu welchem Zeitpunkt hat er sich eigentlich damals entschieden, die Vocals zu übernehmen? Wollte er das gleich von Anfang an oder musstet ihr zuerst nach einem neuen Shouter für NAGLFAR suchen? Schließlich war er ja bei SETHERIAL als Sänger beschäftigt.

Das hat uns keine große Überlegungszeit gekostet. Kristoffer war von Anfang an unsere erste Wahl, weil wir genau wussten, dass seine Stimme perfekt zu NAGLFAR passt.

Dafür hat er SETHERIAL verlassen müssen. Hat sich eure Beziehung zu ihnen durch Kristoffers Entscheidung verändert?

Nein, überhaupt nicht. Sie haben seine Entscheidung verstanden und respektieren sie. Da gab es keinerlei Probleme.

Es zeigt aber auch, dass NAGLFAR nicht eine Aufgabe ist, welche man so nebenbei mal macht. Welche Jobs habt ihr außerhalb eures musikalischen Schaffens? Wie kombiniert ihr Job und die Bandaktivitäten?

Das ist eine komplizierte Frage. Es ist unmöglich, einen normalen Job zu haben, wenn man die Musik so ernst nimmt, wie wir es tun. Wir versuchen, mit Teilzeitjobs zu überleben und einfach dann irgendwo Geld zu verdienen, wenn wir nicht mit Touren oder Aufnahmen beschäftigt sind. Einige von uns studieren, während ich mich auch mal auf dem Bau oder so abrackere, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Kommen wir zurück zu Pariah. Das düstere Coverartwork von Ralph Manfreda ist auf jeden Fall dunkler ausgefallen als dasjenige von Sheol, aber vom Stil her gleichen sie sich. Wurden beide Covers von Manfreda gestaltet? Wie seid ihr auf ihn und sein Artwork aufmerksam geworden und wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen? Wart ihr alle gleicher Meinung bezüglich des Artworks?

Naglfar
Das Coverartwork zum aktuellen Album Pariah stammt von Ralph Manfreda

Nun, das SheolArtwork wurde seinerzeit von Niclas Sundin (DARK TRANQUILLITY) gestaltet. Unser Gitarrist Andreas stieß einmal auf Ralph Manfredas Website und hat uns einige seiner Werke gezeigt. Wir haben seine Arbeiten gleich gemocht, kontaktierten ihn und er hat mit den Arbeiten zu Pariah begonnen. Das Resultat ist meiner Ansicht nach exzellent!

Und passt zu eurem Sound. Bei den Credits eures aktuellen Albums ist mir aufgefallen, dass du auch als Keyboarder aufgelistet bist. Nun ist dieses Album für mich eher gitarrenorientiert (abgesehen vom Anfang von None shall be spared), aber ich frage mich, ob ihr etwa in Zukunft vorhabt, mehr orchestrale Keyboards in den Sound von NAGLFAR zu integrieren. Oder lebt ihr solche merkwürdige Experimentiergelüste in Side-Projekten aus?

Das mit der Gitarrenlastigkeit von Pariah stimmt schon, wir wollten die Keyboards nicht als Lead-Instrument herausstechen lassen. Ich habe einfach einige Keyboardlines gemacht, welche mehr oder weniger das Gleiche machen wie die Gitarren, was schließlich einen kompakteren und atmosphärischeren Sound ergibt. Keyboards waren schon immer Teil von NAGLFAR, aber eben nicht in der traditionellen orchestralen Art. Wir werden in diesem Zusammenhang keine Änderungen vornehmen und es weiterhin so belassen, wie es ist. Ich für meinen Teil arbeite mehr mit Keyboards in meinem Solo-Projekt ANCIENT WISDOM und habe schon vier Alben auf Avantgarde Music veröffentlicht, seit ich das Projekt 1992 ins Leben gerufen habe. So kriege ich die angestauten traditionelleren Keyboardsoundgelüste aus meinem System.

Ich bin noch über zwei Titel gestolpert, zu denen ich gerne eine kleine Interpretationserläuterung von dir hätte (da ich nur die Promo-Version ohne Lyrics besitze). Um was geht es in Revelations carved in flesh und And the world shall be your grave?

Revelations carved in flesh handelt von den pervertierten Phantasien eines Serienmörders, And the world shall be your grave befasst sich mit dem finalen Ende der Menschheit.

Wie kommt ihr zu solchen Lyrics? Euer Bandname kommt zwar aus der nordischen Mythologie, aber eure Texte scheinen andere Inspirationsquellen zu haben.

Ja, das stimmt schon. Das alltägliche Leben ist für mich persönlich die größte Inspirationsquelle, einfach die Leute zu beobachten, die ihre leeren und bemitleidenswerten Leben leben.

Gibt es neben dem Alltag bestimmte Bands oder nicht-metallische Komponisten, die euch inspirieren?

Ich für meinen Teil höre mir sehr viel Musik an. Als Inspirationsquelle würde ich jedoch vor allem die klassische Musik und Filmmusik nennen, weil hier verschiedene Stimmungen und Atmosphären kreiert werden. Ich versuche auch, diese Art des musikalischen Denkens in das zu integrieren, was ich mache.

Naglfar
Mag keine Disco-Remixes – Marcus E. Norman

Nun gibt es ja nicht nur hehre Inspirationsquellen, sondern auch peinliche musikalische Erzeugnisse. Was ist wohl die peinlichste CD / Platte / Kassette in deiner eigenen Sammlung?

Hmm, das ist wirklich schwierig. Ich habe nicht wirklich irgend etwas, was ich peinlich fände. Aber natürlich würde ich dir das auch nicht erzählen, ha ha! Nein, ehrlich. Ich habe eine CD mit einer Art Disco-Remixes von verschiedenen Filmmelodien, die wirklich schaurig-schlecht ist. Es war ein Geschenk, aber ich denke nicht, dass ich mir das nochmals anhöre, ha ha!

Nun wohnt ihr ja nicht gerade in Stockholm, wo man mit vielen verschiedenen Musikstilen in Berührung kommt, sondern in Umea, ein ziemlich abgelegener Ort. Was hat dich (dort) zum Metal gebracht? Welches Album welcher Band war deine erste Begegnung mit Metal?

Ein Verwandter von mir gab mir das KISS-Album Destroyer, als ich etwa acht oder neun Jahre alt war, das war die allererste Begegnung. Das erste Werk, welches ich mir selbst kaufte, war das Debüt von WASP.

Wie seid ihr eigentlich auf die Idee gekommen, euer neues Werk Pariah zu nennen? Soweit ich weiß, bedeutet das Wort soviel wie Außenseiter. Fühlt ihr euch als Außenseiter der Gesellschaft oder der Metalszene? Wer in der Band hatte die Idee für den Albumtitel?

Man kann schon behaupten, daß der Titel unsere Gefühle gegenüber der Metalszene reflektiert. Wir stehen für uns allein, wir kümmern uns nicht darum, was andere Bands so machen, wir machen die Musik für uns selbst und alles andere ist uns schlicht und ergreifend egal. Kristoffer hatte die Idee für den Titel und wir alle hielten es für eine großartige Wahl.

Ganz allein seid ihr ja nicht. Wie kam die Zusammenarbeit mit eurem Label Century Media zustande? Seid ihr zufrieden mit Century Medias Arbeit? Habt ihr dieses Label auch gewählt, um NAGLFAR leichter in den USA zu promoten?

Century Media machten mit unserem alten Label einen Licence-Deal für das Sheol-Album und wir bemerkten, dass sie wirklich gute Arbeit leisteten bei der Promotion und uns Gigs verschafften usw. Wir hatten zwar viele Offerten von anderen Labels, doch Century Media gab uns den besten Deal und wir wussten, daß sie an NAGLFAR glauben. Also haben wir ihren Vertrag unterschrieben. Natürlich eröffnet uns diese Kooperation auch die Wege in die USA, Century Media haben ja dort auch ihr US Büro.

Ihr habt aber scheinbar auch noch einen anderen Weg gewählt, um NAGLFAR in den USA bekannter zu machen: einen Web-Auftritt auf Myspace. War das eure Idee? Was hält ihr von Myspace?

Nein, das war nicht unsere Idee. Ich glaube, ein Fan hat diesen Web-Auftritt gemacht. Aber es scheint so, dass diese Page viele Leute anzieht, also ist es eine gute Sache für uns!

Wie sieht es mit Touren und Festivals aus bei euch? Wird es eine Pariah-Tour geben, mit welcher ihr auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz Halt macht? Gibt es schon Pläne für Bands, welche mit euch zusammen die Bühnen unsicher machen?

Auf jeden Fall spielen wir auf dem Wacken Festival und wir werden die kommende Europatour vorbereiten. Bis jetzt ist noch nichts 100% sicher gebucht, aber wir werden definitiv noch vor Ende 2005 auf Tour gehen.

Wie sieht die spätere Zukunft von NAGLFAR aus? Habt ihr schon neue Songs für das nächste Album geschrieben? Werdet ihr die Veröffentlichungsgeschwindigkeit, welche wir zwischen Sheol und Pariah beobachten konnten, auch weiterhin aufrecht erhalten?

Momentan bereiten wir uns auf den Wacken Gig vor. Allerdings arbeiten alle von uns auch an neuem Material, also werden wir bald wieder mal eine Songwriting-Session in meinem Studio haben und beginnen, an neuen Songs zu arbeiten. Hoffentlich schaffen wir es, die Songs für das neue Album während dem nächsten Jahr fertigzustellen, aber eigentlich ist es mir egal, wie lange der Kompositionsprozess dauert, so lange wir zufrieden sind mit dem Material. Das ist meines Erachtens das Wichtigste: nur Material von hoher Qualität zu veröffentlichen.

Das halte ich für eine sehr gute Einstellung. Hast du noch eine spezielle NAGLFAR-Botschaft an die Leserschaft von vampster?

Your flesh is now ours.

Mange takk für das Interview mit nicht gerade vegetarisch-kompatiblen Schlusswort.

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.